18. April 2018

Ein Jour­na­list, der bei den Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en arbei­tet, scheut sich nicht, auch die wirk­lich, wie man sagt, hei­ßen The­men zu behan­deln, aller­dings – und das ist der Unter­schied zur Het­ze und zu den Feknjuhs in den sozia­len Medi­en – tut er dies mit Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, Aus­ge­wo­gen­heit und unter Hin­zu­zie­hung von Experten. 

Unter der Über­schrift „Die Jeder­mann-Waf­fe” wid­met sich die Süd­deut­sche einem Phä­no­men, das nicht gera­de neu ist, aber spe­zi­ell in die­sen Tagen mit Vor­ur­tei­len und fal­schen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen zu einer Bedro­hung für die All­ge­mein­heit auf­ge­bla­sen wird. Das ist Was­ser auf die Müh­len von, Sie wis­sen schon, und wenig hilf­reich. Gehen wir in medi­as res und lau­schen wir der SZ-Redak­teu­rin.

„Janu­ar 2018, Lünen: Ein 15-Jäh­ri­ger ersticht an sei­ner Schu­le einen Mit­schü­ler, weil der angeb­lich pro­vo­zie­rend guck­te. Febru­ar 2018, Dort­mund: Auf einem Park­deck eska­liert ein Streit zwi­schen Jugend­li­chen, Mes­ser wer­den gezo­gen, ein Mäd­chen stirbt an den Stich­ver­let­zun­gen. März 2018, Ber­lin: Ein 14-Jäh­ri­ger zieht in der Woh­nung einer Mit­schü­le­rin ein Mes­ser, das Mäd­chen ver­blu­tet im Kin­der­zim­mer. April 2018, Ham­burg: Ein 33-Jäh­ri­ger atta­ckiert nach einem Sor­ge­rechts­streit auf einem Bahn­steig sei­ne Ex-Part­ne­rin und die ein­jäh­ri­ge Toch­ter mit einem Mes­ser, Frau und Kind ster­ben. Kaum eine Woche ver­geht in Deutsch­land, in der nicht ein Ver­bre­chen bekannt wird, bei dem Men­schen durch Mes­ser zu Tode kom­men oder schwer ver­letzt werden.”

Sofort wird deut­lich: Das Phä­no­men muss mit dem Alter der Täter zu tun haben, jeder hat eins. Doch len­ken Sie bit­te Ihre Auf­merk­sam­keit auf den Satz: „Ein 14-Jäh­ri­ger zieht in der Woh­nung einer Mit­schü­le­rin ein Mes­ser, das Mäd­chen ver­blu­tet im Kin­der­zim­mer.” Im Rah­men ihrer Bericht­erstat­tung über Fäl­le berech­tig­ter anti­fa­schis­ti­scher Empö­rung mel­det die Qua­li­täts­pres­se ver­läss­lich: „Es flo­gen Stei­ne”; die­se Dar­stel­lung ist in ihrer Kau­sa­li­täts­to­le­ranz noch eine Nuan­ce sub­ti­ler. Wer jetzt auf den Zeit­takt insis­tiert, in dem hier­zu­lan­de ent­we­der seit jeher oder bloß neu­er­dings Klin­gen in Kör­per flut­schen – allein in Ber­lin gesche­hen im Schnitt sie­ben „Vor­fäl­le mit Mes­sern” pro Tag (in den ers­ten drei Quar­ta­len 2017 gab es 1974 davon) –, möge bit­te rich­tig hin­schau­en: Unse­re süd­deut­sche Beob­ach­te­rin schreibt expli­zit von Ver­bre­chen, die bekannt wer­den. Natur­ge­mäß stellt sich bei einem so gewöhn­li­chen, ja gewohn­heits­mä­ßi­gen Phä­no­men irgend­wann rezi­pi­en­ten­seits eine gewis­se Ermü­dung ein. 

„Wie es zu Gewalt mit Mes­sern kommt, ist gut erforscht: in Situa­tio­nen näm­lich, in denen etwas eska­liert und nicht viel nach­ge­dacht wird.”

Zunächst ein­mal wol­len wir sol­chen For­scher­ta­ten unse­ren Respekt zol­len und nicht immer nur Krebs­be­kämp­fern oder Astro­phy­si­kern das Feld über­las­sen. Sozio­lo­gen sind Wohl­tä­ter des fort­schritt­li­chen Teils der Mensch­heit! – und was liegt am Rest? Wer frei­lich aus die­ser spe­zi­el­len sozio­lo­gi­schen Erkennt­nis schluss­fol­gert, dass als inter­ak­ti­ve Mes­ser­be­nut­zer spe­zi­ell Ange­hö­ri­ge von Kol­lek­ti­ven in Erschei­nung tre­ten, in denen Gewalt­be­reit­schaft („Heiß­blü­tig­keit”), archai­sche Ehr­ge­füh­le (dito), feh­len­der Bil­dungs- und Auf­stiegs­wil­le, Clan­den­ken und grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit zum Habi­tus gehö­ren, liegt nicht nur falsch, weil es sol­che Kol­lek­ti­ve nicht gibt, son­dern ist wahr­schein­lich ein Rassist. 

Die Grup­pe, aus wel­cher sich die Mes­se­rer rekru­tie­ren, ist eine ande­re, „haupt­säch­lich Män­ner näm­lich, wie bei den meis­ten Straftaten”.

Wäh­rend dar­an kei­ne Zwei­fel bestün­den, sei es weit weni­ger klar, „wie vie­le Mes­ser­at­ta­cken in Deutsch­land über­haupt began­gen wer­den. Die bun­des­wei­te Kri­mi­nal­sta­tis­tik schlüs­selt nicht auf, wie oft bei Ver­bre­chen wie Mord, Tot­schlag, Roh­heits- oder Sexu­al­de­lik­ten Mes­ser ver­wen­det wer­den. Und die weni­gen Bun­des­län­der, die es tun, ver­zeich­nen ganz unter­schied­li­che Ent­wick­lun­gen: So ist in Hes­sen und Rhein­land-Pfalz die Zahl der Taten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gestie­gen, in Schles­wig-Hol­stein hin­ge­gen gesun­ken, und in der Haupt­stadt sind die Zah­len seit zehn Jah­ren rela­tiv konstant.”

Neh­men wir Hes­sen. Dort wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr knapp 1200 „Fäl­le mit der Tat­waf­fe Mes­ser” regis­triert – 20 Pro­zent mehr als im Jahr 2012. Innen­mi­nis­ter Peter Beuth, CDU, will des­halb Waf­fen­ver­bots­zo­nen durch­set­zen. Die Poli­zei­ge­werk­schaft fin­det die Idee gut, gibt aber zu beden­ken, dass die Poli­zei nicht in der Lage sei, sie zu rea­li­sie­ren, weil es ihr für die not­we­ni­gen Stich­pro­ben (hehe!) an Per­so­nal man­ge­le. Immer­hin wur­den 10 000 Schnitt­schutz­schals und stich­si­che­re Wes­ten für die Beam­ten selbst beschafft. Obwohl, wie gesagt, unklar ist, ob sie über­haupt benö­tigt wer­den. So schürt man Ängs­te und gießt Was­ser auf Mühlen!

Im benach­bar­ten Nord­rhein-West­fa­len lie­ßen sich sogar die Sozis von der Hys­te­rie anste­cken; jeden­falls wur­den auf Initia­ti­ve der SPD dort­selbst aktu­el­le Zah­len im Zusam­men­hang mit dem über die Qua­li­täts­kü­chen und Metz­ge­rei­en hin­aus belieb­ten Tran­chier­werk­zeug erho­ben. Das Ergeb­nis: Von Sep­tem­ber 2017 bis März 2018 haben in 572 Fäl­len meist Män­ner auf ande­re Män­ner, zuwei­len auch auf Frau­en und Kin­der ein­ge­sto­chen. Im Schnitt sind das gera­de mal etwas mehr als drei Mes­ser­an­grif­fe pro Tag. Innen­mi­nis­ter Her­bert Reul, CDU, Vater drei­er Töch­ter und gelern­ter Sozio­lo­ge, ver­trau­te sei­ne Fol­ge­run­gen dem ZDF an: „Poli­zis­ten schüt­zen wir dadurch, dass wir sie mit Schutz­wes­ten aus­stat­ten, und Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wer­den ein­fach sen­si­bler sein müs­sen. Man muss nicht unbe­dingt Men­schen nah an sich ranlassen.”

Auch die Zeit beru­higt: Die „Angst vor zuneh­men­der Mess­er­ge­walt” sei „unbe­grün­det”. Das haben zwei ARD-Jour­na­lis­ten her­aus­ge­fun­den, und die müs­sen es ja wis­sen. Und ob die 572 Vor­fäl­le aus Nord­rhein-West­fa­len „eine Zunah­me der Stich­waf­fen­kri­mi­na­li­tät bedeu­ten, lässt sich nicht sagen, denn es feh­len Ver­gleichs­zah­len für die Vorjahre”.

So wie, bei­spiels­wei­se, die Ver­gleichs­zah­len für Aids-Infek­tio­nen aus den 1970er Jah­ren feh­len? Aus dem glei­chen Grund kann auch nie­mand sagen, ob die Gewalt gegen Ret­tungs­kräf­te oder das Per­so­nal von Kran­ken­häu­sern zuge­nom­men hat. Kei­ne Zah­len! War­um man frü­her kei­ne Zah­len erho­ben hat? Nun, die einen sagen, um die Täter zu schüt­zen und der Tou­ris­mus­in­dus­trie nicht zu scha­den, wie es etwa durch das sys­te­ma­ti­sche Klein­re­den der Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen auf dem Münch­ner Okto­ber­fest seit Olims Zei­ten bewerk­stel­ligt wird. Die ande­ren, die Ewig­gest­ri­gen und kon­ser­va­ti­ven Spin­ner, behaup­ten, man habe die Mas­ser­at­ta­cke als Erschei­nungs­bild der hie­si­gen All­tags­kri­mi­na­li­tät frü­her eben nicht gekannt… – aber was liegt an den ande­ren? Die wol­len sich bloß nicht erin­nern! Wie kann man die vie­len auf offe­ner Stra­ße mas­sa­krier­ten Frau­en, die Klein­kin­der mit durch­ge­schnit­te­ner Keh­le, die bei Mas­sen­schlä­ge­rei­en in deut­schen Innen­städ­ten hun­dert­fach nie­der­ge­sto­che­nen Jüng­lin­ge in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern ein­fach so vergessen?

„Wenn man die nack­ten Zah­len der Fäl­le von schwe­rer Gewalt bei Jugend­li­chen betrach­tet, so kann man in den letz­ten Jah­re kei­nen Anstieg beob­ach­ten”, erklär­te ein Sozio­lo­ge namens Dirk Bai­er der taz. „Die Zah­len sind sta­bil oder sogar rück­läu­fig, es han­delt sich momen­tan eher um eine zufäl­li­ge Häufung.”

Der Qua­li­täts­jour­na­lis­ten-Anwär­ter hak­te pflicht­be­wusst nach: „Woher kommt der Ein­druck, sol­che Atta­cken näh­men zu?”

Und der Quan­ti­täts­ex­per­te repli­zier­te: „Das liegt mei­nes Erach­tens an der media­len Fokus­sie­rung auf das The­ma, denn inner­halb kur­zer Zeit wur­de viel über die­se Fäl­le berich­tet. Men­schen ver­su­chen immer einen Sinn zu fin­den und Din­ge mit­ein­an­der in Bezie­hung zu set­zen – auch wenn die­se eigent­lich gar nichts mit­ein­an­der zu tun haben.”

So wie es zum Bei­spiel nichts mit­ein­an­der zu tun hat, dass der Herr Bai­er, der momen­tan dank media­ler Fokus­sie­rung als Kron­zeu­ge für die The­se auf­tritt, es gebe weder einen Anstieg der Zahl der Mes­ser­at­ta­cken, noch hät­ten impor­tier­te Gepflo­gen­hei­ten oder wenigs­tens geschenk­te Men­schen etwas damit zu schaf­fen, bis 2015 wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­in­sti­tut Nie­der­sach­sen gewe­sen ist, wo er zehn Jah­re lang dem Gefäl­lig­keits­the­sen­be­schaf­fer Chris­ti­an Pfeif­fer sei­ner­seits Gefäl­li­ges appor­tier­te, mit Schwer­punkt „Aus­län­der­feind­lich­keit und Rechts­ex­tre­mis­mus” übri­gens, bevor er eine eige­ne Jahr­markts­bu­de als Delin­quenz­geist­hei­ler und kri­mi­na­li­tätprä­ven­ti­ver Hand­auf­le­ger bzw. ‑auf­hal­ter in Zürich eröffnete.

Man­che sehen die Ent­wick­lung in die­sem spe­zi­el­len Delikt­feld frei­lich anders. „Ins­ge­samt ist die Zahl der Ver­bre­chen, bei denen Mes­ser ein­ge­setzt wur­den, in den letz­ten zehn Jah­ren um 1.200 Pro­zent gestie­gen”, schreibt das Gate­stone-Insti­tu­te, das aber viel unse­riö­ser ist als das Pfeif­fer-Bai­er-Insti­tut, wes­halb die­ser Ein­zel­fal­l­ad­di­ti­ons­ra­dau von der Qua­li­täts­pres­se zu Recht nicht zer­ti­fi­ziert wor­den ist.

Doch zurück zu unse­rer süd­deut­schen Beob­ach­te­rin, die uns bei so vie­len Gleich­ge­sinn­ten fast schon aus dem Blick gera­ten war. Vor allem für Jugend­li­che sei das Mes­ser „eine Art Life­style-Pro­dukt” gewor­den, zitiert sie, na wen schon, den Herrn Bai­er. Gera­de unter Jungs sei es längst Brauch und Sit­te, ein Mes­ser in der Hosen­ta­sche zu haben. Der „Hang, im Jugend­al­ter auf­zu­rüs­ten”, sei aller­dings nicht neu, trös­tet die Jour­na­lis­tin sogleich, „wenn man an die Halb­star­ken der 1950er-Jah­re denkt, zu deren Macho­po­sen immer auch Mes­ser gehör­ten”. Da sie kei­nen Migra­ti­ons­hin­ter­gund hat­ten, wur­de ihre Blut­spur aber nicht wei­ter thematisiert. 

Den­noch, fährt die SZ fort, gäben man­che aktu­el­le Zah­len „Anlass zu Beden­ken”: Einer Stu­die aus Nie­der­sach­sen zufol­ge, „die auf Befra­gun­gen unter Jugend­li­chen beruht, zie­hen 29 Pro­zent der Jun­gen zumin­dest gele­gent­lich mit einem Mes­ser los, Ten­denz stei­gend.” Sogar zur Schule!

„Und wer sind die Jugend­li­chen, die ihre Mes­ser dann auch ein­set­zen? Oft Jun­gen und Mäd­chen, die selbst Gewalt erlebt haben oder gemobbt wur­den, so Bai­er. Gene­rell gilt nach Ansicht des Sozio­lo­gen: Wer jung und mit Mes­ser unter­wegs ist, hat ein dop­pelt so hohes Risi­ko, eine Gewalt­tat zu bege­hen, wie Jugend­li­che ohne Messer.”

Die har­ten Erkennt­nis­se der pro­gres­si­ven Sozi­al­wis­sen­schaft wir­ken auf den ers­ten Blick oft sim­pel. Mer­ke, zum einen: „Gewalt ist immer auch ein Hil­fe­ruf!” (Cl. Roth) – bzw. eben eine Reak­ti­on auf Mob­bing oder erlit­te­ne Gewalt, sie­he RAF, NSU, Anti­fa, Vier­te Gewalt usf. Mer­ke, zum ande­ren: Wer ohne Mes­ser los­zieht, geht ein gerin­ge­res Risio ein, damit zuzu­ste­chen. Der Herr Bai­er ist übri­gens Pro­fes­sor, was ja nichts ande­res heißt als: sich-zu-erken­nen-Geben­der. Als was, dür­fen Sie entscheiden.

Und, jetzt kommt’s end­lich, die Süd­deut­sche stellt die sta­tis­tisch-will­kom­men­kul­tu­rel­le Gret­chen­fra­ge: „Immer wie­der dreh­te sich die Dis­kus­si­on der ver­gan­ge­nen Wochen dar­um, dass unter Migran­ten Mes­ser­an­grif­fe zuneh­men wür­den. Tat­säch­lich gibt es in der Stu­die, die auf Schü­ler­be­fra­gun­gen aus Nie­der­sach­sen basiert, Hin­wei­se dar­auf, dass man­che Grup­pen häu­fi­ger Mes­ser tra­gen als ande­re. So hät­ten Jugend­li­che aus Süd­eu­ro­pa, Polen, Nord­afri­ka und dem ara­bi­schen Raum am häu­figs­ten Mes­ser dabei. Es sei aber Quatsch, die Taten der ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­te ‚auf die Migran­ten­schie­ne’ zu schie­ben, sagt Kri­mi­na­li­täts­for­scher Bai­er. Weil es schlicht kei­ne Zah­len dazu gebe. Und weil nicht jeder, der ein Mes­ser bei sich tra­ge, auch kri­mi­nell werde.”

Es gibt kei­ne Zah­len, aber der Sozio­lo­ge weiß Bescheid. Und da man die täg­li­chen Mel­dun­gen über Mes­ser­an­grif­fe, deren aus­üben­des Fach­per­so­nal fast aus­nahms­los zu den­je­ni­gen gehört, die noch nicht län­ger hier leben, auch wenn sie als Pass­deut­sche fir­mie­ren, nicht ver­all­ge­mei­nern darf, wird eine (!) Schü­ler­be­fra­gung (!) her­bei­zi­tiert. Doch schau­en wir allein auf die Ein­gangs­bei­spie­le des SZ-Arti­kels: Bei drei der vier Fäl­le lacht uns der berühm­te Hin­ter­grund ent­ge­gen, und die 16jähriger Mes­ser­maid zu Dort­mund gehört wahr­schein­lich auch in die­se Kategorie!

Aber die süd­deut­sche Hos­pi­tan­tin zitiert als Sie­gel der Kri­mi­no­lo­gen einen Herrn von der Kri­mi­no­lo­gi­schen Zen­tral­stel­le in Wies­ba­den mit den Wor­ten: „Es gibt kei­nen Kul­tur­be­griff von Gewalt; kei­ne Reli­gi­on, kei­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit greift schnel­ler nach einem Mes­ser.” Auch die­se For­mu­lie­rung muss man am Gau­men lieb­ko­sen und schme­cken: ein „Kul­tur­be­griff von Gewalt”, nicht zu ver­wech­seln mit dem Gewalt­be­griff von Kul­tur übri­gens! Dafür, dass es ihn nicht gibt, ist er ambi­tio­niert for­mu­liert. Was der Bra­ve uns suge­rie­ren will, ist die erwünsch­te Illu­si­on der Gleich­heit aller Kul­tu­ren bzw. eher eben doch Eth­ni­en, als ob die­se sich nicht auch in punc­to Gewalt­be­reit­schaft erheb­lich von­ein­an­der unter­schie­den, sogar gene­tisch, wie neue­re For­schun­gen immer wie­der ver­bo­te­ner­wei­se nahe­le­gen. Es greift auch kei­ne Reli­gi­on oder Staats­an­ge­hö­rig­keit zum Mes­ser, son­dern das tun Men­schen mit Staats­an­ge­hö­rig­keit oder reli­giö­ser Über­zeu­gung, und auch hier sto­ßen wir auf sta­tis­tisch signi­fi­kan­te Unter­schie­de zwi­schen staat­lich und reli­gi­ös von­ein­an­der unter­schie­de­nen Kollektiven.

Außer natür­lich in Deutsch­land, da stellt sich sofort nach Grenz­über­tritt auf magi­sche Wei­se bei sämt­li­chen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und Bega­bun­gen und folg­lich auch bei sämt­li­chen Delik­ten eine strik­te eth­nisch-kul­tu­rell-reli­giö­se Aus­ge­gli­chen­heit ein. Des­we­gen ist die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit, hier von einem Viet­na­me­sen oder Sach­sen nie­der­ge­sto­chen zu wer­den, exakt die­sel­be wie die, dass ein Syrer oder Afgha­ne es erle­digt (Abwei­chun­gen regelt ein Dis­kurs). Fast genau die Hälf­te der Tat­ver­däch­ti­gen bei Mes­ser­at­ta­cken in Hes­sen bei­spiels­wei­se besitzt die deut­sche Staats­bür­ger­schaft. Sie­ben Pro­zent haben jeweils die tür­ki­sche und afgha­ni­sche sowie 5,5 Pro­zent die syri­sche und drei Pro­zent die soma­li­sche Staats­bür­ger­schaft. Die übri­gen Taten ent­fal­len auf Men­schen aus ande­ren Natio­nen. Wobei die For­mu­lie­rung, die deut­sche Staats­bür­ger­schaft „besit­zen”, nicht jenes Besit­zen meint, auf wel­ches der Nazi-Slo­gan „Was du ererbt von dei­nen Vätern hast, erwirb es, um es zu besit­zen” anspielt, sofern es sich um deut­sche Väter han­delt, son­dern es  geht hier um einen Besitz, der kurz­fris­ti­ger und erbun­schul­di­ger sein kann, unge­fähr dem eines Mes­sers vergleichbar.

Sela, Psal­me­nen­de.

                                        ***

Wer hat’s geschrieben?

„Es ist eine Illu­si­on, zu mei­nen, die Bun­des­re­pu­blik kön­ne ihre Gren­zen für alle Asy­lan­ten der Erde weit offen hal­ten. Sie könn­te es schon nicht annä­hernd für die unüber­seh­ba­re Mas­se der ech­ten poli­ti­schen Flücht­lin­ge. Sie wäre aber auch über­haupt nicht in der Lage, zwi­schen ech­ten und den Flu­ten der unech­ten Asyl­su­chen­den zu unter­schei­den. Eine sol­che Unter­schei­dung ver­lö­re von einem bestimm­ten Punkt an auch jeden Sinn.

Natür­lich müs­sen wir hel­fen – sogar bis an die Gren­zen unse­rer Leis­tungs­fä­hig­keit und unter gro­ßen eige­nen Opfern. Aber unser klei­nes Land kann nicht zur Zuflucht aller Bedräng­ten der Erde wer­den. Es bleibt uns kei­ne ande­re Wahl, als das Asyl­recht dras­tisch ein­zu­schrän­ken. Damit soll­te aber nicht so lan­ge gewar­tet wer­den, bis die ers­ten Mil­lio­nen schon hier sind und die Bin­nen­pro­ble­me bereits eine unlös­ba­re Grö­ßen­ord­nung erreicht haben. Wir müs­sen die Fra­ge unver­züg­lich dis­ku­tie­ren und ent­schei­den. Eine Beschrän­kung des Asyl­rechts auf Bür­ger euro­päi­scher Län­der könn­te zum Bei­spiel als sach­ge­recht ins Auge gefaßt werden.”

Die Ant­wort hier.

                                  ***

 
Ich habe vor kur­zem einen Leser erwähnt, der sich bei Had­mut Danisch beschwer­te, er schrie­be zu wenig Posi­ti­ves, und ein­ge­räumt, dass mich sol­che Zuschrif­ten auch errei­chen, zuletzt von einem Stu­den­ten. Nun ver­sucht sich Leser *** als Ermunterer: 

„Es gibt doch auch gute Nach­rich­ten. Wenn man den heu­ti­gen Tenor der Pres­se mit der Situa­ti­on von vor etwa einem Jahr oder län­ger zurück ver­gleicht, hat sich doch unüber­seh­bar eini­ges geän­dert. Wenn Sie sich ein­mal die Leser­zu­schrif­ten an die ‚Zeit’ anse­hen, da gehen einem die Augen über, was die Leser die­ses lin­ken Hetz­blat­tes für Lern­ef­fek­te zei­gen. Noch deut­li­cher wird das bei der ‚Bild’. Zwar drischt die­se Zei­tung wei­ter auf die AfD ein, aber das macht das, was sie sonst neu­er­dings wie­der an kon­ser­va­ti­ven Bot­schaf­ten über­mit­telt, umso glaub­wür­di­ger. Die ver­an­stal­ten jetzt öfters regel­rech­te Trom­mel­feu­er zu den zahl­rei­chen Pro­ble­men der Mas­sen­ein­wan­de­rung, inklu­si­ve Kri­mi­na­li­tät.
Die Fort­schrit­te sind doch nicht zu über­se­hen. Da schei­nen eini­ge doch lang­sam auf den Boden der Nor­ma­li­tät zurückzukehren.”

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