Es ist genug!

Schwu­le Fuß­bal­ler sol­len sich »outen«, for­dern Poli­ti­ker und Funk­tio­nä­re. Aber das Sta­di­on ist der fal­sche Ort für die Erzwin­gung von Toleranz/Ein Focus-Kom­men­tar übels­ter Sor­te, lie­be­voll gar­niert mit eini­gen auf ihn fol­gen­den Reak­tio­nen (to be ggfs. continued)

 

Unse­re Volks­päd­ago­gen haben ein neu­es Betä­ti­gungs­feld ent­deckt: das Fuß­ball­sta­di­on. Die Bun­des­kanz­le­rin höchst­selbst stellt sich an die Spit­ze derer, die homo­se­xu­el­le Fuß­ball-Pro­fis zu einem soge­nann­ten Outing ermu­ti­gen wol­len. „Dass immer noch Ängs­te bestehen, was das eige­ne Umfeld anbe­langt, müs­sen wir zur Kennt­nis neh­men“, sprach Frau Mer­kel. „Aber wir kön­nen ein Signal geben.“

Der rhein­land-pfäl­zi­sche Innen- und Sport­mi­nis­ter Roger Lew­entz wand­te sich an „Ver­ei­ne und Fans“ mit den Wor­ten: „Sie alle darf ich ermu­ti­gen, auf­zu­ste­hen und klar­zu­stel­len: Homo­pho­bie gehört weder auf den Sport­platz noch in die Gesell­schaft. Nie­mand darf Angst haben, mit sei­ner Iden­ti­tät auch offen umzugehen.“

Nur: Wem soll das Bekennt­nis eines Fuß­bal­lers, er sei schwul, etwas nüt­zen? Den Schieds­rich­tern? Möch­te­gern-Spie­ler­frau­en auf dem zeit­wei­li­gen Holz­weg? Dem Bun­des­trai­ner? Den Betrof­fe­nen wohl am aller­we­nigs­ten. Das hat einen ein­fa­chen Grund: Es gibt ins­ge­samt deut­lich mehr geg­ne­ri­sche Fans als eige­ne. Spie­ler kön­nen von einer Selb­stof­fen­ba­rung nicht pro­fi­tie­ren. Des­halb wol­len sie auch nicht.

Homo­se­xu­el­len-Pro­ble­me sind in letz­ter Zeit in der Öffent­lich­keit aus­gie­big behan­delt wor­den: von der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te bis zur Erb­schaft­steu­er, vom Ehe­gat­ten-Split­ting bis zum Adop­ti­ons­recht. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Pro­ble­me der Schwu­len und Les­ben für die Zukunft die­ser Repu­blik eher sekun­där sind, viel­leicht zu aus­gie­big. Über das erschüt­tern­de Aus­maß der Homo­se­xu­el­len-Dis­kri­mi­nie­rung kann sich der Zeit­ge­nos­se auf den all­jähr­li­chen Chris­to­pher Street Days ein Bild machen, sofern er das schwul-les­bi­sche Mas­sen­k­nut­schen anläss­lich des Papst­be­suchs ver­passt hat.

Das Fuß­ball­sta­di­on aber ist eine archai­sche Sphä­re. Auf dem Platz imi­tie­ren Män­ner das Jagd­ru­del von ehe­dem und kämp­fen gegen ein ande­res Rudel. Die Rän­ge bil­den den Ort der Par­tei­nah­me, der emo­tio­na­len Auf­wal­lung, der Ent­hem­mung, der Trieb­ab­fuhr. Das Sta­di­on gehört zu den raren Klau­su­ren, wo der von Ver­hal­tens­vor­schrif­ten und Tabus umstell­te moder­ne Mensch sich noch gehen las­sen kann. Die Fan­kur­ve ist die letz­te Bas­ti­on gegen den Tota­li­ta­ris­mus der Tole­ran­z­er­zwin­ger. Hier hüten von den Medi­en sonst gern über­se­he­ne Nor­ma­los das hei­li­ge Feu­er des tem­po­rä­ren Men­schen­rechts, sich dane­ben­zu­be­neh­men, zu flu­chen, zu höh­nen, sich maß­los zu echauf­fie­ren und dem Geg­ner unzi­vi­li­sier­te Belei­di­gun­gen zuzubrüllen.

Wer dort in irgend­ei­ner Wei­se hin­ein­maß­re­geln will, kann sich dar­auf ver­las­sen, dass unan­ge­mes­se­ne, ja pöbel­haf­te Reak­tio­nen aus dem Publi­kum fol­gen. Und damit wäre wohl auch die Fra­ge beant­wor­tet, wem beken­nend schwu­le Fuß­bal­ler etwas nüt­zen wür­den. Es gibt eine gewis­se Kli­en­tel, deren Lebens­glück und oft auch ‑unter­halt davon abhän­gen, dass sie Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­spürt und anpran­gert. Die­se Lob­by will ihre Auf­ga­be bestä­tigt sehen, indem sie nach­weist, dass die Fan­kur­ve „homo­phob“ ist (so wie die „Mit­te“ angeb­lich „extre­mis­tisch“) und noch unend­lich viel erzie­he­ri­sche Arbeit zu tun bleibt.

Es ist aber nicht ein­zu­se­hen, war­um sich die hete­ro­se­xu­el­le Mehr­heit auch noch auf dem Fuß­ball­platz mit schwu­len Com­ing-outs beschäf­ti­gen soll. Die Gren­zen der gebo­te­nen Tole­ranz sind erreicht, wenn sie in Beläs­ti­gung umzu­schla­gen beginnt.

 

Erschie­nen in Focus 41/2012, S. 123

 

Zahl­rei­che Ver­damm­te bzw. Ver­damm­ten­ver­tre­ter die­ser Erde bzw. Repu­blik grif­fen dar­auf­hin in die Tas­ten, um mir (oder auch in online-Foren sozu­sa­gen aller Welt) mit­zu­tei­len, wie schnell sich die Ernied­rig­ten und Belei­dig­ten ver­bal in Rosa Khmer­chen ver­wan­deln kön­nen. Ich gestat­te mir, ein paar der direkt an mich oder an die Redak­ti­on adres­sier­ten Kund­ge­bun­gen nach­fol­gend ohne Nen­nung der Absen­der und ohne ortho­gra­fisch-gram­ma­ti­ka­li­sche Kor­rek­tu­ren zu ver­öf­fent­li­chen, auf dass sich der Leser über den Grad der gesell­schaft­li­chen Deklas­sie­rung spe­zi­ell man­cher Homo­se­xu­el­ler ein soli­des Bild machen möge. 

 

„Es ist eine abso­lu­te Schan­de das ein solch renom­mier­tes Maga­zin es nötig hat die Anti-Homo-Pro­pa­gan­da eines schein­bar in die Jah­re gekom­me­nen Jour­na­lis­ten, wie Herrn Micha­el Klo­n­ovk­sy, abzu­dru­cken! Der kom­plet­te Artikel/Kommentar ist in höchs­tem Maße unpro­fes­sio­nell, hat kei­nen jour­na­lis­ti­schen Wert und soll­te somit auch kei­ne Platt­form finden!“

„Ich bin zutiefst scho­ckiert über die neue Aus­ga­be Ihrer Zeit­schrift. Mei­nen Augen konn­te ich nicht trau­en als ich den Arti­kel von Micha­el Klo­n­ovk­sy lesen dur­fe. (…) So ein Ras­sis­mus und into­le­renz darf man ja wohl sel­ten erle­ben. Das ist eine blan­ke Unver­schämt­heit von die­sem Mann. Jetzt ist die Fra­ge, ob die­ser Pfos­ten wohl nicht die Mensch­heit ‚beläs­tigt’ und nicht anders­rum. Frech­heit wel­che rechts­ex­tre­men Nazis in Ihrer Zei­tung zu Wort kom­men dür­fen! Ich fra­ge mich ernst­haft woher er sich die­ses Recht nimmt so über ande­re zu urtei­len. Grund­rech­te ist mir das ein­zi­ge was ein­fällt, denn einen sozia­len Sta­tus hat die­se Rat­te wohl nicht. ihr schand­blatt wer­de ich – bestimmt NICHT auch mehr kau­fen. Das wars.“ 

„Ich bin ange­wi­dert von die­sem Arti­kel! Dass Sie im Jahr 2012 für so etwas Platz machen ist auf sehr viel­fäl­ti­ge Wei­se schlicht­weg abar­tig. Sie soll­ten sich schämen!

„Es ist scho­ckie­rend, dass der soge­nann­te ‚Zwi­schen­ruf’, der von Micha­el Klo­n­ovs­ky ver­öf­fent­licht wur­de. Es wun­dert mich über­haupt erwäh­nen zu müs­sen, dass ein Jour­nal wie Focus kei­ne ras­sis­ti­schen oder homo­pho­ben Arti­kel ver­öf­fent­li­chen woll­te. Der gan­ze Arti­kel ist von vor­ne bis hin­ten dis­kri­mi­nie­rend und unverschämt.“

„Arsch­loch! Nazi-Sau!“

„Ich bin scho­ckiert, was in Ihrem Maga­zin abge­druckt wird. Jun­ge Män­ner brin­gen sich um, weil sie kei­ne Akzep­tanz fin­den und kei­ne Vor­bil­der haben. (…) Es ist ein­fach unver­schämt, Bericht­erstat­tung oder Dis­kus­si­on um ein sol­ches The­ma als beläs­ti­gung zu bezeich­nen! Es ist unver­schämt Mil­lio­nen Homo­se­xu­el­le als sekun­där zu bezeich­nen! (…) Ich bit­te um Stel­lung­nah­me, wie solch homo­pho­be Gesin­nung in einem ‚seriö­sen’ Heft erschei­nen kann.“

„Mit Befrem­den habe ich Ihren sog. ‚Zwi­schen­ruf’ zur Kennt­nis genom­men. Nicht, dass ich den noto­risch der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung um Jah­re hin­ter­her­hin­ken­den, FOCUS jemals für eman­zi­pa­to­risch oder gar fort­schritt­lich gehal­ten hät­te, aber die­ser dümm­li­che Zwi­schen­ruf hat mich dann doch überrascht.“

„Mit gro­ßem Befrem­den und Ent­set­zen habe ich Herrn Klo­n­ovs­kys Bei­trag über ‚Homo­se­xu­el­len-Pro­ble­me’ und Frau­en in Fuß­ball­sta­di­en gele­sen und möch­te Sie bit­ten aus die­sem unsäg­li­chen und dis­kri­mi­nie­ren­den Dünn­schiss von Herrn Klo­n­ovs­ky die ein­zig nur logi­sche Kon­se­quenz zu zie­hen: Die Ent­las­sung von Herrn Klo­n­ovs­ky! Bit­te neh­men Sie hier­zu Stellung.“

„Wie kann ein angeb­lich so fort­schritt­li­ches Maga­zin wie das Ihre auch nur dar­an den­ken einen sol­chen Arti­kel zu dru­cken. Beschä­mend und fast schon Belei­di­gend. (…) Ich den­ke eine Ent­schul­di­gung ist in der nächs­ten Aus­ga­be mehr als angebracht.“

„Es ist genug! Ruhe jetzt. Jetzt muss ich schon dei­ne dum­men Kom­men­ta­re im Inter­net anschau­en. Schreib dei­ne bescheu­er­ten Bücher und sei still.“

„Wür­de man in die­sem Arti­kel die Begrif­fe homosexuell,homophil und homo­phob durch Juden/jüdisch ‚anti­se­mi­tisch und phi­lo­se­mi­tisch  erset­zen hat­te man den per­fek­ten  ‚Stür­mer’’- Arti­kel ! Der Arti­kel selbst ist in sei­ner ‚hete­ro­seu­el­len’ Aus­sa­ge­kraft eher als beschränkt zu bezeich­nen (…) Die­ser Autor scheint von der all­täg­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung von Schwu­len an von ’Hete­ros’ (Män­ner!) domi­nier­ten Arbeits­be­rei­chen kei­ne Ahnung zu haben! Aber aber­wit­zig ist die Beschrei­bung der Fan­kur­ve als let­ze Bas­ti­on des Tole­ran­z­er­zwin­gers: Das vom Autor beschwo­re­ne ‚hei­li­ge’ Feu­er des tem­po­rä­ren Men­schen­recht des Nor­ma­los schlägt vor,im und nach dem  Spiel oft in bru­ta­le Gewalt ‚Ras­sis­mus und in Men­schen­jagd z.B, gegen aus­wär­ti­ge Fans oder miß­lie­bi­ge Spie­ler der eige­nen Mann­schaft um. (…) Das geis­ti­ge Niveau die­ses Arti­kels is erschütternd.“

„War­um schrei­ben Sie nicht ein­fach: ‚Ich fin­de Homo­se­xu­el­le doof’? Das ist kein schö­ner Satz, auch kein beson­ders klu­ger, aber es wäre Ihre ehr­li­che Meinung.“

„Es ist ganz schön trau­rig, dass ein gro­ßes deut­sches Maga­zin solch schwu­len­feind­li­chen Mist ver­zap­fen darf. (…) Eine Ent­schul­di­gung wäre das Min­des­te, das nun gebo­ten wäre.“

 

Aus dem Denun­zi­an­ten­stadl mel­de­te sich fer­ner der Kari­ka­tu­rist Die­ter Hanitzsch, der alle Bücher von Die­ter Hil­de­brandt illus­triert und dabei offen­bar viel gelernt hat, zu Wort und Bild, indem er den ira­ni­schen Prä­si­den­ten Ahma­di­ned­schad Focus lesend zeich­ne­te und ihm die Wor­te „Könn­te glatt von mir sein“ in den Mund leg­te. Was mich ein biss­chen kränk­te: Er hät­te doch nun wirk­lich Hit­ler neh­men können.

 

 

 

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