3. April 2018

„Jeder ist sei­ner Unwis­sen­heit Schmied.„
Botho Strauß

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Eine in die Jah­re gekom­me­ne jour­na­lis­ti­sche Betriebs­nu­del der Bun­des­re­pu­blik, die meis­te Zeit per GEZ ali­men­tiert und also auf das Appor­tie­ren gewünsch­ter Arti­kel dres­siert, holt nun aus­ge­rech­net bei Cice­ro Stöck­chen und lässt sich über die „Gemein­sa­me Erklä­rung 2018” aus. Ernst Elitz heißt der alte wei­ße Mann. Er lobt Rüdi­ger Safran­ski dafür, dass der „klug genug” gewe­sen sei, „sei­ne Gedan­ken nur dem ‚Spie­gel’ aufs Band zu dik­tie­ren”, wäh­rend Uwe Tell­kamp sich „zum Ban­ner­trä­ger” der besag­ten Erklä­rung „küren” ließ. Allein an der erle­se­nen Wort­wahl mer­ken Sie, dass Sie es mit einem Qua­li­täts­jour­na­lis­ten zu tun haben. Dass es sich beim Erst­un­ter­zeich­nen eines Tex­tes, der in jedem Fall denun­ziert wer­den wür­de, mit oft bis ins Berufs- und Pri­vat­le­ben des Unter­zeich­ners rei­chen­den Kon­se­quen­zen, kaum um eine Kür und fast aus­schließ­lich um eine Fra­ge der Trau­te han­deln könn­te, ein sol­cher Gedan­ke rap­pelt nim­mer­mehr durch ein Köpf­chen, des­sen Trä­ger u.a. bei Zeit, Spie­gel, Bild, ZDF und Deutsch­land­ra­dio dien­te und folg­sam ent­lang der Leucht­strei­fen am Boden sogar kommentierte. 

Wie alle Welt weiß, gehört zur Qua­li­täts­pres­se sym­bio­tisch der Wahr­heits­jour­na­lis­mus. Die­sem wie jener ver­pflich­tet, erklärt der Herr Elitz sogleich, war­um es dumm war von Tell­kamp, die­se Erklä­rung zu unter­schrei­ben. Näm­lich: „Wo sind eigent­lich die fried­li­chen Demons­tran­ten, denen die Unter­zeich­ner ihre Soli­da­ri­tät aus­spre­chen?” Gut, man ver­legt mal sei­ne Bril­le, kann pas­sie­ren, aber Ham­burg, Kan­del, Cott­bus, Ber­lin, Dres­den zugleich zu über­se­hen, dafür muss einer sein Schie­lei­sen schon dem Oster­ha­sen anver­traut haben. Zumal unser Huschel­chen prak­tisch im glei­chen Atem­zug Mat­thi­as Matu­s­seks Auf­tritt auf der Ham­bur­ger Anti-Mer­kel-Demo erwähnt. Aber egal, denn, fährt Gevat­ter Elitz fort, es sei­en „inzwi­schen nun wirk­lich kei­ne Mas­sen mehr, die über die deut­sche Gren­ze tröp­feln”. Die gan­ze Erklä­rung rich­tet sich qua­si ins Lee­re; nur die­se Unter­zeich­nerdep­pen mer­ken es nicht. 

Nach Anga­ben des BND – ich habe es hier schon mehr­fach zitiert, aber „das Bes­te, das du wis­sen kannst/musst du den Eseln drei­mal sagen” – wer­den der­zeit über die wie­der offe­ne Bal­kan­rou­te monat­lich 15.000 Migran­ten nach Deutsch­land geschleust. In wel­che Höhen die­se Zahl stei­gen wird, wenn das Wet­ter erst bes­ser gewor­den ist, mag einst­wei­len jeder selbst über­schla­gen. Zudem hängt über die­sem Land das Damo­kles­schwert des Fami­li­en­nach­zugs, immer in Rech­nung gestellt, wel­che Grö­ßen­ord­nung ori­en­ta­li­sche Fami­li­en zu errei­chen pfle­gen. Es kommt also im Jahr eine Stadt der Grö­ße (wenn auch nicht ganz der Schön­heit) von Braun­schweig oder Ober­hau­sen zu uns. Das nennt der alte Herr, der eigent­lich wis­sen müss­te, was das ist, „tröp­feln”.  

Die Lis­te der Unter­zeich­ner erscheint unse­rem Stot­ter­strahl­kun­di­gen „auf den ers­ten Blick wie ein gro­ßes Abitur­tref­fen, denn es wim­melt nur so von Dok­to­res, Erfin­dern, Schrift­stel­lern und Ganz- oder Halbak­a­de­mi­kern, von klei­nen und gro­ßen Gau­lands etc.” – also Men­schen, die nicht den Durch­blick eines Jour­na­lis­ten, einer Lia­ne Bed­narz oder eines Ernst Elitz haben. Die „Gau­lands” wim­meln unter den 2018 ver­öf­fent­lich­ten Unter­zeich­nern übri­gens gera­de nicht, kein ein­zi­ger Abge­ord­ne­ter ist dar­un­ter; raten Sie mal, war­um nicht. 

„In die Unter­zeich­ner­lis­te kön­nen Pegi­da, AfD und jede ande­re Sek­te ihren Mit­glie­der­stamm umstands­los hin­ein­ko­pie­ren”, faselt unser Dad­de­rich fidel fort. Kön­nen sie nicht, denn jeder Unter­zeich­ner muss sich sepa­rat anmel­den und sei­ne Unter­schrift noch ein­mal bestä­ti­gen. Nix kopie­ren, kapiert? Dar­über hin­aus kann jeder eine Peti­ti­on unter­zeich­nen, dafür ist sie ja da, so wie auch jeder, sofern er Staats­bür­ger ist, wäh­len gehen kann. Nennt sich demo­kra­ti­sche Wil­lens­bil­dung oder so. Ist aber in jüngs­ter Zeit nicht beson­ders popu­lär bei den Staatsmedien.

Über Vera Lengs­feld, die Initia­to­rin der Erklä­rung, notiert der plötz­lich ins Unma­nier­li­che abschwir­ren­de Herr: „Wer ist die Frau, die Tell­kamp der­ma­ßen ins Unglück rei­tet? Kei­ner möch­te mit ihr tei­len.” Er woll­te ver­mut­lich „tau­schen” schrei­ben, ist aber eh wurst. Tat­säch­lich möch­ten Aber­tau­sen­de ihre Mei­nung mit Frau Lengs­feld tei­len, aber nie­mand mit einem Ver­wirr­ten wie Elitz tau­schen. Der Arme sieht ja in sei­nen Wahn­bil­dern nicht nur Frau Lengs­feld einen ehe­dem unbe­schol­te­nen Schrift­stel­ler zuschan­den rei­ten, son­dern: „Tell­kamp, der als befrem­de­ter Bür­ger zu Bett ging, wacht am nächs­ten Mor­gen zwar nicht als Käfer wie Gre­gor Sam­sa, aber dafür neben Lutz Bach­man auf.” Ja, wer da die Wahl hät­te! Haben Sie, Ernst Sam­sa, schon mal dar­über medi­tiert, wie es wäre, nicht neben, son­dern als Lutz Bach­mann auf­zu­wa­chen, ob nun neben Tell­kamp oder Frau Bach­mann? (Bach­mann, das nur am Ran­de, gehört nicht zu den Unter­zeich­nern der Erklärung.)

Nach­dem sich unser Geis­ter­se­her bis hier­her in den Sinn­sa­lat gerit­ten hat, folgt sein Resü­mee. „Was als kon­ser­va­ti­ves Auf­be­geh­ren begann, sogar als Wort­mel­dung kon­ser­va­ti­ver Intel­lek­tu­el­ler für eine über­fäl­li­ge Debat­te jen­seits läh­men­der poli­ti­scher Kor­rekt­heit gedeu­tet wer­den konn­te, ist im Getüm­mel wut­schnau­ben­der Mit­bür­ger gelan­det und hat der Peti­ti­on damit jedes Gewicht genom­men – trotz eilig nach­ge­scho­be­ner For­de­rung, eine pro­mi­nen­te Kom­mis­si­on ein­zu­set­zen, die nach Wegen con­tra ‚Kon­troll­ver­lust’ und pro ‚wirk­sa­me Hil­fe für tat­säch­lich poli­tisch Ver­folg­te’ suchen soll. Eine Chan­ce zur intel­lek­tu­el­len Debat­te wur­de vertan.”

Die Leu­te unter­zeich­nen mit Namen und Beruf, es gibt ihrer­seits kei­ne wei­te­re Äuße­rung, doch der arme Fasel­hans sieht „ein Getüm­mel wut­schnau­ben­der Mit­bür­ger”. Wahr­schein­lich han­delt es sich um ein spä­tes ZDF-Syn­drom, er könn­te es mit einer Kla­ge ver­su­chen. Aber die wer­den ihm sagen, dass er das öffent­lich-recht­li­che Mus­ter – Tat­sa­chen leug­nen, Denun­zie­ren, Bei­fall von der fal­schen Sei­te beschwö­ren, spal­ten – noch viel zu rou­ti­niert abspult, um wirk­lich als när­risch gel­ten zu kön­nen. Dass die Peti­ti­on an Gewicht ver­liert, nach­dem heu­te die 50.000- und bald die 100.000-Unterzeichner-Marke über­schrit­ten sein wird, ist nur logisch; spä­tes­tens bei einer hal­ben Mil­li­on wird sie schwe­re­los sein. Aber mit wem hät­te die „intel­lek­tu­el­le Debat­te” geführt wer­den sol­len? Mit Prantl? Aug­stein? Kle­ber? Käss­mann? Der Elitz hat’s ein­fach, der kann sie mit sich sel­ber füh­ren, und im Gegen­satz zu sei­nem Publi­kum unter­hält er sich dabei offen­bar blen­dend. Hélas!

 
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Nicht nur in der DDR ver­stan­den die Leu­te, „zwi­schen den Zei­len zu lesen”, auch im Wes­ten geht es jetzt los, sogar in den Leit­me­di­en: „Gekom­men, um zu blei­ben: Die­se Pflan­zen und Tie­re bedro­hen euro­päi­sche Art­ge­nos­sen. War­um die EU so wenig gegen die Ein­wan­de­rer tut” (hier).

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„Kar­di­nal Marx hät­te auch in weni­gen Sät­zen auf die Schi­ka­ne hin­wei­sen kön­nen, die Chris­ten in isla­mi­schen Län­dern erdul­den müs­sen. Wie wäre es, wenn die Mus­li­me in die­sen Län­dern auf die Chris­ten ‚zugin­gen’?”, heißt es in einem Leser­brief an Alex­an­der Wendt auf des­sen Publi­co-Web­sei­te. „Wenn ich als Christ in einem isla­mi­schen Land leb­te, aus­ge­grenzt und unter­drückt, und wenn ich dann auf mei­nem Smart-Pho­ne läse, dass ein deut­scher Kar­di­nal sich an Ostern damit begnügt, die Chris­ten zu ermah­nen (die Mus­li­me ver­hal­ten sich offen­bar kor­rekt und brau­chen kei­ne Ermah­nung?), dann gerie­te ich in Zorn und hät­te für die­sen fei­gen oder igno­ran­ten, die Wirk­lich­keit selek­tiv wahr­neh­men­den Ober­hir­ten nur noch Ver­ach­tung übrig.”

Nein, ihre „Glau­bens­brü­der” haben die­se Pfaf­fen ver­ges­sen, und ich kann Ihnen sagen, war­um: weil sie weder glau­ben, noch Brü­der ken­nen. Der Marx glaubt doch nicht an Gott, wo den­ken Sie denn hin? (Ich tu’s auch nicht, aber ich stel­le mich nicht im Ornat hin und erzäh­le den Leu­ten was vom Hei­land.) Das sind steu­er­fi­nan­zier­te Staats­be­am­te in all­mäh­lich unge­wöhn­li­chen Kos­tü­men, nichts wei­ter. Sie zu ver­ach­ten ist sozu­sa­gen Christenpflicht.

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Apro­pos Chris­ten­pflicht: Falls es über die Oster­fei­er­ta­ge unter­ge­gan­gen sein soll­te, die Kol­lek­te giert hier nach Ihrer, nun ja, Spen­de. Vergelt’s Gott! 

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