Letztes Refugium

Nun hat auch Jan Ull­rich zuge­ge­ben, sei­ne Leis­tung mit uner­laub­ten Mit­teln gestei­gert zu haben. Die Leis­tung sel­ber schmä­lert das kaum


EINE KLARSTELLUNG VON MICHAEL KLONOVSKY: Held bleibt Held – wei­ter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/sport/mehrsport/eine-klarstellung-von-michael-klonovsky-held-bleibt-held_aid_714895.html

 

Wir wer­den die­ser Tage dar­über belehrt – vor­wie­gend von Jour­na­lis­ten, über deren Kör­per­fett­an­teil ich nicht spe­ku­lie­ren möch­te -, dass die Legen­de Jan Ull­rich pas­sé sei, dass man sich rück­wir­kend von der Idee ver­ab­schie­den müs­se, einer Hero­en­ge­schich­te bei­gewohnt zu haben. Wir sei­en alle­samt betro­gen wor­den, der Pro­fi­rad­sport müs­se qua­si bei null anfan­gen, kei­ner sei­ner füh­ren­den Prot­ago­nis­ten tau­ge zum Idol und so weiter.

Stimmt das? Immer­hin hat sich nie ein Pro­fi­rad­sport­ler, nach­dem ande­re des Dopings über­führt wur­den, über unlau­te­ren Wett­be­werb beklagt. Und alle, die jah­re­lang hin­ter Dau­er­sie­ger Lan­ce Arm­strong lagen, sind über­führt wor­den, Pan­ta­ni, Bas­so, Hamil­ton, Mayo, Lan­dis, zuletzt auch der Arm­strong-Bezwin­ger Con­ta­dor. Damit kann der Ein­wand aus­ge­räumt wer­den, Doping sei die Ver­schaf­fung eines unfai­ren Vor­teils. Wenn alle betrü­gen, tut es kei­ner. Die Abstän­de stim­men schon irgend­wie, und Arm­strong war auch in die­sem Fall bloß cle­ve­rer als die anderen.

Die Idee, einen der­ma­ßen extre­men Sport von uner­laub­ten leis­tungs­stei­gern­den Mit­teln „säu­bern“ zu kön­nen, ist unge­fähr so schlüs­sig wie jene, die Kor­rup­ti­on abschaf­fen zu wol­len: aller Ehren wert, aber unrea­lis­tisch. Wer je erlebt hat, wie es sich anfühlt, am Berg abge­hängt zu wer­den, obwohl der Puls mit 190 Schlä­gen rast, die Lun­ge schmerzt, obwohl die Ober­schen­kel bren­nen, als sei­en sie mit glü­hen­den Nadeln gespickt, und der Schnee auf den Alpen­gip­feln vor den Augen schwarz wird und bei 30 Grad im Schat­ten Schüt­tel­frost­schau­er über den Kör­per jagen, der weiß, dass die­se jung­männ­li­chen Kon­kur­renz­tie­re immer „nach­hel­fen“ wer­den, dass man Doping allen­falls ein­he­gen, aber nie zur Gän­ze kon­trol­lie­ren kann. War­um fin­den wir uns nicht damit ab? War die Tour de Fran­ce nicht all­jähr­lich ein pracht­vol­les Ereignis?

„Sag´ es nie­mand, nur den Weisen,/Weil die Men­ge gleich verhöhnt:/Das Lebend´ge will ich preisen,/Das nach Flam­men­tod sich sehnt“, heißt es in Goe­thes „West-öst­li­chem Divan“. Ull­rich hat sich den Flam­men aus­ge­setzt, und wir haben zuschau­en dür­fen. Wir hat­ten – und haben noch – das Glück, die­se Herz-Kreis­lauf-Aris­to­kra­tie bewun­dern zu kön­nen dafür, dass sie jahr­ein, jahr­aus zeigt, was kör­per­lich men­schen­mög­lich ist. Das biss­chen Doping fällt dabei kaum ins Gewicht; die Qual, die Selbst­über­win­dung, das epi­sche Erdul­den von Schmer­zen, all das ändert sich kaum dadurch; wer mit einem Schnitt von 22 Stun­den­ki­lo­me­tern hin­auf nach L´Alpe d´Huez schwirrt und es ohne Doping mit 20 Stun­den­ki­lo­me­tern täte, ist ein Held – und Schluss! Hat nicht sogar Sieg­fried im Dra­chen­blut geba­det, und gilt er trotz die­ser Wett­be­werbs­ver­zer­rung nicht als gewal­ti­ger Held?

Wenn sich die soge­nann­ten Doping-Sün­der vor der Öffent­lich­keit nicht gestän­dig zei­gen, liegt das ein­fach dar­an, dass sie den Anklä­gern nicht zutrau­en, ihre Leis­tung und ihre Lei­den über­haupt beur­tei­len zu kön­nen. Außer­dem wol­len sie sich nicht von tan­ten­haf­ten Zeit­geist­ver­tre­tern vor­schrei­ben las­sen, was sie mit ihren Kör­pern anstel­len. Es geht ja nur vor­der­grün­dig um Betrug – dahin­ter ver­birgt sich die Sor­ge, einem der Fah­rer könn­te etwas pas­sie­ren. Einem Geschlecht, das sich für den Ruhm jahr­tau­sen­de­lang bekämpft und dabei sei­ne Waf­fen und sei­ne Fit­ness stän­dig opti­miert hat, wol­len die Gesund­heits­gou­ver­nan­ten und Moral­pre­di­ger sogar in sei­nem letz­ten Refu­gi­um, dem Sport, dik­tie­ren, was als ange­mes­sen zu gel­ten habe. Das aber wird nicht funktionieren. 


EINE KLARSTELLUNG VON MICHAEL KLONOVSKY: Held bleibt Held – wei­ter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/sport/mehrsport/eine-klarstellung-von-michael-klonovsky-held-bleibt-held_aid_714895.html

 

Erschie­nen in: Focus 8/2012

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