13. Mai 2018

„Die popu­lärs­ten Juden in Deutsch­land sind heu­te Herr und Frau Stol­per­stein.„
Alex­an­der Wendt

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Die von mir nicht völ­lig unver­ehr­te Sah­ra Wagen­knecht fühl­te sich her­aus­ge­for­dert, den ver­ein­zel­ten Pro­tes­ten gegen die Auf­stel­lung eines tro­ja­ni­schen Pfer­des aus Chi­na in jener deut­schen Klein­stadt, in wel­cher der Begrün­der des wis­sen­schaft­li­chen Kom­mu­nis­mus und Schöp­fer popu­lä­rer öko­no­mi­scher Mär­chen wie der Mehr­wert­theo­rie, der Ver­elen­dungs­theo­rie und des ten­den­zi­el­len Fal­les der Pro­fi­tra­te das tris­te Licht der Welt erblick­te, mit dem State­ment ent­ge­gen­zu­tre­ten: „Wenn jeder für das ver­ant­wort­lich wäre, was in sei­nem Namen geschieht, dürf­te Jesus Chris­tus heu­te in kei­ner Kir­che mehr hän­gen.” (Ist das am Ende der Grund für das Bil­der­ver­bot der Moham­me­da­ner?) Wer Marx zum Vor­den­ker auto­ri­tä­rer Sys­te­me erklä­re, so die Lin­ken-Front­frau, kön­ne sei­ne Auf­sät­ze nie gele­sen haben. „Marx hat an kei­ner Stel­le eine ver­staat­lich­te Plan­wirt­schaft gefor­dert. Sein Ziel war Demokratie.”

Als ein Mensch, der Mar­xens „Auf­sät­ze” noch in einem Welt­win­kel gele­sen hat, wo sie reli­giö­se Dok­trin waren, im deut­schen Got­tes­staat der Athe­is­ten, muss ich sacht wider­spre­chen, und zwar mit Marx-Zitaten:

„Zwi­schen der kapi­ta­lis­ti­schen und der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft liegt die Peri­ode der revo­lu­tio­nä­ren Umwand­lung der einen in die and­re. Der ent­spricht auch eine poli­ti­sche Über­gangs­pe­ri­ode, deren Staat nichts and­res sein kann als die revo­lu­tio­nä­re Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats.” („Kri­tik des Gotha­er Programms”)

„Die Kom­mu­nis­ten ver­schmä­hen es, ihre Ansich­ten und Absich­ten zu ver­heim­li­chen. Sie erklä­ren es offen, daß ihre Zwe­cke nur erreicht wer­den kön­nen durch den gewalt­sa­men Umsturz aller bis­he­ri­gen Gesell­schafts­ord­nung.” („Mani­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Partei”)

„Nach­dem z.B. die irdi­sche Fami­lie als das Geheim­nis der hei­li­gen Fami­lie ent­deckt ist, muß nun ers­te­re selbst theo­re­tisch und prak­tisch ver­nich­tet wer­den.” („The­sen über Feuerbach”)

„Nur bei einer Ord­nung der Din­ge, wo es kei­ne Klas­sen und kei­nen Klas­sen­ge­gen­satz gibt, wer­den die gesell­schaft­li­chen Evo­lu­tio­nen auf­hö­ren, poli­ti­sche Revo­lu­tio­nen zu sein. Bis dahin wird am Vor­abend jeder all­ge­mei­nen Neu­ge­stal­tung der Gesell­schaft das letz­te Wort der sozia­len Wis­sen­schaft stets lau­ten: ‚Kampf oder Tod; blu­ti­ger Krieg oder das Nichts. So ist die Fra­ge uner­bitt­lich gestellt.’” („Das Elend der Phi­lo­so­phie”; das fina­le Zitat stammt pikan­ter­wei­se von Geor­ge Sand.)

„…der Kan­ni­ba­lis­mus der Kon­tre­revo­lu­ti­on selbst wird die Völ­ker über­zeu­gen, daß es nur ein Mit­tel gibt, die mör­de­ri­schen Todes­we­hen der alten Gesell­schaft, die blu­ti­gen Geburts­we­hen der neu­en Gesell­schaft abzu­kür­zen, zu ver­ein­fa­chen, zu kon­zen­trie­ren, nur ein Mit­tel – den revo­lu­tio­nä­ren Ter­ro­ris­mus.” („Sieg der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on zu Wien”, Neue Rhei­ni­sche Zei­tung vom 7. Novem­ber 1848)

Marx’ Wir­kungs­ge­schich­te mit jener von Jesus in einen Atem­zug zu brin­gen, scheint mir etwas degou­tant ange­sichts der doch ziem­lich diver­gie­ren­den Grund­mo­ti­ve: hier die Lie­be zu allen Got­tes­kin­dern, dort ein infer­na­li­scher Hass auf wahr­lich alles und jeden, den eige­nen Vater, die Juden, die Sla­wen, das, um ein biss­chen aus den Brie­fen zu zitie­ren, „Fabri­kan­ten­ge­sin­del”, die „Hun­de von Demo­kra­ten und libe­ra­len Lum­pen”, die „Hun­de von Par­la­ments­kre­tins”, „all das Gesin­del aus Ber­lin, Mark oder Pom­mern”, den „Men­schen­dreck” und „Men­schen­keh­richt” (eine Marx­sche, auch von mir in Gedan­ken gern gebrauch­te Lieb­lings­vo­ka­bel), den „jüdi­schen Nig­ger” Lasalle, des­sen „Zudring­lich­keit” „nig­ger­haft” sei, das „Rind­vieh” Wil­helm Lieb­knecht, den „Scheiß­kerl” Frei­li­grath, das „mus­ko­wi­ti­sche Vieh” Baku­nin. Die Fran­zo­sen „brau­chen Prü­gel”; Deutsch­land sei „die dümms­te Nati­on unter dem Son­nen­licht” (wohl wahr, wohl wahr); „ohne Kei­le von außen ist mit die­sen Hun­den nichts anzu­fan­gen”. Juden? „Viel Juden und Flö­he hier.” Kroa­ten und Tsche­chen? „Lum­pen­ge­sin­del”. Rus­sen? „Hun­de”; „Im rus­si­schen Voka­bu­la­ri­um exis­tiert das Wort Ehre nicht.” Das Publi­kum? „Ich deh­ne die­sen Band („Das Kapi­tal“ – M.K.) mehr aus, da die deut­schen Hun­de den Wert der Bücher nach dem Kubik­in­halt schät­zen.” Die Inter­na­tio­na­le Arbei­ter-Asso­zia­ti­on? „Lum­pen­ge­sin­del”. Das Pro­le­ta­ri­at? „Kom­plet­te­re Esel als die­se Arbei­ter gibt es wohl nicht …, schlimm, daß mit sol­chen Leu­ten Welt­ge­schich­te gemacht wer­den soll.” Huma­nis­mus? „Phra­se”. Par­la­men­ta­ris­mus? „Demo­kra­ti­sche Pißjauche”.

Bre­chen wir die hate-speech-Lese im Werk unse­res Wut­den­kers hier ab und wer­fen wir einen Blick auf sei­ne Jugend­ge­dich­te. Der Vier­zei­ler „Wunsch” hebt an mit den Wor­ten: „Könnt’ ich die See­le ster­bend tauchen/In der Ver­nich­tung Oce­an”. Und in des „Des Ver­zwei­feln­den Gebet” fin­det sich der Selbst­trost: „Eines blieb, die Rache blieb mir doch.”

Sei­nem Lebens­ge­setz zufol­ge gesell­te sich stracks die Selbst­ido­la­trie hinzu: 

„Einen Thron will ich mir auf­er­bau­en,
Kalt und rie­sig soll sein Gip­fel sein,
Boll­werk sei ihm über­mensch­lich Grau­en,
Und sein Mar­schall sei die düs­t’­re Pein !

Wer hin­auf­schaut mit gesun­dem Auge,
Keh­re tod­ten­bleich und stumm zurück,
Ange­packt vom blin­den Tod­tes­hau­che,
Gra­be selbst die Gru­be sich sein Glück.

Und des Höchs­ten Blit­ze sol­len pral­len
Von dem hohen, eiser­nen Gebäu,
Bricht er mei­ne Mau­ern, mei­ne Hal­len,
Trot­zend baut die Ewig­keit sie neu.”

Er wuss­te schon früh, was er wollte.

                                    ***

Die von Bernd Zel­ler gestreu­te Fama, Trier benen­ne sich in Karl-Marx-Stadt um, wur­de bis­lang frei­lich nicht bestätigt.

                                 ***

Die Lieb­lings­schmäh­vo­ka­bel sei­ner poli­ti­schen Nach­fah­ren konn­te der Rau­sche­bart nicht ken­nen. Bun­des­tag, Jakob-Kai­ser-Haus, Innen­hof, Eta­ge der Links­par­tei. Die natio­na­le Eli­te beim Aus­tausch von Liebkosungen.

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                                   ***

Der Jura-Pro­fes­sor Dani­el Thym wie­der­holt sei­nen Tages­spie­gel-Arti­kel gegen die „Gemein­sa­me Erklä­rung 2018” leicht vari­iert in der Säch­si­schen Zei­tung, ergänzt um einen wun­der­sam selbsten­blö­ßen­den Satz. Dass sich die Peten­ten auf das Recht beru­fen, sei „geschickt, weil Recht und Ver­fas­sung über dem poli­ti­schen Tagesgeschäft zu ste­hen schei­nen. Wer sich auf das Recht beruft, muss kei­ne Sach­ar­gu­men­te vor­brin­gen.” (Her­vor­he­bung von mir – M.K.)
Und das von einem Juris­ten! Der Mann behaup­tet, dass die „Erklä­rung” vor­ran­gig das Ziel ver­fol­ge, „die Poli­tik gene­rell zu dele­gi­ti­mie­ren und einem sach­li­chen Streit auch dadurch aus­zu­wei­chen, dass man die Sys­tem­fra­ge stellt” (Acta diur­na vom 7. Mai). Die angeb­li­che Sys­tem­fra­ge ist hier die Fra­ge nach Recht oder Unrecht, und wer sie stellt, ver­sucht also, die Poli­tik zu dele­gi­ti­mie­ren. Als Sach­ar­gu­men­te gel­ten in die­sem Kon­text aus­schließ­lich die gesin­nungs­ethi­schen Plä­ne zur „Umwand­lung einer mono­eth­ni­schen, mono­kul­tu­rel­len Gesell­schaft in eine mulit­eth­ni­sche”, wie es ein zwie­lich­ti­ger Har­vard-Pro­fes­sor unwi­der­spro­chen in den Tages­the­men und zwei Jah­re zuvor bereits im Spie­gel ver­kün­di­gen konn­te. In juris­ti­schen Fach­zeit­schrif­ten wird der­weil ernst­haft dis­ku­tiert, ob das Grund­ge­setz der Bun­des­re­gie­rung erlau­be, die Iden­ti­tät des deut­schen Vol­kes ein­wan­de­rungs­po­li­tisch umzu­struk­tu­rie­ren; bis jetzt fand jede poli­ti­sche Gau­ne­rei wil­li­ge Juris­ten, die sie zu legi­ti­mie­ren such­ten. Die Ange­le­gen­heit muss des­halb letzt­lich tat­säch­lich poli­tisch ent­schie­den wer­den, und die­se Ent­schei­dung obliegt – noch – dem im Grund­ge­setz fest­ge­schrie­be­nen Sou­ve­rän, in des­sen Ver­dün­nung und mäh­li­chen Aus­tausch durch demo­gra­fi­sche Mecha­nis­men, die erst zu spät sicht­bar wer­den, der­zeit alle Par­tei­en außer einer ein­ge­wil­ligt haben. Die Uhr tickt…

                                    ***

Leser ***, der mir zunächst nicht glau­ben woll­te, dass Mor­gen­län­der sich in abend­län­di­schen Kul­tur­stät­ten kaum bli­cken las­sen, hat noch ein­mal nachgelegt.

„Sie kri­ti­sie­ren Des­in­ter­es­se an dem, was für Sie Wert hat. Sie schei­nen aber nicht zu erken­nen, dass Ihr Maß­stab kei­ne uni­ver­sa­le Gül­tig­keit hat, und sich der Weg ent­lang gewis­ser Denk­li­ni­en zwangs­läu­fig ver­bie­tet, wenn die Kon­klu­si­on kein abwä­gen­des Aber, son­dern wie oft beob­ach­tet tri­umph-trun­ke­ne Über­heb­lich­keit ist.”

Sehe ich genau­so. Shake­speare-Sonet­te hin, Beet­ho­ven-Sona­ten her, das ist alles rela­tiv. Unge­fähr wie Krebs­for­schung oder künst­li­che Intel­li­genz, die haben auch kei­ne uni­ver­sa­le Gül­tig­keit, dafür muss man sich nicht inter­es­sie­ren, und mit einem kur­zen Nach­den­ken bekommt man bei­de Erschei­nungs­for­men des euro­päi­schen Geis­tes sogar unter einen Hut als Erschei­nungs­for­men des euro­päi­schen Geis­tes. Um zu ver­deut­li­chen, was ich eigent­lich mei­ne: Wer in ein Land ein­wan­dert – oder es auch nur als Rei­sen­der auf­sucht – und des­sen Kul­tur mit völ­li­gem Des­in­ter­es­se begeg­net, soll­te doch bes­ser gleich daheim blei­ben, oder? Oder? Oder – er kommt als Erobe­rer, als Fremd­kör­per und Abgrei­fer. Dann ist es töricht und deka­dent, ihn ein­zu­las­sen, ihn zu ali­men­tie­ren und von „Inte­gra­ti­on” zu faseln. 

„Was soll­ten sie wohl emp­fin­den vor den Wer­ken euro­päi­scher Künst­ler? Deren Wer­ke sind vol­ler unbe­kann­ter Bezü­ge und mensch­li­che Dar­stel­lun­gen sind eher trist oder trau­rig und kom­men der Schön­heit, die sich in den Inter­ak­tio­nen eines har­mo­ni­schen Lebens fin­den, zu sel­ten nahe”, fährt *** fort. „Ich habe die Idee, dass Abend­länd­ler ins Muse­um gehen oder Musik hören oder Bücher lesen, um ihre (Ihre) Schmer­zen und Ver­lo­ren­hei­ten zum Leben zu erwe­cken, um sich in der Trau­er oder Ergrif­fen­heit leben­dig zu füh­len. Die mus­li­mi­sche Kul­tur hat das bis­lang nicht nötig, das Indi­vi­du­um in ihr ist offen­kun­dig mehr­heit­lich har­mo­nisch.
Dar­in liegt ver­mut­lich die Stär­ke des Islams und sei­ner Kul­tur­krei­se: Obwohl sie den Indi­vi­du­en Frei­heit neh­men, hal­ten sie sie in Harmonie.”

Oder sie hän­gen, in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len oder neudeutsch:Einzelfällen, am Bau­kran, wer­den in die Luft gesprengt, und wenn sie von ihrem christ­li­chen Bekennt­nis nicht las­sen wol­len, schnei­det man ihnen die Häl­se durch. Und die Mädels ver­schwin­den unter Sack und Pla­ne in edler Harmonie…

Da übt einer für die Unter­wer­fung. Tre­ten wir dis­kret zurück. Was mich betrifft, kann ich die Deka­denz des Wes­tens durch­aus ver­ach­ten, ohne mich gleich dem womög­lich all­zu schlich­ten Welt­ver­ständ­nis des Ori­ents andie­nen zu müs­sen. Aber: Jeder, wie er kann. Sela, Psalmenende.

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