12. Juni 2018

„Die moder­ne Gesell­schaft ernied­rigt mit sol­cher Schnel­lig­keit, dass wir an jedem neu­en Mor­gen mit Nost­al­gie des Geg­ners von ges­tern geden­ken. Die Mar­xis­ten fan­gen schon an, uns als die letz­ten Aris­to­kra­ten des Okzi­dents zu erschei­nen.” Die­se Sen­tenz von Gómez Dávi­la beschreibt treff­lich, mit wel­chen Gefüh­len unser­eins auf das Getüm­mel zur Lin­ken schaut.

Die Links­par­tei hat sich auf ihrem Par­tei­tag in Leip­zig für offe­ne Gren­zen und gegen Abschie­bun­gen aus­ge­spro­chen. In die­ser For­de­rung offen­bart sich ein poli­ti­scher Kre­ti­nis­mus, wie er unter den Kanz­lern Schrö­der oder Kohl noch unvor­stell­bar gewe­sen wäre, und die sog. Intel­lek­tu­el­len, die die­sem mora­li­sie­ren­den Amok­lauf sekun­die­ren, tun dies uni­so­no auf einem Niveau („Bunt­heit”, „Offen­heit”, „Tole­ranz”), das sich allein mit „dem ‚Pisa’-Grund” (Eck­hard Hen­scheid)  kaum mehr erklä­ren lässt. Ein­zig der Fun­da­men­ta­lis­mus des um jeden Preis Durch­bre­chen­wol­lens, dies­mal gegen die eige­nen Brust gerich­tet, und die roman­ti­sche Todes­sehn­sucht als typisch deut­sche Eigen­schaf­ten ver­lei­hen der Cho­se noch einen Rest von Sym­pa­thie. Ein Land, das sei­ne Gren­zen für jeder­mann offen­lässt, exis­tiert nach weni­gen Jah­ren nicht mehr oder nur noch als aus­ge­plün­der­tes Sied­lungs­ge­biet der nicht Wei­ter­ge­zo­ge­nen. Leb­te man nicht sel­ber hier, man wünsch­te sich gera­de­zu, dass die­se tris­ten Figu­ren zu fres­sen bekä­men, was sie in ihren Gift­kü­chen zubereiten.

                                         ***

Doch hören wir zur inne­ren Rei­ni­gung Don Nicolás noch ein wenig zu:

„Es gibt Epo­chen, in denen nur der Pöbel eine Zukunft zu haben scheint.”

„Die Lin­ke behaup­tet, schuld am Kon­flikt sei nicht, wer frem­de Güter begehrt, son­dern wer die eige­nen verteidigt.”

„Auf die in Tälern und Schluch­ten her­um­ir­ren­den Men­schen­ka­ra­wa­nen lässt die Lin­ke eine Lawi­ne fal­scher Ideen niedergehen”

„Ich wür­de bereit­wil­lig zah­len, um die Mehr­zahl all der Din­ge nicht tun zu müs­sen, für die die ande­ren zah­len, um sie tun zu können.”

„Jede Belei­di­gung des Lebens auf einem gelieb­ten Gesicht nährt die wirk­li­che Liebe.”

„Für nichts wirk­lich Wich­ti­ges ist es je zu spät.”

„Wer nicht ein biss­chen aller Din­ge müde ist, mit dem lohnt es nicht die Mühe, sich zu unterhalten.”

                                      ***

Nach­dem die bru­ta­le Ermor­dung der 14jährigen Susan­na aus Mainz land­auf land­ab rechts­po­pu­lis­tisch miss­brauch­ba­re Über­re­ak­tio­nen her­vor­rief und gan­ze Sturz­bä­che auf die Müh­len der AfD lei­te­te, hat schließ­lich auch die Bun­des­kanz­le­rin mit­tei­len las­sen, gera­de und spe­zi­ell sie sei „tief erschüt­tert” über den „Tod” des Mäd­chens. Für den sie eine gewis­se Ver­ant­wor­tung tra­ge? Nein, der­glei­chen war nicht von ihr zu ver­neh­men, denn Baba Mer­kel trägt ja bereits bzw. bloß Ver­ant­wor­tung für den gesam­ten west­li­chen Mär­chen­wald, und wenn Gre­tel und Rot­käpp­chen ein­fach auf dem Weg blei­ben, wird das schon. Wie der ers­te Brief Hans Cas­torps vom Zau­ber­berg ins Flach­land muss auch die tie­fe Erschüt­te­rung der Kanz­le­rin beim Publi­kum ein Weil­chen vor­hal­ten, denn längst ist der nächs­te täg­li­che Frau­en­mord voll­zo­gen, dies­mal zu Vier­sen, wo die 15jährige Iulia­na „mit Mes­ser­sti­chen über­sät” auf­ge­fun­den wur­de, was auf einen schutz­be­dürf­ti­gen, trau­ma­ti­sier­ten, des Ras­sis­mus unver­däch­ti­gen Täter deu­tet. Wenn die Kanz­le­rin stän­dig erschüt­tert wäre, käme sie ja gar nicht mehr dazu, den Fami­li­en­nach­zug und die glo­ba­le Migra­ti­on zu orga­ni­sie­ren. Denn aus der deut­schen Geschich­te gelernt zu haben, bedeu­tet in einem Satz zusam­men­ge­fasst: Heu­te gehört uns Deutsch­land, und mor­gen der gan­zen Welt!

„Das abscheu­li­che Ver­bre­chen sei ein Auf­trag, Inte­gra­ti­on sehr ernst zu neh­men, Wer­te klar zu machen und sich gemein­sam an Geset­ze zu hal­ten”, ließ Mer­kel außer­dem noch huld­voll mit­tei­len. Die Jour­nail­le fraß und ver­brei­te­te die­sen Stuss* so gehor­sam wie spottfrei.

Ein­schub: Ange­sichts einer ZDF-Repor­ta­ge über rus­si­sche Hoo­li­gans, in wel­cher der Begriff „kreml­na­he Pres­se” ver­wen­det wur­de, fragt Leser ***, ob es nicht an der Zeit wäre, den Begriff „kanz­ler­amts­na­he Pres­se” zu eta­blie­ren. Na was denn sonst!

Repri­se: Das abscheu­li­che Ver­bre­chen ist ein Auf­trag, Inte­gra­ti­on sehr ernst zu neh­men und sich gemein­sam an Geset­ze zu hal­ten. Das geht näm­lich nur gemein­sam, allein kann der Ali das nicht. „Wir schaf­fen das”, hat unse­re Frem­den­füh­re­rin gesagt, nicht „Ali schafft das.” Wenn Sie irgend­wo­hin aus­wan­dern, erwar­ten Sie doch auch, dass erheb­li­che Anstren­gun­gen und Mit­tel in Ihre Inte­gra­ti­on flie­ßen und Ihre neu­en Gast­ge­ber Ihnen hel­fen, sich an die Geset­ze zu gewöh­nen, die frem­den Wei­ber in Ruhe zu las­sen und die Tat­sa­che, dass besag­te Gast­ge­ber für Sie Unrei­ne sind, einst­wei­len für sich zu behal­ten. – Allein schaf­fen es auch vie­le Deut­sche in Deutsch­land nicht, die Geset­ze zu beach­ten, hin und wie­der stößt man sogar im Knast auf so einen, aber gemein­sam mit Ali, Anis und Ahmed wer­den auch die­se Deut­schen es packen, zumal Ali, Anis und Ahmed noch vie­le span­nen­de neue Geset­ze mit ins Land brin­gen, mit­samt ori­gi­nel­len Vor­stel­lun­gen, wie mit denen zu ver­fah­ren sei, die sich nicht gemein­sam an die neu­en Geset­ze hal­ten. Und wenn der Ali aus dem Irak ein jüdi­sches Mäd­chen aus Mainz-bleibt-Mainz abmurkst, was kann das ande­res sein als ein „Auf­trag” an die Deut­schen, sich bei der Inte­gra­ti­on von Ali, Anis und Ahmed mehr anzu­stren­gen? Gera­de die Deutschen!

Coda: Wahr­schein­lich hat Mer­kel ihre Tef­lon­pha­se hin­ter sich gelas­sen und rot­welscht nun im Modes des rei­nen Hohns zu denen, die schon län­ger hier leben. Und ange­sichts der Tat­sa­che, dass ein demo­kra­tisch ver­fass­tes Land für das Per­so­nal, von dem es sich regie­ren lässt, in hohem Maße mit­ver­ant­wort­lich ist, hat die­ser Hohn alle Grün­de für sich. 

* „Stuss” sei ist noch ein freund­li­ches Wort, bemerkt Leser ***. „Der Latei­ner wür­de sagen: Was Mer­kel von sich gab, ‚postre­mae demen­tiae est’. Im Geor­ges wird ‚demen­tia’ so über­setzt: Das Nicht-recht-bei-Sin­nen-Sein, die Unver­nunft, der Wahn­sinn, die Ver­rückt­heit, das unsin­ni­ge (unver­nünf­ti­ge) Geba­ren, die Narr­heit, Komik.

Auch ‚Komik’ paßt gar nicht schlecht! Ich schlie­ße näm­lich aus Mer­kels fei­er­li­cher Mah­nung die fol­gen­de eigent­lich nahe­lie­gen­de, unge­mein fas­zi­nie­ren­de, tief­sin­ni­ge, nur im ers­ten Augen­blick ver­wir­ren­de Leh­re bzw. Erkenntnis:

Nicht Ali B. ist schuld an dem grau­en­haf­ten Ver­bre­chen, son­dern die deut­sche Gesell­schaft ist schuld! Nicht Ali hat das Mäd­chen getö­tet, son­dern die deut­sche Gesell­schaft hat das Mäd­chen getö­tet! Sie hat nach­läs­sig und leicht­sin­nig ihre Inte­gra­ti­ons­pflicht nicht rich­tig ernst genom­men, hat Ali samt sei­ner Fami­lie allein­ge­las­sen, sich nicht lie­be­voll um ihn geküm­mert! Man ist nicht auf ihn zuge­gan­gen, hat ihn nicht ein­ge­la­den, hat ihm unse­re Wer­te nicht klar gemacht, die da lau­ten: Tole­ranz, Libe­ra­li­tät, Offen­heit, Neu­gier, Viel­falt, Bunt­heit, Lachen, Spaß. Die Deut­schen haben ihn nicht an der Hand genom­men, haben ihn nicht zu schö­nen jun­gen Mäd­chen geführt und gesagt: ‚Unse­re Geset­ze ver­lan­gen, daß man die­sen Mäd­chen nichts Gewalt­sa­mes und Böses antut; man darf sie also nicht gegen ihren Wil­len küs­sen oder gar ver­ge­wal­ti­gen. Aber man darf scher­zen und flir­ten, darf ihnen Lie­der vor­sin­gen, sie zum Lachen brin­gen. Das mögen die Mäd­chen. Wir wer­den dich unter­rich­ten, lie­ber jun­ger Freund, in der Kunst, auf erlaub­te und gesetz­mä­ßi­ge Wei­se die Nei­gung jun­ger Mäd­chen zu gewin­nen. Nimm uns zum Vor­bild! Hal­ten wir uns gemein­sam an unse­re deut­schen Gesetze!’

All das haben die Deut­schen im Umgang mit Ali versäumt!”

                                      ***

Der Kolum­nist Georg Diez, der als Stumpf­sich­ti­ger unter Ein­äu­gi­gen vom Maul­wurfs­hü­gel Spie­gel online ins Land schau­end sein Amt als eine Art Pseu­d­o­lyn­keus ver­rich­tet („Zum Pet­zen geboren,/ zum Het­zen bestellt”), darf sich für sei­nen jüngs­ten Vor­schlag mei­ner vol­len Zustim­mung schä­men. Der schein­hei­li­ge Georg plä­diert näm­lich dafür, die ein­heits­brei­igen öffent­lich-recht­li­chen Gesprächs­run­den abzu­schaf­fen – „Schluss mit Anne Will, May­brit Ill­ner, San­dra Maisch­ber­ger und Frank Plas­berg” –, wo ohne­hin, wenn auch meist ohne rech­te Gäs­te, über rech­te The­men anein­an­der vor­bei dis­ku­tiert wer­de, und statt­des­sen neue For­ma­te mit mehr Publi­kums­be­tei­li­gung und mehr Plu­ra­lis­mus ein­zu­rich­ten. Denn: „Wer stets die ewig glei­chen Chef-Schwa­dro­neu­re ein­lädt, redu­ziert Poli­tik auf Poli­ti­ker und Par­tei­en und einen kra­wal­li­gen Blick auf die Welt. Er ent­po­li­ti­siert damit die Gesellschaft.”

Als Fla­neur und Geis­tes­mensch habe ich zwar ein gro­ßes Fai­ble für jede Dros­se­lung des poli­ti­schen Stra­ßen­lärms, aber gleich­wohl stim­me ich zu. Am bes­ten, Spie­gel online fin­ge gleich als gutes Bei­spiel an und son­der­te außer Diez sel­ber, den ich als ver­läss­li­chen „Dach­scha­dens­an­zei­ger” (Wolf­gang Röhl) ver­mis­sen thät’, alle Kolum­nis­ten aus, die jede Woche unge­fähr das­sel­be schrei­ben wie Diez und die Lek­tü­re die­ser Kolum­nen so abwechs­lungs­reich gestal­ten wie die Betrach­tung einer Rei­he von Fran­zis­ka­ner­kut­ten (um nicht immer den Niqab als Bunt­heits-Gleich­nis her­bei­zu­ru­fen und außer­dem das schö­ne Bild aus­zu­gra­ben, wel­ches Puc­ci­ni für Debus­sys „Pel­lé­as et Méli­san­de” erst­ver­wen­de­te). Dann blie­be außer dem Diez prak­tisch nur noch der zuwei­len mei­nungs­de­lin­quen­te Jan Fleisch­hau­er übrig. 

Diez will, darf, soll und könn­te sich fort­an als Solist neben dem sei­ner­seits viel­leicht etwas zu taten­arm-text­las­ti­gen „Kampf gegen rechts” der Fra­ge wid­men: „Wie also geht Gerech­tig­keit im 21. Jahr­hun­dert?” Deren Beant­wor­tung garan­tiert sei­ner dem Sta­di­um der Behan­del­bar­keit wahr­schein­lich ent­wach­se­nen Logor­rhoe zahl­lo­se klei­ne Erleich­te­run­gen und bedient zugleich jene ele­men­ta­re Gerech­tig­keits­vor­stel­lung, wie sie sich aus der Per­spek­ti­ve des Diez’schen Maul­wurfs­hü­gels ergibt und die dar­in besteht, dass er, der Diez, dar­über schreibt, was Gerech­tig­keit im 21. Jahr­hun­dert bedeu­tet und damit wei­ter u.a. sei­ne 180-Qua­drat­me­ter-Woh­nung in Ber­lin Mit­te bezah­len kann, die er wäh­rend eines USA-Erwach­se­nen­fort­bil­dungs­auf­ent­hal­tes bei­na­he an syri­sche Migran­ten unter­ver­mie­tet haben wür­de, wenn er nicht eben doch letzt­lich ein „besorg­ter Bür­ger” wäre, der Angst um sein Par­kett und den Zustand sei­nes Klo­sett hat (hät­te ich auch).

Natür­lich träumt die­se unge­fähr zwölft­hells­te Ker­ze auf sei­ner Redak­ti­ons­eta­ge von einer ganz ande­ren Öffent­lich­keit als einer plu­ra­lis­ti­schen; als erklär­ter, wenn auch nicht eben beson­ders furcht­ein­flö­ßen­der Feind einer Demo­kra­tie, die kei­ne ver­läss­li­chen lin­ken Mehr­hei­ten her­vor­bringt, möch­te er nicht nur alle Dis­ku­tan­ten von rechts aus­schlie­ßen, wie es die öffent­lich-recht­li­chen Laber­run­den ohne­hin zuneh­mend tun, son­dern alle Streit­ge­gen­stän­de, die sich als „rech­te The­men” denun­zie­ren las­sen, gleich mit. Er weiß sel­ber, dass das nie funk­tio­nie­ren wird, ohne zugleich DDR zu spie­len, aber pri­mär schreibt er die­se Kolum­nen ja nicht, um die Welt oder das Land zu ver­än­dern, son­dern um sei­ne Mie­te zu bezah­len und in sei­nen Krei­sen als der smar­te Georg zu gel­ten, der immer so tren­di­ge Kolum­nen ver­zapft, in denen er das tol­le, bun­te, fort­schritt­li­che, aber von dun­kel­ges­tern bedroh­te rest­deut­sche Mor­gen zwar nicht auf irgend­ei­nen Begriff, aber irgend­wie cool zum Aus­druck bringt. Ob das beson­ders klug ist, ste­he übri­gens dahin; es könn­te ja auch sein, dass er sel­ber der­einst zu den aus Viel­falts­er­neue­rungs­grün­den ent­las­se­nen Kolum­nis­ten gehört, denn wenn ein Ei dem ande­ren gleicht, ist es ja eher Zufall, wel­ches in die Pfan­ne gehau­en wird…

PS: Vor wel­chem „Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit” (Sankt Jür­gen) die­se publi­zis­ti­sche Klon­ar­mee tat­säch­lich Angst hat, beschreibt Alex­an­der Wendt hier

   

                                         ***

Mein Ein­trag vom 10. Juni über das Urteil der Köl­ner Rich­te­rin Ulri­ke Gra­ve-Her­ken­rath, die einen Tot­schlä­ger namens Ahmed R. mit Bewäh­rung davon­kom­men ließ, hat zahl­rei­che Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen. Zunächst ein­mal mach­ten mich meh­re­re Leser dar­auf auf­merk­sam, dass die Dame Vor­sit­zen­de eines Köl­ner Gefan­ge­nen­für­sor­ge­ver­eins ist, wor­an sich eigent­lich nichts Ehren­rüh­ri­ges fän­de, aber wenn ein Staats­be­diens­te­ter einem Ver­ein prä­si­diert und dann des­sen Kli­en­tel auf­fal­lend bevor­zugt behan­delt, hat das viel­leicht doch ein Geschmäck­le. Für den Wei­ßen Ring fühlt sich die Dame denn doch wohl zu kri­mi­nel­lo­phil, wirk­lich pro­gres­si­ve Rich­ter sind ja kei­ne Staats‑, son­dern Täter­an­wäl­te. – Sodann wies ein Leser dar­auf hin, ich hät­te zu erwäh­nen ver­ges­sen, dass die Staats­an­wäl­tin im besag­ten Pro­zess zwei Jah­re und acht Mona­te Haft für den Tot­schlä­ger gefor­dert hat­te. Was uns zu einem ähn­li­chen Urteil der Frau Gra­ve-Her­ken­rath – sie trägt das Grab im Namen – führt, auf wel­ches Leser *** mei­ne Auf­merk­sam­keit lenk­te. Damals hat­te Frau Gra­ve-Her­ken­rath – ich wer­de es ein­fach nicht satt, ihren Namen zu wie­der­ho­len –, damals also hat­te Frau Gra­ve-Her­ken­rath den als „Koma­schlä­ger” bekannt gewor­de­nen Erdinc S. zu einer Haft­stra­fe von einem Jahr und neun Mona­ten auf Bewäh­rung ver­ur­teilt. Der Neun­zehn­jäh­ri­ge hat­te einen indi­ge­nen Arbeits­lo­sen so geschla­gen, dass der gegen die Glas­schei­be einer Tele­fon­zel­le stürz­te, wochen­lang im Koma lag und seit­dem zu sech­zig Pro­zent schwer­be­hin­dert ist. Als Vor­sit­zen­de Rich­te­rin befand Frau Gra­ve-Her­ken­rath, er habe die schwe­ren Hirn­ver­let­zun­gen sei­nes Opfers nicht vor­sätz­lich, son­dern fahr­läs­sig her­bei­ge­führt. Des­we­gen blieb das Gericht deut­lich unter dem von der Staats­an­walt­schaft gefor­der­ten Straf­maß von drei­ein­halb Jah­ren Haft. Ich hät­te dem Erdinc ja ein paar Sozi­al­stun­den beim Bil­lard ver­passt, damit er beim nächs­ten­mal die Kar­tof­fel nicht gleich gegen eine Tele­fon­zel­le schießt.

Leser *** wie­der­um teil­te mit, dass „die von Ihnen erwähn­te Rich­te­rin” – er meint Frau Ulri­ke Gra­ve-Her­ken­rath – ihre Urtei­le „nicht, oder zumin­dest nicht nur aus ras­sis­ti­schen Moti­ven” fäl­le und füg­te als Beleg fol­gen­des Urteil bei: Patrik L., 23, hat­te ein klei­nes Mäd­chen auf bes­tia­li­sche Wei­se tot­ge­schla­gen und im Müll­sack ent­sorgt, dafür brumm­te ihm Frau Gra­ve-Her­ken­rath immer­hin zwölf Jah­re Gefäng­nis auf, was im Gerichts­saal den­noch zu Tumul­ten führ­te. Der Täter besaß kei­ne exo­ti­sche Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit. Ich hat­te aller­dings auch nicht dar­auf insis­tiert, dass die Grund­gü­ti­ge sich aus­schließ­lich vom umge­kehr­ten Ras­sis­mus lei­ten las­se, son­dern geschrieben:

„Die­ser Typus Blut­rich­ter for­dert kein Blut mehr, um sich dem Zeit­geist anzu­die­nen, son­dern ent­schul­digt aus dem glei­chen Grund des­sen Ver­gie­ßen, sofern eben der eth­nisch-kul­tu­rel­le und sozia­le Vor­ur­teils­ka­ta­log es gebie­tet. In der Mil­de von Frau Gra­ve-Her­ken­rath, deren hyä­nen­haf­te Kehr­sei­te gegen­über den Opfern schlicht mons­trös ist, kul­mi­niert die 68er Schuld­um­kehr-Ideo­lo­gie, wel­cher zufol­ge Straf­tä­ter, sofern sich bei ihnen kei­ne rech­te Gesin­nung auf­trei­ben lässt, Opfer der Gesell­schaft sind, denen mit Ver­ständ­nis zu begeg­nen die edle Pflicht und Haupt­auf­ga­be der Jus­tiz ist.”

Zuletzt will ich zu die­sem The­ma – also zu Frau Gra­ve-Her­ken­rath als pars pro toto für eine zuneh­mend Ten­denz­ur­tei­le fäl­len­den Jus­tiz – eine Juris­tin zitie­ren, die von einer „fast schon herr­schen­den Diver­si­ty-Jus­tiz” spricht, wel­che „unge­niert Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit berück­sich­tigt, wobei der Ori­en­ta­len-Rabatt beson­ders her­vor­sticht”. Als Rechts­pfle­ge­rin am Amts­ge­richt *** möch­te sie „mit der oben erwähn­ten Dame nicht in einen Topf gewor­fen wer­den. Rich­ter sind Orga­ne der Rechts­pfle­ge, aber auch wenn sich ‚rhei­ni­sche Rechts­pfle­ge­rin’ sprach­lich gut macht, tref­fen Sie nur unge­recht­fer­tigt mei­nen Berufs­stand (ich gebrauch­te den Begriff ‚Rechts­pfle­ge­rin’ als iro­ni­sche Meta­pher für Frau Gra­ve-Her­ken­rath – M.K.). Der Rechts­pfle­ger ist auch ein selbst­stän­di­ges Organ der Rechts­pfle­ge, sei­ne Zustän­dig­kei­ten, haupt­säch­lich im Bereich der Frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit, erge­ben sich aus dem Rechts­pfle­ger­ge­setz. Aller­dings hat der Rechts­pfle­ger nicht Ver­fas­sungs­rang wie der Rich­ter und eben dar­um nur die sach­li­che Unab­hän­gig­keit, nicht die per­sön­li­che Unabhängigkeit.

Dass die per­sön­li­che und sach­li­che Unab­hän­gig­keit von vie­len Rich­tern man­gels Bil­dung in ihrem Fach und man­gels Cha­rak­ter nicht aus­ge­übt wird, dafür ist der Köl­ner Fall ein neu­es, erschre­cken­des Bei­spiel. Lei­der sind vie­le Rich­ter, oft die jün­ge­ren, blo­ße Büro­fuz­zis, die sach­li­che Unab­hän­gig­keit mit unglaub­li­chem aka­de­mi­schen Hoch­mut  und per­sön­li­che Unab­hän­gig­keit mit frei­er Dienst­zeit und reser­vier­ten Mit­tags­ti­schen in der Gerichts­kan­ti­ne ver­wech­seln. Die gera­de nicht dum­men, aber um so treu­lo­se­ren Urteils­be­grün­dun­gen las­sen mich erken­nen, dass selbst eine im Rang rela­tiv hohe Rich­te­rin nicht ihr Amt unab­hän­gig aus­übt. Die Ver­fas­sung und die ihr damit über­tra­ge­ne Auf­ga­be der Rich­te­rin erfüllt sie nicht. Schein­bar ist sie noch nicht ein­mal in ihrem Amt frei, son­dern meint, sich an die PC anpas­sen zu müs­sen. Wie per­fekt kann man sie dann als blo­ße Bür­ge­rin unter­wer­fen! War­um? Will sie sich ihren Weg für einen Rich­ter­amt am Ober­lan­des­ge­richt nicht ver­bau­en oder die Prä­si­dent­schaft eines LGs im OLG Bezirk Köln?”

                                               ***

Nun aber zur eigent­li­chen Sache. Leser *** fragt, ob ich nicht über mei­nen Eck­la­den zu einer Spen­den­samm­lung für die Wit­we und die bei­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der des zu Ber­gisch Glad­bach erschla­ge­nen Tho­mas K. auf­ru­fen kön­ne. Das kann ich sehr wohl, aber der ers­te Schritt wäre die Kon­takt­auf­nah­me zu den Hin­ter­blie­be­nen. Ist irgend­wer da drau­ßen, der mir die­sen Kon­takt ver­schaf­fen kann?

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