26. März 2018

Lie­be Kin­der unse­ren heu­ti­gen The­men­tag wol­len wir unter das Mot­to stel­len: Wer sich extrem auf das gel­ten­de Recht beruft, ist wahr­schein­lich rechts­ex­trem.
Zum Mit­schrei­ben: Recht = rechts. Herz gibt es nur links.

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Wie wir an den bei­den Wochen­end-Demons­tra­tio­nen bzw. ‑Mani­fes­ta­tio­nen zu Kan­del, Rhein­land-Pfalz, neu­er­lich stu­die­ren durf­ten, läuft hier­zu­lan­de in Sachen Bunt­heit kaum etwas ohne den Schwar­zen Block. Ver­läss­lich ver­such­te die Lücken­pres­se, den „Kan­del ist überall”-Demonstranten die Eti­ket­ten „rechts” und „extrem” anzu­pap­pen und die eben­so ver­läss­li­chen Aus­schrei­tun­gen der Lin­ken in eine letzt­lich ver­ständ­li­che Empö­rung umzu­in­ter­pre­tie­ren. „Was das kos­tet”, zitiert etwa die FAZ eine ansäs­si­ge Ver­käu­fe­rin. „Und was man mit dem Geld für die Inte­gra­ti­on tun könn­te …” Die „Zei­tung für Deutsch­land” erklärt: „Sie mei­ne damit das gro­ße Poli­zei­auf­ge­bot, das sichern soll, dass die Demons­tra­ti­on fried­lich bleibt, aber auch die Maß­nah­men des Ord­nungs­am­tes, den Auf­wand, den die Stadt Kan­del betrei­ben muss, um sich instru­men­ta­li­sie­ren zu las­sen.” Mit der Demons­tra­ti­on, die mit Hil­fe und Hege eines gro­ßen Poli­zei­auf­ge­bots fried­lich blei­ben soll, meint die FAZ-Schrei­be­rin übri­gens die „Kan­del ist überall”-Demonstration, die immer fried­lich ablief, weil es nor­ma­le Bür­ger sind, die dort mit­lau­fen. Das gro­ße Poli­zei­auf­ge­bot folgt tat­säch­lich der emprisch über Jah­re gewon­ne­nen Erkennt­nis: Die Gefähr­lich­keit einer rech­ten Kund­ge­bung bemisst sich an der Zahl der dabei von Links­ex­tre­mis­ten ver­letz­ten Per­so­nen. Die mut­wil­li­ge, wider bes­se­res Wis­sen fabri­zier­te Ver­dre­hung von Ursa­che und Wir­kung sei­tens der FAZ-Schei­be­rin ist natür­lich Lum­pen­pres­se par excel­lence. „Was die rich­ti­ge Reak­ti­on auf die rech­ten Kräf­te ist”, setzt sie ihren ADN-Kom­men­tar fort, „auf die­se Fra­ge haben die Bewoh­ner Kan­dels noch kei­ne abschlie­ßen­de Ant­wort gefunden.”

Was wohl im Wesent­li­chen damit zusam­men­hängt, dass sie gar nicht gefragt wer­den. Das bun­te Bünd­nis „Wir sind Kan­del” wur­de über­wie­gend aus umlie­gen­den Lan­des­tei­len in die Klein­stadt gekarrt – auf wes­sen Kos­ten, wie Had­mut Danisch gern wis­sen möch­te, wird hof­fent­lich eine Klei­ne Anfra­ge der AfD im Land­tag klä­ren. Nicht­staat­lich orga­ni­sier­te Demos und Initia­ti­ven kom­men inzwi­schen nur noch von „rechts”; Vera Lengs­feld, die noch mehr als ich aus der Zukunft stammt, kon­sta­tiert die „Rück­kehr der staat­lich ver­ord­ne­ten Demons­tra­tio­nen”. Den enga­gier­ten Gra­tis­rei­sen­den konn­te die rhein­land-pfäl­zi­sche Minis­ter­prä­si­den­tin Malu Drey­er (SPD) dann beschwingt zuru­fen, sie wer­de es nicht geneh­mi­gen, dass der Tod einer 15-Jäh­ri­gen „instru­men­ta­li­siert” wer­de, die Lan­des­re­gie­rung ste­he an der Sei­te der Bür­ger, die für ein „welt­of­fe­nes, libe­ra­les und gewalt­frei­es Mit­ein­an­der” ein­trä­ten und der­glei­chen Kan­del­ge­la­ber mehr. Als sie weg war, apro­pos gewalt­frei­es Mit­ein­an­der und was das kos­tet, leg­te die Anti­fa los (im Selbst­zeug­nis eines die­ser Recken liest sich das so), wäh­rend von den schlim­men Mer­kel-Geg­nern wie immer kei­ne Gefahr und erst recht kei­ne Gewalt aus­ging. Ein Jour­na­list ohne hin­rei­chen­de End­siegs­hoff­nung und des­we­gen auch ohne Schrift­lei­tung, der am Ort war („vor Ort” war bis­lang kaum je einer), beschreibt die Gescheh­nis­se etwas anders hier.

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Der Staats­recht­ler Ulrich Vos­gerau hat in einem Cice­ro-Essay mit dem prä­gnan­ten Titel „Die Herr­schaft des Unrechts” im Herbst 2015 jene Zustands­be­schrei­bung for­mu­liert, die spä­ter von Horst See­hofer popu­la­ri­siert wur­de, ohne dass der baye­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent an besag­tem Unrecht irgend­et­was zu ändern gedach­te; bei­des, die Rüge und das Nichts­stun, war sicher­lich mit der Kanz­le­rin vor­her so abge­spro­chen. Nun fasst Vos­gerau in einem hand­li­chen Buch, für des­sen Zusen­dung ich kal­ten Her­zens dan­ke, noch ein­mal die gel­ten­de Rechts­la­ge in der Asyl­fra­ge zusam­men. Da vie­le Men­schen, sofern sie schon län­ger hier leben, ver­un­si­chert sind und nicht wis­sen, was sie nun glau­ben sol­len, gestat­te ich mir, die Situa­ti­on aus der Sicht des Rechts­staats­fun­da­men­ta­lis­ten (= Rechts-Extre­mis­ten) zu referieren.

Ers­tens: Der außer­halb der Pro­blem­ge­bie­te vie­le Her­zen wär­men­de Satz „Asyl kennt kei­ne Ober­gren­ze” ist falsch. „Bei dem Indi­vi­du­al­grund­recht auf Asyl han­delt es sich nicht um ein Abwehr­recht – ein rei­nes Abwehr­recht wür­de in der Tat kei­ne Ober­gren­ze ken­nen, z.B.: will­kür­li­che Ein­ker­ke­rung ist immer ver­bo­ten, unab­hän­gig davon, ob der Staat einen oder tau­send Men­schen will­kür­lich ein­ker­kern will –, son­dern um ein Leis­tungs­recht.”  Wer Asyl bean­tra­ge, wol­le nicht vom Staat in Ruhe gelas­sen wer­den, son­dern ver­lan­ge etwas von ihm. Jedes Leis­tungs­recht unter­lie­ge einem still­schwei­gen­den „Vor­be­halt des Mög­li­chen”. Wenn mehr Men­schen stu­die­ren woll­ten, als Stu­di­en­plät­ze da sei­en, müs­se der Staat auch nicht so lan­ge Uni­ver­si­tä­ten grün­den, bis alle indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se gestillt seien.

Man merkt sofort, wie gemein die­se Rechts-Extre­mis­ten argu­men­tie­ren; als ob man die Stu­di­en­plät­ze derer, die erst nach ihrem Abschluss auf Hartz IV ankom­men, mit den­je­ni­gen ver­glei­chen könn­te, die sofort nach der Ein­rei­se „in unse­ren Sozi­al­sys­te­men zu Hau­se sind und sich auch zu Hau­se füh­len kön­nen” (Kat­rin Göring-Eck­hardt)! Außer­dem gilt im Deut­schen spä­tes­tens seit der Früh­jahrs­of­fen­si­ve 1918, die auf den schö­nen Namen „Micha­el” getauft wur­de, der still­schwei­gen­de Vor­be­halt des Unmög­li­chen.

Indes­sen und zwei­tens, fährt der furcht­ba­re Jurist fort, kom­me es auf die Fra­ge nach der Ober­gren­ze recht­lich gar nicht an. „Denn fast nie­mand, der aus Syri­en zu uns kommt – selbst wenn er wirk­lich aus Syri­en kommt –, ist in Deutsch­land asyl­be­rech­tigt.” Nur indi­vi­du­el­le poli­ti­sche Ver­fol­gung, der sich der Fliehende –

Wehe dem Flie­hen­den
Welt hin­aus zie­hen­den! –
Frem­de durch­mes­sen­den,
Hei­math ver­ges­sen­den,
Mut­ter­haus has­sen­den,
Freun­de ver­las­sen­den
Fol­get kein Segen, ach!
Auf ihren Wegen nach!

(Rellstab/Schubert: „In der Ferne”) 

– nicht anders zu ent­zie­hen ver­mag als durch die Ein­rei­se nach Deutsch­land, bil­de einen Asyl­grund. „Krieg und Bür­ger­krieg, auch die all­ge­mei­ne, prak­tisch alle Men­schen betref­fen­de Gefähr­dung durch Gewalt und Will­kür im Hei­mat­land und erst recht wirt­schaft­li­che Per­spek­tiv­lo­sig­keit wegen Kor­rup­ti­on und hoher Arbeits­lo­sig­keit sind kei­ne Asyl­grün­de.” Wäre es anders, „dann hät­ten gut 80 % der der­zei­ti­gen Welt­be­völ­ke­rung einen Anspruch auf Asyl in Deutsch­land.” Hät­te, hät­te, Dönerkette…

Doch es kommt, drit­tens, noch schlim­mer, wor­aus sich auch die mas­si­ve Ableh­nung des gel­ten­den Rechts durch die Recht­gläu­bi­gen her­lei­tet: Selbst wer einen indi­vi­du­el­len Asyl­grund nach­weist, besitzt kein Recht auf Asyl in Deutsch­land, wenn er über einen siche­ren Dritt­staat ein­ge­reist ist, in dem er sei­nen Antrag längst hät­te stel­len müssen.

Aber, so wird uns täg­lich ver­kli­ckert bzw. ein­ge­häm­mert, das Uni­ons­recht! Ober, par­don, Dame sticht Unter! Durch die EU wur­de doch der „sub­si­diä­re Schutz” ein­ge­führt! „Das bedeu­tet für die Bun­des­re­pu­blik jedoch nur, dass sie den­je­ni­gen Per­so­nen sub­si­diä­ren Schutz gewäh­ren muss, die in Deutsch­land einen Asyl­an­trag stel­len durf­ten, der aber erfolg­los blieb, weil kei­ne indi­vi­du­el­le Ver­fol­gung bestand. Per­so­nen hin­ge­gen die – wie es eben auch die Dub­lin III-Ver­ord­nung vor­sah und unver­än­dert vor­sieht – einen Asyl­an­trag in Ungarn oder Öster­reich, in Ita­li­en oder Grie­chen­land hät­te stel­len müs­sen und die nie nach Deutsch­land hät­ten ein­rei­sen dür­fen, erhal­ten auch kei­nen ’sub­si­diä­ren Schutz’ in Deutschland.”

Das war bereits vier­tens. Mer­ken Sie jetzt, geneig­ter Leser, wie schlimm der Natio­na­lis­mus ist? Ungarn, Öster­reich, Ita­li­en, Grie­chen­land, Deutsch­land, das ist doch alles eins! No Bro­ders! Par­don, Hen­ryk, ich mein­te: No bor­ders!

Aber hat, fünf­tens, der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­sch­rech­te die Abschie­bung erfolg­lo­ser Asyl­be­wer­ber aus Deutsch­land etwa in grie­chi­sche Auf­fang­la­ger nicht als Men­schen­rechts­ver­let­zung gerügt? „Das ist zwar rich­tig”, räumt der kalt­land­län­di­sche Jurist ein, „betrifft aber nur Asyl­be­wer­ber, die in Deutsch­land zunächst Auf­nah­me gefun­den hat­ten und mit­hin der völ­ker­recht­li­chen Zustän­dig­keit (…) der Bun­des­re­pu­blik unter­la­gen. Es gibt jedoch gewiss kei­nen men­schen­recht­li­chen Anspruch von Aus­län­dern aus ande­ren Kul­tur­krei­sen, aus­ge­rech­net in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land einzureisen.”

Daher sei recht­lich eher das Gegen­teil rich­tig: „Gera­de wegen der teils eini­ger­ma­ßen rigi­den Recht­spre­chung des EGMR (des­sen Rich­ter zumeist von Staa­ten ent­sandt wor­den sind, die selbst kei­ne Ein­wan­de­rung dul­den und auch kein Asyl gewäh­ren) dürf­te man die Kriegs­ein­wan­de­rer gar nicht erst ins Land lassen.”

So fins­ter sähe es aus, herrsch­te tat­säch­lich Recht. Aber in Aus­nah­me­fäl­len schützt allah­lob immer noch die Füh­re­rin das Recht. Um die Rechts-Extre­mis­ten küm­mern sich der­weil die Pres­se und die Anti­fa, wor­über Herr Dr. Vos­gerau in sei­nem Buch oben­drein auch noch lamen­tiert, anstatt sich lie­ber sein Herz vom Hol­län­der-Michel zurück­zu­ho­len. Alle wei­te­ren Kapi­tel sei­ner Schrift – etwa: „War­um der ‚Raum ohne Bin­nen­gren­zen’ schei­tern muss­te”, „Das Volk als Grund der Ver­fas­sung: Natio­nal­staat und Sozi­al­staat” – len­ken nur von den Nöten derer ab, die bald hier leben wer­den, und sind wenig hilfreich.

Am bes­ten, unser Genos­se Hei­ko Maas lässt auf der ande­ren Sei­te des Mit­tel­meers, dort wo Kul­tur, Reli­gi­on und Wis­sen­schaft ihren Ursprung und recht eigent­lich ihre Hei­mat haben, mobi­le Ein­bür­ge­rungs­bü­ros ein­rich­ten, denn wer Deut­scher ist, darf selbst­ver­ständ­lich nach Deutsch­land ein­rei­sen. Oder noch bes­ser: Man stellt euro­päi­sche Päs­se aus. Wir haben schließ­lich Nie­der­las­sungs­frei­heit, und jeder EU-Bür­ger hat ein Recht auf deut­sche Sozialleistungen.

Fiat ini­us­ti­tia et pere­at mundus!

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Apro­pos Hei­ko: Der hat bekannt­lich unlängst öffent­lich wie­der­holt, dass er letzt­lich aus dem­sel­ben Grund in die Poli­tik gegan­gen sei wie sein von Han­nah Arendt ein­fühl­sam por­trä­tier­ter Habi­tus­zwil­ling. Zugleich schrieb der Außen­amts­chef der seit zwei Jah­ren bedeu­tends­ten euro­päi­schen Anti­se­mi­ten­an­lauf­stel­le bei sei­nem Besuch in Yad Vas­hem ins Gäs­te­buch: „Deutsch­land trägt die Ver­ant­wor­tung für das grau­sams­te Ver­bre­chen der Menschheitsgeschichte.”

Jedes füh­len­de Herz bricht, wenn es mit Berich­ten über die Shoa kon­fron­tiert wird. Und doch stößt die­ser Super­la­tiv, die­se Bun­des­li­ga­ta­bel­len­men­ta­li­tät, die­se Auf­schnei­de­rei ex nega­tivo, die­se Voll­stre­ckungs­be­am­ten­spra­che ab. Anhand wel­cher Kri­te­ri­en mag der Genos­se nach dem gro­ßen Lei­chen­berg­ver­gleich zu die­sem Urteil gelangt sein? Ich will es Ihnen ver­ra­ten: Es sind die Kri­te­ri­en, die den kleins­ten Gockel am Hof dazu ver­lei­ten, auf den höchs­ten Mist­hau­fen zu klet­tern und am lau­tes­ten zu krähen.

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„Neu­es­te Umfra­gen in afri­ka­ni­schen Län­dern zei­gen, dass bis zu zwei Drit­tel der Ein­woh­ner aus­wan­dern wol­len”, mel­det die Welt. „Dabei sind nicht allein Not und Ter­ror ein Antrieb, son­dern oft Ver­wand­te und Freun­de, die schon in Euro­pa sind.”

Spä­te­re His­to­ri­ker in ande­ren Welt­tei­len wer­den sich wahr­schein­lich wun­dern und die Köp­fe schüt­teln über die erstaun­li­che Nai­vi­tät und Blind­heit, mit wel­cher die Euro­pä­er, die eins­ti­gen Welt­be­herr­scher und vor allem ‑befruch­ter, ihre Ter­ri­to­ri­en einer rei­ßen­den Völ­ker­wan­de­rung geöff­net haben (die Speng­le­ria­ner aus­ge­nom­men, die wis­sen, was kul­tu­rel­le Erschöp­fung bedeu­tet). Doch wie Rolf Peter Sie­fer­le (R.I.P.) geschrie­ben hat, besteht die womög­lich fina­le Befruch­tungs­tat Euro­pas gegen­über zumin­dest dem zivi­li­sier­ten Rest der Welt dar­in, ein abschre­cken­des Bei­spiel zu geben.

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„Wie nennt man jenen Teil von Man­hat­tan, in wel­chem sich die Chi­ne­sen nie­der­ge­las­sen haben?”
„Chi­na-Town.“
„Und das Vier­tel dort, wo sich die Ita­lie­ner ansie­del­ten?”
„Litt­le Ita­ly.”
„Und wie nann­te oder nennt man noch heu­te Ber­lin-Char­lot­ten­burg scherz­haft wegen der vie­len Rus­sen, die dort leben?”
„Char­lot­ten­grad.”
„Und wie bezeich­net man ein Gebiet, wo sich vie­le Mus­li­me aus dem ara­bisch-afri­ka­ni­schen Raum nie­der­las­sen?”
„Ich weiß nicht.”
„No-Go-Area.”

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Die Zeit frag­te, und Dani­el Kehl­mann, der momen­tan an der New York Uni­ver­si­ty als Ger­ma­nist doziert, ließ sich nicht lum­pen und sprach: „Es gibt kei­ne Not­wen­dig­keit, Nazis an die Uni ein­zu­la­den.” Ein biss­chen abson­der­lich ist die­ses State­ment schon – wer mag jemals das Gegen­teil behaup­tet haben? Neu­gie­rig liest man nach die­ser Über­schrift also weiter:

„Zeit: Ein Pro­fes­sor schrieb in der New York Times, dass Akti­vis­ten der soge­nann­ten Alt-Right-Bewe­gung wie Milo Yianno­pou­los nicht auf dem Cam­pus reden dür­fen. Wie sehen Sie das?

Kehl­mann: Das war mein Kol­le­ge und Freund Ulrich Baer, der ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Ger­ma­nis­tik an der New York Uni­ver­si­ty unter­rich­tet. Er hat einen Text über die soge­nann­te Snow­fla­ke-Genera­ti­on geschrie­ben, die vor Posi­tio­nen geschützt wer­den will, die sie emo­tio­nal zu sehr ver­let­zen. Dazu gehö­ren auch rech­te Posi­tio­nen. Hier in den USA wol­len sich Ange­hö­ri­ge der Alt Right per Gerichts­kla­gen selbst Ein­gang in die Unis ver­schaf­fen. Ich hät­te in die­ser Debat­te zwar nicht mit der Befind­lich­keit der Stu­den­ten argu­men­tiert, aber ich lan­de beim glei­chen Ergeb­nis. Rechts­ex­tre­me haben kein vor­ge­ge­be­nes Recht, auf dem Cam­pus zu sprechen.”

Rechts­ex­tre­me? Wo blei­ben die Nazis?

„Und in der Phy­sik lädt man ja auch kei­ne der vie­len Wirr­köp­fe ein, die behaup­ten, die Rela­ti­vi­täts­theo­rie sei eine Verschwörung.”

Wirr­köp­fe? Ich will Nazis!

„Zeit: Aber in der Phy­sik wer­den Fak­ten dis­ku­tiert. Der der­zei­ti­ge Streit ist ein Streit der Idea­le und Ansich­ten. Muss man den nicht führen?

Kehl­mann: Man muss ihn viel­leicht füh­ren, aber er hat auch Gren­zen. Es gibt kei­ne recht­li­che Not­wen­dig­keit, Nazis an die Uni einzuladen.”

Na das wur­de aber auch Zeit! Der Zir­kel­schluss geht so: Alt-Right = Rechts­ex­tre­me = Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker = Wis­sen­schafts­leug­ner = Nazis. Und reprä­sen­ta­tiv dafür steht Milo Yianno­pou­los. Es besteht kei­ne „recht­li­che Not­wen­dig­keit” – ich wun­de­re mich, wie Kehl­mann je in den Ruch gera­ten konn­te, über­mä­ßig intel­li­gent zu sein –, die Trump-Schwuch­tel ein­zu­la­den. Der Witz ist nur, dass die Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley genau das getan hat, sie hat Yianno­pou­los, der, mit Ver­laub, weder ein Wirr­kopf noch ein Extre­mist ist, als Red­ner ein­ge­la­den, und was dann am Cam­pus pas­sier­te, hat sich bis hier­her her­um­ge­spro­chen, wahr­schein­lich war die Anti­fa ein biss­chen nei­disch auf die Ran­da­le, die übri­gens sogar auf der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia als „Pro­test” fir­miert, etwa so als habe am 10. Mai 1933 auf dem Ber­li­ner Opern­platz ein Pro­test statt­ge­fun­den. Es ver­hält sich also genau anders­her­um, als der sau­be­re Gevat­ter Kehl­mann sug­ge­riert, und nach Lage der Din­ge stellt unser Gra­tis­mu­ti­ger sich auf die Sei­te jenes Mobs, der die freie Rede mit Knüp­peln und Brand­sät­zen ver­hin­dert hat, wor­auf gera­de Autoren, die öffent­lich auf­zu­tre­ten geden­ken, sen­si­bel reagie­ren sollten.

In wes­sen Diens­ten, zu wel­chem Zweck das alles? Kehl­mann: „Der Staat ist eben für das gesund­heit­li­che und wirt­schaft­li­che Wohl sei­ner Bür­ger ver­ant­wort­lich. Man soll­te nicht stän­dig ums Über­le­ben kämp­fen müs­sen. Die­se Idee hat in der eng­lisch­spra­chi­gen Welt nie viel Unter­stüt­zung gehabt, und das wirkt sich nun kata­stro­phal aus. Es ist schon erstaun­lich: Aus­ge­rech­net die poli­tisch schein­bar so sta­bi­le, libe­ra­le angel­säch­si­sche Welt springt plötz­lich geschlos­sen von der Klip­pe, wäh­rend Deutsch­land und Frank­reich dem bis­her ent­kom­men sind.”

Der Staat ist für das wirt­schaft­li­che Wohl sei­ner Bür­ger ver­ant­wort­lich, das ist unge­fähr eine so stim­mi­ge Behaup­tung wie die, der Tier­präpe­ra­tor sei für das Wohl sei­ner Objek­te ver­ant­wort­lich. Ich habe das hier gele­gent­lich aus­ge­führt: Gera­de die deut­sche Ver­si­on des Sozi­al­staats ist eine Aus­plün­de­rungs- und Beu­te­ver­tei­lungs­ver­an­stal­tung, ein Gegen­ein­an­der-Aus­spie­len von Grup­pen­an­sprü­chen, das in einem zuneh­mend rechts­frei­en Raum statt­fin­det, durch die Bedürf­ti­gen­schwem­me seit der Grenz­öff­nung 2015 nun aber, wenn das kecke Bild gestat­tet ist, in die Ziel­ge­ra­de ein­ge­bo­gen ist. Inso­fern wohnt der For­mu­lie­rung, der Staat sei dazu da, dass die Bür­ger nicht ums Über­le­ben kämp­fen müs­sen, so etwas wie der Zau­ber einer visio­nä­ren Sati­re inne.

Was noch fehlt, ist die kol­lek­ti­ve Denun­zia­ti­on, und ich sag­te ja bereits, Kehl­mann las­se sich nicht lum­pen (sic!), und er ist schlau genug, immer Wit­te­rung und „Fähr­te” zu haben, wen er gefahr­lo­se ver­bel­len kann (hier etwa), um sich im Betrieb an der Ober­flä­che zu hal­ten: „Wenn man sich mit Trump-Wäh­lern unter­hält und sich nicht gleich echauf­fiert, son­dern immer wei­ter­fragt, endet man frü­her oder spä­ter beim Ras­sis­mus und auf eine nicht ganz so dras­ti­sche Wei­se bei Miso­gy­nie. Sie sagen: Ame­ri­ka soll­te nicht von einer Frau regiert wer­den, aber schon gar nicht von einem Schwar­zen. Der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Ta-Nehi­si Coa­tes ana­ly­siert die Situa­ti­on gut, er sagt sehr über­zeu­gend, dass sich letzt­lich die gan­ze Trump-Bewe­gung auf tief sit­zen­den Ras­sis­mus zurück­füh­ren lässt. Ich den­ke, das stimmt.”

Der gan­ze Seim die­ses poli­ti­schen Lage­be­ur­tei­lungs­ge­nies hier. (Dass Kehl­mann auf dem Bild ein biss­chen aus­sieht wie der gott­be­gna­de­te Fran­co Corel­li, macht die Sache nicht besser.)

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Woher der ras­sis­ti­sche Wind der­zeit am hef­tigs­ten weht, auch das wur­de hier öfter the­ma­tisert, lässt sich in Afri­ka besich­ti­gen, vor allem am Kap, wo die Ent­eig­nung, Ver­trei­bung und Nie­der­met­ze­lung wei­ßer Far­mer längst sys­te­ma­tisch geschieht: „The mur­ders so bru­tal they sho­cked even South Afri­ca: Cou­p­le shot dead, then son aged 12 is drow­ned in scal­ding bath”. Sie kön­nen den drei Kin­der­ko­chern sogar in die teil­nahms­lo­sen Visa­gen sehen, hier.

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Es fol­gen die Bunt­heits­kom­plet­tie­rungs-News, wie immer höchst unvoll­stän­dig, was mir halt so zuge­morst wird, aber abge­seg­net von Malu Dreyer: 

„Immer mehr Mes­ser­at­ta­cken in Deutsch­land” (hier).
„Poli­zei-Exper­te aus NRW zeich­net düs­te­res Bild: ‚Poli­zis­ten in NRW sind Gewalt­tä­tern nicht mehr gewach­sen’ ” (hier).
„Nach der Mes­ser­at­ta­cke auf eine 24-Jäh­ri­ge in Burg­we­del ringt das Opfer mit dem Tod. Jugend­li­che haben sie nach einem Streit im Super­markt ange­grif­fen” (hier).
„Der Auto­kor­so einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft ist am Sonn­abend auf der Auto­bahn 226 völ­lig aus dem Ruder gelau­fen: Aus den Autos wur­den zunächst Schüs­se abge­ge­ben, spä­ter stell­te sich ein Daim­ler quer und blo­ckier­te die Fahr­bahn” (hier).
„Leh­re­rin schlägt Alarm: Ich kom­me mit den Kin­dern nicht mehr zum Ler­nen” (hier).
„Wer­den Gewalt auf Euro­pas Stra­ßen tra­gen”: Sicher­heits­be­hör­den waren vor kur­di­schen Akti­vis­ten (hier).
„Kom­man­deur schlägt beim Abschied Alarm: ‚Mate­ri­ell und per­so­nell fünf nach Zwölf’ ” (hier).
„Mäd­chen (16) an Wup­per­ta­ler Schwe­be­bahn ver­ge­wal­tigt. Poli­zei sucht die­sen Mann” (hier).
„Die Flens­bur­ger Poli­zei hat einen Groß­teil der Innen­stadt zum ‚Gefähr­li­chen Ort’ erklärt. Hin­ter­grund sind Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Jugend­grup­pen seit Beginn des Jah­res” (hier).
„Trep­pe run­ter­ge­schubst: Opfer (76) schil­dert unfass­ba­re Tat” (hier).
„Gewalt­be­rei­te Pati­en­ten ver­brei­ten Angst und Schre­cken in Bie­le­fel­der Kli­ni­ken” (hier).
„In Ber­lin hat haben mus­li­mi­sche Schü­ler ein jüdi­sches Mäd­chen an einer Grund­schu­le (!) gemobbt und mit dem Tode bedroht, und auch ein Mäd­chen habe ihr gesagt, dass jeder ver­brannt wür­de, der nicht an Allah glaubt. Zur Unter­maue­rung kur­sie­ren an der Grund­schu­le (!) Ent­haup­tungs­vi­de­os auf den Han­dys” (hier).
„Wäh­rend er von zwei Tätern fest­ge­hal­ten wur­de, schnitt der drit­te dem 16-Jäh­ri­gen mit einer Glas­scher­be ins Gesicht, an Bauch, Arm und Bein. Ihr Opfer erlitt meh­re­re Schnitt­wun­den und muss­te ins ört­li­che Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wer­den” (hier).
„Der Mann war am Sonn­tag­mor­gen mit den drei Män­nern in Streit gera­ten. Dabei trat einer von ihnen gegen sei­nen Ober­kör­per. Der 29-Jäh­ri­ge stürz­te im Bahn­hof Frank­fur­ter Alle nach hin­ten und erlitt lebens­ge­fähr­li­che Kopf­ver­let­zun­gen” (hier).
„Am Frei­tag­mit­tag wur­de eine 88-Jäh­ri­ge von zwei Räu­bern ange­grif­fen und zu Boden gesto­ßen. Sie liegt mit Becken­bruch im Kran­ken­haus. Die Täter erbeu­te­ten ihre Ein­kaufs­ta­sche mit Geld und Waren im Wert von 300 Euro. Kurz dar­auf über­fie­len die glei­chen Täter Rent­ne­rin Chris­ta H. (66) im Ein­gangs­be­reich eines Plat­ten­baus auf der Come­ni­us­stra­ße – auch sie kam mit ihrem Rol­la­tor gera­de vom Ein­kau­fen” (hier).

Der Mann war am Sonn­tag­mor­gen mit den drei Män­nern in Streit gera­ten. Dabei trat einer von ihnen gegen sei­nen Ober­kör­per. Der 29-Jäh­ri­ge stürz­te im Bahn­hof Frank­fur­ter Alle nach hin­ten und erlitt lebens­ge­fähr­li­che Kopfverletzungen.

Das Opfer war laut Ebers­ber­ger Poli­zei­prä­si­di­um gera­de vom Klos­ter­bau­hof in Rich­tung Alt­stadt­pas­sa­ge unter­wegs, als der Jugend­li­che plötz­lich und ohne vor­an­ge­gan­ge­nes Gespräch, von drei unbe­kann­ten Män­nern ange­gan­gen wur­de. Sie pack­ten ihn und wäh­rend er von zwei Tätern fest­ge­hal­ten wur­de, schnitt der drit­te dem 16-Jäh­ri­gen mit einer Glas­scher­be ins Gesicht, an Bauch, Arm und Bein.

Ihr Opfer erlitt meh­re­re Schnittwunden

                                  ***

Eine Leh­re­rin schlägt Alarm: „Ich kom­me mit den Kin­dern nicht mehr zum Lernen”
Der Auto­kor­so einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft ist am Sonn­abend auf der Auto­bahn 226 völ­lig aus dem Ruder gelau­fen: Aus den Autos wur­den zunächst Schüs­se abge­ge­ben, spä­ter stell­te sich ein Daim­ler quer und blo­ckier­te die Fahrbahn.Die Flens­bur­ger Poli­zei hat einen Groß­teil der Innen­stadt zum „Gefähr­li­chen Ort” erklärt. Hin­ter­grund sind Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Jugend­grup­pen seit Beginn des Jahres.„Die Flens­bur­ger Poli­zei hat einen Groß­teil der Innen­stadt zum „Gefähr­li­chen Ort” erklärt. Hin­ter­grund sind Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Jugend­grup­pen seit Beginn des Jah­res” (hier).***Am Ende noch die gute Nach­richt: Die „Gemein­sa­me Erklä­rung 2018”, deren media­le Reso­nanz Alex­an­der Wendt hier einer treff­li­chen Kurz­ex­ege­se unter­zieht, hat die Ein­tau­sen­der-Gren­ze durch­bro­chen, und jeden Tag mel­den sich mehr Unterzeichner. 

Am Ende noch die gute Nach­richt: Die „Gemein­sa­me Erklä­rung”, deren media­le Reso­nanz Alex­an­der Wendt hier einer treff­li­chen Kurz­ex­ege­se unter­zieht, hat die Ein­tau­send-Unter­zeich­ner-Gren­ze durch­bro­chen, und jeden Tag mel­den sich mehr. 

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