12. Februar 2018

Regel­mä­ßig sehen sich Kon­ser­va­ti­ve in Talk­run­den mit der Fra­ge kon­fron­tiert, was denn für sie eigent­lich deutsch bzw. ein Deut­scher sei, vor­ge­tra­gen meist im Duk­tus eines höhe­ren Kin­der­gärt­ners, der es an der Zeit fin­det, über die Nicht­exis­tenz des Weih­nachts­man­nes auf­zu­klä­ren. Zunächst ist die Ant­wort recht ein­fach: Deutsch ist – nein, falsch – ein Deut­scher ist, wer einen deut­schen Pass besitzt. Ein Deut­scher muss dem­zu­fol­ge gar nicht deutsch sein. Men­schen, die einen deut­schen Pass besit­zen, kön­nen jeder belie­bi­gen Eth­nie ange­hö­ren. Wenn umge­kehrt zum Bei­spiel Heri­bert P. aus Mün­chen in den Sudan aus­wan­der­te, wor­über vie­le trau­rig wären, ganz beson­ders der Ver­fas­ser die­ses Dia­ri­ums, und dort brav die Staats­bür­ger­schaft annäh­me, könn­te er von sich behaup­ten, er sei suda­ne­si­scher Staats­bür­ger. In gewis­sem Sin­ne könn­te er sogar sagen, er sei jetzt ein Suda­ne­se, auch wenn das eini­ges Schmun­zeln aus­lö­sen dürf­te. Aber nim­mer­mehr, er sei suda­ne­sisch. Der­glei­chen dau­ert Generationen.

Wenn Ach­med oder Mus­ta­fa sagen, sie sei­en Deut­sche, weil sie einen deut­schen Pass besit­zen, ist das recht­lich kor­rekt; deutsch im Sin­ne eines Bün­dels von über Genera­tio­nen tra­dier­ten und ver­erb­ten Eigen­schaf­ten sind sie damit (noch) kei­nes­wegs gewor­den. Das ist kein Wert­ur­teil, son­dern eine Beschrei­bung; im umge­kehr­ten Fal­le wäre es nicht anders. Haben Ach­med und Mus­ta­fa zugleich noch ihren tür­ki­schen Pass, sind sie weder Deut­sche noch deutsch, son­dern etwas Drit­tes – sofern sie nicht zu jener statt­li­chen Schar tür­ki­scher Ein­wan­de­rer oder Ein­wan­de­rer­kin­der gehö­ren, die sich ohne Ein­schrän­kung als Tür­ken empfinden.

Unse­re Best­men­schen wür­den jetzt ein­wen­den, die­ses Drit­te sei das Fun­da­ment für die Zukunft, es sei gut, dass natio­na­le Loya­li­tä­ten porös wer­den, und bald sei dies The­ma nur noch ein Spuk aus der Ver­gan­gen­heit. Die Stich­hal­tig­keit die­ser The­se wür­de sich im Kon­flikt­fall zei­gen – ich hal­te es hier mit Carl Schmitt, dass nur der Ernst­fall in Betracht kommt, weil der Nor­mal­fall banal ist –, aber der Defi­ni­ti­on, was deutsch ist, kom­men wir mit sol­chen Erwä­gun­gen nicht näher.

Die Fra­ge danach wird in der Regel gestellt, um den Gefrag­ten lächer­lich zu machen, weil er an so etwas Absur­des oder Über­hol­tes über­haupt glaubt. Deutsch­sein, deut­sches Volk, deut­sche Natio­na­li­tät, all das sind bloß Kon­struk­te, die zwar im Grund­ge­setz auf­tau­chen, aber auf den his­to­ri­schen Müll gehö­ren, weil sie dem Fort­schritt in die mul­ti­eth­ni­sche, „bun­te” Gesell­schaft im Wege ste­hen, lau­tet die kor­rek­te Ant­wort. Kon­se­quen­ter­wei­se müs­se man die Völ­ker und ihre Natio­nal­staa­ten suk­zes­si­ve auf­lö­sen. Die Unter­schie­de zwi­schen ihnen sei­en ohne­hin so groß nicht und kaum zu definieren.

Die­se Prä­mis­se ist offen­kun­dig falsch. Jeder weiß und sieht auf den ers­ten Blick, dass es mit Hän­den zu grei­fen­de Unter­schie­de zwi­schen den natio­na­len Groß­kol­lek­ti­ven gibt. Der Japa­ner unter­schei­det sich vom Tsche­chen, der Kolum­bia­ner unter­schei­det sich vom Nige­ria­ner. Es sind nicht nur gene­ti­sche und eth­ni­sche Prä­gun­gen, die sie unter­schei­den, son­dern auch kul­tu­rel­le und reli­giö­se; es sind Men­ta­li­tä­ten, es ist ihr Habi­tus. Die Ras­se, das Tem­pe­ra­ment, die Geschich­te, die Tra­di­tio­nen, die Reli­gi­on, die Sit­ten, die Ver­bind­lich­kei­ten, die Grup­pen­loya­li­tä­ten, die Rol­le der Frau, die Recht­spre­chung, die Ein­stel­lung zur Wahr­heit: An sol­chen Exis­ten­tia­li­en machen sich zahl­rei­che Unter­schie­de fest. Wer kon­flikt­frei von einer in eine ande­re Groß­grup­pe wech­seln will, muss sich nach deren Kri­te­ri­en richten.

Wir kön­nen über­all in Deutsch­land gebo­re­ne Kin­der und Jugend­li­che beob­ach­ten, die erkenn­bar kei­ner euro­päi­schen Eth­nie ent­stam­men, sich aber in ihrem Habi­tus und ihrer Spra­che von ihren deut­schen Mit­schü­lern nicht unter­schei­den. Wir kön­nen aber eben­so sol­che hier­zu­lan­de gebo­re­nen Kin­der und Jugend­li­che fremd­eth­ni­scher Abstam­mung beob­ach­ten, deren Habi­tus sich nicht ange­gli­chen hat. Bei unkrie­ge­ri­schen Migra­ti­ons­be­we­gun­gen pas­sen sich die Ein­wan­de­rer übli­cher­wei­se dem Habi­tus der Auf­nah­me­ge­sell­schaft an und ver­än­dern die­sen gleich­zei­tig unmerk­lich. Voll­zie­hen sich sol­che Pro­zes­se all­mäh­lich und gleich­sam „in Tröp­chen”, ist alles gut. Voll­zie­hen sie sich zu schnell und in gro­ßen Wel­len, kön­nen sie zu blu­ti­gen Kon­flik­ten füh­ren und Län­der desta­bi­li­sie­ren. Auch wenn das ein­wan­dern­de Kol­lek­tiv sich osten­ta­tiv von der Ein­hei­mi­schen abgrenzt, deut­lich abwei­chen­de Sit­ten pflegt und sich im Fort­pflan­zungs­ver­hal­ten unter­schei­det, sind Kon­flik­te unausweichlich. 

Fast alle Völ­ker leben heu­te noch ganz selbst­ver­ständ­lich in ihren natio­na­len Klau­su­ren, ohne sich dafür im Gerings­ten abzu­schot­ten. Aber der Wunsch, sich im glo­ba­len Gro­ßeng­an­zen eth­nisch auf­zu­lö­sen, ist ein exklu­siv west­li­cher und vor allem deut­scher, wobei auch in kei­nem west­li­chen Land tat­säch­lich Mehr­hei­ten dafür zu gewin­nen wären.

Was aber soll denn nun deutsch sein? In gebo­te­ner Kür­ze und mit aller Bereit­schaft zum Frag­men­ta­ri­schen sei eine Ant­wort skiz­ziert. Wil­helm Busch etwa ist deutsch, die­se Mischung aus Gemüt­lich­keit, Scha­den­freu­de, Bos­haf­tig­keit und Geist. „Ord­nung muss sein” ist deutsch. Inge­nieurs­kunst und Made in Ger­ma­ny als welt­wei­tes Güte­sie­gel sind deutsch. Deutsch ist die Men­ta­li­tät, eine Sache zu Ende zu füh­ren. Es ist deutsch, zu viel zu arbei­ten und eine gewis­se Unfä­hig­keit, die Früch­te die­ser Arbeit zu genie­ßen, ist es eben­so. Die ewi­ge Fra­ge, was deutsch sei, ist deutsch. Deutsch sind der Tief­sinn, die Pflicht­ethik und die Nei­gung zum Prin­zi­pi­el­len, Kehr­wo­che und Meta­phy­sik. Deutsch sind eine gewis­se Pro­vin­zia­li­tät, die Nei­gung zum Kon­for­mis­mus und ein unver­wüst­li­cher Unter­ta­nen­geist, alles Fol­gen des jahr­hun­der­te­lan­gen Umge­ben­seins von unfreund­li­chen Nach­barn. Der Sozia­lis­mus ist deutsch, die deut­sche See­le ist im Inners­ten sozia­lis­tisch. Deutsch ist es, „die Ele­men­ta zu spe­ku­lie­ren” und für alles Nicht­spe­ku­la­ti­ve tech­ni­sche Lösun­gen zu fin­den. Deutsch sind die Brü­der Hum­boldt als Mit­be­grün­der jener Leit­kul­tur, deren Lei­den­schaft der Erfor­schung frem­der Kul­tu­ren gilt, sowie die Idee der Uni­ver­si­tät als Ort uni­ver­sel­ler Bil­dung. Deutsch ist die Treue zu einer Idee bis zur Idio­tie. Deutsch sind der Ries­ling und die Bur­gen am Rhein, „Eine fes­te Burg ist unser Gott”, das „Meistersinger”-Vorspiel und der Ein­zug der Gäs­te in die Wart­burg im „Tann­häu­ser”, der Mond der Roman­tik, die Begriffs­müh­len des deut­schen Idea­lis­mus, aber auch jene des Amts­schim­mels, gehal­te­ne Ver­spre­chen und das völ­li­ge Feh­len von Ele­ganz im täg­li­chen Umgang… – ich bre­che hier ab.

Das alles sei­en kei­ne ver­wert­ba­ren Kri­te­ri­en, wird man­cher ein­wen­den. Sie sei­en weder ver­all­ge­mei­ner­bar noch beson­ders aktu­ell. Vie­le deut­sche „Jetzt­sas­sen” (Th. Kapiel­ski) könn­ten mit all­dem nicht das Gerings­te anfan­gen. Im Grun­de leg­te ich mit die­sem Sam­mel­su­ri­um bloß offen, dass ich in der Ver­gan­gen­heit lebe. All die­se Cha­rak­te­ris­ti­ka sei­en ver­gäng­lich und wür­den frü­her oder spä­ter in den Müh­len der Glo­ba­li­sie­rung mit hin­ein gemah­len wer­den ins Mehl der ulti­ma­ti­ven Buntheit.

Schon mög­lich. Aber noch sind sie wirk­mäch­tig, auch im Den­ken und Ver­hal­ten der­je­ni­gen, die kei­ne Ahnung davon haben, was ich hier vor­tra­ge. Die­se Cha­rak­te­ris­ti­ka genü­gen voll­auf, um die gra­vie­ren­den Unter­schie­de zu den­je­ni­gen zu beschrei­ben, die in hel­len Scha­ren zu uns strö­men, nichts davon mit sich tra­gen und angeb­lich inte­griert wer­den müs­sen. Sie genü­gen voll­auf, um jedem Unver­bohr­ten vor Augen zu füh­ren, wie lan­ge eine sol­che Inte­gra­ti­on sogar dann dau­ern wür­de, wenn die ande­re Sei­te bereit wäre, sich maß­voll anzu­pas­sen. Im Übri­gen han­delt es sich bei der deut­schen Men­ta­li­tät, öko­no­misch gespro­chen, um eine Res­sour­ce, die wie­der­um Para­me­ter wie Ver­läss­lich­keit, Pünkt­lich­keit, Pflicht­be­wusst­sein, Ver­trags­treue, Rechts­ver­trau­en und Rechts­si­cher­heit ein­schließt. Es dau­ert Jahr­hun­der­te, bis sich ein sol­ches gesell­schaft­li­ches Kli­ma aus­bil­det, aber auch Res­sour­cen die­ser Art kön­nen ver­braucht wer­den und keh­ren nicht wieder.

                               ***

Nach­trä­ge.

Eins.
Mit dem Hin­weis, er besit­ze dei­nen ita­lie­ni­schen Pass, und der Fra­ge, ob er denn trotz­dem zu Deutsch­land gehö­re, ver­such­te der TV-Tal­ker M. Lanz sei­nen Gast A. Gau­land in die bewuss­te Ecke zu trei­ben (was nicht gelang). Aber Lanz, kei­ne Ban­ge, Sie sind so deutsch wie nur je ein Block­wart es gewe­sen ist!

Zwei.
Pao­lo Pin­kel woll­te wie­der­um von sei­nem Talk­schau­gast B. Höcke wis­sen: „Ist ein Neo­na­zi inte­griert?” Viel­leicht erklärt der alten Koks­na­se mal jemand den Unter­schied zwi­schen Des­in­te­gra­ti­on und a prio­ri ver­wei­ger­ter Integration?

Drei.
Mar­cel Reich-Rani­cki hat auf die Fra­ge eines Mode­ra­tors, ob er nun Deut­scher sei oder Pole, geant­wor­tet: „Auf jeden Fall bin ich Bür­ger der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ein Deut­scher bin ich nicht.” (Ich dan­ke Leser *** für den Hinweis.)

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