6. Jaguar 2018

„Wie das Gal­gen­kind die Monats­na­men lernt: Jagu­ar, Zebra, Nerz, Man­drill …” (Chris­ti­an Morgenstern)

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War­um sind bei den Jah­res­wech­sel­frei­luft­e­vents dies­mal so vie­le Feu­er­wehr­leu­te und Sani­tä­ter ange­grif­fen wor­den? En pas­sant weist Vera Lengs­feld in ihrer Bilanz der dies­jäh­ri­gen Sil­ves­ter­ge­walt, die von unse­ren sozia­lis­ti­schen Medi­en­schaf­fen­den in bewähr­ter Kon­se­quenz und im noch bewähr­te­ren Chor klein­ge­re­det wur­de, auf eine mög­li­che Ursa­che hin: Es waren heu­er weni­ger Frau­en auf den Stra­ßen unter­wegs, wor­über vie­le erwar­tungs­fro­he Neu­mit­bür­ger mit Recht sau­er gewe­sen sein dürf­ten – sieht denn so Will­kom­mens­kul­tur aus? –, so dass sie ihre über­schüs­si­gen Ener­gien anders­wo abar­bei­ten muss­ten. Und müssen.

Bei­spiels­wei­se auch beim Arzt­be­such. Die Angrif­fe gegen Ärz­te und Hel­fer neh­men zu, beklagt der Prä­si­dent der Bun­des­ärz­te­kam­mer, Frank Ulrich Mont­go­me­ry – das ist der­sel­be Herr, der vor ein paar Tagen die Alters­fest­stel­lung uns zuge­lau­fe­ner Mitt­zwan­zi­ger, die sich als min­der­jäh­rig aus­ge­ben, für men­schen­un­wür­dig hält – in einem Zei­tungs­in­ter­view. Aber was heißt eigent­lich, die Gewalt­ta­ten gegen Ärz­te neh­men zu? Noch vor fünf Jah­ren war die­ses Phä­no­men hier­zu­lan­de so gut wie unbe­kannt. Aber, so Mont­go­me­ry: „Wir erle­ben der­zeit eine tota­le Ver­ro­hung bei eini­gen Pati­en­ten und ihren Ange­hö­ri­gen gegen­über medi­zi­ni­schem Per­so­nal.“ Auch in Not­auf­nah­me­stel­len pas­sie­re es immer wie­der, dass Leu­te wegen der War­te­zei­ten sehr aggres­siv wür­den. In eini­gen Kran­ken­häu­sern gebe es bereits Sicher­heits­diens­te, um das Per­so­nal zu beschützen.

Was mögen das für Men­schen sein, die neu­er­dings wegen der War­te­zei­ten auf das Kli­nik­per­so­nal los­ge­hen und deren Beschaf­fen­heit unser Ärz­te­ober­ver­tre­ter beflis­sen beschweigt? Sach­sen? Reichs­bür­ger? Schal­ke-Anhän­ger? Waf­fen­nar­ren? Trumpia­ner? Oder „Män­ner” aus „Grup­pen”? Fra­gen über Fragen…

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Man muss den Köl­ner Poli­zei­obe­ren dank­bar sein, dass sie Bea­trix von Storch wegen ihres Twit­ter-Raun­zers gegen die unnö­ti­ge Begrü­ßung ara­bi­scher Sil­ves­ter­par­ty­gäs­te in deren Hei­mat­spra­che ange­zeigt haben; nun wird die Öffent­lich­keit bald erfah­ren, wenn auch nur auf den hin­te­ren Sei­ten der Gazet­ten ver­steckt, was kei­ne Volks­ver­het­zung ist.

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In mei­nem Zweit- oder Dritt­lieb­lings­nar­ren­kä­fig Spie­gel online haben die bei­den Quo­ten-Törin­nen S. Berg und M. Sto­kow­ski zum Jah­res­wech­sel den Zenit ihrer Glaub­wür­dig­keit und womög­lich sogar Selbst­er­kennt­nis erreicht; die eine über­ti­telt ihre heu­ti­ge „Vor­satz für 2018”-Kolumne mit: „Erken­nen, wie unwich­tig man ist”, die ande­re hat­te vor ein paar Tagen mit „Mehr Schwei­gen wagen” vor­ge­legt. Lei­der wer­den die meis­ten guten Vor­sät­ze am Ende doch nicht eingehalten.

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Irgend­wann in den spä­ten Acht­zi­gern pro­du­zier­te die DDR-Indus­trie, und zwar der VEB Halb­lei­ter­werk Frankfurt/Oder in Koope­ra­ti­on mit Carl Zeiss Jena, einen Ein-Mega­bit-Chip. Toshi­ba stell­te die Din­ger damals schon mas­sen­haft her, und Chips mit weit höhe­rer Spei­cher­ka­pa­zi­tät befan­den sich in Arbeit, doch die Pro­pa­gan­da tön­te tage­lang vom DDR-Elek­tro­nik­wun­der. Damals kur­sier­te der Witz: „Wir bau­en die größ­ten Mikro­chips der Welt!” Dar­an fühl­te ich mich erin­nert, als ich las, dass Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­zié­re mahnt, Deutsch­land müs­se sich mehr auf die Ent­wick­lung von Chip­t­ech­no­lo­gie, vor allem von Sicher­heits­tech­no­lo­gien kapri­zie­ren, denn deut­sche IT-Sicher­heits­pro­duk­te sei­en welt­weit hoch aner­kannt. Unge­fähr so wie der Ein-Mega­bit-Chip aus der DDR?

Deutsch­land ver­fü­ge doch kaum über IT-Sicher­heits­tech­no­lo­gien, notiert der blog­gen­de Infor­ma­ti­ker Had­mut Danisch. „Außer­dem gehö­ren Mikro­pro­zes­so­ren und deren Spei­cher­ver­wal­tung nicht zu den ‚IT-Sicher­heits­pro­duk­ten’, obwohl sie damit viel zu tun haben. Man kann aber nicht ein­fach mal unter ‚Sicher­heits­pro­duk­te’ einen Pro­zes­sor neu bau­en. Und ob wir hier in Deutsch­land genug Know-How haben, um sol­che Feh­ler zu ver­mei­den, möch­te ich bezwei­feln – ich glau­be nicht mal, dass wir hier rein leis­tungs­mä­ßig kon­kur­renz­fä­hi­ge Pro­zes­so­ren hin­be­kom­men. Lasst es mich so sagen: Sie kön­nen ja nicht mal einen Flug­ha­fen bau­en, und das ist prin­zi­pi­ell ein­fa­cher. Und die Sicher­heits­for­schung ist in Deutsch­land ein Witz. Wir haben kaum befä­hig­te Pro­fes­so­ren, und die Pro­fes­su­ren wer­den noch mit Quo­ten­frau­en ver­murkst, die bei Kryp­to­gra­phie und ähn­li­chem sofort kapi­tu­lie­ren.” (Wei­ter hier.) Den künf­tig dro­hen­den Cyber­at­ta­cken von Ter­ro­ris­ten, Kri­mi­nel­len und unfreund­li­chen Staa­ten haben de Mai­ziè­re und sei­ne Trup­pe jeden­falls nicht all­zu viel entgegenzusetzen.

Zugleich hat die Bun­des­po­li­zei, weil sie kaum noch Rekru­ten fin­det, die Anfor­de­run­gen an die poten­zi­el­len Bewer­ber auf einen Aus­bil­dungs­platz gro­tesk mini­miert (hier): Wer für den mitt­le­ren Poli­zei­voll­zugs­dienst kan­di­diert, darf beim Ein­stel­lungs­test-Dik­tat auf zwei­hun­dert Wör­ter 24 Recht­schreib­feh­ler machen; die Unter- oder bes­ser Ober­gren­ze beim Body-Mass-Index (BMI) wur­de auf 35 ange­ho­ben (ich dürf­te als Poli­zei­be­wer­ber 116 Kilo­gramm wie­gen, aber Mike Tyson hat­te immer­hin einen BMI um die 31), und die bis­lang gefor­der­te Min­dest­kör­per­grö­ße wur­de eben­falls abge­schafft. Du darfst als Poli­zei­an­wär­ter dumm, fett und ein Gnom sein und wirst ver­be­am­tet, aber trotz­dem fin­den sie kei­ne. Wer hat schließ­lich schon Lust, sich in den mole­ku­la­ren Bür­ger­krie­gen der Zukunft ver­hei­zen las­sen, zumin­dest solan­ge kein Gus­tav Noske im Amt ist?

Inwi­schen for­dern sogar füh­ren­de Sozis, die Poli­zei sol­le per­so­nell auf­ge­stockt wer­den – nur mit Mer­kel­le­go, so die dahin­ter lau­ern­de Erkennt­nis, wird der Schutz der Bür­ger vor Schutz­su­chen­den bei kon­stant offe­nen Gren­zen und wei­ter­hin unge­re­gel­ter Ein­wan­de­rung im unte­ren fünf­stel­li­gen Bereich pro Monat nicht funk­tio­nie­ren. (Kon­se­quen­ter­wei­se müss­ten sie auch den Bau neu­er Knäs­te for­dern.) Die Gren­zen kon­trol­lie­ren geht bekannt­lich nicht, denn das for­dert die AfD, und dann wür­den wir uns abschot­ten und schnur­stracks „in Inzucht dege­ne­rie­ren” (W. Schäub­le). Zugleich sind die roten Strol­che, wenn ich rich­tig infor­miert bin, für den Fami­li­en­nach­zug. Das heißt, die Poli­zei­plan­stel­len müss­ten dann von Neu­em auf­ge­stockt wer­den. Da jetzt schon Rekru­tenen­man­gel herrscht, wer­den sie wahr­schein­lich frü­her oder spä­ter auch um Geh­be­hin­der­te, Blin­de, Sekun­där­an­alpha­be­ten, Dro­gen­süch­ti­ge, durch­ge­fal­le­ne DSDS-Kan­di­da­ten und Gen­der-For­sche­rin­nen werben.

Über­aus wei­se, wenn auch nicht wirk­lich war­me Wor­te zum The­ma deut­sche Poli­tik und Inne­re Sicher­heit fin­den Sie hier.

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Man kann es ja auch mal so sehen: Die Leu­te, die dafür plä­die­ren und poli­tisch dar­an arbei­ten, dass auf Erden eines Tages eine durch­misch­te mit­tel­brau­ne Ein­heits­ras­se leben möge, ver­kör­pern viel­leicht nur eine spe­zi­el­le Reak­ti­on auf die von Tag zu Tag ein biss­chen weni­ger unplau­si­bel erschei­nen­de Theo­rie A. Hit­lers, die Welt­ge­schich­te sei und blei­be letzt­lich eine end­lo­se Fol­ge von Rassenkämpfen.

Übri­gens: Auch den eif­rigs­ten Anti­ras­sis­ten wird man im Bür­ger­kriegs­fall ohne Umschwei­fe sei­ner Eth­nie zuordnen.

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Dass er das Wirts­tier und damit sich selbst am Ende umbringt, ist das Dilem­ma des Para­si­ten – und die letz­te Genug­tu­ung des Wirts.

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