19. Januar 2018

„Auf die in Schluch­ten und Tälern her­um­ir­ren­den Men­schen­ka­ra­wa­nen lässt die Lin­ke Lawi­nen fal­scher Ver­hei­ßun­gen nie­der­ge­hen.„
Nicolás Gómez Dávila

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Die viel­leicht wich­tigs­te deut­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te hat in einer Rede ein Ber­li­ner Bau­werk zum „viel­leicht wich­tigs­ten deut­schen Denk­mal” gekürt, und das viel­leicht wich­tigs­te für lau und in ein­fa­cher Spra­che erstell­te deut­sche online-Medi­um hat es sogar gemel­det, näm­lich hier.

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Zum Vori­gen. In einer Rede zur „Denk­mal­kul­tur in Deutsch­land” im Sep­tem­ber 2016 sag­te Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grütters: 

 
„Dass nach 1990, als das wie­der­ver­ein­te Deutsch­land sei­ne Rol­le in Euro­pa und der Welt vor­sich­tig neu defi­nier­te, das lang umstrit­te­ne Holo­caust-Mahn­mal – nach mehr als zehn  Jah­ren des Debat­tie­rens und Strei­tens, nach Wett­be­wer­ben mit meh­re­ren hun­dert ein­ge­reich­ten Ent­wür­fen und nach mehr­fa­cher Über­ar­bei­tung des letzt­lich aus­ge­wähl­ten Pro­jekts – zum bedeu­tends­ten Denk­mal in Ber­lin wur­de, das hat für sich genom­men schon hohe Sym­bol­kraft. Neil Mac­Gre­gor hat anhand die­ses Bei­spiels auf eine Beson­der­heit deut­scher Denk­mal­kul­tur auf­merk­sam gemacht. Er ken­ne, schrieb er im Buch zu sei­ner Aus­stel­lung ‚Deutsch­land. Erin­ne­run­gen einer Nati­on’, er ken­ne ‚kein ande­res Land, das in der Mit­te sei­ner Haupt­stadt ein Mahn­mal der eige­nen Schan­de errich­tet hät­te.’
Als eine wei­te­re Beson­der­heit deut­scher Denk­mal­kul­tur scheint sich nun mit dem vor­läu­fi­gen Aus für ein Frei­heits- und Ein­heits­denk­mal das Unver­mö­gen her­aus­zu­kris­tal­li­sie­ren, prä­gen­den freu­di­gen und hoff­nungs­vol­len his­to­ri­schen Ereig­nis­sen und Ent­wick­lun­gen ein Denk­mal zu setzen.”

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Die Ent­fer­nung von Ernst Moritz Arndt aus dem Namen der Uni­ver­si­tät Greifs­wald ist ein wei­ters Bei­spiel dafür, dass Abstim­mun­gen vom Estab­lish­ment bei Bedarf für obso­let erklärt wer­den, wenn sie nicht die erwünsch­ten Mehr­hei­ten erge­ben haben. Im Dezem­ber hat­ten in einer inter­nen Umfra­ge 49 Pro­zent der Pro­fes­so­ren, Hoch­schul­mit­ar­bei­ter und Stu­den­ten für die Bei­be­hal­tung des Namens gestimmt. 34 Pro­zent waren dage­gen. 15 Pro­zent der Teil­neh­mer gaben an, bei­de Namen sei­en für sie glei­cher­ma­ßen akzep­ta­bel, der Rest ent­hielt sich. Doch die Cha­rak­ter­na­tu­ren im Senat der Hoch­schu­le ent­schie­den anders: Von 35 Sena­to­ren stimm­ten 27 für die Umbe­nen­nung, acht dagegen. 

Leser ***, der an der Ernst-Moritz-Arndt-Uni­ver­si­tät zu DDR-Zei­ten Phar­ma­zie stu­diert hat und wur­de dort pro­mo­viert wur­de, schreibt: „Mein Herz hängt an die­ser Stadt und der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät. Und mir blu­tet die­ses Herz ange­sichts der nun­mehr beschlos­se­nen Umbe­nen­nung ‚mei­ner’ Uni­ver­si­tät. Die Ver­ant­wort­li­chen füh­ren an, Ernst Moritz Arndt wäre ein Natio­na­list. Ist die­sen Igno­ran­ten nicht klar, dass man Per­so­nen der Geschich­te immer im Kon­text ihrer Zeit und nicht aus der his­to­ri­schen Retro­spek­ti­ve beur­teilt?
Ernst Moritz Arndt war ein deut­scher Patri­ot, der sich in sei­nen Schrif­ten gegen die fran­zö­si­sche Fremd­herr­schaft auf deut­schem Boden wen­de­te. Wir Deut­sche kön­nen stolz auf ihn sein. Ist jetzt die Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät in Hal­le die nächs­te Uni­ver­si­tät, die ihren Namen able­gen muss? Ich hal­te lang­sam nicht mehr für unwahr­schein­lich.
Ach ja, in Par­chim, einer Kreis­stadt in Meck­len­burg, gibt es übri­gens nach wie vor eine Stra­ße, die nach einem der größ­ten Mas­sen­mör­der der Geschich­te benannt ist – W.I. Lenin. Dar­an scheint sich kei­ner zu stö­ren. In was für einem Land leben wir nur?”

Etwas kras­ser for­mu­liert ein ande­rer „Ehe­ma­li­ger”: „Nach­dem die ers­te Ent­schei­dung über den Namen Ernst Moritz Arndt in Greifs­wald auf­grund von Form­feh­lern rück­gän­gig gemacht wur­de und eine anschlie­ßen­de, umfang­rei­che Befra­gung aller Uni­ver­si­täts­mit­ar­bei­ter eine ein­deu­ti­ge Mehr­heit für die Bei­be­hal­tung des Namens ergab, haben die lin­ken Kanail­len im Senat (fast alle mit west­deut­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund) heu­te nun in bes­ter Tra­di­ti­on der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bücher­ver­bren­nun­gen den Namen Arndts end­gül­tig abge­legt. Die meis­ten Arndt­geg­ner waren pro­zen­tu­al übri­gens nicht ein­mal unter den Stu­den­ten, son­dern unter den Pro­fes­so­ren zu ver­zeich­nen. Sie haben auch kei­nen alter­na­ti­ven Namen vor­ge­schla­gen. Wozu auch, denn wie ihren brau­nen Vor­bil­dern geht es auch den neu­en (Anti)Faschisten aus­schließ­lich um Zer­stö­rung. Sie füh­ren den tota­len Ver­nich­tungs­krieg gegen die Kul­tur des eige­nen Lan­des. Ver­flucht sei­en sie!”

Da ich nicht akut am Mor­bus Prantl (auch bekannt als: Mor­bus Kle­ber) labo­rie­re, erspa­re ich mir und Ihnen die x‑fache Wie­der­ho­lung, wel­cher spe­zi­ell in den Jah­ren 1933 ff. erblü­hen­de kol­lek­ti­ve Cha­rak­ter­de­fekt sol­cher Namens­til­gung zugrun­de liegt; erspa­ren möch­te ich uns fer­ner die Pres­se­schau mit dem infla­tio­nä­ren Selbst­gleich­schal­tungs­ter­mi­nus „umstrit­ten” als sym­bio­ti­scher Klet­te am Namen des Dich­ter­pa­trio­ten. Arndt war ein Kind sei­ner Zeit und ist von der Besat­zungs­er­fah­rung durch napo­leo­ni­sche Trup­pen in den rhe­to­ri­schen Har­nisch getrie­ben wor­den. Es ist kei­nes­wegs sicher, dass sich sei­ne win­di­gen und wen­di­gen Aus­mer­zer der his­to­ri­schen Rela­ti­vi­tät des eige­nen Urteils nicht sogar bewusst sind, aber eben­so bewusst ist die­sen bun­ten Khmer, dass ihre Namen von so voll­ende­ter Bedeu­t­ung­lo­sig­keit sind und blei­ben und sein wer­den, dass sie der­glei­chen Kor­rek­tu­ren an ihrem eige­nen Ver­mächt­nis nie­mals zu gewär­ti­gen haben. Sie sind nichts ande­res als aka­de­mi­sche Füllsel. 

Bezie­hungs­wei­se, um dem Ver­sto­ße­nen selbst das Wort zu erteilen: 

Der Gott, der Eisen wach­sen ließ,
der woll­te kei­ne Knech­te,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in sei­ne Rech­te;
drum gab er ihm den küh­nen Mut,
den Zorn der frei­en Rede,
dass er bestän­de bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Da bleibt doch ange­sichts der Dam­na­tio-Fatz­kes und ihres knech­ti­schen Eifers kei­ne Fra­ge offen.

(Das war exakt die Wie­der­ho­lung mei­nes Ein­trags vom 18. Janu­ar vori­gen Jah­res, und ich habe dem nichts hinzuzufügen.)

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Ein Mit­ar­bei­ter eines Was­ser­wer­kes in einer thü­rin­gi­schen Klein­stadt hat mir erzählt, dass der Was­ser­ver­brauch des dor­ti­gen Asy­lan­ten­heims exor­bi­tant hoch sei. Im Grun­de ist das leicht zu ver­ste­hen, man­che der in unse­re was­ser­rei­che Welt­ge­gend vor­ge­sto­ße­nen Wüs­ten­söh­ne und Savan­nen­brü­der wer­den wegen der unbe­grenz­ten Ver­füg­bar­keit des bei ihnen eher raren Gutes in hel­les Ent­zü­cken gera­ten und sich zu tem­po­rä­ren Hydro­ma­nen wan­deln, zumal es sie ja nichts kos­tet (und sei­en wir mal ehr­lich: Die meis­ten Deut­schen wür­den doch auch mit dem Was­ser aasen, wenn es gra­tis wäre).

Was mir, um beharr­lich mein Lieb­lings­the­ma zu trak­tie­ren, die Fra­ge abnö­tigt, wie es mit jenen angeb­lich von „uns” zu inte­grie­ren­den ca. zwei Mil­lio­nen Neu­mit­bür­gern unter dem Blick­win­kel ihres grü­nen Fuß­ab­drucks aus­schaut. Tren­nen sie alle brav ihren Müll? Brin­gen sie die Fla­schen zu dem einen Con­tai­ner und wer­fen die Plas­tik­ver­pa­ckun­gen in den ande­ren? Benut­zen sie die Bio­ton­ne – und die Toi­let­ten nicht als Müll­ei­mer? Spa­ren sie Strom und Heiz­kos­ten? Essen sie wenig Fleisch? Neh­men sie vor­wie­gend ein­hei­mi­sche und fair gehan­del­te Pro­duk­te zu sich? Träu­men sie davon, zeit­le­bens auf öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel und ggfs. Fahr­rä­der umzu­stei­gen? Fra­gen über Fragen…

                                   ***

Ich hat­te vor kur­zen ange­regt, die Besu­cher mei­nes klei­nen Eck­la­dens mögen doch ein­mal am Bei­spiel von Donald Trumps viel­be­ka­kel­ter und ‑beplärr­ter Beschrei­bung eines all­seits geschätz­ten Feri­en­pa­ra­die­ses und Wohl­fühl-Hot­spots als „shi­t­ho­le coun­try” ihr jeweils eige­nes Spit­zen­trio in die­ser Kate­go­rie auf­zäh­len. Natür­lich hielt sich kaum ein Mail­ver­fas­ser an die­se Vor­ga­be, so dass ich hier kein „worst of”-Länderranking prä­sen­tie­ren kann; statt­des­sen schrie­ben eini­ge poly­glot­te Men­schen recht aus­führ­lich und z.T. böse über ihre Aus­lands­er­fah­run­gen, wes­halb ich mich ent­schlos­sen habe, die­sen Bei­trä­gen einen eige­nen Raum ein­zu­rich­ten; wer dar­in umher­spa­zie­ren mag, kli­cke bit­te hier.    

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