27. Mai 2018

Die Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en haben auch heu­te wie­der ihren Mut zur Lücke unter Beweis gestellt: „25.000 pro­tes­tier­ten fried­lich gegen 5000 AfD-Demons­tran­ten” (Focus), „25.000 demons­trier­ten laut aber fried­lich gegen AfD-Demo” (rbb), „Bunt gegen die AfD” (Zeit), „Als wäre mal wie­der Love­pa­ra­de” (Süd­deut­scher Beob­ach­ter), „25.000 Geg­ner der AfD haben die Demons­tra­ti­on der Rechts­po­pu­lis­ten durch das Ber­li­ner Regie­rungs­vier­tel mit fried­li­chem Pro­test beglei­tet” (Ber­li­ner Zei­tung) etc. pp. 

Ein schö­nes Exem­pel des fried­lich-bun­ten Pro­tests sand­te mir Leser ***:

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Man fin­det das Foto auf Face­book; die­se Leu­te mit ihren mono­chro­men Fah­nen sind von Bunt­heits­ver­brei­tern ein biss­chen colo­riert wor­den. In Leip­zig grif­fen Ver­mumm­te einen Bus an, der „50 Rechts­po­pu­lis­ten” (Bild) nach Ber­lin brin­gen soll­te. Mit demo­lier­ter und beschmier­ter Front­schei­be konn­te der Wagen die Rei­se nicht antre­ten. „Die ‚besorg­ten’ Leip­zi­ger hat­ten einen Bus gechar­tert, waren gegen 8 Uhr am Haupt­bahn­hof gestar­tet. Weit kamen sie nicht”, höhnt das Sprin­ger-Blatt in sei­nem ver­läss­lich sadis­ti­schen Modus und setzt hin­zu: „Ob Lin­ke für den Anschlag auf den Bus ver­ant­wort­lich sind, ist völ­lig unklar.” Es kann ja auch der Mos­sad oder die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann gewe­sen sein.

Eine Jour­na­lis­tin, die auf dem Heim­weg „zufäl­lig in die Abrei­se der Demons­tran­ten hin­ein­ge­ra­ten” ist, schick­te mir fol­gen­de kur­ze Schil­de­rung: „Aus dem Wes­ten der Stadt kom­mend, fuhr ich mit der S‑Bahn gegen 16.35 Uhr in den Ber­li­ner Haupt­bahn­hof ein. Die Türen öff­ne­ten sich, ein ohren­be­täu­ben­des Geschrei ertön­te: ‚Nie­mand mag die AfD!’ Um zu sehen, was los war, stieg ich aus. Eine Zeh­ner­gup­pe von Poli­zis­ten in schwe­rer Klei­dung und mit Hel­men rann­te auf eine Grup­pe jun­ger Leu­te zu, die ver­sucht hat­ten, einen S‑Bahn-Wag­gon zu bestei­gen. Es han­del­te sich, dem Äuße­ren nach, um lin­ke Demons­tran­ten oder auch Anti­fa-Anhän­ger. Zugleich stieg eine Grup­pe von Fahr­gäs­ten mit blau­en T‑Shirts und Deutsch­land­fah­nen in den Hän­den aus der gegen­über ein­ge­fah­re­nen S‑Bahn. Eini­ge Män­ner um die 40, sehr vie­le Rent­ner. Auch Frau­en dar­un­ter. Die Poli­zei stell­te sich als Block vor sie.
Allein auf die­sem S‑Bahnsteig waren min­des­tens 50 Poli­zis­ten im Ein­satz. Ich blick­te in die Tie­fe: Dort stan­den wei­te 50 bis 70. Eine schrei­en­de Men­schen­men­ge hat­te dort unten sich ver­sam­melt; ich schät­ze sie auf min­des­tens 200 Per­so­nen, Lin­ke bezie­hungs­wei­se Alter­na­ti­ve. Sie blo­ckier­ten die Trep­pen; ver­mut­lich woll­ten sie die AfD-Anhän­ger hin­dern, ins Erd­ge­schoss zu kom­men. Bei­de Enden der Trep­pe waren von Poli­zis­ten ver­sperrt.
Von den AfD-Anhän­gern ging, soweit ich beob­ach­ten konn­te, kei­ne Aggres­si­on aus. Neben mir rede­ten vier Beam­te gleich­zei­tig auf einen Seni­or von etwa 75 Jah­ren ein, er möge sei­ne Deutsch­land­fah­ne ein­rol­len, es sei siche­rer so. Einem Mann um die 50 in Büro­klei­dung rie­ten sie, auf dem obe­ren Bahn­steig zu blei­ben, bis sich alles wie­der beru­higt habe. Der Bahn­steig füll­te sich zuse­hends, da ja nie­mand ent­wei­chen konn­te, auch nicht die Rent­ner, die unbe­dingt ihren Zug im Kel­ler­ge­schoss des Bahn­ho­fes bekom­men woll­ten.
Im Erd­ge­schoss des Bahn­ho­fes, in der schrei­en­den Men­ge, bahn­te sich eine jun­ge Mut­ter müh­sam den Weg mit ihrem Kin­der­wa­gen; nie­mand wich ihr aus. Eine schö­ne jun­ge Frau hielt ein Trans­pa­rent in die Höhe ‚Ima­gi­ne all the peop­le living life in peace.’ Neben mir im ers­ten Stock stan­den vier etwas deran­giert wir­ken­de Gegen­de­mons­tran­ten, es roch stark nach Spi­ri­tuo­sen. Einer der Män­ner reck­te bei­de Mit­tel­fin­ger in die Höhe. Aller­dings, da er so betrun­ken war, in die fal­sche Rich­tung; die AfD-Anhän­ger waren ja auf dem ande­ren Gleis ein­ge­fah­ren. Gleich neben ihm drei jun­ge Leu­te Anfang 20 in Par­ty­stim­mung; sie amü­sier­ten sich über die Angst in den Gesich­tern der Deutsch­land­fah­nen­trä­ger gegenüber.

Ein Poli­zist sprach in sein Head­set, er woll­te wis­sen, wie es gelin­gen könn­te, die AfD-Anhän­ger unge­fähr­det aus dem Bahn­hof zu bekom­men. Wie es wei­ter­ging, weiß ich nicht. Da ich den Bahn­hof nicht zu Fuß ver­las­sen konn­te, bin ich mit der S‑Bahn wie­der fort­ge­fah­ren. Ein Beam­ter hat­te mir das gera­ten. Zuhau­se ange­kom­men such­te ich im Inter­net nach Mel­dun­gen über die­se oder ähn­li­che Sze­nen. Nichts. Nur Bil­der mit fröh­li­chen Leu­ten und ihrem ‚fan­ta­sie­vol­len Protest.’ ” 

Die steu­er­fi­nan­zier­ten Hass­be­kämp­fer der Ama­deu-Sti­fung froh­lock­ten der­weil via Twit­ter: „Direkt auf der ande­ren Sei­te des AfD-Auf­marschs steht schon der Gegen­pro­test. Sprech­chö­re: ‚Ganz Ber­lin hasst die AfD.’ Und das ist erst der Anfang für heu­te” (inter­es­san­ter­wei­se unter dem Hash­tag „StopptDen­Hass”; „Love­Pa­ra­de” hät­te aber auch gepasst). Man darf unter sol­chen Umstän­den stau­nen, dass über­haupt 5000 Uner­schüt­ter­li­che die Cou­ra­ge gezeigt haben, sich dem ali­men­tier­ten und von jour­na­lis­ti­schen Habi­tus-Nazis ter­min­ge­recht ange­feu­er­ten Mob aus­zu­set­zen. Ich wet­te jeden­falls mei­ne Sta­lin-Werk­aus­ga­be, dass von den 25.000 Kra­wall­ma­chern nicht ein­mal jeder zehn­te zu den Net­to­steu­er­zah­lern gehört, denn ein sol­cher will sich am Wochen­en­de ja erho­len und nicht kra­kee­len. Der Typus „Gegen­de­mons­trant”, der hier tat­säch­lich ja im Auf­tra­ge des Staa­tes und der Block­par­tei­en agier­te – die Men­gen­ver­hält­nis­se waren Anfang Okto­ber 1989 ähn­lich –, ist mir zutiefst suspekt. In allen pseu­do- und semito­ta­li­tä­ren Sys­te­men gehört die Herr­schaft über den öffent­li­chen Raum durch gedun­ge­ne juve­ni­le Schi­ka­ne- und Schlä­ger­trupps und die Ver­drän­gung der Oppo­si­ti­on in (vor­erst) ihre eige­nen vier Wän­de zum Stan­dard. Das bes­te Deutsch­land, das es je gab, nähert sich Schritt für Schritt sol­chen Verhältnissen.

PS: „Aber es ist doch nichts pas­siert!” Den­ken Sie sich nur die Poli­zei weg, und Ber­lins Not­auf­nah­men wären heu­te voll gewesen.

                                   ***

Es ist doch erstaun­lich, wie fei­le Künst­ler­seel­chen in die Hyä­nen­rol­le schlüp­fen und sich am Aas des wei­ßen Levia­than ein letz­tes Mal satt zu fres­sen ver­su­chen: „The time has come for a monu­ment that com­me­mo­ra­tes the for­mer posi­ti­ons of power and embraces the new world order. Sic tran­sit glo­ria mun­di” (hier). Dass die hier gewähl­te Unter­wer­fungs­ges­te „dis­kur­siv anschluss­fä­hig” ist, hat Hou­el­le­becq ent­zü­ckend aus­führ­lich beschrie­ben. Aber, Bleich­ge­sich­ter, man wird auch euch nicht ver­scho­nen bzw. ihr müsst euch um Ent­schul­di­gung und Gna­de bet­telnd dane­ben auf den Bauch werfen. 

                                  

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