Auferstanden – in die Unsterblichkeit

Ganz gleich, ob er Got­tes Sohn war oder nicht: Die Geschich­te von Jesus Chris­tus ist die größ­te Geschich­te aller (bis­he­ri­gen) Zei­ten

Das unbe­streit­ba­re Ver­dienst von Mel Gib­sons ana­to­mi­schem Auf­klä­rungs­film „The Pas­si­on of the Christ“ bestand dar­in, ins Gedächt­nis zu rufen, was für eine ent­setz­li­che Mar­ter der Tod am Kreuz eigent­lich gewe­sen ist. Die mit­tel­al­ter­li­che und neu­zeit­li­che Kunst, so oft sie das Pas­si­ons­ge­sche­hen auch dar­stell­te, hat das aus ästhe­ti­schen und theo­lo­gi­schen Grün­den ver­drängt (Grü­ne­walds Isen­hei­mer Altar und ein paar goti­sche Pie­tàs viel­leicht aus­ge­nom­men); man moch­te sich und den Gläu­bi­gen den Sohn Got­tes nicht als einen blu­ten­den, ver­krümm­ten, jam­mern­den Fleisch­klum­pen vor Augen stel­len. In den Dar­stel­lun­gen des lei­den­den Hei­lands war die Auf­er­ste­hung gleich­sam bereits stets enthalten.

Die Auf­er­ste­hung? Das ist Glau­bens­sa­che. Blei­ben wir bei der Kreu­zi­gung. „Erde, Mee­re, Stei­ne, Welten/Waschen sich in die­sem Blut“, heißt es im Kar­frei­tags­hym­nus Pan­ge lin­gua glo­rio­si pro­e­li­um. „Der Altar stand in Jeru­sa­lem, aber das Blut des Opfers ergoss sich über das Welt­all“, notier­te der früh­christ­li­che Kir­chen­schrift­stel­ler Orige­nes. Der Mann am Kreuz, von des­sen Blut die Rede ist: Wer war er?

Ein Wan­der­pre­di­ger und Spuck­e­hei­ler (Letz­te­res nach­zu­le­sen bei Mar­kus 8, 22–26), ein sanf­ter und zugleich wohl äußerst cha­ris­ma­ti­scher Mensch, der in merk­wür­di­gen Gleich­nis­sen rede­te, zugleich aber Sät­ze von majes­tä­ti­scher Grö­ße sprach wie: „Kommt zu mir, die ihr müh­se­lig und bela­den seid“ oder „Him­mel und Erde wer­den ver­ge­hen, mei­ne Wor­te aber wer­den nicht ver­ge­hen“. Der die dro­hen­de Stei­ni­gung einer Ehe­bre­che­rin mit den bis­lang unsterb­li­chen Wor­ten unter­band: „Wer von euch ohne Sün­de ist, der wer­fe den ers­ten Stein.“ Der auf­for­der­te: Lie­bet eure Fein­de; seg­net, die euch flu­chen; tut wohl denen, die euch has­sen; bit­tet für die, die euch belei­di­gen und ver­fol­gen. Und der einen unglaub­li­chen Schneid zeig­te, indem er nach Jeru­sa­lem ging, wo sich sein Schick­sal erfül­len soll­te, von dem er, anschei­nend, mehr als nur eine Ahnung besaß.

Und dann sein Ver­hal­ten vor den Häschern, den Anklä­gern, den Rich­tern, sein erschüt­tern­der, voll­kom­men unbe­greif­li­cher Ver­zicht auf jede Art von Ver­tei­di­gung. Hat er tat­säch­lich geglaubt, er sei der Mes­si­as? Der Sohn Got­tes? Eini­ge sei­ner über­lie­fer­ten Äuße­run­gen legen es nahe, aber jede Über­lie­fe­rung ist auch schöp­fe­risch, mythen­schöp­fe­risch. Doch dies „Mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?“, das muss er in der äußers­ten Qual und Ver­zweif­lung am Kreuz, nach Luft rin­gend und vor Schmerz halb wahn­sin­nig, gesagt, gestöhnt, das muss er geglaubt haben, bevor er starb …

Und nun mag man sich vor­stel­len, jemand wür­de die­sen Zim­mer­manns­sohn durch unse­re heu­ti­ge Welt füh­ren, wür­de ihm den Vati­kan zei­gen, den Peters­dom, die von zwöl­fen auf Aber­mil­lio­nen gewach­se­ne Schar sei­ner Jün­ger, die Kir­chen in jeder Stadt, ja jedem Dorf des Abend­lan­des und in den mis­sio­nier­ten Welt­tei­len, sei­ne gegen unend­lich gehen­den Dar­stel­lun­gen in der Kunst, wür­de ihm berich­ten von der Aus­mor­dung Jeru­sa­lems anno 1099 und der blu­ti­gen Erobe­rung Ame­ri­kas in sei­nem Namen, aber auch von der Abschaf­fung des Men­schen­op­fers über­all dort, wo die sich auf ihn beru­fen­de Kir­che wal­te­te, wür­de ihm die Pas­sio­nen Bachs und die Mes­sen Mozarts vor­spie­len, ihm erklä­ren, dass wir glo­bus­weit die Jah­re zäh­len nach sei­ner Geburt, dass er die Zeit geteilt hat in ein Davor und ein Danach, dass nie­mand in der Men­schen­welt eine tie­fe­re Spur hin­ter­las­sen hat als er, dass die, die ihn ans Kreuz schlu­gen, ihn als Ers­te anbe­te­ten, dass er bei den Mus­li­men als gro­ßer Pro­phet gilt und auch heu­te noch, nach 2000 Jah­ren, die hal­be Mensch­heit vor ihm das Haupt nei­gen oder auf die Knie sin­ken wür­de, wenn er erschie­ne (vor wem denn sonst?) – was wür­de er dazu sagen? „Es ist voll­bracht“? Oder doch: „Mein Reich ist nicht von die­ser Welt“? Oder wür­de er an sich sel­ber irre werden? – 

Ein gekreu­zig­ter Gott – für den anti­ken Men­schen war die­se Vor­stel­lung eine Absur­di­tät. Oben­drein han­del­te es sich bei dem Gekreu­zig­ten um einen Juden, und die Juden gal­ten den Römern wegen ihrer reli­giö­sen Exklu­si­vi­täts­vor­stel­lun­gen als beson­ders ver­ächt­li­che oder zumin­dest ver­rück­te Völ­ker­schaft unter den ohne­hin ver­ächt­li­chen „Bar­ba­ren“. Die Idee, einen der schmäh­lichs­ten Todes­stra­fe über­ant­wor­te­ten Juden anzu­be­ten, für den Juden Zeug­nis able­gen und des­sen Evan­ge­li­um vor allem von Juden ver­brei­tet wur­de, war für einen Römer des ers­ten Jahr­hun­derts eine Zumu­tung unvor­stell­ba­ren Aus­ma­ßes. Und doch wur­de der Kult um die­sen Mann 300 Jah­re spä­ter römi­sche Staats­re­li­gi­on. Und doch feg­te der eine, durch sei­nen Sohn auf Erden bezeug­te Gott den bun­ten anti­ken Göt­ter­him­mel leer. Ein Ein­zel­ner besieg­te nach sei­nem Tod ein Welt­reich! Vom „son­der­bars­ten Ereig­nis, das sich jemals zuge­tra­gen hat“, sprach der fran­zö­si­sche Auf­klä­rer Mon­tes­quieu. Wie war die­ser Auf­stieg vom mit Schimpf und Schan­de bela­de­nen Gemar­ter­ten zum „Mensch­heits­rab­bi“ (Tho­mas Mann) möglich?

Durch das kolos­sals­te Ereig­nis in der Geschich­te der Seman­tik. Pau­lus kam, der pos­tu­me Spin-Doc­tor des Hei­lands, und wer­te­te das Kreuz um: vom Mar­ter­pfahl zum Werk­zeug der Erlö­sung. Alle Reli­gio­nen trei­ben den Kult des gro­ßen Stif­ters, ob nun um Gaut­ama Bud­dha, Zoro­as­ter, Moses, Kon­fu­zi­us oder Moham­med – aber nur eine berich­tet von sei­ner Hin­rich­tung. Die Idee der Auf­er­ste­hung war im süd­li­chen Mit­tel­meer­raum nicht neu, es gab über­all Mythen über ster­ben­de (in die Unter­welt stei­gen­de) und wie­der erste­hen­de Göt­ter, Tam­muz in Syri­en, Dumu­zi in Meso­po­ta­mi­en, Ado­nis in Klein­asi­en, Osi­ris in Ägyp­ten, Per­se­pho­ne bei den Grie­chen. Schon in der euro­päi­schen Früh­auf­klä­rung zir­ku­lier­ten Schrif­ten, in denen es hieß, die Jün­ger hät­ten Jesu Leich­nam gestoh­len und spä­ter behaup­tet, er sei gen Him­mel gefah­ren, oder er sei nur schein­tot gewe­sen … – wie auch immer: Die Zwei­fel der Jün­ger nach sei­nem Hin­gang müs­sen enorm gewe­sen sein, es tauch­te das Pro­blem auf, wie Gott d a s zulas­sen konn­te, und Pau­lus gab die Ant­wort. Seit der Umdeu­tung des Kreu­zes durch ihn kommt das Heil aus der Schwäche.

Jesus dach­te aus der Per­spek­ti­ve der Men­schen, die am meis­ten lei­den, jedem von ihnen ver­sprach er die Aus­sicht auf Erlö­sung, er gab das Bei­spiel, dem Bösen nicht zu wider­ste­hen, son­dern es „auf­zu­lei­den“ (Bene­dikt XVI.) – das war eine Umwer­tung aller Wer­te, eine Welt­re­vo­lu­ti­on der Moral, neben der sich die spä­te­re kom­mu­nis­ti­sche wie ein mat­ter Abglanz aus­nimmt. Dass ihre Prä­mis­sen zwei­fel­haft sind, dass sie zum Macht­mit­tel ver­kehrt wur­de, dass das Res­sen­ti­ment sich ihrer bemäch­tig­te, steht auf einem ande­ren Blatt.

„Die größ­te Geschich­te aller Zei­ten“ hieß ein Hol­ly­wood-Film über den Hei­land aus dem Jahr 1965. Genau so ver­hält es sich. Ecce homo – das gilt erst recht, wenn die­ser Jesus Chris­tus nicht Got­tes Sohn gewe­sen ist. 

 
 
Erschie­nen in: Focus 15/2012, S. 96/97
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