1. Mai 2018

Den wun­der­schö­nen Monat Mai, des­sen ers­ten Tag unser bis nach Ara­bi­en gelieb­ter Füh­rer bekannt­lich als „Tag der Arbeit” zum Fei­er­tag erhob (was stram­me deut­sche Bur­schen heu­te noch auf Ber­li­ner oder Ham­bur­ger Stra­ßen ganz SA-mäßig, aber mit rot-grü­nem Segen, zele­brie­ren, auch wenn Arbeit nicht so ihr Ding ist), den Won­ne­mond also beginnt der Kul­tur­mensch selbst­re­dend mit der „Dich­ter­lie­be”, und zwar mit deren schöns­ter, innigs­ter, glanz­volls­ter, kurz­um ragends­ter Inter­pre­ta­ti­on, jener nämlich.

Sodann steht die Kür der Monats­end­fi­gur an, die unter den Besu­chern mei­nes klei­nen Eck­la­dens, wie Spie­gel online schrei­ben könn­te, „heiß dis­ku­tiert” wird. Grob zusam­men­ge­fasst könn­te ich sagen, dass es drei Frak­tio­nen gibt; der ers­ten sind mei­ne Figu­ren zu ordi­när, ja vul­gär, der zwei­ten nicht ordi­när genug, die drit­te hat sich noch nicht ent­schie­den. Der Vor­wurf der Frau­en­feind­lich­keit fiel immer­hin noch nicht. – Nun gut, letz­te Woche stat­te­te ich der Ber­li­ner Gemäl­de­ga­le­rie am soge­nann­ten Kul­tur­fo­rum einen Besuch ab. Von außen sieht dort alles nach Bra­che und Indus­trie­ge­biet aus, absto­ßend, der Bau sel­ber hat den Charme einer Gesamt­schu­le, doch sobald man die Gale­rie sel­ber betritt, ist alles ver­ge­ben und ver­ges­sen. Auch an Monats­end­fi­gu­ren herrscht kein Man­gel, der gött­li­che Ver­meer etwa steu­ert jene bei: 

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Die Gale­rie besitzt übri­gens noch einen zwei­ten Ver­meer („Das Glas Wein”, mein Gen­re), einen Veláz­quez, vier pracht­vol­le Por­träts von Frans Hals, zwei Lor­rains, den „Zeich­ner” von Char­din, zwei Man­te­gnas, meh­re­re Loren­zo Lot­tos, Giot­tos „Tod Mariae”, um nur eini­ge mei­ner Haus­göt­ter und ‑hei­li­gen zu nennen.

Fer­ner die­ses herr­li­che Pro­fil­bild­nis einer jun­gen Frau von Pollaiuolo:

Ist das die Monats­end­fi­gur? Gemach. Erst noch ein klei­ner Exkurs. Wie die Leser die­ses Dia­ri­ums wis­sen, hal­te ich die Unter­stel­lung, in den Küns­ten fin­de so etwas wie eine Ent­wick­lung, gar ein Fort­schritt statt, für eine Schnaps­idee. Schau­en wir etwa auf Frans Hals’ „Mal­le Babbe”. 

Die­ses Gemäl­de ent­stand zwi­schen 1633 und 1635. Der Pin­sel­strich könn­te von Manet – der Krug! – oder Lie­ber­mann-Corinth sein (wobei die Über­wirk­lich­keit des Nie­der­län­ders, sei­ne Gabe, die See­le sei­ner Model­le mit­zu­ma­len, außer­halb der Reich­wei­ter der drei genann­ten Nach­fah­ren lag), die Far­ben sind „schmut­zig” gewor­den, was zum Sujet passt, denn die Trin­ke­rin hat das Por­trät gewiss nicht bestellt. (Bei der Eule, die als der Vogel der Pal­las Athe­ne ein Gegen­ge­wicht gegen den Wein im so uner­hört „modern” gemal­ten Hum­pen bil­det, muss Hals die Lust ver­las­sen haben.) Den Impres­sio­nis­mus hat es, wie jeden ande­ren „moder­nen” Mal­stil auch, im 17. Jahr­hun­dert längst gege­ben, man sehe Veláz­quez oder den spä­ten Rem­brandt. Ich weiß, die­se Erkennt­nis ist nicht gera­de neu, doch von Zeit zu Zeit soll­te sie wie­der­holt wer­den. In jeder mit­tel­al­ter­lich-deut­schen Pie­tà steckt der gesam­te Expres­sio­nis­mus, Bosch ist sur­rea­ler als sämt­li­che Sur­rea­lis­ten, und die Neue Sach­lich­keit ist uralt, wie etwa die­ses rät­sel­haft aus sei­ner Epo­che gefal­le­ne Werk „Die Auf­fin­dung des hei­li­gen Sebas­ti­an” von Geor­ges de La Tour (nicht zu ver­wech­seln mit dem bedeu­ten­den Roko­ko-Pas­tell­ma­ler Mau­rice Quen­tin de La Tour) zeigt. 

Sieht das nach frü­hem 17. Jahr­hun­dert aus? Eben.

Doch nun end­lich die Monats­end­fi­gur. Die­ser mir zuvor völ­lig unbe­kann­te van Dyck hat es mir, wie man sagt, ange­tan. Sie soll es sein (auf das die Vul­ga­ri­täts­rü­ger Ruhe geben einen Monat lang): 

Wie üblich, geht zum Monats­en­de der Klin­gel­beu­tel um, wie gewohnt mit einem Dank an die­je­ni­gen, die ihn bis­lang gene­rös befüllt haben; alle ande­ren kli­cken bit­te hier

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