Elena Gurevich: Recital

Geneig­ter Leser die­ser Kolum­ne, heu­te naht deren hei­kels­ter oder gar fri­vols­ter Teil, denn bei der vor­ge­stell­ten Pia­nis­tin han­delt es sich um jenes Frau­en­zim­mer, wel­ches auch bei mir daheim das Pia­no­for­te erklin­gen lässt, mein hol­des Weib und Ehe­ge­spons. Nur kei­nen Neid! Die CD der eige­nen Gat­tin anprei­sen, das hat womög­lich einen Haut­gout; ande­rer­seits gilt für die­se Rubrik, das ist mit Licht­schlag so abge­spro­chen, nur ein ein­zi­ges Kri­te­ri­um, näm­lich dass der Ver­fas­ser sei­ne Lieb­lings-Klas­sik­ein­spie­lun­gen prä­sen­tie­ren möge, und die­se, da ist nichts zu deu­teln, gehört ein­fach dazu.

„Reci­tal“ ist sie benamst, weil die Fol­ge der Stü­cke den Gepflo­gen­hei­ten des Kon­zerts (übri­gens auch der Prü­fung) gehorcht, also in zeit­li­cher Rei­hung Barock, Klas­sik, Roman­tik, Moder­ne, im vor­lie­gen­den Fal­le: Barock, Roman­tik, Spät­ro­man­tik. Wobei ich nicht müde wer­de, fest­zu­stel­len, dass der Satz, Bach sei ein Barock-Kom­po­nist, in etwa so stim­mig ist wie der, Asi­en sei ein Teil Chi­nas. Des­sen Fran­zö­si­sche Ouver­tü­re habe ich nie inni­ger, erle­se­ner, bezau­bern­der gespielt gehört. Womit das Haupt- und Glanz­stück die­ser deutsch-rus­si­schen Cuvée genannt wäre. Madame Gurevich hat nicht nur Kla­vier, son­dern auch Cem­ba­lo stu­diert, was unter ande­rem die hin­rei­ßen­den Ver­zie­run­gen demons­trie­ren, etwa in der Ouver­tu­re der Fran­zö­si­schen Ouver­tü­re (Tape 1, 1.04). Die Fuga, wel­che die besag­te Ouver­tu­re in der Mit­te teilt, saust mit atem­be­rau­ben­dem Tem­po dahin, die Sara­ban­de glänzt in über­ir­di­scher Schön­heit. Auch Schu­berts G‑Dur-Sona­te  ist ein­drucks­voll musi­ziert, spe­zi­ell das schwer­mü­ti­ge Mol­to mode­ra­to. Bei den bei­den Rus­sen wird der Ton der­ber und exal­tier­ter zugleich. Rach­ma­nin­offs berühm­tes cis-Moll-Prä­lu­di­um ist hier noch ganz Mys­te­ri­um, see­len­voll und düs­ter, gespielt wie von einem Kraft­kerl, wäh­rend die bei­den Skrja­bin-Etü­den op. 2 Nr. 1 und op. 8 Nr. 12 in Schwär­me­rei und Über­schwang einen schö­nen Abschluss bil­den. Die Auf­nah­me fand übri­gens mit einem Fazio­li-Flü­gel statt, was ihren erdi­gen und pas­to­sen Klang erklärt und eine erfreu­li­che Abwechs­lung zum übli­chen Stein­way-Ton darstellt.

Ele­na Gurevich: Reci­tal. Bach, Schu­bert, Rach­ma­nin­off, Skrja­bin (Bay­er-Records)

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Novem­ber 2013

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

Steuerwegelagerei und moralische Erpressung

Nächster Beitrag

Giuseppe Verdi: Requiem

Ebenfalls lesenswert