1. April 2018

Die Sonn­ta­ge immer … !

Ken­nen Sie John Wil­mot, den 2. Earl of Roches­ter? Ich gebe zu, ich kann­te den bizar­ren Her­ren vor kur­zem noch nicht, was damit zusam­men­hängt, dass dem Auto­di­dak­ten nicht nur erstaun­li­che Din­ge bekannt, son­dern eben auch unbe­kannt sind. Ein Freund mit cine­as­ti­schen Nei­gun­gen schenk­te mir zu Weih­nach­ten den Film „The Liber­ti­ne” mit dem Hin­weis, er habe die­ses Opus vol­ler Bedacht für mich aus­ge­wählt, und ich möge doch bei Gele­gen­heit mein Urteil dar­über abge­ben. Nun ist eine gute Gele­gen­heit dafür.

Roches­ter, der übri­gens heu­te Geburts­tag hat, leb­te von 1647 bis 1680. Mit 33 Jah­ren starb er an der Syphi­lis (was damals bedeu­te, sowohl an der Krank­heit als auch an den Metho­den, mit denen sie behan­delt wur­de – Queck­sil­ber! – zu ster­ben), wobei sei­ne Trunk­sucht zumin­dest früh­ab­le­bens­för­der­lich mit­ge­wirkt haben dürf­te. Er starb also, wie man sagt, an den Fol­gen sei­nes aus­schwei­fen­den Lebens­stils. Das war zu sei­ner Zeit und, was die pri­mä­re Todes­ur­sa­che betrifft, in sei­nen Krei­sen nichts Unge­wöhn­li­ches. Wir befin­den uns in der Peri­ode der Regent­schaft von Charles II. (Karl II.), einer der fri­vols­ten Epo­chen der euro­päi­schen und womög­lich die loses­te der eng­li­schen Geschich­te. Charles war der zwei­te Sohn des von Crom­wells Puri­ta­nern ent­haup­te­ten Charles I., und sei­ne Herr­schaft been­de­te das puri­ta­ni­sche Inter­re­gnum, wel­ches sich vor allem in Ver­bo­ten mani­fes­tiert hat­te, ver­gleich­bar Cal­vins kle­ri­kal­fa­schis­ti­schem Regime zu Genf, wo prak­tisch alles bei Stra­fe unter­sagt war, was dem Men­schen hie­nie­den Freu­de berei­tet und Froh­sinn beschert: Musik, Gesang, Tanz, Thea­ter, Spiel, sogar die Lek­tü­re von Roma­nen. So hat­ten denn auch die spä­te­ren angel­säch­si­schen Adep­ten des sit­ten­stren­gen Gen­fer Keryg­ma­ti­kers die Thea­ter geschlos­sen, alle welt­li­che Musik, alle Lust­bar­kei­ten ver­bo­ten, den Trunk geäch­tet und die Freu­den des Flei­sches ins Aller­pri­va­tes­te ver­wie­sen. Die Gegen­be­we­gung fiel ent­spre­chend zügel­los aus; die 68er wir­ken prü­de neben den pro­mis­kui­ti­ven Spaß­vö­geln um Roches­ter, von deren Trei­ben unter ande­rem Samu­el Pepys’ gehei­me Tage­bü­cher künden.

Die­ser Earl war der Ver­fas­ser der wüs­tes­ten Spott­ver­se auf die Gesell­schaft, wobei der den König, zu des­sen engs­ten Ver­trau­ten er gehör­te, nicht ver­schon­te; ein gott­lo­ser Nihi­list, ver­spä­te­ter Kyni­ker, Ver­eh­rer von Tho­mas Hob­bes, Säu­fer, Ran­da­lie­rer, Thea­ter­lieb­ha­ber, Wei­ber­held und Pri­mus inter pares in der „Mer­ry Gang”, einer Schar jun­ger Adli­ger, die sich gegen­sei­tig in fri­vo­len Derb­hei­ten zu über­tref­fen such­ten. Er ver­schleu­der­te sein Leben, sei­ne Gesund­heit, sein Talent und schlug eine Kar­rie­re bei Hofe aus. An Gefall­sucht litt er nicht, die­ser John Wil­mot, und die im Epi­log des Films mehr­fach wie­der­hol­te Fra­ge „Do you like me now?” ist gewis­ser­ma­ßen Hohn aus dem Jen­seits. Was an Ver­sen von ihm über­lie­fert ist – oft aus zwei­ter und drit­ter Hand, weil er sie sel­ber sel­ten auf­schrieb –, strotzt so vor Obs­zö­ni­tät, dass es einen Rap­per nei­disch machen könn­te, ist der­ma­ßen respekt­los, dass man sich fragt, war­um er nur ein­mal im Tower und nie auf dem Scha­fott lan­de­te; vor allem aber ist es bril­lant. Charles II., der sich das bie­ten ließ, war gewiss einer der lang­mü­tigs­ten Mon­ar­chen der euro­päi­schen Geschich­te. Roches­ter hat­te etwa eine Sati­re auf ihn ver­fasst, wel­che zumin­dest dazu führ­te, dass er sich eine Zeit­lang nicht bei Hofe sehen las­sen konn­te; sie hebt an mit den Worten:

In the isle of Bri­tain, long sin­ce famous grown
For bree­ding the best cunts in Chris­ten­dom,
The­re reig­ns, and oh! long may he reign and thri­ve,
The easiest King and best-bred man ali­ve.
Him no ambi­ti­on moves to get renown
Like the French fool, that wan­ders up and down
Star­ving his peop­le, hazar­ding his crown.
Peace is his aim, his gent­leness is such,
And love he loves, for he loves fuck­ing much.

Nor are his high desi­res abo­ve his strength:
His scep­ter and his prick are of a length;
And she may sway the one who plays with th’ other,
And make him litt­le wiser than his bro­ther.
Poor Prince! thy prick, like thy buf­foons at Court,
Will govern thee becau­se it makes thee sport.

Und endet mit dem Paarreim:

All mon­archs I hate, and the thro­nes they sit on,
From the hec­tor of Fran­ce to the cul­ly of Britain.

In der schö­nen Über­set­zung von Chris­ti­ne Wun­ni­cke, die 2005 eine Samm­lung von Sati­ren, Lie­dern und Brie­fen des Schwe­re­nö­ters unter dem Titel „Der beschä­dig­te Wüst­ling” her­aus­gab (Män­ner­schwarm­Skript Ver­lag Ham­burg), lau­ten die Anfangszeilen:

„In Bri­tan­ni­en, wo der Chris­ten­heit
schöns­te Fot­zen wach­sen weit und breit”; 

den Schluss über­setzt sie mit so vogel­wild wie treffend:

„Ich has­se Mon­ar­chen, wobei es mir gleich sei
ob’s der Hek­tor von Frank­reich, ob das bri­ti­sche Weich­ei (cul­ly!).”

Im Film spielt John­ny Depp den Earl und John Mal­ko­vich den König, für schau­spie­le­ri­schen Glanz ist also gesorgt. Der Betrach­ter fin­det sich schnell in einem Zwie­spalt zwi­schen Sym­pa­thie und Abnei­gung gegen­über der Titel­ge­stalt. In ihrer Mischung aus ero­ti­scher Attrak­ti­vi­tät, genia­li­scher Unbe­re­chen­bar­keit und einer mons­trö­sen Rück­sicht­lo­sig­keit gegen­über der eige­nen Gesund­heit sowie jeder­manns Emp­fin­den ist die­se Figur ziem­lich ein­zig­ar­tig. In des Immo­ra­lis­ten eige­nen Worten:

Then bring my bath and strew my bed.
      As each kind night returns;
I’ll chan­ge a mistress till I’m dead,
      And fate chan­ge me to worms.

Der Film basiert auf dem gleich­na­mi­gen Thea­ter­stück von Ste­phen Jef­freys, das 1994 Pre­mie­re hat­te; es ver­hält sich in etwa wie bei dem Film „Ama­de­us” nach dem Stück von Peter Shaf­fer, und das gilt auch für die Tat­sa­chen­treue (dazu gleich). Die Hand­lung beginnt damit, dass John Wil­mot, der zwei­te Graf von Roches­ter, wegen sei­nes unstatt­haf­ten Ver­hal­tens am Hof von König Charles II. für ein Jahr in die Ver­ban­nung auf sei­nen Land­sitz geschickt wur­de. Nach drei Mona­ten beruft der König ihn jedoch zurück nach Lon­don, weil der schil­lern­de Kerl ihm fehlt. – Bei einem Thea­ter­be­such sieht Roches­ter eine neue Schau­spie­le­rin namens Eliza­beth Bar­ry, die vom Publi­kum aus­ge­buht und mit Früch­ten bewor­fen wird. Er erkennt das ver­bor­ge­ne Talent der jun­gen Frau und schließt mit einem sei­ner Freun­de eine Wet­te ab, dass er sie zu einer gro­ßen Mimin schu­len werde.

Der König bit­tet sei­nen „John” inzwi­schen, für ihn ein Büh­nen­stück zu ver­fas­sen, das beim Antritts­be­such des neu­en fran­zö­si­schen Bot­schaf­ters urauf­ge­führt wer­den soll. Er will den Fran­zo­sen zei­gen, dass die eng­li­sche Büh­ne auch etwas zu bie­ten hat. Das von Roches­ter ver­fass­te Stück, in dem sich die Schau­spie­le­rin­nen unter ande­rem mit Dil­dos von phan­tas­ti­scher Grö­ße befrie­di­gen, ist frei­lich eine alber­ne por­no­gra­phi­sche Par­odie auf den König („Es ist wun­der­voll”, sagt der fran­zö­si­sche Bot­schaf­ter in des­sen Loge zu sei­nem Gast­ge­ber, „aber in Frank­reich wür­de man dafür hin­ge­rich­tet”). Roches­ter muss unter­tau­chen. Charles, außer sich vor Zorn, weil er vor dem Bot­schaf­ter und ganz Lon­don zur Witz­fi­gur gemacht wur­de, lässt ihn über­all suchen…

Tat­säch­lich haben sich die Din­ge anders zuge­tra­gen, aber spä­tes­tens seit Schil­ler wis­sen wir, dass die his­to­ri­schen Gescheh­nis­se dra­ma­tur­gisch zur Kennt­lich­keit bear­bei­tet wer­den müs­sen, bevor man das stets gelang­weil­te und dif­fe­ren­zie­rungs­un­lus­ti­ge Publi­kum damit kon­fron­tiert. Das zen­tra­le Ereig­nis des Fil­mes fand nicht statt. Aber es gibt die bereits zitier­ten Spott­ver­se auf den König, und außer­dem schrieb der „nutz­lo­se Schelm” (Samu­el Pepys über Roches­ter) eine Ode an „Signoir Dil­do”, wor­in es bei­spiels­wei­se heißt:

Our dain­ty fine Dutchesse’s have got a Trick
To Doat on a Fool, for the Sake of his Prick,
The Fopps were undo­ne, did their Graces but know
The Dis­cre­ti­on and vigor of Signi­or Dil­do.
That Pat­tern of Vir­tue, her Grace of Cleave­land,
Has Swal­lo­w’d more Pricks, then the Oce­an has Sand,
But by Rub­bing and Scrub­bing, so lar­ge it do’s grow,
It is fit for just not­hing but Signi­or Dildo.

Auch hier sei die treff­li­che Über­tra­gung von Frau Wun­ni­cke zitiert:

Unse­re zier­li­chen Damen in all ihrem Glanz
neh­men gern auch Nar­ren – Haupt­sa­che Schwanz.
Das Ende für manch einen Gigo­lo
sind Anstand und Kräf­te des Signor Dil­do.
Lady Cleve­land, eine Dame von Tugend und Stand,
ver­schluck­te mehr Schwän­ze als der Oze­an Sand.
Durch ewi­ges Rub­beln ward Myla­dys Depot
Für alle zu groß – außer Signor Dildo.

Die Ingre­di­en­zi­en waren also vor­han­den, und ver­ste­cken muss­te sich der Läs­te­rer gele­gent­lich, inso­fern passt schon alles. Auch die Rede im Par­la­ment, die der von der Syphi­lis zer­fres­se­ne und kaum mehr geh­fä­hi­ge Wüst­ling hält, um dem König die drin­gend benö­tig­te Unter­stüt­zung in der Nach­fol­ge­re­ge­lung zu gewin­nen, fand, so weit ich das eru­ie­ren kann, nie statt. Im Film bedankt sich Charles bei sei­nem aso­zia­len Favo­ri­ten dafür, dass der erst­mals etwas für sei­nen Gön­ner getan habe. Roches­ter bleibt sich treu und ver­setzt: „Ich tat es für mich!” Liber­ti­na­ge ist hier iden­tisch mit dem tie­fen Nihi­lis­mus des out­laws. Der Mensch an sich ist nichts wert; ihm gegen­über ist jede Ver­pflich­tung nichtig.

Goe­the erwähnt im Drei­zehn­ten Buch von „Dich­tung und Wahr­heit”, ohne den Namen des Ver­fas­sers zu nen­nen, Roches­ters „A Saryr against Rea­son and Man­kind” („Sati­re gegen die Ver­nunft und den Menschen”):

„Man betrach­te nun in die­sem Sin­ne die Mehr­zahl der eng­li­schen, meist mora­lisch-didak­ti­schen Gedich­te, und sie wer­den im Durch­schnitt nur einen düs­te­ren Über­druß des Lebens zei­gen. (…) Gan­ze Bän­de könn­te man zusam­men­dru­cken, wel­che als ein Kom­men­tar zu jenem schreck­li­chen Tex­te gel­ten können:

Then old Age and Expe­ri­ence, hand in hand,
Lead him to death, and make him under­stand,
After a search so pain­ful and so long,
That all his life he has been the wrong.”

Die­ses schwar­ze Poem endet mit den Versen:

If such the­re be, yet grant me this at least:
Man dif­fers more from man, than man from beast. –

„Ich wer­de euch nie­mals ver­ge­ben, dass ihr mich gelehrt habt, das Leben zu lie­ben”, sagt der Liber­tin am Ende die­ses auf gran­dio­se Wei­se düs­te­ren und mich in einem Zustand untröst­li­cher Melan­cho­lie zurück­las­sen­den Films zu der Schau­spie­le­rin Eliza­beth Bar­ry, die er tat­säch­lich zum Star des Lon­do­ner Thea­ters gemacht und mit der er eine Toch­ter gezeugt hat. Bei­des ist his­to­risch zutref­fend (die Lie­be wohl weni­ger). Dage­gen mag Roches­ters treue Gat­tin, die den Tod­kran­ken wie­der auf­nimmt und pflegt und sich neben den Ent­stell­ten legt, ihm das Ster­ben zu erleich­tern, eine fil­mi­sche Über­trei­bung sein. Immer­hin ergibt sich so für den Regis­seur Lau­rence Dun­mo­re bei sei­nem stau­nens­wer­ten Film­de­büt die Gele­gen­heit zu einer „Bar­ry Lyndon”-Reminiszenz: Erzählt in Kubricks Meis­ter­werk der Titel­held sei­nem Sohn eine Aben­teu­er­erzäh­lung zwei­mal, das zwei­te Mal an des­sen Ster­be­bett, so wie­der­holt John Wil­mot hier auf sei­nem eige­nen Ster­be­bett für sei­ne Ehe­frau die Schil­de­rung, wie er sie vor Jah­ren in einer Kut­sche ent­führ­te. „Es ist doch eine wun­der­li­che Sache”, schrieb der ech­te John Wil­mot zwei Jah­re vor sei­nem Tod an einen Freund, „wenn ein Mann, der mit einem Fuß im Gra­be steht, nicht auf­hö­ren kann, den Nar­ren und Komi­ker zu spie­len.” Ähn­lich wie spä­ter sein Lei­dens­ge­fähr­te Hein­rich Hei­ne such­te der rea­le Roches­ter übri­gens am Ende, mit Gott ins Rei­ne zu kom­men; ein gan­zer Raben­schwarm von Pfaf­fen hat­te sich bis­wei­len um sein Ster­be­la­ger ver­sam­melt. Einem davon schrieb er ganz zuletzt: „Betet für mich … ich wage nicht, vor der furcht­ba­ren Hoheit des Ein­zig Hei­li­gen zu erschei­nen, den ich so oft belei­digt habe.”

Nach­trag: Ich emp­feh­le, den Film im Ori­gi­nal mit eng­li­schen Unter­ti­teln anzu­schau­en (der Text ist anspruchs­voll). Die deut­sche Ver­si­on fällt deut­lich ab. Ein Bei­spiel. Ein Gen­tle­man schlägt sei­nen Die­ner, weil der ihn bestoh­len hat. Roches­ter will ihn dem Mann abkau­fen. Er wer­de auch ihn besteh­len, warnt der ande­re. Im Ori­gi­nal ent­geg­net Roches­ter: „If he tur­ned honest after com­ing into my orbit, then I am not the mali­cious pla­net I had hoped.” Deut­sche Ver­si­on: „Denn wenn er ehr­lich ist und in mei­nen Dunst­kreis kommt, dann habe ich nicht das gehal­ten, was man über mich sagt.”

Zusam­men­ge­fah­ren bin ich frei­lich an jener Stel­le der deut­schen Ver­si­on, wo Eliza­beth Bar­ry als Ophe­lia spricht: „Oh, Ihr müsst eure Rau­te mit Anmut tra­gen.” (4. Akt, 5. Sze­ne). Die­se Über­set­zung hat­te ich noch nie gehört…

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