19. Mai 2018

Der erschöpf­te Beob­ach­ter pau­siert in der Hypo­the­se. Der bank­rot­te wech­selt zur Theorie.

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Wer bereit ist, beim Boh­ren der ganz dicken juris­ti­schen Bret­ter zu hos­pi­tie­ren: Der Staats­recht­ler Ulrich Vos­gerau legt auf der AfD-Pres­se­kon­fe­renz zur Fest­stel­lung der Unrecht­mä­ßig­keit der Grenz­öff­nung dar, war­um sein Kol­le­ge Thym das EU-Recht metho­disch feh­ler­haft anwen­det und außer­dem die Rege­lungs­be­rei­che der Art. 20 und 3 der Dub­lin-III-Ver­ord­nung aus wel­chen Grün­den auch immer ver­wech­selt: hier von Min. 25,50 bis 32,41 sowie von 38,30 bis 42,50.

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Zu den Sym­pto­men jedes Para­dig­men- und spä­te­ren Regime­wech­sels gehört die Umschrei­bung der Geschich­te. Sie wird auf das neue Ziel hin aus­jus­tiert und gern auch gefälscht. Ein Exem­pel, wie das hier­zu­lan­de der­zeit läuft. 

Unter der Zei­le „Nach Islam-Het­ze von AfD-Che­fin: Mus­li­ma erklärt, wie sie deut­schen Wohl­stand sichert” ver­öf­fent­licht Focus online einen Arti­kel über eine mus­li­mi­sche Unter­neh­me­rin, wel­cher anhebt mit dem nach­ge­ra­de legen­dä­ren Kopf­tuch­mäd­chen-und-Mes­ser­män­ner-Zitat der Ali­ce Wei­del und den Wor­ten: „Für ihre die­se ras­sis­ti­sche Äuße­rung fing sie sich eine Rüge von Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäub­le ein.”

Zunächst ein­mal, Genos­sen, und bevor wir zu Geschichts­fäl­schung und Dum­men­fang kom­men, ist Wei­dels Aus­sa­ge nicht „ras­sis­tisch”, denn weder Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen noch Mes­ser­män­ner reprä­sen­tie­ren Ras­sen, wenn­gleich gewis­se Eth­ni­en in bei­den Kate­go­rien die Nasen mei­len­weit vorn haben; Schäub­le sprach sei­ne Rüge wegen angeb­li­cher oder tat­säch­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung von Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen aus. Die Dis­kri­mi­nie­rung der Mes­ser­män­ner als „Tau­ge­nicht­se” hat er bedau­er­li­cher­wei­se nicht gerügt, obwohl gera­de die­se elan­vol­len jun­gen Bur­schen einen nicht unwe­sent­li­chen Bei­trag leis­ten, damit unse­re all­zu mono­eth­ni­sche Gesell­schaft in eine mul­ti­eth­ni­sche umge­wan­delt wer­den und der par­al­lel statt­fin­den­de „Ein­wan­de­rungs­dji­had” (Micha­el Ley) sich eines gewis­sen Hin­ter­grund­ter­rors sicher sein kann. (Es ist in die­sem Zusam­men­hang übri­gens einer­lei, aus wel­chen Moti­ven die Mes­ser gezückt wer­den; der Schre­cken, den sol­che Taten ver­brei­ten, erfüllt in einer weh­lei­di­gen und über­al­ter­ten Gesell­schaft einen sozu­sa­gen objek­ti­ven Ein­schüch­te­rungs­zweck zuguns­ten der neu­en Her­ren der Stra­ße, wes­we­gen die­se neu­en Her­ren auch nie in den Medi­en oder von den Block­par­tei­en ver­bal ange­grif­fen wer­den, wäh­rend jeder Medi­en­kei­le kriegt, der ihre Anwe­sen­heit hier­zu­lan­de als unan­ge­nehm empfindet.)

Zu Wei­dels Guns­ten sei gesagt, dass die Rüge, die sie emp­fing, auf einer Ver­mu­tung oder Unter­stel­lung fußt, wäh­rend es als sicher gel­ten kann, dass der Mann, der sie aus­sprach, den deut­schen Bun­des­tag über sei­ne Kon­tak­te zum Waf­fen­händ­ler und Lob­by­is­ten Karl-Heinz Schrei­ber belo­gen hat, wäh­rend die Bar­geld­spen­de an ihn in Höhe von 100.000 Mark (für Jün­ge­re und Kika-Gucker: das sind min­des­tens genau so vie­le Euro­nen, eher mehr) ver­schwun­den ist. Wei­del darf also genüss­lich behaup­ten, von einem Par­la­ments­be­lü­ger gerügt wor­den zu sein. „Rüge sprichst du, doch nenn’ ich dich Lüge” (so unge­fähr Froh, „Rhein­gold”, 2. Auf­zug). Aber die­ses Fass machen wir heu­te nicht auf.

Kom­men wir zum besag­ten Focus-Arti­kel über eine kopf­tuch­tra­gen­de Unter­neh­me­rin. „Die 27-Jäh­ri­ge Hes­sin hat vor vier Jah­ren ihr eige­nes Unter­neh­men in Deutsch­land gegrün­det. Für ihr Label ent­wirft sie Damen­be­klei­dung, aber auch Schals, Tur­ba­ne und Hijabs, also isla­mi­sche Kopf­tü­cher. Anfangs ver­trieb sie die Klei­dungs­stü­cke über einen Online-Shop, ver­gan­ge­nen Sonn­tag öff­ne­te sie auch ihren ers­ten Laden in Rüsselsheim.” 

Sie sichert den deut­schen Wohl­stand, indem sie Hijabs ver­kauft. Ande­re tun dies, indem sie Tür­kei-Fah­nen oder Gebets­tep­pi­che ver­kau­fen, so what?

„Wei­dels Äuße­run­gen zeugt für die Unter­neh­me­rin vor allem von Unwis­sen­heit: ‚Wenn sie sich mit der Geschich­te Deutsch­lands aus­ken­nen wür­de, wüss­te sie, dass die Mus­li­me Deutsch­land mit auf­ge­baut haben’, erklärt sie”, fährt Focus online fort. Damit spie­le die Dame „auf die Nach­kriegs­zeit an, als zahl­rei­che Gast­ar­bei­ter aus isla­misch gepräg­ten Län­dern wie der Tür­kei, Marok­ko und Tune­si­en nach Deutsch­land kamen und so den öko­no­mi­schen Auf­schwung mit ermöglichten.”

Die­ses Mär­chen stammt, wie vie­le Flücht­lings­ge­schich­ten auch, aus tau­send­und­ei­ner Nacht, doch Focus online über­nimmt es nicht nur unkom­men­tiert, son­dern die Qua­li­täts­jour­na­lis­tin erhebt es durch ihre Erklä­rung in den Rang eines wür­di­gen Lügen­pres­se­bei­trags. Nicht ein ein­zi­ger Gast­ar­bei­ter hat Deutsch­land „in der Nach­kriegs­zeit wie­der auf­ge­baut”, es sei denn, man erklärt die Zeit nach dem Wirt­schafts­wun­der jetzt auch zur Nach­kriegs­zeit. Dann besteht frei­lich kein Grund, nicht auch die Rüs­sels­hei­mer Hijab-Pro­du­zen­tin zu den­je­ni­gen zu zäh­len, die in der Nach­kriegs­zeit leben und schuften.

Schau­en wir auf die all­ge­mein und leicht zugäng­li­chen Fak­ten. 1961, im Jahr des Gast­ar­bei­ter-Anwer­be­ab­kom­mens mit der Tür­kei – das vor allem auf Druck der USA zustan­de kam, weil man dem meer­engen­ver­sper­ren­den Nato-Part­ner Tür­kei an der Peri­phe­rie der Sowjet­uni­on etwas Gutes tun woll­te –, herrsch­te in (West-)Deutschland Voll­be­schäf­ti­gung. Vor­aus­ge­gan­gen war ein kon­ti­nu­ier­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum, das anno 1955, im wachs­tums­stärks­ten Jahr der deut­schen Geschich­te, den Begriff „Wirt­schafts­wun­der” her­vor­brach­te. Sowohl die Wirt­schaft als auch die Real­löh­ne (damals ging das noch zusam­men) wuch­sen in die­sem Jahr um jeweils mehr als zehn Prozent. 

Die Inves­ti­tio­nen in der Bun­des­re­pu­blik stie­gen von 1952 bis 1960 um 120 Pro­zent, das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt nahm um 80 Pro­zent zu. Kein Gast­ar­bei­ter war dar­an beteiligt.

Die deut­sche Fahr­zeug­indus­trie hat ihre Pro­duk­ti­on zwi­schen 1950 und 1960 ver­fünf­facht. Indus­trie und Dienst­leis­ter konn­ten inner­halb weni­ger Jah­re zwei Mil­lio­nen Arbeits­lo­se sowie die Arbeits­fä­hi­gen unter den acht Mil­lio­nen Ver­trie­be­nen und den 2,7 Mil­lio­nen Men­schen, die aus der DDR geflo­hen waren, in Lohn und Brot brin­gen. Die erwähn­te Voll­be­schäf­ti­gung trat in den spä­ten 1950er Jah­ren ein. 1961, im Jahr des Anwer­be­ab­kom­mens, lag die Arbeits­lo­sig­keit unter einem Pro­zent, eine absurd nied­ri­ge Quo­te, die tat­säch­lich einen aku­ten Arbeits­kräf­te­man­gel beschreibt. Nur weil das Land mit­samt sei­ner Indus­trie und Infra­struk­tur wie­der auf­ge­baut war, konn­te es über­haupt aus­län­di­sche Arbeit­neh­mer beschäftigen.

Ab Anfang der 1960er Jah­re ging der Inves­ti­ti­ons­boom lang­sam zurück, und die ers­ten Gast­ar­bei­ter kamen, damals noch mit dem Wil­len, sich in die deut­sche Gesell­schaft einzufügen.

Das sind die Fak­ten, man fin­det sie in jedem Wirt­schafts­le­xi­kon und jeder Chro­nik die­ser Zeit. Den stau­nens­wer­ten Wie­der­auf­bau haben die Deut­schen allein bewäl­tigt. (Nur zur Demo­lie­rung sei­nes Lan­des brau­chen die­ses skur­ril-emsi­ge Volk, so eif­rig vor allem die eige­nen soge­nann­ten Eli­ten auch dar­an mit­tun, frem­de Hil­fe, sei es nun vor 1648, vor 1918, vor 1945 oder nach 2015.) Dass es sich so ver­hält, ist aber kein Grund, es jedem unter die Nase zu rei­ben. Irgend­wann wird man uns erzäh­len, dass Mil­lio­nen Mus­li­me in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Nazis gelit­ten haben, bevor Recep der Präch­ti­ge mit Allahs Hil­fe Hit­ler nie­der­rang und Deutsch­land wie­der­auf­bau­te, wäh­rend alle Nazis nach Isra­el und Para­gu­ay flo­hen. Kaum saß ein Nazi im Wei­ßen Haus, folg­te ihm Para­gu­ay und ver­leg­te sei­ne Bot­schaft nach Jeru­sa­lem! Wenn das kein Beweis ist!

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Jemand sag­te: „Damit er für mich als Regel­werk in Fra­ge käme, ist der Islam ein­fach nicht alt genug.”

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Wenn ihr Freun­de ver­geßt, wenn ihr den Künst­ler höhnt,
    Und den tie­fen Geist klein und gemein ver­steht,
        Gott ver­gibt es, doch stört nur
             Nie den Frie­den der Liebenden.

Der Kunst­ge­werb­ler Kehl­mann erhält den Höl­der­lin­preis. Schließ­lich ist auch er an die Gren­zen des für ihn Sag­ba­ren gelangt. Nun scheint es aber zwin­gend gebo­ten, dass Gevat­ter Precht den Nietz­sche-Preis für gefähr­li­ches Den­ken bekommt.

O hei­lig Herz der Völ­ker, o Vater­land!    
    All­d­ul­dend gleich der schwei­gen­den Mut­ter Erd’
        Und all­ver­kannt, wenn schon aus dei­ner
             Tie­fe die Frem­den ihr Bes­tes haben.

Sie ern­ten den Gedan­ken, den Geist von dir,
    Sie pflü­cken gern die Trau­be, doch höh­nen sie
         Dich, unge­stal­te Rebe, daß du
              Schwan­kend den Boden und wild umirrest.

Du Land des hohen erns­te­ren Geni­us!
    Du Land der Lie­be! Bin ich der Dei­ne schon,
        Oft zürnt ich wei­nend, daß du immer
              Blö­de die eige­ne See­le leugnest.

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