14. Mai 2018

Heu­te, geneig­ter Eck­la­den­be­su­cher, gibt es ein bun­tes Pro­gramm, min­des­tens aber eini­ge Shades of Grey, denn es sind Zuschrif­ten zu zitie­ren und zu beantworten.

Zuvör­derst der Zaun­pfahl­wink meh­re­rer Leser, dass zwar über 150.000 Men­schen die „Gemein­sa­me Erklä­rung” unter­zeich­net haben, aber die Peti­ti­on „Kampf­hund Chi­co darf nicht ster­ben” in viel kür­ze­rer Zeit fast dop­pelt so vie­le Unter­stüt­zer fand. Was wohl dar­aus zu fol­gern sei?

Nun, ich mei­nes­teils schlie­ße dar­aus, dass in Deutsch­land die Sym­pa­thien für gefähr­li­che Hun­de ähn­lich irra­tio­nal hoch sind wie die Zustim­mung für gefähr­li­che Kanzler. 

                                     ***

„Ach, muß das gut tun, einem ver­bli­che­nen gro­ßen Geist auf den Sarg­de­ckel zu brun­zen!”, rüf­felt Leser *** über mei­ne gest­ri­gen Ein­trag zu Triers berühm­tes­ten Sohn. Brun­zen? Ich habe den Dr. Marx doch bloß zitiert! Aber, fährt *** fort, „man kann der­ar­ti­ge Invek­to­ri­en selbst­ver­ständ­lich auch in den nach­ge­las­se­nen Schrif­ten des Agi­ta­tors Jesus, des Refor­ma­tors Luther, des Geheim­rats Goe­the nach­le­sen – was einen intel­li­gen­ten Kopf den­noch kei­nes­wegs davon abhält, das Œvre der Vor­ge­nann­ten zu wür­di­gen.“”

Viel­leicht, weil das Œuvre mehr taugt, zumin­dest im Fal­le Goethes?

„Der Gewi-Unter­richt in Schle­ma mag Män­gel gehabt haben  –  eben­so die Dial­Hist­Mat-Vor­le­sun­gen an der Uni”, legt *** nach. „Die­se Erkennt­nis ent­bin­den Sie nicht vom Selbst­stu­di­um und eige­nem Durch­den­ken bestimm­ter Sät­ze Mar­xens in ihrem his­to­ri­schen Zusam­men­hang, bevor Sie Ihren Blog mit einem Text fül­len, der Ihnen nicht zur Ehre gereicht.”

Zunächst, sol­cher­art gekit­zelt, ein paar Wor­te pro domo. Ich habe das lau­schi­ge Schle­ma – näher­hin: das benach­bar­te Aue – mit zwei­ein­halb Jah­ren ver­las­sen, der Staats­bür­ger­kun­de­un­ter­richt an der Wil­helm-Pieck-Ober­schu­le in Ber­lin Pan­kow, wo ich in einer soge­nann­ten Rus­sisch-Klas­se für die aka­de­mi­sche Kar­rie­re abge­rich­tet wer­den soll­te, kam ohne jeden Ver­such einer tie­fe­ren Marx-Exege­se aus, und eine Uni­ver­si­tät habe ich nie betre­ten, weil ich im Drecks­staat DDR nicht stu­die­ren woll­te; ich war von der ideo­lo­gi­schen Mast in der Schu­le über­satt und streb­te zu den Pro­le­ten, deren Trink­ge­wohn­hei­ten ich etwa ab der 9. oder 10. Klas­sen ange­nom­men hat­te, in die Pro­duk­ti­on. Hät­te ich geahnt, dass die Mau­er, die ein Jahr vor mei­ner Geburt gebaut wur­de und mir als ein uner­schüt­ter­li­ches Aprio­ri mei­nen Hori­zont vor­schrieb resp. ver­stell­te, noch vor der Mit­te mei­nes Lebens fal­len soll­te, ich hät­te mich in irgend­ein soge­nann­tes Orchi­deen­fach ver­krü­melt, in dem man von der Pro­pa­gan­da halb­wegs ver­schont blieb, Alt­phi­lo­lo­gie zum Bei­spiel (für Phy­sik war ich zu blöd), mir wären Mil­lio­nen Gehirn­zel­len erhal­ten geblie­ben, die mir der DDR-Schnaps frus­tra­ti­ons­mil­dernd zunich­te mach­te, ich hät­te tau­send Bücher mehr gele­sen etc. pp., kurz­um: Es mag ein Feh­ler gewe­sen sein. Aber außer Nos­tradamus und Kat­rin Göring-Eckardt kann eben kaum jemand in die Zukunft schau­en. Ich habe in die­ser Zeit frei­lich ziem­lich viel Marx gele­sen, unter ande­rem weil man in der Zone die meis­ten ande­ren inter­es­san­ten nach­he­gel­schen Den­ker ja nicht in die Hän­de bekam, womit wir end­lich bei unse­rem kom­mu­nis­ti­schen Ober­klas­si­ker wären. Ich besaß die hal­be Marx-Engels-Werk­aus­ga­be, und ich habe mit dem Gevat­ter in gewis­ser Wei­se eine Rech­nung offen, auch wenn ich die meis­ten der blau­en Bän­de längst umwelt­ge­recht ent­sorgt habe. Ich bin also alles ande­re als aus­ge­wo­gen in mei­nem Urteil.

Zurück denn zu Leser ***: Das Selbst­stu­di­um, wel­ches er for­dert, emp­feh­le ich auch, lesen Sie alle Marx, mög­lichst viel davon, dann fällt der Gro­schen meis­tens von allei­ne. „Das Ver­trau­en des Mar­xis­ten in Marx ist gemein­hin so groß, dass er dar­auf ver­zich­tet, sei­ne Wer­ke zu lesen”, brach­te Nicolás Gómez Dávi­la das Pro­blem, wie man sagt, auf den Punkt. Ein ande­res Pro­blem wie­der­um hat damit zu tun, dass „Marx der ein­zi­ge Mar­xist war, den der Mar­xis­mus nicht ver­dummt hat” (noch­mals Gómez Dávi­la); ich hat­te mein hal­bes Leben mit Leu­ten zu tun, denen das von Marx her­ge­stell­te Strych­nin das Gehirn ver­ne­belt hat­te, ja ich gehör­te lan­ge sel­ber dazu; ich erin­ne­re mich noch mit grim­mi­gem retro­spek­ti­ven Amü­se­ment, wie ich ver­such­te, die mir zugäng­li­che Welt, also den Real­so­zia­lis­mus hie und den öko­no­misch wie lebens­art­lich in lich­te­re Sphä­ren ent­schwir­ren­den sog. Kapi­ta­lis­mus dort – und die sog. natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen der drit­ten Welt inmit­ten – mit den Kate­go­rien des Man­nes zu erklä­ren, der auf dem deut­lich wert­lo­se­ren der bei­den 100-Mark-Schei­ne abge­bil­det war. Mein Feh­ler bestand dar­in, ihn als Phi­lo­so­phen oder Öko­no­men lesen zu wol­len, tat­säch­lich war er ja ein Reli­gi­ons­grün­der und Kir­chen­va­ter. Dar­aus erklärt sich sowohl sei­ne Mas­sen­wir­kung als auch das kra­chen­de und blu­ti­ge Schei­tern sei­ner Kir­che – es scheint ein Welt­ge­setz zu sein, dass seit Muham­mad kei­ne neu­en Reli­gio­nen mehr geschaf­fen wer­den kön­nen, und auch der Islam besteht ja schon über­wie­gend aus Adap­tio­nen –, und erklärt übri­gens auch die Prä­ge­kraft, die der Bol­sche­wis­mus auf die mus­li­mi­schen Län­der an der süd­li­chen Peri­phe­rie Russ­lands aus­üb­te. Der von sei­nem Glau­ben durch­glüh­te, die Welt­be­glü­ckung pre­di­gen­de, ein unum­stöß­li­ches Regel­werk sta­tu­ie­ren­de und zu jeder Bru­ta­li­tät berei­te Kom­mis­sar war ein Typus, der den Men­schen dort ein­leuch­te­te, mit dem konn­ten sie etwas anfangen.

Marx war ein Grol­ler und Zür­ner, der in sich mehr Hass und Ver­ach­tung auf die Welt trug als jeder ande­re mir bekann­te als groß gehan­del­te Den­ker; der alte Scho­pen­hau­er erscheint dane­ben als ein hei­te­rer Stoi­ker. In punc­to Res­sen­ti­ment stand Marx natür­lich weit unter Rous­se­au, er war vol­ler Bos­heit, aber kein Lump und Nei­der auf Schleich­we­gen. (Neh­men wir jetzt noch Ador­no und Fou­cault hin­zu, und Sie haben die Qua­dril­le mei­ner Unmög­li­chen; so blitz­ge­schei­te wie trost­lo­se Zer­stö­rer­we­sen mit emi­nen­ten Wir­kungs­ge­schich­ten.) Wir wis­sen, dass des Men­schen Geis­tig­keit in den Nie­de­run­gen sei­ner Emp­fin­dun­gen, leib­li­chen Dis­po­si­tio­nen und bio­gra­fi­schen Ver­wick­lun­gen wur­zelt. Marx war erfolg­los und litt an aller­lei kör­per­li­chen Unpäss­lich­kei­ten, er schaff­te es nicht, sei­ne Fami­lie zu ernäh­ren, er war die komi­sche Figur des Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­kers, der sich von einem (bzw. von zwei) Kapi­ta­lis­ten aus­hal­ten las­sen muss­te, um den Kapi­ta­lis­mus wei­ter kri­ti­sie­ren zu kön­nen, des öko­no­mi­schen Sach­ver­stän­di­gen, der sein Geld an der Bör­se ver­spiel­te, des erfolg­lo­sen Poli­ti­kers, der die erfolg­rei­chen Poli­ti­ker bis in die Ver­gan­gen­heit hin­ein mit sei­nen Schmä­hun­gen über­zog, des sen­dungs­be­wuss­ten Autors, des­sen Bücher nie­mand kauf­te, des Sek­ten­grün­ders, des­sen eige­ne Sek­te sei­ne bestän­di­ge Bes­ser­wis­se­rei nicht ertrug – jetzt erst, geehr­ter Herr ***, „brun­ze” ich ihm auf den Sargdeckel. 

Apro­pos: Bei Mar­xens Beer­di­gung, auf wel­cher Engels die­se so erstaun­lich kecke Rede hielt, waren kei­ne zehn Leu­te anwe­send. Alles bei­na­he wie bei Jesus, die Wir­kungs­lo­sig­keit, das Schei­tern, die gewal­ti­ge post­hu­me Wir­kung, aber eben nur bei­na­he. Dass Marx als Auf­rüh­rer zwar nicht gekreu­zigt, aber auf dem Kon­ti­nent nicht mehr gedul­det wur­de und im bri­ti­schen Exil leben muss­te – „Im Exil zu ster­ben ist eine Garan­tie dafür, nicht völ­lig mit­tel­mä­ßig gewe­sen zu sein” (noch­mals Gómez Dávi­la) –, dürf­te der Pro­duk­ti­vi­tät sei­ner Gal­le nicht abträg­lich gewe­sen sein. Er lie­fer­te im rhe­to­ri­schen Über­maß, was dem durch­schnitt­li­chen lin­ken Intel­lek­tu­el­len behagt: Über­le­gen­heits­ge­fühl, Welt­erklä­rungs­an­spruch und Fut­ter für öko­no­mi­sches Selbst­mit­leid. Und nur unter Intel­lek­tu­el­len ist er noch popu­lär. Kein seriö­ser Öko­nom – neh­men Sie die­se For­mu­lie­rung cum gra­no salis, Öko­no­mie ist kei­ne Wis­sen­schaft – beruft sich heu­te noch auf eine marx’sche The­se, kein seriö­ser His­to­ri­ker – dito – glaubt mehr an die Klas­sen­kampf­theo­rie, den His­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus und all die ande­ren Kau­sa­li­täts-Legen­den und Deter­mi­nis­mus-Mythen aus der mar­xis­ti­schen Klipp­schu­le, die natür­lich der Denk­faul­heit und Dif­fe­ren­zie­rungs­un­lust der meis­ten Intel­lek­tu­el­len ent­ge­gen­ka­men. Kann es ein düm­me­res Buch von einem intel­li­gen­te­ren Men­schen geben als Geor­ge Lukács’ „Die Zer­stö­rung der Ver­nunft”? Das macht Mar­xis­mus aus bril­lan­ten Köp­fen, wobei in die­sem Fal­le die Furcht hin­zu­kam, noch beflis­se­ne­ren Mar­xis­ten mit deut­lich schlech­te­ren Werk­kennt­nis­sen beim Ver­hör gegenüberzusitzen.

Ich muss den Alten frei­lich auch in Schutz neh­men. Ers­tens: Er konn­te schrei­ben, böse meist, aber das mag ich ja. Zwei­tens: Er war sei­nen The­sen und Theo­rien gegen­über weit skep­ti­scher als sei­ne geis­ti­gen Nach­fah­ren und poli­ti­schen Tes­ta­ments­voll­stre­cker. Drit­tens: Er wür­de sich vor vie­len heu­ti­gen Lin­ken ekeln, vor Figu­ren, die Shake­speare und Aischy­los aus den uni­ver­si­tä­ren Lehr­plä­nen ent­fer­nen wol­len, weil sie sich von der Domi­nanz alter wei­ßer Män­ner getrig­gert füh­len. Der Kul­turm­ar­xis­mus wür­de ihn anwi­dern; er war viel zu eli­tär und gebil­det, um bei die­sem Lim­bo mit­zu­tan­zen. Er wür­de Gen­der-Pro­fes­so­rin­nen, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten, Wüs­ten­re­li­gi­ons­be­will­komm­ner und die Erfin­der immer neu­er Geschlech­ter mit ätzen­dem Spott über­zie­hen. Er wür­de im Gift­schrank der alten wei­ßen Män­ner enden.

Es ist übri­gens unan­ge­mes­sen, Marx die Mensch­heits­ver­bre­chen der kom­mu­nis­ti­schen Ter­ror­staa­ten anzu­las­ten, denn Schuld trägt immer nur der­je­ni­ge, der zuschlägt, nicht der­je­ni­ge, der dazu auf­for­dert, man hal­te von Letz­te­rem, was man wol­le. Das­sel­be gilt frei­lich auch bzw. gilt natür­lich nicht für die soge­nann­ten geis­ti­gen Weg­be­rei­ter des Natio­nal­so­zia­lis­mus (sofern sie eben nicht sel­ber Natio­nal­so­zia­lis­ten waren wie bei­spiels­wei­se Rosen­berg oder Beaumler).

Doch ich habe nun ein­mal ins Wes­pen­nest gesto­chen, also wei­ter. Lese­rin *** moniert: „Die Samm­lung Ihrer Marx-Zita­te hat mich an etwas erin­nert. In die­ser Art und Wei­se sam­mel­ten Arndt-Geg­ner, vor allem Stu­den­ten, jene Arndt-Zita­te, die heu­te anstö­ßig klin­gen. In die­ser Häu­fung ver­wen­det sind sie jedoch unred­lich – das Posi­ti­ve wird nicht erwähnt.”

Ich habe die­se Zita­te ledig­lich als Bele­ge dafür gesam­melt, dass Frau Wagen­knechts huld­vol­le Unter­stel­lung, Marx’ „Ziel” sei „die Demo­kra­tie” gewe­sen, nicht so recht stimmt. Oder dass er sie unge­fähr so woll­te, wie die ame­ri­ka­ni­schen Neo­cons: Der ewi­ge Frie­den ist immer noch genau ein letz­tes Gefecht, einen letz­ten Mas­sen­mord weit entfernt.

„Viel­leicht hat es  sogar sein Gutes, dass man im 19. Jahr­hun­dert noch kei­ne Poli­ti­cal Cor­rect­ness kann­te. Viel­leicht nicht bei Jesus, jedoch auch in der Bibel fin­den sich sehr vie­le Zita­te, die heu­te nur erschre­cken kön­nen, vor allem im Alten Tes­ta­ment. Ich kauf­te ein­mal eine Kin­der­bi­bel, um mei­nen Kin­dern dar­aus vor­zu­le­sen. Dies gab ich dann auf, weil mir Vie­les ein­fach zu grau­sam war. (…) Hein­rich Hei­ne mach­te sich ein­mal über die schreck­li­chen Ost­ju­den lus­tig, über ihr Aus­se­hen ihre Spra­che usw.  Selbst bei Goe­the las­sen sich befremd­li­che Zita­te finden.”

Bei Goe­the kam immer­hin noch nie­mand auf die schril­le Idee, ihm zu unter­stel­len, sein Ziel die Demo­kra­tie gewesen.

„Natür­lich hat auch Marx geirrt. Es kann aller­dings gar nicht sein, dass heu­te  s ä m t l i c h e  Aus­sa­gen eines Gesell­schafts­wis­sen­schaft­lers des 19. Jahr­hun­derts bestä­tigt wer­den kön­nen. So etwas gibt es auch auf ande­ren Gebie­ten nicht, immer bleibt etwas Zeit­ty­pi­sches, wel­ches von neu­en Erkennt­nis­sen über­holt wird.”

Kein Dis­sens.

„Den­noch fand Karl Marx vor allem im ‚Kapi­tal’ Erkennt­nis­se und Aus­sa­gen, die bis heu­te Gül­tig­keit haben. Wenn ich die vie­len Kri­sen sehe, die heu­te die Welt erschüt­tern, fin­de ich (lei­der) vie­les rich­tig, z.B. dass (eini­ge) Kapi­ta­lis­ten skru­pel­los über Lei­chen gehen, wenn die Ren­di­te steigt. (…) Auch die uner­sätt­li­che Gier des Sys­tems zer­stört unse­ren Pla­ne­ten. Wenn man sich für Welt­po­li­tik inter­es­siert, konn­te man in vie­len Fil­men sehen, dass Men­schen vor allem in Süd­ame­ri­ka und auch in Afri­ka buch­stäb­lich umge­bracht wer­den, wenn Pro­fi­te locken. (…) Allein der Antrieb gro­ßer Tei­le des Sys­tems, Krie­ge um mehr Pro­fit zu füh­ren, reicht, um die­ses Sys­tem zu hassen.”

Ich wür­de gern erfah­ren, wel­che Aus­sa­gen des „Kapi­tals” heu­te noch Gül­tig­keit haben. Was aber die hier gegen den Kapi­ta­lis­mus erho­be­nen Vor­wür­fe betrifft, muss ich zunächst ein­wen­den, dass kei­nes­wegs nur (eini­ge) Kapi­ta­lis­ten für ihren Vor­teil über Lei­chen gehen, son­dern das tun und taten (eini­ge) Men­schen zu allen Zei­ten. Es ist unred­lich oder töricht oder auch bloß Gesin­nungs­kitsch, einem spe­zi­el­len poli­ti­schen oder Wirt­schafts­sys­tem vor­zu­wer­fen, was zur mensch­li­chen Gesamt­na­tur gehört. Nun könn­te gegen den Kapi­ta­lis­mus, den man in sei­ner heu­ti­gen Form viel­leicht bes­ser Markt­wirt­schaft nen­nen soll­te, ein­ge­wen­det wer­den, dass er gera­de beson­ders mör­de­risch oder beson­ders umwelt­zer­stö­re­risch sei. Gegen die­se The­se hat aber der Real­so­zia­lis­mus ein beein­dru­cken­des Zeug­nis abge­legt. Den Streit, ob der Kapi­ta­lis­mus „die Umwelt” zer­stört oder ob gera­de das freie Spiel inno­va­ti­ver Kräf­te auf dem Markt zu immer umwelt­ver­träg­li­che­ren Tech­ni­ken führt, will ich nicht ent­schei­den müss­sen. Am ver­kom­mens­ten sind gemein­hin jene Regio­nen, wo am wenigs­ten inves­tiert wird. Der Kapi­ta­lis­mus ist mit­ver­ant­wort­lich dafür, dass auf die­sem Pla­ne­ten inzwi­schen sie­ben Mil­li­ar­den Men­schen leben kön­nen, das kann man schlimm fin­den, vor allem aus ästhe­ti­schen Grün­den, aber es ist aus der Sicht des Bio­lo­gen eine unglaub­li­che Erfolgs­ge­schich­te. Dem Kapi­ta­lis­mus bzw. der Markt­wirt­schaft ver­dankt ein Groß­teil der Welt­be­völ­ke­rung sei­ne Wohl­be­haust­heit, sein lan­ges Leben, sei­ne Gesund­heit, sei­ne Mobi­li­tät, und wo das alles fehlt, fehlt auch die Markt­wirt­schaft. Die Groß­gau­ne­rei­en eini­ger Ban­ken wie­der­um waren, zumin­dest in dem gigan­ti­schen Aus­maß vor der Finanz­kri­se, nur mög­lich, weil die Staa­ten zuvor in die Märk­te ein­ge­grif­fen hat­ten. Und so ver­hält es sich letzt­lich auch mit den Krie­gen. Gewiss, es gibt einen Teil der Wirt­schaft, der davon pro­fi­tiert und die Poli­tik zu beein­flus­sen ver­sucht. Aber es ist nicht der Kapi­ta­lis­mus als sol­cher und gan­zer. Was hat denn ein zivil­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer davon, wenn Märk­te zer­stört werden?

„Jeden­falls zei­gen die Mar­x­zi­ta­te”, schließt Lese­rin ***, „Marx war kein Mus­ter­mensch, er hat geirrt und trotz allem eine gro­ße Men­schen­lie­be beses­sen. Wenn ihm die Mensch­heit egal wäre, hät­te er sich mit einem Durch­schnitts­le­ben zufrie­den gegeben.”

Na ja, die Geschich­te hat schock­wei­se Gestal­ten erzeugt, die alles ande­re als ein Durch­schnitts­le­ben führ­ten und denen die Men­schen gleich­gül­ti­ger waren als der Dreck unter ihren Fin­ger­nä­geln. Seit Rous­se­au und erst recht seit Marx behaup­ten aber vie­le von ihnen, ihr wah­res Inter­es­se gel­te statt­des­sen der Mensch­heit. Nebbich. 

                                      ***

Leser *** nimmt Bezug auf die „Unter­wer­fungs­mail”, die ich am 13. Mai zitiert habe – es ging um die Selbst­ab­schot­tung vie­ler bzw. der meis­ten Mus­li­me von der west­li­chen Kul­tur – und plau­dert aus der Schule: 

„Ich bin ein wenig jen­seits der 60, berufs­tä­tig, deut­scher Staats­bür­ger ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund (die Ver­trei­bung Deut­scher ab 1945 wird ja wohl nicht mehr mit­ge­zählt), ver­hei­ra­tet mit Kin­dern. Mei­nem Alter nach selbst­ver­ständ­lich ‚irgend­wie’ links, spä­ter diver­sen eso­te­ri­schen Sze­nen zuge­hö­rig. Ab Anfang der 80er dann über die spi­ri­tu­el­le Sei­te die­ses Glau­bens (Sufi­tum) dann dem Islam zuge­hö­rig. Die Ein­zel­hei­ten dazu spa­re ich mir und Ihnen jetzt. Da man dem Islam zwar bei­tre­ten aber nicht ver­las­sen kann, bin ich wohl immer noch Muslim.

Über 25 Jah­ren war Islam mei­ne Gedan­ken- und Gefühls­welt. Mus­li­me betre­ten nur in Aus­nah­me­fäl­len abend­län­di­sche Kul­tur­stät­ten. Die Angst vor einer Kon­ta­mi­na­ti­on ist sehr groß, außer­dem lei­den vie­le Mus­li­me unter einem Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl, wenn sie mit einer Kul­tur kon­fron­tiert wer­den, zu der sie kei­nen Zugang haben.

Vor kur­zem besuch­te ich ein Kon­zert eines paki­sta­ni­schen Quaw­wal-Sän­gers im Klei­nen Saal der Elb­phil­har­mo­nie. Quaw­wal ist eine Gesangs­form, die an Grab­stät­ten von ver­ehr­ten Sufi­per­sön­lich­kei­ten in Paki­stan aus­ge­führt wird. Besu­cher­zahl ca. 450, viel­leicht ein Fünf­tel (durch Klei­dung und Habi­tus) erkenn­bar Ori­en­ta­len – Paki­sta­ni und/oder Inder. Kei­ne Tür­ken, kei­ne Ara­ber, kei­ne betur­ban­ten Deut­schen usw. Es sind die bra­ven Deut­schen, die sich mit ande­ren Kul­tu­ren beschäf­ti­gen und auch begeis­tern las­sen. Die­se Erfah­rung habe ich den letz­ten 40 Jah­ren nicht als Aus­nah­me erlebt, son­dern als Regel.

Selbst als ich noch Teil der Umma war und mich für die Varia­tio­nen des Glau­bens inter­es­sier­te, waren die meis­ten ande­ren Mit­gläu­bi­gen nicht bereit dazu. Denn, wie Leser*** sehr rich­tig for­mu­liert: ‚Die mus­li­mi­sche Kul­tur hat das bis­lang nicht nötig, das Indi­vi­du­um in ihr ist offen­kun­dig mehr­heit­lich harmonisch.’

Nur in der eige­nen har­mo­ni­schen Bla­se kann die Selbst­ge­fäl­lig­keit und Selbst­ge­rech­tig­keit unge­bremst wuchern. Die Har­mo­nie ist der­ma­ßen, dass jeder Mus­lim jeden und jede ande­re beleh­ren darf, ja muß (unter Frau­en ist es oft noch schlim­mer, weil es da ver­stärkt um die recht­gläu­bi­ge Klei­dung, Haar­mo­de usw. geht). In der Bla­se fühlt es sich gut an. Ich war Teil der Wahr­heit und als Sufi auch noch Teil der Eli­te. Das reicht den meis­ten. Zwei­fel sind nicht Teil der Reli­gi­on, son­dern unmit­tel­bar Shirk (Bei­gesel­lung – die stärks­te Form des Unglau­bens), macht also Angst. Das gan­ze lässt sich mit einem Dorf­le­ben ver­glei­chen. Jeder kennt jeden und die sozia­le Kon­trol­le erle­digt den Rest. Und die meis­ten Dorf­be­woh­ner füh­len sich wohl damit.

Mir reicht es erst einmal.”

                                   ***

Es soll nicht zur Regel wer­den, dass ich mich hier sel­ber erklä­re, doch in die­sem Fall will ich’s tun. Im Zusam­men­hang mit mei­ner Rede „Der deut­sche Kon­ser­va­tis­mus muss frei­heit­li­cher wer­den”, in der ich gesagt habe, dass das Über­le­ben der deut­schen Kul­tur Pri­vat­sa­che und Stil­fra­ge sei und wir uns bes­ser dem Über­le­ben der Zivi­li­sa­ti­on wid­men soll­ten, ist mir lie­be­voll beschei­nigt wor­den, ein Zer­set­zer oder Schlim­me­res zu sein, weil ich kurz zuvor zwei Völ­ker genannt hat­te, um deren Über­le­ben ich mir kei­ne Sor­gen mache: die Israe­lis und die Viet­na­me­sen. Ich wol­le die deut­sche Kul­tur und damit das deut­sche Volk preis­ge­ben, hieß es; ande­re Völ­kern dage­gen woll­te ich der­glei­chen nicht zumuten. 

Ich habe in die­sem Vor­trag mehr­fach auf die Ben­n­schen Maxi­men insi­tiert: „Erken­ne die Lage! Rech­ne mit dei­nen Defek­ten!” etc. Und ich habe zwi­schen den Deut­schen und den ande­ren einen Unter­schied gemacht, näm­lich folgenden:

„Kann ein Volk die eben geschil­der­ten Auf­lö­sungs­pro­zes­se überleben?

Isra­el scheint es zu kön­nen. Um die Viet­na­me­sen muss einem nicht ban­ge sein. Bei den Japa­nern stel­len sich schon ers­te Zwei­fel ein; die haben zwar in ihrer benei­dens­wer­ten Insel­si­tua­ti­on die Zug­brü­cken hoch­ge­zo­gen, aber demo­gra­fisch sieht es bei ihnen nicht bes­ser aus als bei uns.

For­mu­lie­ren wir die Fra­ge anders: Kann ein neu­ro­ti­sches, in Selbst­ver­leug­nug erstarr­tes Volk die­se Auf­lö­sungs­pro­zes­se überleben?”

Erst dann folgt der genann­te Vorschlag.

Wenn ein Groß­teil oder zumin­dest ein maß­geb­li­cher Teil der Deut­schen nicht will, dass die eige­ne Kul­tur über­lebt, ja sie nicht ein­mal mehr kennt, tritt eben das ein, was ich sag­te. Ich war ges­tern auf einer Ver­an­stal­tung der Jewish Agen­cy zum Jom Jeru­scha­la­jim, da fei­er­ten Men­schen ihre Tra­di­ti­on und ihren Zusam­men­halt und san­gen patrio­ti­sche Lie­der auf eine Wei­se, die bei Deut­schen als bedenk­lich, chau­vi­nis­tisch, ja gefähr­lich durch­gin­ge – und zwar in den Augen ande­rer Deut­scher. Erken­ne die Lage! Rech­ne mit dei­nen Defek­ten! Aber viel­leicht nimmt sich der­einst ein gesund­ge­schrumpf­tes deut­sches Volk die Israe­lis zum Vorbild.

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