28. Januar 2018

Save the date, wie der Latei­ner sagt: Am Frei­tag, dem 9. März, fin­det die nächs­te musi­ka­lisch-lite­ra­ri­sche Soi­ree „Lebens­wer­te” dies­mal in Ham­burg statt. Ele­na Gurevich spielt Wer­ke von Bach, Beet­ho­ven, Cho­pin, Schu­mann, Scar­lat­ti u.a., ich assis­tie­re ihr, indem ich Tex­te aus mei­nem gleich­na­mi­gen Buch vor­tra­ge. Details und Kar­ten­be­stel­lung hier.

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Auf Befehl der Liebs­ten Teil­nah­me am Sem­per­opern­ball in Dres­den. Ambi­va­len­te Ein­drü­cke. Eigent­lich eine rei­zen­de Ver­an­stal­tung. Wenn sich tau­send Frau­en in Abend­klei­der und tau­send Män­nern in Smo­king oder Frack hül­len, um mit­ein­an­der Wal­zer zu tan­zen, ist das eine löb­li­che Unter­neh­mung. Zumal Hun­der­te noch auf dem Vor­platz bis weit nach Mit­ter­nacht mit­tanz­ten, zuletzt, als ein unbarm­her­zi­ger Dau­er­re­gen ein­ge­setzt hat­te, unter Schir­men, ein pit­to­res­ker Anblick: immer je ein Paar und ein Schirm dreh­ten sich im Schein­wer­fer­licht unter Regen­schau­ern im Krei­se… Rein ästhe­tisch war das Level hoch, viel höher, als ich erwar­tet hat­te; die meis­ten Mädels und Damen tru­gen geschmack­vol­le Klei­der, kaum ein Gesicht war von Botox ent­stellt, ganz anders als ich es von Bogen­hau­se­ner und Grün­wal­der Schi­cke­ria­schach­teln ken­ne, und die Her­ren, die es ohne­hin leich­ter haben, erschie­nen (mit Aus­nah­me der all­zeit fröh­li­chen Pfei­fe Johan­nes B. Ker­ner) for­mell geklei­det. Mein Favo­rit war ein kahl­köp­fi­ger unge­fähr End­fünf­zi­ger, der einen Frack trug, gel­be Schu­he, ein Umhän­ge­täsch­chen und eine auf­fäl­li­ge Täto­wie­rung aus drei inein­an­der über­ge­hen­den Ster­nen am Hals.

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Die Ver­an­stal­tung zer­fiel in zwei Tei­le. Der offi­zi­el­le oder Show­teil bestand in der – von ein­zel­nen Musik­ein­la­gen unter­bro­che­nen – Ver­lei­hung des St. Georgs-Ordens (war­um heißt das eigent­lich „Ver­lei­hung”? Müs­sen die das Ding wie­der zurück­ge­ben?). Die­ser unter­schied sich wenig von einer Bam­bi-Ver­an­stal­tung oder Gol­de­nen Kame­ra, die übli­che Selbst­fei­er der Schi­cke­ria. Der Orden zeigt neben dem Wahl­spruch Adver­so Flu­mi­ne („Gegen den Strom”) das Bild­nis des Hei­li­gen Georg zu Pfer­de, mit ihm sol­len also Per­sön­lich­kei­ten aus­ge­zeich­net wer­den, die „gegen den Strom schwim­men”, und so war es ja auch. Sig­mar Gabri­el etwa bekam ihn ein­ge­hän­digt, und der ist gegen den Strom bis an die Spit­ze der Oppo­si­ti­ons­par­tei SPD und sogar des Aus­wär­ti­gen Amts geschwom­men. Oder Vero­ni­ca Fer­res, die sich und ihrer Fami­lie in der Dan­kes­re­de beschei­nig­te, es habe ihnen „an Mut nie gefehlt”; sie schwimmt also gleich mit der gan­zen Mischpo­che gegen den Strom. Schau­spie­ler reden hören, wenn sie ein­mal nicht etwas spre­chen, das ihnen jemand auf­ge­schrie­ben hat, ist fast immer ein Gedicht! In den Jah­ren davor hat­te Till Schwei­ger die­sen Orden bekom­men, Tho­mas Gott­schalk, André Rieu, Peter Maf­fay und ande­re cou­ra­gier­te Gegen-den-Strom-Schwim­mer, auch veri­ta­ble Welt­ver­ed­ler wie der Ex-Mao­ist und Euro­krat Manu­el Bar­ro­so, der inzwi­schen den Ziel­ha­fen jedes gegen­stre­bi­gen lin­ken Lebens­plans erreicht hat: Gold­man Sachs.

Die lus­tigs­ten Bemer­kun­gen des Abends mach­ten zwei Sport­ler. Der Fuß­bal­ler Miroslaw Klo­se been­det sei­ne Dan­kes­re­de für den Dra­chen­tö­ter­or­den mit den Wor­ten: „Einen schö­nen Abend Ihnen allen, und ver­let­zen Sie sich bit­te nicht beim Tan­zen”; der Boxer Arthur Abra­ham, der die Lau­da­tio auf ihn hielt, sagt spä­ter im Inter­view, er sei auf­ge­regt gewe­sen, Boxen sei für ihn ja viel leich­ter, als eine Rede zu halten.

Dann begann der Tanz­teil, in allen Eta­gen, Haupt- und Neben­sä­len, und sie­he, alles war gut.

Nach­trag:

„Sehr geehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, ursprüng­lich wur­den hoch­ran­gi­ge Orden (z.B. Mili­tär-Maria-The­re­si­en Orden. Orden der Eiser­nen Kro­ne und Ähn­li­ches) tat­säch­lich dem Deko­rier­ten auf Lebens­zeit ver­lie­hen, das heißt, nach des­sen Tod muß­ten die Klein­ode an die Ordens­kanz­lei zurück­ge­ge­ben wer­den und wur­den an den nächs­ten zu Ehren­den wei­ter­ge­ge­ben. Es gab aller­dings bis­wei­len die Mög­lich­keit, daß die Klein­ode  von den Erben käuf­lich erwor­ben wur­den und dann im Fami­li­en­be­sitz blieben.

mit pha­le­ris­ti­schen Grü­ßen
***”

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