14. Juni 2018

„Ges­tern abend sprach ein Mann aus den Städ­ten
An der Gast­haus­tür
Er sprach auch mit mir.
Er rede­te von Gerech­tig­keit und vom Kampf für Gerech­tig­keit
Und von den Arbei­tern, die lei­den,
Und von der nicht enden­den Arbeit und von denen, die hun­gern
Und von den Rei­chen, die dem nur den Rücken kehren.

Und als er mich ansah, bemerk­te er Trä­nen in mei­nen Augen
Und lächel­te zufrie­den, denn er glaub­te, ich fühl­te
Den Hass, den er fühl­te, und das Mit­leid,
Das er zu füh­len behauptete.

(Doch ich hör­te kaum hin.
Was küm­mern mich die Men­schen
Und was sie lei­den oder zu lei­den ver­mei­nen?
Sei­en sie wie ich – dann lei­den sie nicht.
Alles Übel der Welt rührt daher, dass wir uns einer um den ande­ren küm­mern.
(…)

Ich aber dach­te,
Als der Men­schen­freund sprach
(Und das rühr­te mich zu Trä­nen),
Wie sehr doch das fer­ne Geläut der Herd­englo­cken
In die­ser Abend­stun­de
Nicht den Glo­cken einer klei­nen Kapel­le glich,
In der Blu­men und Bäche
Und schlich­te See­len wie ich zur Mes­se gingen.”

Fer­nan­do Pes­soa, Der Hüter der Her­den XXXII. (Aus­zug)

                                     ***

Es fällt einem in Ost- bzw. Mit­tel­deut­schen Auf­ge­wach­se­nen schwer, sich die­ser Tage nicht an den Herbst 1989 erin­nert zu füh­len, die Déjà-vus wer­den in all­zu gro­ßer Zahl vor­stel­lig. Wie­der wankt ein Regime, das sich im Namen des Fort­schritts und des Welt­frie­dens wie ein gewal­ti­ger Para­sit auf das Land gelegt hat und sei­ne Bür­ger aus­saugt, wie­der bekämpft ein „brei­tes gesell­schaft­li­ches Bünd­nis” aus Polit­bü­ro­kra­ten, Block­par­tei­funk­tio­nä­ren, sozia­lis­ti­schen Medi­en- und Kul­tur­schaf­fen­den, Leh­rern, Staats­pfaf­fen, Pro­fes­so­ren, Kampf­grup­pen, Kaba­ret­tis­ten, Enga­gier­ten und Spit­zeln die Oppo­si­ti­on, wie­der streut die Füh­rung über die staat­lich gelenk­ten Medi­en infan­ti­le Durch­hal­te­pa­ro­len aus („Vor­wärts immer, rück­wärts nim­mer” = „Wir schaf­fen das”; „Die Par­tei, die Par­tei, die hat immer recht” = „Mei­ne Poli­tik ist alter­na­tiv­los”), wäh­rend sie das Land ver­kom­men lässt, wie­der gehen unbot­mä­ßi­ge Bür­ger gegen ideo­lo­gi­sier­te Büro­kra­ten auf die Stra­ße, wie­der wer­den Bür­ger­recht­ler von Schlä­gern ver­folgt und von Büt­teln denun­ziert, wie­der fin­det in Betrie­ben eine Jagd auf Falsch­mei­ner und Abweich­ler statt, wie­der ist Oppo­si­ti­ons­ver­leum­dung die Haupt­auf­ga­be der Medi­en, wie­der ist Sach­sen das Herz des Wider­stan­des, wie­der zer­bricht ein auto­ri­tä­rer trans­na­tio­na­ler Pakt zuerst an den frei­heits­lie­ben­den Polen und Ungarn, wobei die Ungarn dies­mal eben die Gren­zen gegen eine gefähr­li­che Flut schlie­ßen, statt sie einer befrei­en­den zu öff­nen (zu den noch nicht aus­rei­chend gewür­dig­ten Pikan­te­rien unse­rer Tage gehört, dass eine den DDR-Mau­er­bau­ern als Jugend­funk­tio­nä­rin Dienst­ba­re heu­te erklärt, Gren­zen könn­ten kei­ne Men­schen aufhalten).

Die Rol­le Gor­bat­schows hat Donald Trump über­nom­men, wäh­rend Vera Lengs­feld wie­der von Vera Lengs­feld gespielt wird; Glas­nost und Pere­stroi­ka kom­men heu­te über den Atlan­tik, und die ein­hei­mi­sche Nomen­kla­tu­ra schaut gei­fernd und zäh­ne­flet­schend zu, wie der eins­ti­ge gro­ße Bru­der und Ver­bün­de­te von der rei­nen Leh­re abfällt, wäh­rend Russ­land in die Rol­le der USA, durch Hon­nis Schie­lei­sen gese­hen, schlüpf­te und der „Aggres­sor Isra­el” das für sei­nen Über­le­bens­wil­len zu ver­ur­tei­len­de Isra­el geblie­ben ist. Die ein­zi­ge Oppo­si­ti­ons­par­tei AfD ist das aktu­el­le Neue Forum, die haupt­amt­li­che Sta­si ist zwar deut­lich klei­ner und in ihren Metho­den behut­sa­mer, die Zahl der Spit­zel, Anschwär­zer und IM aller­dings ungleich grö­ßer gewor­den. Damals wie heu­te golt und galt der Kampf dem wie­der dro­hen­den „Faschis­mus”, dem ein­zig wirk­lich frucht­bar geblie­be­nen deut­schen Schoß, und damals wie heu­te bekam jeder die­ses Stig­ma  ver­passt, der sich gegen die Poli­tik des Regimes aussprach. 

In einem der letz­ten regie­rungs­treu­en Kom­men­ta­re des Neu­en Deutsch­land schrieb im Okto­ber 1989 irgend­ei­ne Funk­tio­nä­rin, egal was pas­sie­ren wer­de, die Kom­mu­nis­ten hät­ten stets recht und ihre Geg­ner stets unrecht gehabt, heu­te liest man die­sen Satz in unzäh­li­gen Varia­tio­nen täg­lich von taz bis Zeit. Buhr heißt heu­te Haber­mas und ist sogar intel­li­gen­ter gewor­den (kann aber schlech­ter schrei­ben), Karl-Edu­ard nennt sich Heri­bert und ein­mal in der Woche Jakob. Jenem treu­en Unter­ta­nen Erichs des Ein­zi­gen, den West-Agen­ten im Okto­ber 1989 angeb­lich mit K.O.-Tropfen betäubt und nach Öster­reich ent­führt hat­ten, von wo er in sei­ne gelieb­te DDR zurück­zu­keh­ren begehr­te, ent­spricht als Medi­en­clou heu­te die Anzei­ge gegen den Chef der Bun­des­po­li­zei, weil der den Extrem­kusch­ler Ali B. angeb­lich aus dem Irak hat ent­füh­ren las­sen. Nicht zu reden von der sen­ti­men­ta­len Trä­ne, die Mar­got Mer­kel beim Abschied von Barack Bre­schnew Medi­en­be­rich­ten zufol­ge über die beschich­te­te Wan­ge rann, nicht zu reden fer­ner von den hun­der­ten Brief­ta­schen, die Asyl­be­wer­ber gefun­den und ihren schus­se­li­gen deut­schen Besit­zern zurück­er­stat­tet haben, oder von den wirt­schaft­li­chen Erfol­gen der Neu­bür­ger, die jenen der real­so­zia­lis­ti­schen Wirt­schaft kaum nach­ste­hen. Betreu­tes Schrei­ben und Lesen damals wie heu­te, Durch­set­zungs­ge­set­ze damals ohne Netz wie heu­te mit, Inter­na­tio­nal­so­zia­lis­mus dies­seits wie jen­seits der Zeit­mau­er und der ehe­mals realen.

Was fehlt noch? Das Pen­dant einer Sze­ne vom 17. Okto­ber 1989: „Ich bean­tra­ge die Ent­bin­dung des Genos­sen Hon­eckers von allen sei­nen Ämtern. – Ange­la, es geht nicht mehr. Du musst gehen.”

                                    ***

Nun, so schnell wird die böse Fee nicht wei­chen. Nach­dem sie vor­ges­tern Abend ein­se­hen muss­te, dass sie in ihrer eige­nen Frak­ti­on der­zeit kei­nen Unter­stüt­zer mehr für ihre Völ­ker­wan­de­rungs­er­mun­te­rungs­po­li­tik besitzt, griff Ange­la I. beherzt zum Hän­di und tele­fo­nier­te nahe­lie­gen­der­wei­se mit den Sozis, denen sie in schlau­er Anti­zi­pa­ti­on des Kom­men­den über­schwäng­lich vie­le und zu Dank­bar­keit ver­pflich­ten­de Minis­te­ri­en über­tra­gen hat; es soll kei­ner sagen, sie hin­ge an einer Par­tei spe­zi­ell. Danach hat sie wahr­schein­lich auch mit eini­gen Grü­nen tele­fo­niert, dann mit den ein­schlä­gi­gen Pres­se­be­sit­zern, und ganz zuletzt klin­gel­te sie die CDU-Lan­des­chefs aus der Heia (also das alles hät­te zumin­dest ich an ihrer Stel­le getan, wobei ich nicht unglück­lich dar­über bin, an mei­ner Stel­le zu sein). Nach posi­ti­ven Rück­mel­dun­gen kam das CDU-Prä­si­di­um an die Rei­he. Wenn die CDU-Frak­ti­on der CSU folgt, muss eben eine neue Front auf­ge­baut wer­den. Heu­te wur­de das Ergeb­nis bekannt: Die SPD droht mit Koali­ti­ons­aus­tritt, falls die Uni­on sich von Mer­kels Idee ver­ab­schie­det, die euro­päi­schen Völ­ker mit Dritt­welt­mi­gran­ten zu ver­dün­nen, mäh­lich in Ein­heits­be­völ­ke­run­gen zu ver­wan­deln und zur Erleich­te­rung die­ses Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­ses die Natio­nal­staa­ten unter die Fuch­tel der bar­ba­ri­schen Brüs­se­ler Ver­ein­heit­li­cher zu zwin­gen (ein Abge­ord­ne­ter aus dem Kul­tur­aus­schuss berich­te­te, dass die EU nun ana­log zum Gen­der Main­strea­ming ein Cul­tu­ral Main­strea­ming-Pro­gramm über wil­li­ge Voll­stre­cker im Bun­des­tag durch­drü­cke, und dies ganz orwel­lesk als För­de­rung von Viel­falt ver­kau­fe), und stracks sank die Hel­den- und Hel­din­nen­rie­ge des Prä­si­di­ums zum Treue­schwur auf die mor­schen Knie.

Schon im Herbst 2015 hat­te sich in der CDU-Bun­des­tags­frak­ti­on eine Fron­de gegen die Grenz­öff­nung for­miert, mehr als 60 Abge­ord­ne­te pro­tes­tier­ten, aber sie lie­ßen sich auf den läp­pi­schen Modus eines Briefs an die Domi­na her­un­ter­han­deln. Jeder ein­zel­ne muss­te danach bei Kau­der antan­zen und sich über sei­ne per­sön­li­chen Kar­rie­re­plä­ne befra­gen las­sen, mit Aus­nah­me der Direkt­kan­di­da­ten ist kei­ner der Frech­lin­ge 2017 wie­der in den Bun­des­tag ein­ge­zo­gen – nicht dass Sie glau­ben, geneig­ter Leser, sie wer­den von Leu­ten regiert, die an Frei­heit, Recht und Plu­ra­lis­mus inter­es­siert sind. Nein, die­se Figu­ren sind bloß fatz­ke­haft klei­ne Tei­le „jener Kraft,/ die stets das Gute will und stets das Böse schafft”.

Inzwi­schen ist die Lage für die Empö­rer güns­ti­ger, die CSU hat die Land­tags­wahl im Nacken, und im Zwei­fels­fal­le san mia halt mia und g’schissen is auf den Bund. Die Frak­ti­on war sich erst­mals einig gegen Mer­kel, aber was heißt das schon, es wäre ja nicht das ers­te­mal, dass jemand von sei­ner eige­nen Cou­ra­ge erschrickt, zumal Mer­kel nun ihre Nazgûl aus­sen­det, um jeden ein­zel­nen Abge­ord­ne­ten für sich allein auf­zu­trei­ben, zu erschre­cken und zu kau­dern?  „Der Star­ke ist am mäch­tigs­ten allein” (Schil­ler, „Wil­helm Tell”) …? – Aber wo denn? Müs­sen doch alle ihr Aus­kom­men fin­den, und das Land geht lang­sa­mer vor die Hun­de als die eige­ne Karriere… – 

Den­noch, ich blei­be dabei, die Mer­kel­däm­me­rung hat begon­nen. Die AfD-Abge­ord­ne­ten soll­ten jetzt T‑Shirts mit dem Auf­druck tra­gen: „Jeder Abge­ord­ne­te ist ein­zig sei­nem Gewis­sen unter­wor­fen”; mehr Oppo­si­ti­on geht nicht in einem Par­la­ment, in dem die Otto-Wels-Ver­eh­rer die abso­lu­te Mehr­heit stel­len. Oder stel­len thä­ten. Heu­te vor­mit­tag wur­de übri­gens die Ple­nar­de­bat­te unter­bro­chen, damit sich die Uni­on zur inter­nen Bera­tung zurück­zie­hen konn­te. Das ist nicht nur unge­wöhn­lich und unüb­lich, son­dern zeugt von einer gewis­sen Dreis­tig­keit, denn was ande­res als der Ter­min­plan der Frem­den­füh­re­rin kann Anlass gewe­sen sein, das rest­li­che Par­la­ment in die Hof­pau­se zu schicken?

                                      ***

Seit Wochen, notier­te der Spie­gel im Okto­ber 1989, haben in der DDR Wit­ze über den grei­sen Gene­ral­se­kre­tär Kon­junk­tur: „Typi­sches Bei­spiel: Was hat Hon­ecker mit einem Blind­gän­ger gemein­sam? Nie­mand traut sich an ihn ran, und von selbst kre­piert er nicht.”

                                      ***

Was unse­re Son­nen­kanz­le­rin betrifft, wür­de es mir genü­gen, wenn sie sich weni­ger mit dem deut­schen und mehr mit dem chi­le­ni­schen Asyl­recht beschäftigte.

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Ges­tern Abend in der Biblio­thek des Kon­ser­va­tis­mus. Im Anschluss an den Refe­ren­ten, einen CDU-Funk­tio­när auf unge­fähr Höhe Halb­mast, folgt die Fra­ge­stun­de. Eine Ärz­tin lei­tet ihre Fra­ge mit der Bemer­kung ein, dass kei­ner ihrer mus­li­mi­schen Pati­en­ten nicht mit einem oder einer Ver­wand­ten ver­hei­ra­tet sei. Die Fol­gen für den Nach­wuchs sei­en schreck­lich, fast alle die­se Kin­der hät­ten irgend­wel­che auf Gen­de­fek­ten beru­hen­de Gesund­heits­schä­den. Wenn sie das aber öffent­lich the­ma­ti­sie­re, wer­de man sie als Eutha­na­sis­tin oder Nazis­se beschimpfen.

Mer­ke: Den Gut­men­schen irri­tie­ren nicht die Tat­sa­chen, son­dern dass sie einer ausspricht.

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Das Zen­tral­or­gan für Empa­thie und ange­wand­ten Huma­ni­ta­ris­mus Spie­gel online sorgt sich um die Stim­mung in Mainz.

„Der Lebens­ge­fähr­te von Susan­nas Mut­ter macht die Woh­nungs­tür auf, müde und unra­siert. Es tue ihm leid, aber er wol­le nichts sagen. Dann macht er freund­lich die Tür zu. Eine Ahnung des­sen, was in ihm vor­geht, bie­tet sein Face­book­pro­fil. Vor Susan­nas Ver­schwin­den ver­öf­fent­lich­te er Fuß­ball­clips und Vide­os von sizi­lia­ni­schen Strän­den. Jetzt teilt er ein Video der AfD-Frak­ti­ons­chefin Ali­ce Wei­del, die Mer­kels Rück­tritt for­dert. Oder Bil­der, die Ange­la Mer­kel zei­gen, mit blu­ten­den Hän­den, eine Kugel im Bauch. Die Wut, so sieht es aus, hat auch ihn erfasst.”

Selt­sam. Was mag dem Mann Schlim­mes zuge­sto­ßen sein?

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