Gespräch im Zug

Eine Erzäh­lung

Im Abteil saßen drei Leu­te: auf der einen Sei­te zwei Frau­en, auf der ande­ren ein alter Mann. Die Frau­en, bei­de zwi­schen Mit­te und Ende Vier­zig, rede­ten mit­ein­an­der, ohne sich dar­um zu küm­mern, ob der Mann ihnen zuhör­te. Wenn sie sich dar­um geküm­mert hät­ten, wür­den sie bemerkt haben, dass er es tat, zumin­dest gele­gent­lich. Die ande­re Zeit schien er düs­te­ren Gedan­ken nach­zu­hän­gen. Er hat­te kei­ne Mög­lich­keit, das Gespräch sei­ner Mit­pas­sa­gie­rin­nen völ­lig zu igno­rie­ren, denn dafür rede­ten sie zu laut. So erfuhr der Alte (wobei man fest­hal­ten muss, dass die­ser Mensch zwar voll­stän­dig ergraut, aber noch kei­ne sieb­zig Jah­re alt war), dass es sich bei sei­nen Mit­rei­sen­den um Sozio­lo­gin­nen bezie­hungs­wei­se Fami­li­en­for­sche­rin­nen han­del­te, die zu einem Kon­gress fuh­ren, der unter dem Mot­to „Die Zukunft der Fami­lie – die Fami­lie der Zukunft“ stand.
    Bei­de Frau­en waren unge­schminkt, tru­gen fla­che Schu­he, und bei­de hat­ten einen Ruck­sack dabei. Die eine war kurz­haa­rig, mit vie­len bun­ten Strähn­chen im Stop­pel­feld ihres Kopf­be­wuch­ses, fast dürr, und auf ihrer gepierc­ten Nase saß eine extrem klei­ne run­de schwar­ze Horn­bril­le. Sie trug Jeans und ein Jäck­chen mit rot­bun­tem Wür­fel­mus­ter. Die ande­re besaß lan­ges, blon­des Haar ohne erkenn­ba­re Fri­sur und war etwas rund­lich, was aber bei ihrem wei­ten schwar­zen Kleid nicht wei­ter auf­fiel. Der Mann wie­der­um trug einen alt­mo­disch wei­ten, aber gepfleg­ten dunk­len Anzug. Er wirk­te wie ein typi­scher Klein­städ­ter.
     Wäh­rend drau­ßen Fel­der, Wie­sen, Wald­res­te und ver­ein­zel­te Gehöf­te vor­über­flo­gen, rede­ten die Frau­en unaus­ge­setzt, und zwar über die Zukunft der Fami­lie. Wobei es um die­se, wie der Alte nolens volens erfuhr, nicht beson­ders gut stand. In der Form, wie sie bis­her exis­tiert hat­te, wer­de die Fami­lie nicht mehr lan­ge über­le­ben, dar­in waren sich die bei­den einig. Was den Alten ein biss­chen wun­der­te, war der fröh­li­che Ton, in wel­chem sie die­se doch eher trau­ri­ge Fest­stel­lung tra­fen. Es war ein Ton selbst­ge­fäl­li­ger Ken­ner­schaft. Die Zukunft der Gesell­schaft lag wie ein offe­nes Buch vor ihren Augen. Nach einer Wei­le hat­te der mehr oder weni­ger heim­li­che Lau­scher indes ver­stan­den, dass es zwei Fami­li­en gab, die tra­di­tio­nel­le und die moder­ne – Letz­te­re auch als Patch­work­fa­mi­lie bezeich­net –, und dass nur die tra­di­tio­nel­le Form ver­schwin­den wer­de. Die­ses Ver­schwin­den schie­nen die bei­den Sozio­lo­gin­nen als einen gro­ßen Fort­schritt zu betrach­ten. Die Part­ner­schafts­ver­hält­nis­se der Zukunft, ver­si­cher­ten sie sich wech­sel­sei­tig, wür­den viel weni­ger starr sein, viel fle­xi­bler, und sie wür­den sich im Lau­fe eines Lebens mehr­fach neu her­stel­len, je nach Kon­stel­la­ti­on und Zeit­punkt. Ent­schei­dend sei, dass sich die Frau­en nicht von den ers­ten Eman­zi­pa­ti­ons­er­fol­gen blen­den lie­ßen und wei­ter die Hälf­te der Welt ein­for­der­ten, zum Bei­spiel die Hälf­te der Vor­stands­pos­ten in Unter­neh­men. Außer­dem wer­de die Zukunft viel stär­ker von gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaf­ten geprägt sein als heu­te.
    „Ich will in mei­nem Vor­trag sagen: Bluts­loya­li­tä­ten wer­den immer mehr durch sozia­le Loya­li­tä­ten ersetzt“, erklär­te die Dün­ne.
    „Das ist gut!“ ver­si­cher­te ihre Kol­le­gin.
    „Ent­schul­di­gen Sie bit­te“, sag­te plötz­lich der Alte, „ich weiß, es ist unhöf­lich, frem­de Gesprä­che zu belau­schen, aber ich hat­te gar kei­ne Wahl und fand Ihre Unter­hal­tung auch viel zu inter­es­sant, um weg­zu­hö­ren – darf ich Sie etwas fra­gen?“
    „Wor­um geht’s denn?“, frag­te die Blon­de im schwar­zen Kleid, wäh­rend ihre Freun­din ein Was-will-denn-der?-Gesicht auf­setz­te.
    „Kom­men in Ihren neu­en Fami­li­en auch Kin­der vor?“
    „Natür­lich. Wie denn sonst?“, sag­te die die Blon­de in einem Ton, als habe er sie etwas Unge­hö­ri­ges gefragt. „Kin­der gehö­ren nun mal dazu.“
    „Aber brau­chen Kin­der nicht Vater und Mut­ter?“, frag­te der Alte.
    „Kin­der brau­chen Bezugs­per­so­nen“, wur­de er belehrt. „Je mehr sie davon haben, des­to bes­ser. Wenn die Mut­ter nach der Tren­nung mit einem neu­en Part­ner zusam­men­lebt, dann hat das Kind auf ein­mal zwei Väter, den leib­li­chen und den neu­en. Ich wüss­te nicht, was dar­an schlecht sein soll­te, im Gegen­teil: Es lernt nun zwei Väter­wel­ten ken­nen. Sein Hori­zont erwei­tert sich. Der tra­di­tio­nel­le Käfig ist auf­ge­bro­chen. Zwei Väter, das ist schon bei­na­he Demo­kra­tie. Jeden­falls gibt es kei­nen Allein­herr­scher mehr. Für die Intel­li­genz­ent­wick­lung der Kin­der kann das nur gut sein. Schon früh begrei­fen sie, dass es kei­ne star­ren For­men gibt und die Din­ge im Fluss sind. Das för­dert ihre Selb­stän­dig­keit. In fünf­zig Jah­ren wird kein Mensch mehr ver­ste­hen, war­um in unse­rer Zeit ein Pro­blem dar­aus gemacht wur­de.“
    „Außer­dem steht nir­gend­wo geschrie­ben, dass Kin­der nicht zwei Väter oder zwei Müt­ter haben kön­nen“, ergänz­te die Dün­ne mit den bun­ten Haa­ren und schau­te kampf­be­reit.
    „Nein?“ frag­te der Alte. „Steht es nicht in der Bibel, in den gro­ßen Roma­nen, sogar im Gund­ge­setz…?“
    Wäh­rend die Dün­ne die gepierc­te Nase rümpf­te, da sie die­se Auf­zäh­lung wohl nicht sehr reprä­sen­ta­tiv fand, erklär­te die ande­re: „Dort steht viel von Vater und Mut­ter geschrie­ben gewiss, aber kein Wort dar­über, dass es nicht alter­na­ti­ven For­men geben darf. Außer­dem: Die Zei­ten ändern sich eben.“
    Der alte Mann nick­te sin­nend und trau­rig, und die bei­den Zukunfts­ken­ne­rin­nen woll­ten sich wie­der ihrem Zwie­ge­spräch zuwen­den, als er sie neu­er­lich unter­brach mit den Wor­ten: „Ver­zei­hen Sie, wenn ich Sie beläs­ti­ge, aber viel­leicht inter­es­siert es Sie ja. Ich erle­be am eige­nen Lei­be oder wenigs­tens aus nächs­ter Nähe, was Sie so fröh­lich beschrei­ben: die Zer­stö­rung der tra­di­tio­nel­len Fami­lie. Die Unwil­lig­keit der jun­gen Leu­te, es zusam­men zu ver­su­chen, es mit­ein­an­der aus­zu­hal­ten. Das Lei­den der Kin­der. Ich habe nichts ken­nen­ler­nen dür­fen, was die­sen Zer­fall auf­fängt – außer der Fami­lie.“
    Er ver­stumm­te und schlug die Augen nie­der. Eine Wei­le herrsch­te Schwei­gen im Abteil. Dann sag­te der alte Mann: „Ich habe vier Kin­der, einen Sohn und drei Töch­ter. Mei­ne Töch­ter haben mir bis­her drei Enkel geschenkt, ich müss­te mich also glück­lich schät­zen. Zwei waren ver­hei­ra­tet und sind inzwi­schen geschie­den. Mein Sohn, der Jüngs­te der Fami­lie, ist als ein­zi­ges mei­ner Kin­der zur Zeit ver­hei­ra­tet. Aller­dings mit einem Mann.“
    Zunächst hat­ten die bei­den Frau­en ihm so unfrei­wil­lig zuge­hört, wie er zuvor ihnen. Nun beleb­te plötz­lich Inter­es­se ihre Mie­nen.
    „Wis­sen Sie, ich fah­re nicht auf einen Kon­gress wie Sie, son­dern ich hole mei­ne Jüngs­te nach Hau­se. Sie hat vor sie­ben Mona­ten ihr Baby bekom­men, und der Kerl hat sie sit­zen­ge­las­sen. Er ist ein­fach ver­schwun­den, eines Abends nicht mehr heim­ge­kom­men, und sie weiß weder, wo er ist, noch wie sie die Woh­nung bezah­len soll. Also hole ich sie nach Hau­se. Ich woh­ne in einem Pro­vinz­nest, wis­sen Sie, die Nach­barn zer­rei­ßen sich die Mäu­ler, wenn die Toch­ter mit einem Baby und ohne Mann zurück­kehrt. Alle drei Töch­ter haben unser Städt­chen mit ihren Män­nern ver­las­sen, und alle drei sind allein wie­der zurück­ge­kom­men. Der Jun­ge hat das Städt­chen eben­falls für einen Mann ver­las­sen und ist nicht wie­der­ge­kom­men. Von mei­nem Sohn, der ver­hei­ra­tet ist, wer­de ich nie einen Enkel bekom­men. Von zwei­en mei­ner Töch­ter habe ich Enkel, aber der eine Vater ist aso­zi­al und lebens­un­tüch­tig und nicht in der Lage, Ali­men­te zu zah­len, der ande­re ist ver­schwun­den, also auch aso­zi­al. Mei­ne Ältes­te hat sich nur um ihre Kar­rie­re geküm­mert und Kin­der immer spä­ter haben wol­len, des­halb ist ihr der Mann schließ­lich weg­ge­lau­fen und hat sein Kind mit einer ande­ren gemacht. Vor drei Jah­ren hat sie ver­sucht, sich umzu­brin­gen. Ist das Patch­work?“
    Die bei­den Fami­li­en­for­sche­rin­nen schwie­gen vor so viel Empi­rie. Wer kann für Unglück?, dach­te die Dün­ne.
    „Was macht Ihre ältes­te Toch­ter denn beruf­lich?“, erkun­dig­te sich nach einer Bedenk­zeit die Blon­de.
    „Sie hat Finanz­we­sen stu­diert und ist Ban­ke­rin gewor­den. Sie war ziem­lich weit oben in der Deut­schen Bank in Frank­furt. Heu­te lei­tet sie unse­re Kreis­spar­kas­se. Dazwi­schen lagen die Tren­nung und zwei Mona­te Kran­ken­haus. Sie hat­te sich mit Tablet­ten ver­gif­tet.“
    „Das ist ja furcht­bar.“
    Der Erzäh­ler nick­te trau­rig.
    „Ihr Mann hat also ihr Leben zer­stört“, stell­te die Dün­ne tro­cken fest.
    „Nein, so war es nicht“, rief nun der Alte und hob beschwich­ti­gend die Hän­de. „Er ist ein guter, boden­stän­di­ger Mann. Er hat es nicht aus­ge­hal­ten, sei­ne Frau nur an den Wochen­en­den zu sehen, und selbst dann war sie in Gedan­ken kaum bei ihm. Wis­sen Sie, die bei­den hat­ten ein gro­ßes Haus und eine Old­ti­mer-Samm­lung, aber kein gemein­sa­mes Leben. Und kei­ne Zukunft, außer noch mehr Old­ti­mern.“
    „Und Sie mei­nen, dar­an war Ihre Toch­ter schuld?“, bohr­te die Dün­ne wei­ter.
    „Ach, Schuld!“, seufz­te der Alte. „Es geht nicht um Schuld. Die Fami­lie ist ja da, damit es einen Ort gibt, wo der eine die Last des ande­ren mit­trägt, ohne dass der ande­re sich schul­dig füh­len muss des­we­gen. Nicht die­ses ewi­ge Feil­schen und For­dern, damit es ja über­all gerecht zugeht. Man ver­wech­selt gern die Wor­te gleich und gerecht. Dann ist es auf ein­mal unge­recht, dass die Frau­en die Kin­der bekom­men.“
    „Aber Ihr Schwie­ger­sohn“, ließ die Dün­ne nicht locker, „hät­te doch die Kin­der betreu­en  kön­nen.“
    Der Alte lächel­te müde und sag­te: „Betreut hät­te er sie am Ende auch. Aber sel­ber bekom­men konn­te er sie nicht.“  
    Er schwieg. Die bei­den Sozio­lo­gin­nen, die es für unhöf­lich gehal­ten hät­ten, ihr Gespräch ein­fach fort­zu­set­zen, taten des­glei­chen. Der Zug rat­ter­te gleich­för­mig dahin. Die Kurz­haa­ri­ge ent­nahm ihrem Ruck­sack eine Fla­sche Bio­na­de und zwei Plas­tik­be­cher.        
     „Magst du auch?“, frag­te sie ihre Kol­le­gin.
     Die schüt­tel­te den Kopf und wand­te sich statt­des­sen wie­der an den Alten: „Wie haben Sie reagiert, als sie erfuh­ren, dass ihr Sohn homo­se­xu­ell ist?“
    „Wie soll ich denn reagiert haben?“, erwi­der­te der ach­sel­zu­ckend. „Er ist mein Sohn. Da gibt es doch gar kei­ne Wahl. Frü­her hat man geglaubt, es lie­ge etwas Per­ver­ses in der Lie­be zum glei­chen Geschlecht. Ich war nie die­ser Ansicht. Es ist viel­leicht nicht natür­lich, aber es lag in sei­ner Natur. Gott weiß, wie es da hin­ein­ge­kom­men ist. Mein Jun­ge ist doch kein schlech­ter Kerl…“
    „Natür­lich nicht“, rief nun leicht mau­lig die Dün­ne. „Per­vers ist es, jeman­dem aus sei­ner sexu­el­len Ori­en­tie­rung einen Vor­wurf zu machen. Schließ­lich sind die meis­ten Men­schen von Hau­se aus bise­xu­ell. Es ist die Gesell­schaft, die ihnen vor­schreibt, Hete­ro­se­xua­li­tät als nor­mal zu emp­fin­den.“
    „Ach ja?“, frag­te der Alte. Ein bit­te­rer und zugleich spöt­ti­scher Aus­druck trat auf sein Gesicht. „Dann sei­en Sie mal froh, dass sich Ihre Eltern an die Vor­schrif­ten gehal­ten  haben.“
    Dar­auf fiel der der Dün­nen kei­ne ande­re Ant­wort ein als ein empör­tes Luft­aus­sto­ßen durch die gepierc­te Nase.
    „Und alle Töch­ter woh­nen jetzt wie­der bei Ihnen?“, lenk­te die Blon­de das Gespräch in eine ande­re Rich­tung.
    „Nein, ich hole jetzt nur die Jüngs­te und ihr Baby zu uns. Aber ihre älte­re Schwes­ter hat davor auch wie­der zu Hau­se gewohnt, mit ihren bei­den Kin­dern. Der Vater ist ein Unglücks­ra­be, alles, was er anpackt, miss­lingt ihm. Er hat nicht mal die Ali­men­te zah­len kön­nen. Aber die Kin­der lie­ben ihn. Er besitzt gro­ßen Charme, müs­sen Sie wis­sen, er ist ein sym­pa­thi­scher Tunicht­gut, die Frau­en mögen ihn, und des­halb ist ihm mei­ne Toch­ter auch weg­ge­lau­fen. Kein Geld und fremd­ge­hen, das war ihr ein­fach zu viel.“
    „Da hat sie voll­kom­men Recht“, beteu­er­te die Dün­ne.
    „Viel­leicht, ja“, sag­te mit sin­nen­dem Blick der Erzäh­ler. „Aber es kam ja noch schlim­mer. Sie lebt inzwi­schen mit einem paki­sta­ni­schen Mus­lim, der hier stu­diert hat und nun mit ihr und den Kin­dern in sei­ne Hei­mat zie­hen will. Sie hat­te vor­her schon einen Knacks von ihren geschei­ter­ten Bezie­hun­gen, ihr Mann hat ihr den Rest gege­ben, und nun ist sie ihm anschei­nend voll­kom­men hörig gewor­den. Mein Kind trägt heu­te einen Schlei­er, betet Koran­su­ren und wirft sich fünf­mal täg­lich auf den Boden vor einem Typen namens Allah. Und wenn ihr neu­er Freund sagt, hör’ auf zu arbei­ten, hört sie auf zu arbei­ten. Und wenn er sagt, hör’ auf, dich mit Freun­din­nen zu tref­fen, bleibt sie zu Hau­se. Sie kön­nen sich aus­ma­len, wie die­ser Mann reagiert, wenn der leib­li­che Vater die Kin­der sehen will. Kann sein, dass mei­ne Enkel bald tau­sen­de Kilo­me­ter von mir ent­fernt leben und ich sie nie mehr wie­der­se­he.“
    Sei­ne Keh­le begann sich zuzu­schnü­ren, so dass der höh­nisch nach­ge­scho­be­ne Aus­ruf „Patch­work!“ kaum zu ver­ste­hen war.
    Er schwieg und starr­te blick­los vor sich auf den Boden.
    „Ein mus­li­mi­scher Mann“, sag­te die Blon­de gedämpft. „Behan­delt er sie denn schlecht?“
    „Er ist kein Extre­mist, wenn Sie das mei­nen“, ant­wor­te­te der Alte, „er trägt nicht mal einen Bart und klei­det sich eher west­lich. Aber er hat sehr genaue Vor­stel­lun­gen davon, wie ein Leben im Diens­te Allahs aus­sieht. Ich weiß nicht, wie er reagie­ren wür­de, wenn mei­ne Toch­ter es wagen wür­de, ihm jemals zu wider­spre­chen.“
    „Aber kön­nen Sie Ihre Toch­ter nicht von die­sem Mann weg­ho­len?“
    „War­um? Es ist ihr Wil­le, mit ihm nach sei­nen Regeln zu leben. Mei­ne Frau und ich haben tage­lang auf sie ein­ge­re­det – ver­geb­lich. Sie ist wie ver­narrt. Und wis­sen Sie, war­um?“
    Zwei erwar­tungs­vol­le Augen­paa­re hef­te­ten sich auf den Fra­ger.
    „Weil er sie ernährt. Weil er sie beschützt. Weil er die Fami­lie über alles stellt, mit­samt sei­ner ver­rück­ten Reli­gi­on. Er wür­de sich sofort auf jeden stür­zen, der sie oder Allah belei­digt. Er wür­de jeden umbrin­gen, der sie zu berüh­ren wagt. Sie liebt ihn, weil er ein Mann ist – und kei­ner die­ser ewig unrei­fen, ver­ant­wor­tungs­lo­sen gro­ßen Jungs, die hier her­um­lau­fen und nicht wis­sen, was sie wol­len, ihren nächs­ten klei­nen schä­bi­gen Genuss aus­ge­nom­men. Auf die man sich nicht ver­las­sen kann. Die Frau und Kin­der sit­zen las­sen für irgend­ei­ne ande­re.“
    Die Dün­ne woll­te etwas sagen, doch der alte Mann, des­sen Kör­per sich im Zorn gestrafft hat­te, gebot ihr mit einer plötz­lich her­ri­schen Ges­te, zu schwei­gen, und fuhr fort: „Sagen Sie jetzt nicht, dass die Män­ner schuld sind an der Mise­re. Die Frau­en sind es genau­so. Sie kla­gen, sie jam­mern, sie for­dern, nie sind sie zufrie­den. Heu­te ist eine Frau von einem Kind so geschafft, wie zu mei­nen Zei­ten von fün­fen nicht. Sie wol­len eman­zi­piert sein, aber ihre alten Pri­vi­le­gi­en behal­ten. Sie wol­len arbei­ten, aber nicht zu viel, sie wol­len Kin­der, aber nicht schwan­ger wer­den, sie wol­len, dass der Mann die Steu­er­erklä­rung macht und gleich­zei­tig mit ihnen, wie es heu­te heißt, shop­pen geht, sie wol­len mit den Män­nern kon­kur­rie­ren, aber die Män­ner dür­fen sie nicht wie Kon­kur­ren­tin­nen behan­deln. Der Mann soll nach außen ein Kerl sein, der die ande­ren unter­but­tert, und sich daheim den Lau­nen der Frau unter­wer­fen, die sie für Gefüh­le aus­gibt…“
    Er hielt inne. Die bei­den Sozio­lo­gin­nen hat­ten nicht die Kraft, die­sem Aus­bruch etwas ent­ge­gen­zu­set­zen; ihnen fehl­te der schüt­zen­de Schreib­tisch.
    „Ich fin­de es falsch“, fuhr der Red­ner jetzt ruhi­ger fort, und strich das schüt­te­re Haar, das sich bei sei­nem Ser­mon etwas auf­ge­löst hat­te, wie­der nach hin­ten, „den jun­gen Leu­ten ein­zu­re­den, dass es völ­lig nor­mal ist, wenn sie sich tren­nen. Sie soll­ten ver­dammt noch mal ein schlech­tes Gewis­sen haben. Die Men­schen behan­deln sich heut­zu­ta­ge wie Waren im Kauf­haus. Der Ande­re hat immer ein Ver­falls­da­tum, oder die Garan­tie läuft ab, er hat plötz­lich Macken, die nicht im Kauf­ver­trag und der Bedie­nungs­an­lei­tung stan­den. Dann eben weg mit ihm, nicht wahr? Es kommt ja wie­der neue Ware ins Kauf­haus, unaus­ge­setzt, jeden Tag. Wer will denn zeit­le­bens mit dem­sel­ben Sofa leben? Auch wenn es mal das bes­te Stück war. Pech nur, wenn eines Tages das eige­ne Kapi­tal alle ist. Und was Sie da vor­hin sag­ten mit den Kin­dern, die hät­ten durch die vie­len Tren­nun­gen mehr – wie sag­ten Sie? Bezugs­per­so­nen? –, das ist Unsinn, ver­zei­hen Sie. Die Kin­der ver­ste­hen das Waren­spiel näm­lich noch nicht. Sie haben kei­ne Ahnung vom Ver­falls­da­tum. Sie lie­ben ein­fach. Für sie gibt es nur Vater und Mut­ter. Ich sehe es an mei­nen Enkeln, wie schlimm es ist, wenn der Vater nicht mehr zu Hau­se wohnt. Wie es sie zer­reißt… – Haben Sie Kin­der?“
    Die bei­den Fami­li­en­for­sche­rin­nen schwie­gen betre­ten.
    Der alte Mann nick­te trau­rig und sah aus dem Fens­ter.
    „Ich bin seit 46 Jah­ren ver­hei­ra­tet“, sag­te er schließ­lich, ohne den Blick wie­der ins Inne­re des Abteils zu rich­ten, so dass es schien, als sprä­che er mehr zu sich als zu sei­nen Zuhö­re­rin­nen. „Es war nicht immer leicht. Auch das Treu­sein nicht. Hun­der­te Näch­te haben wir nicht schla­fen kön­nen, weil ein Baby geschrie­en hat oder eins der Kin­der krank war. Und mit den Enkeln ging der Nacht­stress wei­ter, weil ihre Mut­ter eine Aus­bil­dung machen und arbei­ten muss­te, der Mann konn­te sie ja nicht ernäh­ren. Ich glau­be, ich bin das ers­te­mal in mei­nem Leben im Aus­land gewe­sen, als die bei­den Ältes­ten voll­jäh­rig waren. Wie habe ich mich gefreut, als die ers­te gehei­ra­tet hat. Was war ich glück­lich, als die Enkel kamen. Und nun ist alles so schlimm gewor­den. Ein Scher­ben­hau­fen.“
    Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
    „Und trotz­dem“, sag­te er lei­se. „Und trotz­dem! Ich wür­de es nicht anders machen.“
    Über den Bord­funk wur­de der nächs­te Halt ange­kün­digt. Der alte Mann erhob sich schwer­fäl­lig.
    „Ich befreie Sie jetzt von mei­nem Gere­de“, sag­te er. „Ver­zei­hen Sie noch­mals, dass ich Ihnen das alles zuge­mu­tet habe. Es war nur, weil ich gehört hat­te, dass Sie sich beruf­lich mit der Fami­lie beschäf­ti­gen. Ver­zei­hen Sie. Und viel Glück mit der eige­nen!“
    Mit einem Köf­fer­chen in der Hand ver­ließ er das Abteil und zog die Tür hin­ter sich zu. Die Blon­de sah ihm nach. Auf ihrer Stirn stan­den zwei senk­rech­te Fal­ten, ihren Augen blick­ten nach­denk­lich, ihre Mund­win­kel waren nach unten gesun­ken.
    „Bist du trau­rig wegen die­sem alten Sack?“, frag­te die Dün­ne. „Komm, gib mir einen Kuss.“ 

Die­se Geschich­te habe ich vor etwa zehn Jah­ren geschrie­ben. Sie ist nie ver­öf­fent­licht worden.

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