30. Mai 2018

„Da Sie mei­ne Stim­me hören wol­len, beei­le ich mich, zu erklä­ren, daß ich mich auf die Sei­te der Oppo­nen­ten gegen die­se geplan­te Ver­ar­mung, Ver­häss­li­chung und Ver­un­deut­li­chung des deut­schen Schrift­bil­des stel­le. (…) Mich stößt die Bru­ta­li­tät ab, die dar­in liegt, über die ety­mo­lo­gi­sche Geschich­te der Wor­te rück­sichts­los hin­weg­zu­ge­hen.”
Tho­mas Mann im Juni 1954 zu Bestre­bun­gen, die deut­sche Ortho­gra­phie zu ver­ein­fa­chen, aber das „Gen­der­stern­chen” noch nicht ansatz­wei­se ahnend 

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Die­se Mel­dung ging heu­te mor­gen an die Pres­se, fand aber bis­lang nur Platz in den zahl­rei­chen Lücken dort­selbst, wes­halb ich sie hier (sacht gekürzt) an das Publi­kum mei­nes klei­nen Eck­la­dens weiterreiche:

„Der Kreis­ver­band Leip­zig-Land der Mit­tel­stands- und Wirt­schafts­ver­ei­ni­gung der CDU/CSU (MIT) soli­da­ri­siert sich mit der ‚Gemein­sa­men Erklä­rung 2018’ und for­dert von Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel (CDU) eine grund­sätz­li­che Kurs­kor­rek­tur in der Zuwan­de­rungs­po­li­tik. Hans-Jörg Köh­ler, Kreis­vor­sit­zen­der der MIT Leip­zig-Land und Inha­ber eines Hand­wer­ker­be­triebs der Dach­de­cker­bran­che: ‚Ange­la Mer­kel fügt mit ihrer Poli­tik der Zuwan­de­rung in unse­re Sozi­al­sys­te­me Deutsch­land einen schwe­ren Scha­den zu. Drin­gend not­wen­di­ge Refor­men und Steu­er­erleich­te­run­gen für den Mit­tel­stand und die arbei­ten­de Bevöl­ke­rung wer­den ver­zö­gert. Die Zeche für die­ses igno­ran­te Vor­ge­hen an dem Wil­len von Wäh­ler vor­bei wird der deut­sche Net­to­steu­er- und Bei­trags­zah­ler bezah­len müs­sen. Schlim­mer noch: Die Migra­ti­on in die Sozi­al­sys­te­me ent­spricht einer Net­to­neu­ver­schul­dung eines drei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be­tra­ges, wel­che zukünf­ti­ge Genera­tio­nen zah­len müs­se. Gegen die­se Poli­tik müs­sen wir uns gera­de als CDU-Mit­glie­der und Mit­tel­stän­der aus Ver­ant­wor­tung vor unse­rer Hei­mat­re­gi­on wehren!’

Der Pres­se­spre­cher der MIT Leip­zig-Land Ste­fan Fried­rich ergänzt: ‚Die Grenz­öff­nung und rechts­wid­ri­ge Mas­sen­zu­wan­de­rung war ein Jahr­hun­dert­feh­ler, wie der Vor­sit­zen­de des Par­la­ments­krei­ses Mit­tel­stand der CDU/CSU im Bun­des­tag, Chris­ti­an von Stet­ten, schon früh im Herbst 2015 fest­stell­te. Ange­la Mer­kel darf nicht län­ger am Wil­len des Vol­kes vor­bei regie­ren. Unter­stüt­zen Sie daher bit­te die­se Peti­ti­on für eine Kurs­kor­rek­tur in der Migrationspolitik.’

Die Mit­tel­stands- und Wirt­schafts­ver­ei­ni­gung von CDU/CSU (MIT) ist mit 25.000 Mit­glie­dern der stärks­te und ein­fluss­reichs­te par­tei­po­li­ti­sche Wirt­schafts­ver­band in Deutsch­land. Die MIT setzt sich für die Sozia­le Markt­wirt­schaft und für mehr Unter­neh­mer­geist in der Poli­tik ein.”

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Der Unter­schied zwi­schen dem dji­ha­dis­ti­schen Anschlag auf den Ber­li­ner Breit­scheid­platz am 19. Dezem­ber 2016 und dem rechts­ex­tre­mis­ti­schen Anschlag auf ein von Tür­ken bewohn­tes Haus in Solin­gen am 29. Mai 1993 besteht nicht nur dar­in, dass der aktu­el­le­re Fall eine direk­te Fol­ge der Regie­rungs­po­li­tik gewe­sen ist, son­dern, die­se Pro­gno­se sei gewagt, es wer­den sich nicht 25 Jah­re spä­ter Ange­hö­ri­ge der Opfer und Regie­rungs­ver­tre­ter zur Trau­er­ver­an­stal­tung ver­sam­meln – allein schon des­halb, weil in 25 Jah­ren hin­rei­chend vie­le sol­cher Ter­ror­ak­te statt­ge­fun­den haben wer­den, als dass man an jeden ein­zel­nen erin­nern könn­te, und sol­che Ver­an­stal­tun­gen ohne­hin nur ein gefun­de­nes Fres­sen für ras­sis­ti­sche Het­zer wären.

In einer Zeit, da deut­sche Bür­ger im Tagestakt Opfer von hier­zu­lan­de mit dem Segen der Par­tei­en- und Staats­füh­rung ein­ge­drun­ge­nen Gewalt­tä­tern wer­den, kommt der Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se natür­lich nichts gele­ge­ner als ein sich zum Gedenk­tag run­den­der schänd­li­cher Anschlag der pas­sen­den Täter auf die rich­ti­gen Opfer. Man darf sich hier kei­nes­falls dazu hin­rei­ßen las­sen, aus Aver­si­on gegen die per­fi­de Indienst­nah­me des Solin­ger Fünf­fach­mor­des durch Bekämp­fer der Nazi­men­ta­li­tät ver­mit­tels der­sel­ben – allen vor­an der klei­ne Dok­tor vom Süd­deut­schen Beob­ach­ter („Die Täter hin­ter den Tätern waren Poli­ti­ker, die gegen Flücht­lin­ge hetz­ten. Sie berei­te­ten der AfD den Weg”) – den dama­li­gen Opfern das Mit­ge­fühl zu ver­sa­gen, und über die Täter muss ohne­hin kein Wort ver­lo­ren wer­den; wer einer schla­fen­den Fami­lie Brand­sät­ze ins Haus wirft, soll­te nach mei­ner beschei­de­nen Mei­nung kur­zer­hand auf­ge­knüpft wer­den, übri­gens sogar dann, wenn es sich um die Fami­lie eines AfD-Poli­ti­kers han­del­te, obwohl der ja in gewis­ser Wei­se sel­ber schuld wäre… – ich schwei­fe ab.

Die Kanz­le­rin jeden­falls fand die Gele­gen­heit treff­lich, ihren ange­le­gent­lich des NSU gegen alle schon län­ger hier Leben­den geschmet­ter­ten Satz zu wie­der­ho­len, sol­che Taten sei­en „eine Schan­de für Deutsch­land”, was sie vom u.a. Breit­scheid­platz-Atten­tat unter­schei­det, wel­ches ja bloß eine Schan­de für Mer­kels immer noch allen Erns­tes so genann­te Flücht­lings­po­li­tik war. Tat­säch­lich hat­ten sowohl die Atten­tä­ter von Solin­gen als auch die NSU-Mör­der (sofern sie tat­säch­lich die ihnen zur Last geleg­ten Mor­de began­gen haben, wor­an zu zwei­feln mir mei­ne kern­deut­sche Treue zur Regie­rung ver­bie­tet) kei­ner­lei Rück­halt bei „den Deut­schen”, sie muss­ten sich ver­ste­cken, sie agier­ten im Dunk­len und Ver­bor­ge­nen, und nie­mand fei­er­te ihren teils sozia­len, teils tat­säch­li­chen Selbst­mord als „Mär­ty­rer­tod”. Sie tau­gen folg­lich als Objek­te einer Kol­lek­tiv­schan­de unge­fähr so, wie Kat­rin Göring-Eckardt eine Schan­de für die pro­tes­tan­ti­sche Theo­lo­gie bzw. die weib­li­che Intel­li­genz wäre, sofern die Grü­nen ihre Par­tei­mit­glied­schaft, ja ihre Exis­tenz ver­heim­li­chen würden.

Bemer­kens­wert in die­sem Kon­text ist ein Inter­view, wel­ches der Anwalt Meh­met Dai­ma­gü­ler dem Süd­deut­schen gab. Zunächst ein­mal instru­men­ta­li­siert auch Dai­ma­gü­ler die dama­li­gen Anschlä­ge für sei­ne aktu­el­len poli­ti­schen und beruf­li­chen Ambitionen:

„Schau­en Sie sich die Art und Wei­se an, wie wir heu­te und Anfang der 90er Jah­re über Flücht­lin­ge reden. Da wird ein Sze­na­rio her­auf­be­schwo­ren, in dem Deutsch­lands Exis­tenz auf dem Spiel steht, wegen des ‚Tür­ken-’ oder ‚Migran­ten­pro­blems’. Man sieht dar­an: Es hat kei­ne Zäsur gege­ben. Die Din­ge haben sich nicht geän­dert nach Solin­gen, Mölln, Lübeck und dem NSU. Die deut­sche Poli­tik hat nichts gelernt. Zumin­dest gro­ße Tei­le davon nicht. Wir haben wei­ter­hin ras­sis­ti­sche Morde.”

Der gro­ße Vor­teil der isla­mi­schen oder isla­mis­ti­schen oder auch welt­li­che­ren Gelüs­ten ent­sprin­gen­den Mor­de, ver­mit­tels derer sich mus­li­mi­sche Ein­wan­de­rer im Okzi­dent expo­nie­ren, besteht dar­in, dass sie nicht ras­sis­tisch sind. Sogar der mus­li­mi­sche Juden­hass ist kein „tra­di­tio­nel­ler Anti­se­mi­tis­mus”, denn den hat erst „der Wes­ten” (bzw. Deutsch­land) in den Ori­ent gebracht, wie eben­falls der Beob­ach­ter ermit­teln und erläu­tern ließ (im Übri­gen kann man als Jude ja ein­fach kon­ver­tie­ren, und schon las­sen einen die über­from­men Mus­li­me, anders als die Nazis, in Ruhe). Wel­che „ras­sis­ti­schen” Mor­de „wir haben”, erläu­tert Dai­ma­gü­ler nicht. Mia aus Kan­del und Maria aus Frei­burg wird er wohl nicht mei­nen, denn die­se Mor­de waren allen­falls sexis­ti­sche und über­dies ledig­lich affekt­be­feu­er­te Tötun­gen. Dass die Ein­wan­de­rung von ca. 1,5 Mil­lio­nen über­wie­gend mus­li­mi­schen und über­wie­gend analpha­be­ti­schen Asyl­be­geh­rern in die deut­schen Sozi­al­sys­te­me und den deut­schen Woh­nungs­markt kei­ne „Zäsur” im Sin­ne eines „Migran­ten­pro­blems” gewe­sen ist, hat die Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se oft genug betont und darf als ver­bind­li­che Inter­pre­ta­ti­on gel­ten. Die Fra­ge, was die deut­sche Poli­tik denn gelernt haben soll­te, ver­kneift sich der Genos­se Jour­na­list dis­kret. Denn die Ant­wort müss­te ja unge­fähr lau­ten: Damit das Migra­ti­ons­pro­blem klei­ner wird, müs­sen so vie­le Migran­ten kom­men, dass die Deut­schen sich nicht mehr getrau­en, ein Pro­blem dar­aus zu machen, weil sonst … Lau­schen wir aber wei­ter dem Ver­tre­ter der Ausgegrenzten: 

„Im Staa­ten­be­richt der Bun­des­re­gie­rung an den UN-Men­schen­rechts­rat heißt es, dass wir kein Pro­blem mit insti­tu­tio­nel­lem Ras­sis­mus haben, son­dern es nur bedau­er­li­che Ein­zel­fäl­le gibt. Das ent­spricht nicht mei­ner Erfahrung.”

Als „Ein­zel­fäl­le”, da hat der Gevat­ter recht, gel­ten hier­zu­lan­de ande­re Vor­komm­nis­se mit ande­ren Ver­ur­sa­chern, deren kumu­la­ti­ve All­täg­lich­keit sich mit dem Sta­tus des Bedau­er­li­chen so wenig ver­trägt, dass man sie als Struk­tur rück­sichts­voll beschweigt.

„Wir haben den Para­gra­fen 22 im Bun­des­po­li­zei­ge­setz, da steht drin, wann die Poli­zei Leu­te kon­trol­lie­ren darf. Bei anlass­lo­sen Kon­trol­len kann die Poli­zei auf­grund eige­ner Erfah­run­gen ent­schei­den. Als ich das in einer Klas­se von jun­gen Poli­zei­be­am­ten ange­spro­chen habe, sag­te mir ein etwa 25-jäh­ri­ger Mann: ‚Ich habe noch nie bei einer 84-jäh­ri­gen Oma Dro­gen gefun­den, aber bei schwar­zen jun­gen Män­nern. Des­we­gen kon­trol­lie­re ich schwar­ze jun­ge Män­ner.’ (…) Spä­ter hat er auch ein­ge­räumt, dass er bei den aller­we­nigs­ten schwar­zen jun­gen Män­nern, die er kon­trol­liert hat, Dro­gen gefun­den hat. Was ich damit sagen will: Die­ser Mann ist kein Ras­sist. Er ist einem Sys­tem aus­ge­setzt, dem er sich anpasst. In die­sem Sys­tem gibt es geschrie­be­ne wie unge­schrie­be­ne Regeln, die dazu füh­ren, dass man­che schlech­ter behan­delt wer­den als andere.”

Und dass die 84-jäh­ri­gen Omas durch­schlüp­fen kön­nen! Ein ähn­li­ches Pro­blem hat­te unlängst die Pre­mi­um­jour­na­lis­tin Dun­ja Haya­li, die sich im Ber­li­ner Gör­lit­zer Park zunächst mit drei Moh­ren und danach mit ihren Vor­ur­tei­len kon­fron­tiert sah, aber nach öffent­li­cher Selbst­be­zich­ti­gung unge­fragt Abbit­te leis­te­te. Dass wir ein erheb­li­ches intel­lek­tu­el­les Pro­blem haben, wenn öffent­lich agie­ren­de Per­so­nen ent­we­der nicht in der Lage sind (oder es auch bloß fin­gie­ren), mit Sta­tis­ti­ken umge­hen zu kön­nen, ist wahr­schein­lich bloß rechts­po­pu­lis­ti­sches Geun­ke. Nein, kei­nes­wegs jeder jun­ge schwar­ze Mann ist ein Dro­gen­dea­ler, aber jun­ge schwar­ze Män­ner sind in die­sem Delikt­be­reich erheb­lich über­re­prä­sen­tiert, spe­zi­ell jun­ge schwar­ze Män­ner im Gör­lit­zer Park, wes­halb Frau Haya­li und der jun­ge Poli­zist getrös­tet auf­schluch­zen dür­fen. Dass Din­ge par­al­lel gesche­hen, bedeu­tet nicht, dass sie in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang ste­hen, und wenn sie ein­an­der wider­spre­chen, schlie­ßen sie sich trotz­dem nicht aus. Ein Vier­tel bis Fünf­tel jun­ger Män­ner tür­ki­scher Abstam­mung geht ohne ver­nünf­ti­gen Abschluss ins Berufs- oder Hartz IV-Leben, was durch die Tat­sa­che, dass es tür­kisch­stäm­mi­ge Pro­fes­so­ren, Anwäl­te, Schau­spie­ler oder Kolum­nis­ten gibt, nicht im Gerings­ten berührt wird. Zwi­schen Solin­gen und dem Auf­stieg der AfD besteht kein plau­si­ble­rer Zusam­men­hang als zwi­schen der Nobel­preis­trä­ger­dich­te des Kai­ser­reichs und dem Deutsch von Frau Mer­kel. Es gibt aller­dings kein ein­zi­ges Vor­ur­teil, in dem nicht ein Körn­chen – meis­tens frei­lich ein Klum­pen – Wahr­heit liegt, und wer Sta­tis­ti­ken zu lesen ver­steht, erlebt dabei einen aus­ge­las­se­nen Flirt zwi­schen Empi­rie und Vor­ur­teil. 

Wir kom­men zum eigent­li­chen Kern des Inter­views. Noch unter unse­rem Jus­tiz­mi­nis­ter und Genos­sen Hei­ko Maas – Er lebe hoch! Hoch! Hoch! – sei der Para­graph 46 des Straf­ge­setz­buchs ver­än­dert wor­den, erin­nert der Inter­view­er, es kön­ne jetzt straf­ver­schär­fend berück­sich­tigt wer­den, wenn eine Tat aus ras­sis­ti­schen Grün­den began­gen wird. Der Inter­view­te repliziert:

„Das ist ja gut. Nur, das setzt vor­aus, dass es ein Gerichts­ver­fah­ren gibt, in dem allen Betei­lig­ten bewusst ist, dass es hier um Ras­sis­mus geht. Das ist aber häu­fig nicht der Fall. Der Hate­crime-Aspekt wird von der Poli­zei häu­fig nicht erkannt.”

Nach Lage der Din­ge han­delt es sich bei der Ein­füh­rung eines Delikts namens „Hass­kri­mi­na­li­tät” um einen Angriff auf den Rechts­staat. Das weiß auch der Herr Anwalt, aber er ver­folgt ja eine poli­ti­sche, kei­ne juris­ti­sche Agen­da. Zum einen wird ein ras­sis­ti­sches Straf­recht eta­bliert, das nur gegen (Bio-)Deutsche ange­wen­det wer­den kann. Zum ande­ren kennt die Göt­tin der Gerech­tig­keit kei­nen Unter­schied zwi­schen einem Angriff aus Eifer­sucht, einem Angriff aus reli­giö­sem Fana­tis­mus und einem Angriff aus Ras­sis­mus, sofern die Fol­gen jeweils iden­tisch sind. Alles ande­re ist Gesinnungsstrafrecht. 

„Ich fin­de es auch vor­bild­lich, wie die Bun­des­an­walt­schaft mit der rechts­ter­ro­ris­ti­schen Grup­pe Frei­tal umge­gan­gen ist. Aber: Wir müss­ten auch gesetz­ge­be­risch eini­ges tun, um wirk­sa­mer gegen Ras­sis­mus vorzugehen.”

Die­ses Bei­spiel ist bezeich­nend. Die soge­nann­ten Grup­pe Frei­tal hat Anschlä­ge auf Asyl­be­wer­ber­un­ter­künf­te ver­übt, bei denen, wenn ich nichts über­le­sen habe, eine Per­son ver­letzt wur­de und Sach­scha­den ent­stand. Die Bun­des­an­walt­schaft schal­te­te sich ein und klag­te die Grup­pe wegen Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung und ver­such­ten Mor­des an, die bei­den Haupt­tä­ter erhiel­ten neun­ein­halb und zehn Jah­re, einer der Mit­tä­ter, der nach Jugend­straf­recht ver­ur­teilt wur­de, bekam vier Jah­re. Die Urtei­le mögen für sich genom­men zwar hart, aber gerecht sein; neben den Stra­fen, die Migran­ten für Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen und schwers­te Kör­per­ver­let­zun­gen gemein­hin erhal­ten, wir­ken sie aller­dings gro­tesk und zei­gen, wie weit die von Dai­ma­gü­ler gefor­der­te Zwei-Kate­go­rien- oder Gesin­nungs­jus­tiz schon durch­ge­setzt ist. 

So hat das Land­ge­richt Pots­dam im Febru­ar 2017 einen NPD-Mann wegen eines Brand­an­schlags auf eine geplan­te Flücht­lings­un­ter­kunft in Nau­en zu acht Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Einen wei­te­ren Ange­klag­ten ver­knack­te die Staats­schutz­kam­mer als Mit­tä­ter zu sie­ben Jah­ren Gefäng­nis. Bei dem Anschlag war im August 2015 eine Sport­hal­le kom­plett nie­der­ge­brannt. Ver­letzt wur­de nie­mand, der Sach­scha­den wur­de auf 3,5 Mil­lio­nen Euro geschätzt. Mag sein, dass auch hier die Höhe der Stra­fe ange­mes­sen gewe­sen ist – die bei­den Haupt­tä­ter waren vor­be­straft –; ich beur­tei­le die Stra­fen nicht, son­dern ver­glei­che sie. Der Vor­sit­zen­de Rich­ter sag­te in sei­ner Urteils­be­grün­dung, die Brand­stif­ter hät­ten ein­deu­tig aus frem­den­feind­li­chen und rechts­ex­tre­men Moti­ven gehan­delt. Damit wur­de amt­lich, was deut­sche Poli­ti­ker in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit viel­fach for­der­ten: dass Delikt nicht gleich Delikt ist, son­dern ein Brand­an­schlag aus frem­den­feind­li­chen Moti­ven schlim­mer ist, als der­sel­be Brand es wäre, wenn er aus schie­ren mate­ri­el­len Moti­ven (Ver­si­che­rungs­be­trug, Miss­gunst etc.) oder aus noch schie­re­rer pyro­ma­ni­scher Lust gestif­tet wür­de. Inter­es­sant wäre die Urteils­be­grün­dung, wenn ein Links­ex­tre­mist aus frem­den­freund­li­chen Moti­ven etwas abfa­ckel­te, einen geplan­ten Abschie­be­knast etwa oder eine Sta­ti­on der Grenz­po­li­zei. Oder den Pkw einer schlim­men Politikerin.

Im Juni 2016 brach in einem Düs­sel­dor­fer Flücht­lings­heim ein Groß­brand aus, als Haupt­ver­däch­ti­ger wur­de Moham­med B. ver­haf­tet, 130 Mit­in­sas­sen hat­ten sich im Heim befun­den, der Sach­scha­den belief sich auf zehn Mil­lio­nen Euro. Das Motiv war allah­lob kein ras­sis­ti­sches, angeb­lich waren B. und sei­nen Mit­strei­tern die Essen­s­por­tio­nen zu klein. Aus Man­gel an Bewei­sen – wie Sie hier nach­le­sen kön­nen viel­leicht auch aus Man­gel an Inter­es­se an Bewei­sen – wur­den die Ange­klag­ten schließ­lich frei­ge­spro­chen. Es gibt in sol­chen Fäl­len weder poli­ti­schen noch media­len noch „gesell­schaft­li­chen” Druck auf die Ermitt­lungs­be­hör­den, den Schul­di­gen zu präsentieren.

In Wup­per­tal ver­üb­ten drei juve­ni­le Paläs­ti­nen­ser mit die­sel­be­füll­ten Brand­fla­schen einen Anschlag auf die dor­ti­ge Syn­ago­ge. Das Wup­per­ta­ler Amts­ge­richt ver­ur­teil­te sie im Febru­ar 2015 wegen ver­such­ter schwe­rer Brand­stif­tung auf, na was denn sonst, Bewäh­rung. Straf­mil­dernd wer­te­te das Gericht, dass sich außer dem Anschlag „kei­ner­lei Anhalts­punk­te für eine anti­se­mi­ti­sche Ein­stel­lung” der Zünd­ler erge­ben hät­ten. Denn es gibt kei­nen tra­di­tio­nel­len ara­bi­schen Anti­se­mi­tis­mus, schon ver­ges­sen? Wie­vie­le Dezi­bel hät­te der #auf­schrei erzeugt, der unfehl­bar erschallt wäre, hät­ten deut­sche Jugend­li­che Brand­sät­ze gegen eine Moschee gewor­fen, und ein Gericht hät­te ihnen beschei­nigt, außer dem Anschlag auf das Got­tes­haus sei bei den Tätern kei­ne islam­feind­li­che Ein­stel­lung erkenn­bar? Fra­gen Sie Herrn Daimagüler.

PS: Die Bun­des­an­walt­schaft ist übri­gens bis heu­te nicht bereit, die Anti­fa oder die legen­dä­ren Ara­ber­clans zu kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gun­gen zu erklä­ren. Ers­te­res ver­hin­dern gewis­se Par­tei­en, Letz­te­res die Angst.

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Weil wir eben über Empi­rie und Vor­ur­teil spra­chen: Nicht eine Sekun­de woll­te mein Vor­ur­teil wan­ken, dass der „Mann”, der im lau­schi­gen Salz­git­ter sei­ne Ex, mit der er vier Kin­der hat­te, und deren Beglei­te­rin auf offe­ner Stra­ße zusam­men­schoss, ein Mos­lem ist. Inzwi­schen mel­det die Pres­se, dass er aus dem Koso­vo stammt. Für sol­che Fäl­le gilt die ver­bind­li­che For­mu­lie­rung, ein „Fami­li­en­dra­ma” habe sich ereig­net, und brav appor­tiert auch die FAZ das Gewünsch­te. Fami­li­en­dra­men, so sehr sie sich „gefühlt” häu­fen mögen, haben weder mit der Her­kunft noch der Kul­tur noch irgend­wel­chen Glau­bens­vor­stel­lun­gen der Betei­lig­ten zu tun, und wenn sie jemals eine Schan­de sein soll­ten, dann nur für die hete­ro­se­xu­el­le Fami­lie als sol­che.
 

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Trei­ben wir noch ein biss­chen Vor­ur­teils­kun­de im Lich­te der unver­all­ge­mei­ner­ba­ren Ein­zel­falls­em­pi­rie.
„Inner­halb von zwei Stun­den geht ein Mann in Frei­burg auf drei Frau­en los. Er will sie ver­ge­wal­ti­gen, begrapscht sie, zerrt sie ins Gebüsch” (hier).
Das Vor­ur­teil sagt: Fach­kraft, noch nicht lan­ge im Lan­de. Die Empi­rie: …
„In einem Inter­ci­ty-Zug im Bahn­hof Flens­burg sind bei einem Mes­ser­an­griff eine Per­son getö­tet und zwei Per­so­nen ver­letzt wor­den, davon eine schwer” (hier).
Das Vor­ur­teil sagt: Fach­kraft, noch nicht lan­ge im Lan­de. Die Empi­rie: …
„Nach einer Mas­sen­schlä­ge­rei zwi­schen einer Viel­zahl von Män­nern in der Innen­stadt nahm die Esse­ner Poli­zei acht Tat­ver­däch­ti­ge vor­läu­fig fest. Sie waren teil­wei­se ver­letzt und an ihrer Beklei­dung waren Blut­spu­ren erkenn­bar” (hier).
Das Vor­ur­teil sagt: Fach­kräf­te, noch nicht wirk­lich lan­ge im Lan­de. Die Empirie: …

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Neu­lich ver­mel­de­te die Ver­ur­teils­frei­heits- und Qua­li­täts­pres­se uni­so­no das Ergeb­nis einer Stu­die der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung, wel­cher zufol­ge die Unter­stüt­zer der Rechts­po­pu­lis­ten­par­tei im Gegen­satz zu den Sym­pa­thi­san­ten der Welt­frie­dens- und Fort­schritts­par­tei­en vol­ler Bam­mel und Pes­si­mis­mus in die Zukunft bli­cken. Auf bewähr­te Wei­se hat­te kein Jour­na­list die Stu­die ange­schaut – man muss die Brü­der und Schwes­tern in Schutz neh­men, die schwin­den­den Märk­te und die wach­sen­de Last der Direk­ti­ven üben einen erheb­li­chen Anpas­sungs­druck auf Men­schen aus, die eines Tages auf Steu­er­zah­ler­kos­ten zu leben hof­fen –, denn das hät­te die gan­ze schö­ne Pro­pa­gan­da­schlag­zei­le kaputt­ge­macht. Wie mani­pu­la­tiv die ver­un­si­cher­ten Genos­sen vor­gin­gen, kön­nen Sie hier nachlesen.

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Zwei Nach­trä­ge zur Ber­li­ner AfD-Kund­ge­bung vom Wochen­en­de.
Leser *** moniert „die von den Main­stream-Medi­en behaup­te­te Zahl von nur 5000 AfD-Demons­tran­ten. Es waren min­des­tens 10000. Hier ist ein Video, das den voll­stän­di­gen Zug der AfD-Demons­tran­ten zeigt. Die Kame­ra ist sta­tio­när und läßt den gan­zen Zug pas­sie­ren, das Video dau­ert 18min 33sec. Jede Sekun­de pas­sie­ren ca. 10 Demons­tran­ten die Kame­ra, das sind 600 pro Minu­te, in 18 1/2 Minu­ten also rund 11000. Natür­lich kön­nen es auch 1000 mehr oder weni­ger sein, aber eine Zahl zwi­schen 10000 und 12000 hal­te ich für sehr wahrscheinlich.”

Und Leser *** schreibt: „Als gelang­weil­ter und fau­ler Mensch zieht es mich seit jeher zu öffent­li­chen Auf­läu­fen und Tumul­ten, natur­ge­mäß sind die­se oft lin­ker ode fuß­ball­tech­ni­scher Natur. Letz­ter sind trotz des vor­der­grün­di­gen Kra­walls psy­cho­lo­gisch nicht wei­ter inter­es­sant, ganz im Gegen­teil zu den lin­ken Ver­an­stal­tun­gen. Ich habe eini­ges durch: 1. Mai Nazi-Blo­cka­de, Block­u­py, Anti-NPD-Bus­tour, Stu­di­en­ge­büh­ren usw. usf.

Die ohne Hem­mun­gen zur Schau gestell­te Schi­zo­phre­nie die­ser Hap­pe­nings lässt sich mit mei­nem beschränk­ten Arti­ku­la­ti­ons­ver­mö­gen nicht ange­mes­sen schil­dern. Sofort auf­fal­lend ist die per­ma­nen­te und lust­vol­le Aggres­si­on gegen die Poli­zei, bei gleich­zei­ti­gem völ­lig scham­be­frei­ten Rum­ge­op­fe­re (‚Wir sind fried­lich was seid ihr?’, pathe­ti­sches Auf­zäh­len der ‚Gas­ver­letz­ten’ bei der Abschluss­re­de). Dar­über hin­aus ist beson­ders bei Gegen­de­mos, also heu­te die Mehr­zahl lin­ker Akti­vi­tä­ten, der all­ge­gen­wär­ti­ge dump­fe Hass phy­sisch spür­bar. Kurio­ser­wei­se wird die­ser umso mehr bis zur Rase­rei getrie­ben, je bür­ger­li­cher und harm­lo­ser der tages­ak­tu­el­le Dem­ofeind ist. Nir­gends, nicht bei Hoo­li­gans und nicht bei Demos vom rech­ten Rand habe ich ein ver­gleich­ba­res Hass­ge­fühl wahr­ge­nom­men. Ver­stö­rend dabei ist, dass auch ein Zusam­men­hang zwi­schen nor­ma­ler Harm­lo­sig­keit im All­tags­le­ben und der Ent­hem­mung an den sank­tio­nier­ten Hass-Events zu bestehen scheint. So habe ich im Zuge mei­ner Feld­for­schung mit zar­ten, über­aus freund­li­chen Mäd­chen zu tun gehabt, die mir am WG-Tisch mit ent­waff­nen­der Offen­heit berich­te­ten, wie befrei­end sie es fän­den mal rich­tig rum­schrei­en und rum­pö­beln zu können.

Per­sön­lich has­se ich die real exis­tie­ren­de Lin­ke mit gan­zem Her­zen. Rech­te Demos sind für mich aller­dings seit jeher Sport­ver­an­stal­tun­gen gewe­sen. Dass man sich dabei mal schubst, gehört genau­so dazu, wie dass man den am Boden lie­gen­den Anti­fa­lauch vor wei­te­ren Angrif­fen schützt. Zuge­ge­ben führt es zu einem Hin­ter­fra­gen der eige­nen Sze­ne, wenn einem bewusst­los am Boden lie­gen­den, spas­tisch Zucken­dem wei­ter gegen den Kopf getre­ten wird. Doch auch in die­ser Sze­ne war der Anti­fa­typ der Angrei­fer, der die eige­ne Stand­fes­tig­keit und die Soli­da­ri­tät sei­ner Genos­sen über­schätzt hat­te. Inso­fern will ich mir da nicht anma­ßen, die Tre­ten­den zu verurteilen. 

Mein Respekt gilt jedem AfD-Anhän­ger, der sich bewusst in die­sen Hexen­kes­sel begibt, zudem es von vor­ne­her­ein kei­nes­wegs sicher ist, dass die Poli­zei auch nur wil­lens ist, die Sicher­heit der Teil­neh­mer zu gewähr­leis­ten. Per­sön­lich neh­me ich an sol­chen Ver­an­stal­tun­gen aber nicht mehr Teil, auch nicht bei sta­bi­lem Teil­neh­mer­kreis. Zu unaus­ge­gli­chen sind die Kräf­te­ver­hält­nis­se, zu sehr ist es allei­ne die Ges­te des ohn­mäch­ti­gen Mutes, die als ein­zig Posi­ti­ves bleibt.”

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