29. April 2018

Der Sonn­tag gehört dies­mal nur ver­mit­telt den Küns­ten, inso­fern es um eines der gro­ßen Wer­ke geht, wel­ches in die Müh­len des Zeit­geis­tes gera­ten ist. Die BBC strahlt der­zeit eine Serie aus des Titels „Troy – Fall of a City”, was ein löb­li­ches Unter­fan­gen ist, denn mit den bei­den home­ri­schen Epen beginnt ja prak­tisch Alles.

Mein Ein­trag vom 26. April beschäf­tig­te sich mit dem Phä­no­men der mäh­li­chen Ver­drän­gung der Wei­ßen – genau­er: des abend­län­di­schen Typus – aus der von ihnen geschaf­fe­nen Kul­tur, und genau dort­hin wirft die BBC den Erisap­fel, denn der Zuschau­er stellt ver­blüfft fest, dass Zeus, Achil­les, Patro­klos und Nes­tor schwarz sind, also von schwar­zen Schau­spie­lern ver­kör­pert wer­den. Das sind bei­spiels­wei­se Achil­les und Patroklos:

624.jpg

Ist das scham­los? Skan­da­lös? Ras­sis­tisch gar? Oder ist es viel­mehr ras­sis­tisch, dar­an Anstoß zu nehmen?

So viel dürf­te zunächst klar sein: Am Kampf um Tro­ja waren sehr vie­le brau­ne und dun­kel­brau­ne Men­schen betei­ligt, „Süd­län­der” eben, doch rich­ti­ge Schwar­ze wohl eher nicht. Wenn wir Homer zu Rate zie­hen (aber der könn­te der ers­te wei­ße Ras­sist gewe­sen sein), war Achil­les blond:

„ξανθῆς δὲ κόμης ἕλε Πηλεΐωνα”: Athe­ne „fass­te am blon­den Haar den Pel­iden” (Ili­as, 1.197). Über Zeus ist dies­be­züg­lich nichts Nähe­res über­lie­fert; die Wahr­schein­lich­keit, dass die Achai­er einen schwar­zen Gott ver­ehr­ten, lag zu Homers Zei­ten bei Null, nimmt aber neu­er­dings qua­si täg­lich zu. Zu Odys­seus kom­men wir gleich.

Natur­ge­mäß erreg­ten sich in Eng­land eini­ge Zuschau­er über die Ver­frem­dung die­ser abend­län­di­schen Basal­erzäh­lung, und die dor­ti­gen Dis­kus­sio­nen schei­nen von ähn­li­cher Qua­li­tät zu sein, wie man sie hier­zu­lan­de ver­zückt beob­ach­ten kann. „Why are peop­le so angry about the BBC’s decisi­on?”, fragt etwa Radio­T­i­mes und beru­higt sogleich: „Is the­re any basis to the ‘black­wa­shing’ con­spi­ra­cy? In short: abso­lute­ly not.” Als Zeu­ge für die Lang­ver­si­on wird Tim Whit­mar­sh, Pro­fes­sor für Grie­chi­sche Kul­tur an der Uni­ver­si­ty of Cam­bridge, auf­ge­ru­fen. Und der sagt, die anti­ken Grie­chen sei­en „vom Haut­typ her medi­ter­ran gewe­sen”, was nie­mand bezwei­felt hat, doch in deren Welt hät­ten auch „Äthio­pi­er, eine vage Bezeich­nung für dun­kel­häu­ti­ge Nord­afri­ka­ner”, hin­rei­chend Prä­senz gezeigt. Aller­dings sei bereits „die Fra­ge, ob ‚Schwar­ze’ im anti­ken Grie­chen­land leb­ten, feh­ler­haft”. Die grie­chi­sche Welt sei näm­lich viel „flie­ßen­der” gewe­sen als unse­re. „The­re was a lot of tra­vel in that peri­od” (und a lot of trou­ble, aber hal­lo!), „es war eine Welt ohne Gren­zen, ohne Natio­nal­staa­ten. Es war alles mit­ein­an­der verbunden.”

Na ja, die Ver­bun­den­heit hielt sich in Gren­zen, denn war­um hät­ten die Dana­er Tro­ja sonst zehn Jah­re lang bela­gern müs­sen? (An die­ses prä­na­tio­nal­staat­li­che Ver­hält­nis von feh­len­den Außen­gren­zen und kom­pen­sa­to­risch ummau­er­ten Kom­mu­nen erin­nern uns heu­te dan­kens­wer­ter­wei­se bei­spiels­wei­se der Zaun ums Okto­ber­fest oder die Mer­kel­le­go­stei­ne andern­orts.) Doch mögen die Achai­er auch zwi­schen sich und den Pria­mos-Leu­ten gewis­se Unter­schie­de gemacht haben, „sie teil­ten die Welt nicht in Schwarz und Weiß. Sie haben sich nicht so ver­stan­den. Alle unse­re Kate­go­rien – zum Bei­spiel Schwarz-Weiß – sind moder­ne Inter­pre­ta­tio­nen his­to­ri­scher Umstän­de.” Also sprach Pro­fes­sor Whitmarsh. 

Woher mag er das wis­sen? Will er es aus der Tat­sa­che fol­gern, dass bei Homer kei­ne Schwar­zen auf­tau­chen? Da wüss­te ich noch eine ande­re Erklä­rung. Nicht nur die Grie­chen, auch die Eski­mos haben die Welt nicht in Schwarz und Weiß auf­ge­teilt, von den Ban­tus und den Apa­chen zu schwei­gen. Nur wei­ße Ras­sis­ten tun das. Die Grie­chen haben aller­dings die Welt in Grie­chen und Nicht­grie­chen (= Bar­ba­ren) auf­ge­teilt. Nein, nein, die Fra­ge war schon rich­tig gestellt, sie lau­tet: Ist ein schwar­zer Achil­les über­haupt denk­bar? Und die Ant­wort heißt: unge­fähr so, wie ein wei­ßer Onkel Tom. Es ist eine Fäl­schung der Geschich­te, aber eine gut gemein­te und des­halb läss­li­che. Und natür­lich eine Mythen­um­schrei­bung, Mythen­zer­set­zung, Mythen­ok­ku­pa­ti­on, eine Land­nah­me im Symbolischen. 

„Homers Epen sind nur eine Ver­si­on, und die Grie­chen selbst ver­stan­den, dass sich die Geschich­te ändern könn­te”, erklärt frei­lich unser Pro­fes­sor, den frü­hen Hel­le­nen eine gera­de­zu post­mo­der­nis­ti­sche Fle­xi­bi­li­tät im Umgang mit ihrem Selbst­ver­ständ­nis zuschrei­bend. „Es gab nie eine authen­ti­sche Nach­er­zäh­lung der Ili­as und der Odys­see – es waren immer flie­ßen­de Tex­te. Sie sind nicht dar­auf aus­ge­legt, in Stein gemei­ßelt zu wer­den, und es ist nicht blas­phe­misch, sie zu ver­än­dern.” Das ist zunächst inso­fern rich­tig, als Homer einen Stoff in Hexa­me­ter setz­te, den jeder Grie­che kann­te. Er lie­fer­te sei­ne Ver­si­on des Mythos; der Mythos an sich war Gemein­be­sitz. Aber ob es Blas­phe­mie ist, die Tex­te des Dich­ters zu ver­än­dern – was ja logi­scher­wei­se hei­ßen wür­de: die Tex­te sämt­li­cher Dich­ter –, ent­schei­det nicht der Herr Whit­mar­sh, das ist schlech­ter­dings uner­laubt. Die gro­ßen Tex­te sind tat­säch­lich in Stein gemei­ßelt; wer das bestrei­tet, „kennt sei­nen Platz nicht” (Peter Hacks). Und wer das Per­so­nal einer zum Mythos gewor­de­nen his­to­ri­schen Bege­ben­heit aus Ten­denz­kon­for­mis­mus eth­nisch „umbe­setzt”, ist kein Blas­phe­mi­ker, son­dern eine Zeitgeisthure.

Der wich­tigs­te Part kommt frei­lich noch, die Text­ex­ege­se näm­lich, denn wozu ist der Mann schließ­lich Pro­fes­sor? Da Achil­les nicht schwarz ist bei Homer, aber in der BBC-Serie, bringt er nun Odys­seus als phi­lo­lo­gi­schen Joker ins Spiel. Wie jeder weiß, ermun­tert Pal­las Athe­ne im 16. Gesang der „Odys­see” den Laer­tia­den, sich end­lich sei­nem Sohn Tele­ma­chos erken­nen zu geben, um mit ihm gemein­sam den Frei­ern ein blu­ti­ges Ende zu berei­ten, denn es drängt die Göt­tin „die Begier­de des Kamp­fes”. Zu die­sem Zwe­cke ver­wan­delt sie den gött­li­chen Dul­der Odys­seus, der ja bereits vom Alter gezeich­net ist, zurück in einen jun­gen Mann:

„… und rührt’ ihn mit gol­de­ner Rute.
Plötz­lich umhüll­te der schön­ge­wa­sche­ne Man­tel und Leib­rock
Wie­der Odys­seus’ Brust, und Hoheit schmückt’ ihn und Jugend;
Brau­ner ward des Hel­den Gestalt, und vol­ler die Wan­gen;
Und sein sil­ber­ner Bart zer­floß in fins­te­re Locken.”
(Voß­sche Übersetzung)

Im Ori­gi­nal lau­tet die auf die Haut­far­be bezo­ge­ne Pas­sa­ge: „ἂψ δὲ μελαγχροιὴς γένετο”, wobei μελαγχροιὴς wört­lich über­setzt bedeu­tet: schwarz­häu­tig; μέλας – mélas – heißt „schwarz”. Noch heu­te nen­nen wir die Pig­men­te, wel­che die Fär­bung der Haut, der Haa­re und der Augen bewir­ken, Mela­ni­ne. War Odys­seus also ursprüng­lich ein Mohr? With­mar­sh sug­ge­riert genau das: „Athena makes him beau­ti­ful by res­to­ring his natu­ral black skin colour.” Wenn das so ist, dann sind wir einem skan­da­lö­sen kol­lek­ti­ven Über­set­zungs­feh­ler auf der Spur. Immer näm­lich wird die frag­li­che Stel­le mit „braun” über­setzt, vom soeben zitier­ten Johann Hein­rich Voß bis zu Roland Ham­pe: „Braun ward wie­der die Haut, es straff­ten sich wie­der die Wangen”. 

Das gro­ße grie­chi­sche Wör­ter­buch von Franz Pas­sow über­setzt das Wort mit: „von schwar­zer oder dunk­ler Far­be, Ober­flä­che, Haut, schwarz, schwärz­lich, bes. von der kräf­ti­gen bräun­li­chen Gesichts­far­be des viel im Frei­en leben­den Man­nes”.* Der Pas­sus bedeu­tet also – und alle Über­set­zer haben ihn so gele­sen –, dass Odys­seus wie­der die gesun­de dunk­le Haut­far­be des son­nen­ver­brann­ten Hel­den zurück­er­hält. Mela­nin ist für die Pig­ment-Pro­duk­ti­on im Kör­per ver­ant­wort­lich. Wird es nicht mehr gebil­det, fär­ben sich sowohl die Haa­re als auch die Haut grau. Das ist der Grund, war­um man­che älte­re Men­schen nicht mehr rich­tig braun wer­den. Wis­sen­schaft­ler neh­men an, dass die­ser Mecha­nis­mus auch zur so genann­ten Weiß­fle­cken­krank­heit führt, bei der die Haut wegen zu gerin­ger Mela­nin­bil­dung stel­len­wei­se weiß wird. Und wem dann kei­ne Pal­las Athe­ne wie­der­be­le­bend zur Sei­te steht, der gewinnt Pene­lo­pe nim­mer­mehr zurück.

Damit wären wir denn wie­der beim BBC-Ver­such, die Ras­sen rück­wir­kend ein­an­der noch ein biss­chen näher­zu­brin­gen. Man spürt die Absicht, und man ist ver­stimmt. Das ist alles. Aber die wirk­lich radi­ka­le Poin­te steht immer­hin noch aus: Wie, wenn Homer sel­ber ein Mohr gewe­sen ist? 

* Ich dan­ke Leser *** für den Hinweis.

Am Ran­de: Der Bari­ton Simon Estes sang 1978 als ers­ter schwar­zer Sän­ger in Bay­reuth den Flie­gen­den Hol­län­der, danach den Amfor­tas im „Par­si­fal”, an ande­ren Büh­nen den Wotan; die schwar­ze Sopra­nis­tin Jes­sye Nor­man sang die Brünn­hil­de, die Sieg­lin­de, Elsa, Eli­sa­beth, Sen­ta. Ist das ein Pro­blem? Natür­lich nicht. Das sind gro­ße Künst­ler, die all­ge­mein­mensch­li­che Rol­len inter­pre­tie­ren. Hier gilt’s der Kunst, nicht einer fin­gier­ten His­to­ri­zi­tät, hier soll nie­mand mani­pu­liert werden. 

Übri­gens: Wer meint, ich sprä­che bei die­sem The­ma über Peti­tes­sen bzw. strit­te gegen Wind­müh­len, lese doch bit­te mal das.

Nach­schrift, zum ers­ten: Leser *** ergänzt mei­ne Dar­le­gun­gen zur Haut­far­be des Odys­seus mit den geflü­gel­ten Wor­ten: „Die Homerstel­le ist gera­de ein Beweis dafür, daß Odys­seus kein Mohr war. Wäre er ein Mohr gewe­sen, wäre er auch als alter Mann im Gesicht und sonst am Kör­per schwarz gewe­sen (nur die Haa­re wären grau gewor­den). Ein schwar­zer Mohr kann nicht schwarz wer­den! Der ist immer schwarz.”

Nach­schrift, zum zwei­ten: Leser *** notiert zur Bedeu­tung von μελαγχροιής: „Wenn die Über­set­zung ’schwarz­häu­tig’ sug­ge­rie­ren soll, daß Achill tat­säch­lich (in unse­rem Wort­sinn) eine schwar­ze Haut­far­be hat­te, ist dies kei­ne sach­be­zo­ge­ne Phi­lo­lo­gie. Man bemer­ke, daß μέλας, gera­de bei Homer, oft ‚von dunk­ler Far­be’ heißt. Sie­he dazu Lid­dell and Scott, Alt­grie­chi­schwör­ter­buch, s.v. μέλας: ‚in Hom. gene­ral­ly, dark in colour, οἶνος Od.5.265; μέλαν αἷμα, κῦμα, Il.4.149, 23.693; γαῖα μέλαινα 2.699, cf. Sapph.Supp.5.2; ὕδωρ μέλαν Αἰσήποιο Il.2.825, cf. Od.4.359, νηῦς μ., from its being pit­ched over, Il.1.300, al.’ ”

Und fügt hin­zu: „Äthio­pi­er heißt wört­lich ‚Brand­ge­sich­ter’, was ein kla­rer Beleg für Homers Vor­stel­lung ist, daß sie eine schwar­ze Haut­far­be haben. Die­ser Umstand beweist doch wohl, daß die ‚Brand­ge­sich­tig­keit’ an ihnen auf­fäl­lig war und sie daher von den Bewoh­nern der grie­chi­schen Welt unterscheidet.” 

Nach­schrift, zum drit­ten: Meh­re­re Besu­cher mei­nes Eck­la­dens haben mich auf die­ses Buch auf­merk­sam gemacht, wel­ches an vie­len ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten zur Pflicht­lek­tü­re gehöre:

51DFyRm9-eL._SX423_BO1,204,203,200_.jpg

Der Witz ist, dass der abge­bil­de­te Euro­pam­a­cher, Tho­mas Peters, mit Euro­pa nichts zu tun hat; er war ein Skla­ve aus Nige­ria, der wäh­rend des ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krie­ges in der bri­ti­schen Black Com­pa­ny of Pioneers gedient hat­te und spä­ter zu einem bekann­ten Kolo­ni­al­füh­rer in Sier­ra Leo­ne auf­stieg. Euro­päi­schen Boden hat er nie betre­ten; inso­fern passt sein Kon­ter­fei durch­aus in ein Epöch­lein, in dem die Bevöl­ke­rung Euro­pas durch­mischt wer­den und ihrer Hei­mat­rech­te ver­lus­tig gehen soll. Jeder gehört zu Euro­pa! Gera­de jeder! Auch rückwirkend! 

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

27. April 2018

Nächster Beitrag

30. April 2018

Ebenfalls lesenswert

7. Jänner 2020

„Die Frau war in dem Maß jemand, als sie Sinn für die Scham­haf­tig­keit besaß. Sie hat ihn nicht…

2. März 2019

„Am 27. Janu­ar, dem Holo­caust-Gedenk­tag, hin­gen vor einer Poli­zei­sta­ti­on in Schlüch­tern (Main-Kin­zig-Kreis) die Deutsch­land- und die Hes­sen­flag­ge ver­kehrt…

27. Oktober 2019

Zwei Leser haben mir geschrie­ben, dass mein neu­es Opus im Buch­han­del nicht erhält­lich sei. Der Ver­lag ver­si­chert, es…

15. März 2019

Der Anschlag von Christ­church eröff­net wei­te­re Aus­sich­ten auf den Bür­ger­krieg. Die­je­ni­gen, die gehofft hat­ten, er wer­de nur eine…