Das Zuckerbrot der Aufklärung

Nicht der Islam – die anti­is­la­mi­sche Panik­ma­che bedro­he die Res publi­ca, behaup­tet ein neu­es Buch. Dem eigent­li­chen Pro­blem weicht es aus

 
Patrick Bah­n­ers, Feuil­le­ton­chef der FAZ, hat ein Buch geschrie­ben: „Die Panik­ma­cher“. Dar­in ver­tritt er die The­se, nicht der Islam sei ein Pro­blem für Deutsch­land, son­dern die „popu­lis­ti­sche Islam­kri­tik“, die eine Kul­tur der Into­le­ranz beför­de­re. Da er auf prak­ti­sche Vor­schlä­ge ver­zich­tet, wie mit dem mus­li­misch­stäm­mi­gen Pre­ka­ri­at in Deutsch­land umzu­ge­hen sei, muss man das Buch wohl als „hilf­reich“ einstufen.

Neh­men wir an, der Islam sei tat­säch­lich kein Pro­blem für eine frei­heit­li­che Gesell­schaft. Zwar gibt es ernst zu neh­men­de Men­schen, die behaup­ten, bei­des sei grund­sätz­lich unver­ein­bar, was sich unter ande­rem dar­an zei­ge, dass kein frei­es isla­mi­sches Land exis­tie­re – aber wir reden ja von Deutsch­land. Zwar erga­ben diver­se Stu­di­en in den ver­gan­ge­nen Jah­ren unter hie­si­gen Mus­li­men einen gewis­sen Zusam­men­hang zwi­schen Reli­gio­si­tät, Demo­kra­tie­feind­lich­keit und Gewalt­tä­tig­keit, doch bezwei­feln wir mit Bah­n­ers deren Stich­hal­tig­keit. Was aber macht vie­len Men­schen hier­zu­lan­de Sor­gen und lässt sie mas­sen­haft zu den Büchern der „Panik­ma­cher“ grei­fen? Even­tu­ell ihre Alltagserfahrung?

Aber nicht der Islam! Das muss man sich nach jedem von Migra­ti­ons­ju­gend­li­chen Zusam­men­ge­schla­ge­nen in der U‑Bahn (machen auch Deut­sche, ist bekannt), nach jedem Spiel­ab­bruch in der Fuß­ball-Kreis­li­ga, nach jeder Räu­mung eines öffent­li­chen Bades, nach jedem nie­der­ge­sto­che­nen Ber­li­ner Bus­fah­rer in Erin­ne­rung rufen.

Nein, es han­delt sich in der Tat nicht um ein Pro­blem der Deut­schen mit dem Islam, son­dern um ein Pro­blem mit vor allem jun­gen Män­nern aus mus­li­misch gepräg­ten Kul­tu­ren, denen die hie­si­ge Rechts­ord­nung so schnurz ist, wie sie die hie­si­ge Lebens­art und den zivi­len Umgang mit Kon­flik­ten ver­ach­ten und als Schwä­che inter­pre­tie­ren. Nicht der from­me Mus­lim, der täg­lich fünf­mal vor sei­nem Gott kniet, was durch­aus sym­pa­thisch ist, schürt Isla­mo­pho­bie, son­dern es sind die Scha­ren per­spek­tiv­lo­ser jun­ger Män­ner in deutschen/europäischen Städ­ten, gegen deren Aggres­si­vi­tät eine über­al­ter­te Zivil­ge­sell­schaft kein ande­res Mit­tel weiß, als sich kom­pen­sa­to­risch in Inter­net-Foren und bei Sar­ra­zin-Lesun­gen aus­zu­to­ben. Es geht nicht um den Islam als Pri­vat­re­li­gi­on, son­dern um eine Mentalität.

Die­se Men­ta­li­tät mag nicht fromm isla­misch sein, aber sie muss mit der isla­mi­schen Kul­tur zu tun haben, denn bei ein­ge­wan­der­ten Asia­ten etwa fin­det man sie nicht. Es ist eine Men­ta­li­tät archai­schen Macho­tums, gewalt­be­reit, ehr­pus­se­lig, arbeits­un­wil­lig, bil­dungs­ver­ach­tend, kri­mi­nell. Ihr Akti­ons­feld ist der öffent­li­che Raum, die Stra­ße, die Schu­le. Ihre Schimpf­wör­ter hei­ßen „Opfer“, „Schwei­ne­fleisch­fres­ser“ und „Scheiß­deut­scher“.

Die „zuneh­men­de Deut­schen­feind­lich­keit unter Ein­wan­de­rer­kin­dern“, weiß Bah­n­ers indes, sei bloß eine „The­se“. Her­bei­ge­wuch­tet habe sie unter ande­rem die CDU-Poli­ti­ke­rin Kris­ti­na Schrö­der, womit sie nicht etwa ein Fak­tum, son­dern „einen aus der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Pro­pa­gan­da bekann­ten Topos auf die Tages­ord­nung der Bun­des­re­gie­rung gesetzt“ habe – eine Panik­ma­che­rin eben.

Bah­n­ers ist auch dage­gen, dass „aso­zia­le Taten chan­cen­ar­mer Ber­li­ner Jugend­li­cher mit tür­ki­scher oder ara­bi­scher Fami­li­en­ge­schich­te“ als „Bür­ger­kriegs­hand­lun­gen gedeu­tet wer­den“. Da hat er Recht, solan­ge die Zahl der Toten und Ver­letz­ten noch gering ist, soll­ten wir nicht von Bür­ger­krieg reden, son­dern zum Bei­spiel von – das passt ja zu Ber­li­ner Vor­fäl­len der jün­ge­ren Zeit – „Pool-Par­tys mit Kol­la­te­ral­schä­den“. Bah­n­ers irrt frei­lich in punc­to „chan­cen­arm“: Viel­mehr stei­gen die Chan­cen derer mit „ara­bi­scher oder tür­ki­scher Fami­li­en­ge­schich­te“, die Schlä­ge­rei­en gegen ihre Kon­tra­hen­ten mit deut­scher Fami­li­en­ge­schich­te zu gewin­nen, qua­si täg­lich, allein schon wegen ihrer wach­sen­den Brü­der­zahl. Und schon will Grü­nen-Che­fin Clau­dia Roth die tune­si­schen Flücht­lin­ge in Lam­pe­du­sa, fast alles jun­ge Män­ner, nach Deutsch­land holen – nicht zu sich nach Hau­se, nein, irgend­wo­hin ins Land. Und das wäre ja nur der Anfang: Der Sozio­lo­ge Gun­nar Hein­sohn weist schon seit Jah­ren auf den Druck hin, den der Über­schuss zor­ni­ger jun­ger Män­ner in der isla­mi­schen Welt längst rein bio­po­li­tisch auf Euro­pa aus­übt, Allah hin oder her.

Bah­n­ers, zar­ter Spät­ling einer Zivi­li­sa­ti­on im Abend­rot, gebil­det, kin­der­los, viri­li­täts­fern, apo­li­tisch, ver­wöhnt, will noch ein­mal das Licht der Auf­klä­rung strah­len las­sen. Es fragt sich bloß, ob aus ihm bereits jene Schwä­che spricht, die den Neu­an­kömm­lin­gen aus einem weit vita­le­ren Kul­tur­kreis nur ein mat­tes, gleich­sam um Scho­nung bit­ten­des Will­kom­men anzu­bie­ten hat. Ansons­ten will er sei­nen Lesern offen­bar mit­tei­len, dass er die deut­sche Rechts­ord­nung für wich­ti­ger hält als das deut­sche Volk, und hofft, man kön­ne sie auch mit einer ande­ren Bevöl­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung wei­ter­füh­ren. Und wenn nicht?

Wer so argu­men­tiert, bräuch­te aller­dings etwas im Rücken, das heu­te nicht mehr exis­tiert: so etwas wie den preu­ßi­schen Staat. „Alle Reli­gio­nen sind gleich und gut, wenn nur die Leu­te, die sie aus­üben, ehr­li­che Leu­te sind; und wenn Tür­ken und Hei­den kämen und woll­ten das Land peu­plie­ren, so wol­len wir ihnen Moscheen und Kir­chen bau­en“, schrieb Fried­rich der Gro­ße, und in Preu­ßen wäre zum Bei­spiel über ein Mina­rett­ver­bot nicht dis­ku­tiert wor­den. Aber die­ser Staat ließ kei­ne Sekun­de lang Zwei­fel dar­an, dass reli­giö­se Tole­ranz null Tole­ranz gegen Geset­zes- und Land­frie­dens­bruch voraussetzt.

Solan­ge sich aber der Staat aus Pro­blem­be­zir­ken mit hohem Aus­län­der­an­teil fei­ge zurück­zieht, wäh­rend er in bes­se­ren Gegen­den Knöll­chen ver­teilt, solan­ge ein schwerst­kri­mi­nel­ler liba­ne­sisch-kur­di­scher Groß­clan die Bre­mer Unter­welt beherrscht und des­sen Ange­hö­ri­ge nicht abge­scho­ben, son­dern vom deut­schen Steu­er­zah­ler sozi­al­fi­nan­ziert wer­den, solan­ge Rich­ter kei­ne Urtei­le gegen jugend­li­che Seri­en­kri­mi­nel­le fäl­len, die ihre Schuld süh­nen und ihren Opfern Genug­tu­ung ver­schaf­fen, son­dern eher eine Bit­te an die Gewalt­tä­ter dar­stel­len, nicht wie­der gewalt­tä­tig zu wer­den, solan­ge vie­le deut­sche Kin­der jeden Mor­gen vol­ler Angst zur Schu­le gehen, was Ali und Ach­med ihnen heu­te wie­der antun wer­den, solan­ge die All­tags­er­fah­rung vie­ler Men­schen jenes „Die stel­len sich gegen uns“ wider­spie­gelt und das „Die“ irgend­wie mus­li­misch kon­no­tiert ist, solan­ge sind sol­che Feuil­le­to­nis­ten­ein­las­sun­gen noch hei­ße­re Luft als ohne­hin schon.

Bah­n­ers setzt, wenn man so will, auf das Zucker­brot der Frei­heit. Aber ohne die all­fäl­li­ge Peit­sche wird es nicht zu haben sein.

 
 
 
Erschie­nen in: Focus 9/2011
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