4. März 2018

Die Sonn­ta­ge immer den Küns­ten! – dies­mal in Form eines Nach­tra­ges zu mei­nen Extem­po­ra­tio­nen über die deut­sche Spra­che vom 2. März. Mit­un­ter fal­len einem Bücher in die Hän­de, bei denen man sich wun­dert, dass es sie nicht schon lan­ge gibt. Vor kur­zem ist im Ver­lag „Das kul­tu­rel­le Gedächt­nis” – die­se Wort­prä­gung dürf­te von Jan Ass­mann stam­men – ein Opus mit dem Titel „Unge­mein eigen­sin­ni­ge Aus­wahl unbe­kann­ter Wort­schön­hei­ten aus dem Grimm­schen Wör­ter­buch” erschie­nen, das ich seit drei Tagen aus­wen­dig zu ler­nen ver­su­che. Ich geste­he, das Grimm­sche Wör­ter­buch ist in mei­ner Biblio­thek nicht vor­rä­tig; ich benut­ze die online-Ver­si­on zum Stö­bern. Aber die 351 Sei­ten umfas­sen­de Aus­wahl von Peter Graf, eines Man­nes, der so beschei­den ist, dass sich weder im Buch noch auf der Ver­lags­web­sei­te irgend­ei­ne Infor­ma­ti­on zu ihm fin­det, lässt nun gewis­se Ent­schlüs­se in mir rei­fen. Die­se Samm­lung ist eine Art Tro­cken­bee­ren­aus­le­se, ach was: ein Eis­wein aus dem Wein­berg der deut­schen Spra­che, auf jeder Sei­te ent­deckt man neue Düf­te und Geschmacks­no­ten, es ist ein berau­schen­des Ver­gnü­gen. Vor allem aber erin­nert das Buch dar­an, dass die Wor­te im Vol­ke ent­ste­hen, im Mun­de ihrer expo­nier­ten Spre­cher Gestalt anneh­men und so die Spra­che wächst und immer neue Blü­ten treibt. 

Das Beson­de­re am Deut­schen ist bekannt­lich die Mög­lich­keit, Begrif­fe unend­lich zu kom­bi­nie­ren, ob nun zum „Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz” (Maas) oder zum „Kul­tur­be­gleit­ge­schwa­fel” (Hen­scheid). Gut die Hälf­te der Samm­lung besteht aus sol­chen Schöp­fun­gen, etwa das gött­li­che getüm­mel­mü­de (Cam­pe) oder Hei­nes däm­mer­süch­tig („es ward mir so selig dabei zu Sin­ne, so däm­mer­süch­tig, so ster­be­faul”). Oder schnell­ge­schen­kelt („die schnell­ge­schen­kel­ten Ros­se”, Bür­ger) schnell­her­schmet­ternd („gleich schnell­her­schmet­tern­den Don­nern”, Klopstock) oder schnell­knal­lend­stark („wan durch schnell-knal­lend-stra­cken dun­der sein zorn und grim wird offen­bar”, Weckherlin). 

Oder aber die Prä­gun­gen:
deutsch­ko­misch (Goe­the)
schlan­gen­um­rin­gelt (Voss)
edel­d­reist (Her­der)
gesich­ter­trun­ken (Cam­pe)
schlecht­ge­hirnt (Hof­manns­wald­au)
kar­tät­schen­si­cher (Seu­me)

In sub­stan­ti­vier­ter Form:
Glos­sen­glau­ben (Luther; nicht zu ver­wech­seln mit dem Genos­sen­glau­ben, auf den sein Werk letzt­lich hin­aus­ge­lau­fen ist)
Zwing­burg­bre­cher (Rück­ert)
Früh­lings­duft­ge­stie­be (der­sel­be)
Ehr­suchts­kit­zel
(Goe­ckingk)
Ehe­kitt (Jean Paul)
Igel­see­le (der­sel­be)

Und natür­lich die Gur­gel­freu­de („die epi­cu­rei­schen bauch­knech­te, suchen nur die elen­de gur­gel­freu­de”; L. Pol­lio 1583)

Egal, wel­che Sei­te man auf­schlägt, über­all sprin­gen einem unbe­kann­te Begrif­fe ins Auge. Die Schlam­po­di­en zum Bei­spiel, „bei allen tafeln, hoch­zei­ten, gas­te­rei­en, kirch­t­ä­gen und schlam­po­di­en“ (Alber­ti­nus, „Nar­ren­hatz”, 1617), wenn das schlub­bi­sche Bier­lu­der ins Schwam­peln (Strau­cheln) kommt und alles schwab­betzt (ver­schüt­tet). Man ist Bier­held oder Wein­rit­ter (Luther), Haupt­sa­che schön­be­weibt (Bür­ger), schön­heits­froh (Treit­sch­ke) und kum­mer­ver­lä­chelnd (noch­mals Bürger). 

Vie­le Wor­te sind aus der mund­art­li­chen Laut­ma­le­rei ent­stan­den, sie haben kei­ne nament­lich bekann­ten Schöp­fer, und das ist die ande­re Hälf­te der Kol­lek­ti­on, man muss nur einen belie­bi­gen Anlaut neh­men, und auf geht’s: knau­peln (anfres­sen), knop­pern (hör­bar nagen), knö­tern (ver­stri­cken), köckern (keckern), kol­zen (schnat­tern), kol­pern (rülp­sen), kolol­len (pras­sen) und kötern (wie ein Hund her­um­lau­fen). Oder kau­dern (mäkeln). Oder eben, eini­ge Sei­ten wei­ter: lickern, lie­deln, lip­peln, lot­teln und ludeln. Krib­bes­krab­bes ist seit 1573 bezeugt; wenig spä­ter schrieb Prä­to­ri­us: „Es dir­dird­ir­li­ret die Lerche”.

Den aktu­el­len Bezug stel­len Wort­schöp­fun­gen wie Deutsch­ver­der­ber (Helfrich Peter Sturz), Kar­sum­pel (statt Gesin­del) oder klem­mär­schig her. Den dick­hirn­scha­li­gen (Goe­the) Press­ben­geln gewährt das Lügen­glück (Kör­ner) eine Lum­pen­be­schäf­ti­gung (Goe­the). Letz­te­rer steu­er­te auch den schö­nen Begriff Quä­lo­dram bei („Man mar­tert sich nun mit einem neu­en Quä­lo­dram”; an Zel­ter). In einer Zwie­licht­stim­mung (Heb­bel) betrat ich den Buch­la­den, Mut­ter­her­zens­fül­le (Jaco­bi) stell­te sich unver­hofft ein, und es wäre unedel­her­zig (Cam­pe), emp­föh­le ich das Werk­lein nicht wei­ter. Dal­de­rald­ei!

                                 ***

Die erwähn­te öster­rei­chi­sche Ver­fas­sung schreibt zur Lan­des­spra­che übri­gens fol­gen­des fest:

Arti­kel 8. (1) Die deut­sche Spra­che ist, unbe­scha­det der den sprach­li­chen Min­der­hei­ten bun­des­ge­setz­lich ein­ge­räum­ten Rech­te, die Staats­spra­che der Repu­blik.
(2) Die Repu­blik (Bund, Län­der und Gemein­den) bekennt sich zu ihrer gewach­se­nen sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Viel­falt, die in den auto­chtho­nen Volks­grup­pen zum Aus­druck kommt. Spra­che und Kul­tur, Bestand und Erhal­tung die­ser Volks­grup­pen sind zu ach­ten, zu sichern und zu fördern.

Leser *** weist auf das in Absatz 2 ver­an­ker­te Wört­chen „auto­chthon” hin, wel­ches die sprach­li­che und kul­tu­rel­le Viel­falt einschränkt. 

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