16. Januar 2018

In einer Rede im säch­si­schen Chem­nitz for­dert Maxi­mi­li­an Krah das Publi­kum auf, nicht immer nur über die Moti­ve zu rät­seln, die hin­ter dem will­kom­mens­kul­tu­rel­len Amok­lauf der Kanz­le­rin ste­hen mögen, son­dern ein­mal die­je­ni­gen in den Blick zu neh­men, die beim Göt­zen­dienst um den bon sau­va­ge ihre eige­nen Kin­der zum Opfer brin­gen. Was, fragt er, ist eigent­lich im Leben bei­spiels­wei­se der Eltern der in Kan­del erdolch­ten Mia oder bei denen der in Frei­burg ermor­de­ten Maria L. oder bei denen des scha­ria­kon­form weich­ge­klopf­ten Kika-Mäd­chens falsch gelau­fen, dass sie ihre Töch­ter über­haupt einer sol­chen Situa­ti­on aus­setz­ten? Jedem nüch­tern Den­ken­den sei doch klar, dass sol­che inter­kul­tu­rel­len Kon­flik­te jeder­zeit mög­lich sind und die Gegen­sei­te womög­lich ganz anders damit umgeht, als in deut­schen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen gemein­hin gelehrt wird. Wer oder was hat die­sen Leu­ten die Skep­sis und den Schutz­re­flex abtrai­niert? Offen­bar sei­en sie „von einem kol­lek­ti­ven Wahn befal­len. Das heißt, sie tun etwas, wovon der gesun­de Men­schen­ver­stand eigent­lich sagt: Fin­ger weg!” Und war­um, fragt Krah wei­ter, sind gera­de die Men­schen in Ost­deutsch­land anschei­nend dage­gen immunisiert?

Mei­ne Ant­wort ken­nen Sie. Die Gehirn­wä­sche im Wes­ten war viel smar­ter und tief­rei­chen­der als in der DDR, wo auch das nicht funk­tio­niert hat, am Ende wahr­schein­lich sogar bes­ser als die in Rot­chi­na. Man hat den armen West­deut­schen den Selbst­er­hal­tungs­in­stinkt abdres­siert und ihnen gleich­zei­tig ein­ge­re­det, dass sie die mora­li­sche Her­rIn­nen­ras­se der Mensch­heit, gewis­ser­ma­ßen die Eli­te der natio­na­len Selbst­ab­schaf­fung sei­en. Die­se spin­ner­ten Pro­vinz­ler träu­men von der Einen Welt, wo zehn Mil­li­ar­den Glei­che ein­an­der zum ener­gie­re­du­zier­ten Mas­sen­schun­keln unter­ha­ken, sie glau­ben allen Erns­tes, ein Teil der Mensch­heit den­ke schon jetzt wie sie, und der gro­ße Rest stre­be es an. Ihr Erwa­chen ist blu­tig und wird noch viel blu­ti­ger wer­den. Das Gan­ze läuft unter Dar­win Awards. Wie so oft müs­sen die Kin­der für die Tor­hei­ten ihrer Eltern, die Völ­ker für jene ihrer Regie­run­gen büßen. (Den gesam­ten Vor­trag kön­nen Sie sich hier anschauen.)

PS: „Im Fal­le von Maria L.”, schreibt Leser ***, „ist die Situa­ti­on, mei­ner Ein­schät­zung nach, anders gela­gert. Die Eltern von Maria L. sind zwar, wenn ich mich recht erin­ne­re, hohe EU-Beam­te, die, so unter­stel­le ich mal, ideo­lo­gisch ent­spre­chend auf Linie lie­gen dürf­ten, von einer Lieb­schaft ihrer Toch­ter Maria mit einem ‚Flücht­ling’ aus dem archa­isch-isla­mi­schen Raum war aber nichts bekannt. Maria hat­te kein Ver­hält­nis mit dem ille­gal ein­ge­drun­ge­nen Abschaum, der sie in Frei­burg bes­tia­lisch ver­ge­wal­tig­te, sie im Geni­tal­be­reich gebis­sen hat, bevor er die bewußt­los gewor­de­ne jun­ge Frau im Fluß Drei­sam ertränk­te. Der Vor­fall ist unsag­bar, macht nicht nur mich sehr sehr zor­nig, doch die jun­ge Frau oder ihre Eltern traf in die­sem Fall kei­ner­lei Schuld, sie haben kei­ne Mit­ver­ant­wor­tung, hät­ten sich nicht anders ver­hal­ten kön­nen, die schlim­me Sache abzu­wen­den.
Es gibt Gerüch­te im Netz, wonach Maria L. ‚Flücht­lings­hel­fe­rin’ gewe­sen sei. Auch das trifft so nicht zu. Sie war in einem Ver­ein enga­giert, der ver­schie­de­ne Pro­jek­te hat, natür­lich auch jede Art von ‚Mul­ti­kul­ti-Tral­la­la’. Maria selbst enga­gier­te sich jedoch für Bil­dungs­ein­rich­tun­gen in Afri­ka, vor Ort, was lobens­wert, weit­sich­tig und durch­aus sinn­voll ist. Der Fall hat mich tief betrof­fen gemacht, wes­halb ich mich damal etwas kun­dig gemacht habe. Das Bei­spiel der Maria L. soll­te man viel­leicht an die­ser Stel­le nicht bringen.”

                             ***

Um eine Vor­stel­lung zu gewin­nen, wel­che Sit­ten uns mit­samt ihrer schutz­be­dürf­ti­gen Beher­zi­ger inzwi­schen zuge­lau­fen sind, muss man die Mel­dung über den soeben in Pots­dam zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teil­ten soma­li­schen Mör­der bis zu Ende lesen. Der Asyl­be­wer­ber hat­te einen Lands­mann ersto­chen. Täter und Opfer kann­ten sich gut. Auch ihre Fam­li­en übri­gens. „Die Groß­fa­mi­lie des Ange­klag­ten hat nach eige­ner Dar­stel­lung den Ange­hö­ri­gen des Opfers Kame­le im Wert von 36.000 US-Dol­lar über­ge­ben, damit die­se Fami­lie auf eine Blut­ra­che ver­zich­tet”, mel­det rbb. „Die bei­den Groß­fa­mi­li­en leben in Soma­lia in nächs­ter Nach­bar­schaft.” Das ist wahr­schein­lich auch der Asylgrund.

                                 ***

Die Ungarn in ihrer rügen­s­wer­ten Welt­un­of­fen­heit wer­den schon noch kapie­ren, wen sie da alles aus­ge­sperrt haben.

Apro­pos: Im Begriff „abschot­ten” ste­cken übri­gens jene Schot­ten, mit denen man Schif­fe aus­stat­tet, damit sie im Fal­le eines Was­ser­ein­bruchs nicht voll­lau­fen und unter­ge­hen. Sich abzu­schot­ten ist bis­wei­len überlebensnotwendig. 

                               ***

Auf der Titel­sei­te des Rol­ling Stone las ich heu­te die Zei­le: „ ‚Und dann zog er sei­ne Hose aus’: Sexis­mus im Rock-Busi­ness”. Das ist unge­fähr so, als ende­cke einer H2O im Meer, Waf­fen beim Mili­tär oder from­me Brü­der im Män­ner­klos­ter. Zwi­schen Rock und Sexis­mus passt nicht ein­mal ein Kon­dom. Nie wäre eine die­ser Bands – die Namens­ge­ber des Maga­zins inson­der­heit – ohne die erhoff­ten Won­nen des Sexis­mus über­haupt gegrün­det wor­den. Des­we­gen dreh­ten die Mädels ja auch kol­lek­tiv durch und konn­ten sich gar nicht beflis­sen genug als Grou­pies andie­nen. Hof­fent­lich lesen wir bald Magister_innenarbeiten, in denen die dunk­le Ver­gan­gen­heit der Bands auf­ge­ar­bei­tet wird, Rap­per und Reg­gae­trup­pen natür­lich ausgenommen. 

                            ***

„Sehr geehr­ter Herrr Klo­n­ovs­ky, bezug­neh­mend auf Ihre Aus­füh­run­gen möch­te ich anre­gen, daß Sie ein­mal in etwas aus­führ­li­che­rer Wei­se dar­stel­len, wie denn Sie per­sön­lich und Ihre Fami­lie sich ganz kon­kret und im Detail zu die­sem Pro­zess mit­tel­fris­tig zu ver­hal­ten geden­ken. Mir sel­ber fällt dazu trotz seit Jah­ren inten­si­ven Nach­den­kens nichts ein. Es geht mir nur immer wie­der die Geschich­te von einem jüdi­schen Arzt in Prag so um 1940 durch den Kopf, der auf den drin­gen­den Rat, das Land sofort zu ver­las­sen nur mit der Sprit­ze in der Hand erwi­der­te: ‚So viel Auf­wand für so wenig Leben.‚
War­ner gibt es ja wahr­lich genug – aber was wol­len Sie denn errei­chen? Genügt es Ihnen wirk­lich, Jahr und Jahr immer wie­der und wie­der davon zu erzäh­len, daß es fünf vor zwölf ist? Erin­nert irgend­wie an die Kli­ma­hys­te­ri­ker, die seit 30 Jah­ren von fünf vor zwölf erzäh­len – so als wenn die Uhr nicht wei­ter­gin­ge. Wäre es nicht an der Zeit, daß Sie Ihren Blog schließen?”

Grüß Gott Herr ***,
im Grun­de haben Sie recht, ers­tens sowie­so – wel­cher „Blog” müss­te nicht sofort und umstands­los geschlos­sen wer­den? –, und zwei­tens wenn Sie mei­nen, auf einer Rat­ge­ber-Web­sei­te gelan­det zu sein. Ich schrei­be aller­dings eine Chro­nik und habe Ihnen lei­der nichts zu raten. Die Acta diur­na, ich wie­der­ho­le es gern, sind ein Mono­log, den ich in mei­nem klei­nen Eck­la­den vor mich hin­mur­me­le, voll­kom­men unab­hän­gig davon, ob ihm jemand lauscht oder nicht. Da es inzwi­schen Zehn­tau­sen­de sind, wird zuwei­len ein Dia­log dar­aus, und da aus die­sem Kreis wie­der­holt die Fra­ge vor­ge­bracht wur­de, ob man die erle­se­ne Hand­werks­ar­beit, die ich feil­bie­te, auch irgend­wo hono­rie­ren kön­ne, geht an jedem Monats­en­de inzwi­schen die Kol­lek­te um. Ich tue etwas, das ein­sa­me Geis­ter seit Äonen tun: Ich schrei­be mei­ne All­tags­er­fah­run­gen nie­der und ästhe­ti­sie­re sie. Das ist alles. Poli­ti­sche Anwei­sun­gen, reli­giö­se Recht­lei­tung und prak­ti­sche Hin­wei­se wer­den Sie anders­wo finden.

Und mal neben­bei: Was meint eigent­lich „fünf vor zwölf”? Es geht doch immer wei­ter. Des einen Welt­tag geht zu Ende, der des ande­ren bricht an… 

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

15. Januar 2018

Nächster Beitrag

17. Januar 2018

Ebenfalls lesenswert

18. September 2018

Wäh­rend Nacht für Nacht her­um­streu­nen­de Pas­san­ten müden Neu­mit­bür­gern, die sich von ihrem Tag­werk aus­ru­hen wol­len, in die Que­re kom­men…

17. Juli 2020

Unser Hei­ko spricht end­lich ein Macht­wort gegen die Zensur:                                  *** Die Welt gibt bekannt, was ohne­hin jeder…

7. November 2019

„Was unter­schei­det eigent­lich Leip­zi­ger Links­ex­tre­me, liba­ne­si­sche Clans und Reichs­bür­ger? Eine Grup­pe gilt als staats­ge­fähr­dend.”(Alex­an­der Wendt)                                  *** Zuwei­len kommt…