28. Juni 2018

Wir wer­den den­je­ni­gen nie­mals ver­zei­hen, die so gro­ße Stü­cke auf uns hiel­ten, dass sie nun ent­täuscht von uns sind.

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Er galt als beson­ders fit­ter Intel­lek­tu­el­ler, es gab kaum eine sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Abraum­hal­de, die er nicht bestie­gen hatte. 

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Der Her­me­neu­ti­ker will einen Text ver­ste­hen, der Dekon­struk­ti­vist will nach­wei­sen, dass es nichts zu ver­ste­hen gibt bzw. der Autor ihn selbst nicht ver­stand. Der eine behan­delt einen Text wie ein auf­merk­sa­mer Gast­ge­ber einen lie­ben Besu­cher, der ande­re wie ein Psych­ia­ter einen Irren. 

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Ich gehö­re der letz­ten Kohor­te an, die ihre Kind­heit noch in der Anti­ke ver­bracht hat.

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„Je älter ich wer­de, des­to unchrist­li­cher fin­de ich mich. Es ist das Gegen­teil von dem, das mit dem Alter ein­tre­ten soll­te. Ist das ein Nie­der­gang des inne­ren Niveaus, ist es im Gegen­teil eine Rei­fung? Ich weiß nicht. Aber es ist sicher, daß ich mich mehr und mehr der vor­christ­li­chen Weis­heit nähe­re und daß die grie­chi­schen Tra­gö­di­en in mir ein tie­fe­res Echo erwe­cken als die Evan­ge­li­en. Jeru­sa­lem ent­fernt sich zuguns­ten der heid­ni­schen Welt, nicht nur von Athen. Ich ver­ste­he sie nicht gut, ich füh­le nur die Sache der Fatalität.”

Cior­an, Noti­zen, 19. Sep­tem­ber 1970

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Nett, unin­spi­riert, unge­fähr­lich, ideen‑, kon­tur- und kan­ten­los, ermü­dend lang­wei­lig, ohne Füh­rungs­spie­ler und ohne jeden Wil­len zur Domi­nanz: Doch doch, die ehe­mals deut­sche Natio­nal­mann­schaft ist schon ein gutes Abbild ihres Landes.

Fuß­ball-WM, zum zwei­ten: Der Tages­spie­gel trom­pe­te­te am 17. Juni: „Der WM-Titel 2014 war das allei­ni­ge Ver­dienst einer mul­ti­eth­ni­schen Fuß­ball­mann­schaft. Das Team ist der bes­te Beweis dafür, wie gro­tesk das Ver­lan­gen nach einer bewah­rens­wer­ten deut­schen Iden­ti­tät ist.” Tja, und wes­sen Ver­dienst ist der letz­te Grup­pen­platz in der Vorrunde?

Fuß­ball-WM, zum drit­ten: „Kaum je in der Geschich­te haben deut­sche Jour­na­lis­ten die Gast­ge­ber einer WM so schä­big behan­delt wie jetzt Russ­land, nicht mal das obli­ga­to­ri­sche WM-Stu­dio-Haupt­quar­tier woll­ten sie im Fein­des­land errich­ten. Polit­psy­cho­lo­gi­sche Abgrün­de eines alten deut­schen Grö­ßen­wahns, allen­falls ver­gleich­bar mit pol­ni­schen Min­der­wer­tig­keits­be­find­lich­kei­ten: Main­stream-Medi­en in bei­den Län­dern for­der­ten vor der WM einen Boy­kott. Jetzt haben sie ihn end­lich bekom­men, kurz bevor das Tur­nier mit denen rich­tig los­geht, die die­ses Fuß­ball­welt­fest wirk­lich gemein­sam fei­ern wol­len”, kom­men­tiert André F. Licht­schlag. ARD und ZDF wis­sen jetzt wahr­schein­lich nicht, an wel­che Par­tien sie ihre vor­pro­du­zier­ten Pro­pa­gan­da-Repor­ta­gen über Putins Reich des Bösen pap­pen sol­len. Sogar dass die Rus­sen in St. Peters­burg den höchs­ten Turm Euro­pas gebaut haben – übri­gens mit erheb­li­cher Kol­la­bo­ra­ti­on deut­scher Inge­nieu­re –, fan­den unse­re Volks­auf­klä­rer gaa­anz ver­werf­lich und teil­ten das allen Fuß­ball­gu­ckern mit, die nicht recht­zei­tig weg­ge­zappt haben. Der Höchs­te ist schließ­lich genau so alt­weiß­mas­kul­nazgûl­se­xis­tisch­schlimm wie der Längste! 

Und last but not least: Das sexis­ti­sche „Mann” kön­nen sie bei der Ephe­ben­trup­pe nach dem natio­na­lis­ti­schen „deutsch” auch noch raus­neh­men; es soll künf­tig hei­ßen: die ’schaft von ’schland. Dann klappt’s auch wie­der mit der Brechstange.

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Wo es Posi­tio­nen wie die der Neo­na­zis gibt, muss es auch das kras­se Gegen­teil davon geben. Das gebie­tet die poli­ti­sche Tek­to­nik, auch wenn die inso­fern etwas schief ist, als die einen Extre­mis­ten sich über­all zu Wort mel­den dür­fen, die ande­ren nicht. Die es medi­en­ver­stärkt kön­nen, haben einen Auf­ruf gestar­tet namens „Soli­da­ri­tät statt Hei­mat”, also prak­tisch NPD sei­ten­ver­kehrt, viel­leicht sogar von den­sel­ben Leu­ten erfun­den. Ähn­lich sinn­frei wie der Titel – man muss zumin­dest sehr übel­m­ei­nend sein, um zwi­schen bei­de Ter­mi­ni kein und zu bekom­men – ist die Begrün­dung, und wer den noch mit Job­an­ga­ben ver­se­he­nen Anfangs­teil der Unter­zeich­ner­lis­te stu­diert, sieht schnell, dass kaum einer dabei ist, der nicht auf Kos­ten des Steu­er­zah­lers in irgend­ei­ner staats­ge­spon­ser­ten Kul­tur­si­mu­la­ti­ons­ein­rich­tung mit poli­ti­schen Fin­ger­far­ben spielt oder in einer im Lan­de Hegels und Hei­deg­gers allen Erns­tes immer noch als geis­teswis­sen­schaft­lich bezeich­ne­ten Fakul­tät Theo­rie­müll­hal­den häuft; inso­fern bil­det der Trupp von Schild­bür­gern mit Abitur ein lil­li­pu­ta­nes­kes Gegen­stück zu den Unter­zeich­nern der „Gemein­sa­men Erklä­rung 2018”. Als Zeug­nis eines kol­lek­ti­ven Dach­scha­dens, der sich allein mit dem Durch­schnitts-IQ der Unter­zeich­ner nicht rest­los wird erklä­ren las­sen, bleibt die­ser Text gleich­wohl fest­hal­tens­wert. Am bes­ten gefällt mir dar­in die Pas­sa­ge: „…inmit­ten der beein­dru­cken­den Kämp­fe von Geflüch­te­ten für ihr Recht auf ein gutes Leben”, weil ich hier ja gele­gent­lich von sol­chen Kämp­fen kün­de. Zusam­men mit dem Hin­weis auf die Erklä­rung bekam ich bei­spiels­wei­se einen ein­drucks­vol­len Vor­fall aus Kas­sel zuge­schickt: „Mann schüt­tet Haus­meis­ter hei­ßes Öl ins Gesicht”. Mann, ganz klar, das heißt noch nicht so lan­ge hier, ver­folgt, trau­ma­ti­siert, sen­si­bel, reiz­bar. Haus­meis­ter, noch kla­rer, das heißt Schä­fer­hund, abge­schlos­se­ne Türen, struk­tu­rel­le Gewalt, Hei­mat. Nun weiß der Gauch auch, wohin Soli­da­ri­tät füh­ren kann. Ande­re kämp­fen für sexu­el­le Selbst­be­stim­mung bzw. -ver­wirk­li­chung, las­sen sich auch von Senio­rin­nen nicht ein­schüch­tern, und die­se unver­hofft Her­ein­ge­schnei­ten setz­ten ihr Recht sogar gegen eine dro­hen­de not­ärzt­li­che Falsch­be­hand­lung durch!

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Apro­pos „beein­dru­cken­de Kämp­fe”: Ich habe jetzt den Kon­takt zu der Wit­we von Tho­mas K. her­ge­stellt, der vor kur­zem in Ber­gisch Glad­bach von einem neun­zehn­jäh­ri­gen Migran­ten tot­ge­schla­gen wur­de (sie­he Acta diur­na vom 10., 12. und 15. Juni). Bei der Ver­stei­ge­rung des Bil­des von Bernd Zel­ler sind 4300 Euro zusam­men­ge­kom­men, da der Meist­bie­ten­de auf sein Erstei­ger­tes ver­zich­te­te, den Betrag trotz­dem spen­det und das Bild an den Zweit­meist­bie­ten­den geht. In den nächs­ten Tagen bekom­me ich die Bank­ver­bin­dung der Anwäl­tin und wer­de sie all den­je­ni­gen schi­cken, die mir geschrie­ben haben, dass sie den Hin­ter­blie­be­nen – Tho­mas K. hin­ter­lässt zwei min­der­jäh­ri­ge Kin­der – etwas spen­den wollen. 

Die Staats­an­walt­schaft hat übri­gens Revi­si­on gegen das Urteil eingelegt.

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Und noch­mals apro­pos: Die „Gemein­sa­me Erklä­rung 2018” wird im Okto­ber im Peti­ti­ons­aus­schuss des Bun­des­ta­ges behan­delt. Vera Lengs­feld wird vor dem Aus­schuss spre­chen. Mit der Peti­ti­on 2018 for­dern Bür­ger vom Par­la­ment die Ein­set­zung einer Kom­mis­si­on, die Vor­schlä­ge zu drei Punk­ten aus­ar­bei­ten soll: 

• Ord­nung der Migra­ti­on an der Gren­ze, um das Asyl­recht für tat­säch­lich poli­tisch Ver­folg­te zu erhal­ten, aber ein Ende der Ver­mi­schung von Asyl­recht und Ein­wan­de­rung, um die ille­ga­le Migra­ti­on zu been­den; Schaf­fung eines prag­ma­ti­schen Ein­wan­de­rungs­rechts nach aus­tra­li­schem bezie­hungs­wei­se kana­di­schem Vor­bild;
• Über­win­dung des Kon­troll­ver­lusts im Inne­ren, Klä­rung der Iden­ti­tät der hier Ange­kom­me­nen, Abschie­bung der abge­lehn­te Asyl­be­wer­ber, isla­mis­ti­schen Gefähr­der etc.
• Hil­fe für die­je­ni­gen, die am drin­gends­ten Hil­fe brau­chen, Frau­en, Kin­der, Alte, Kran­ke, gene­rell die­je­ni­gen, die kei­ne 10 000 Dol­lar für Schlep­per zah­len kön­nen. Mit dem Geld, das in Deutsch­land für einen Migran­ten aus­ge­ge­ben wird –  der mit hoher sta­tis­ti­scher Wahr­schein­lich­keit weder poli­tisch ver­folgt wird noch aus einem Kriegs­ge­biet kommt – lässt sich vor Ort Unter­stüt­zung für min­des­tens fünf­zig Men­schen organisieren.

Im Ide­al­fall kann die Kom­mis­si­on ihre Arbeit auf­neh­men, wenn der Haupt­flucht­grund im Kanz­ler­amt gera­de besei­tigt wor­den ist.

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Es gebe in Wien kei­ne Kaf­fee­haus­mu­sik mehr, bedau­ert der Por­tier im „Sacher”, der es wis­sen muss – die Rede ist von „rich­ti­ger” Kaf­fee­haus­mu­sik mit Kapel­le und Wie­ner Wal­zer, nicht von chi­ne­si­schen Pia­nis­ten bei der Vor­mit­tags­mug­ge –; die Nach­fra­ge sei ein­fach erloschen.

 
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„In den Troerin­nen sagt Heku­be, daß Tro­ja unter­ge­hen müß­te, weil es zu glück­lich sei. Das war die anti­ke Auf­fas­sung. Hera­kles wird bestraft, weil er bei allen sei­nen Arbei­ten Erfolg hat­te (…)
Wenn ich manch­mal an die­se den grie­chi­schen Tra­gö­di­en gemein­sa­me Visi­on den­ke, kann ich mich nicht des Gedan­kens ent­hal­ten, daß die­se abend­län­di­sche Welt, belas­tet von namen­lo­sen Reich­tü­mern, zusam­men­ge­setzt aus miß­ver­gnüg­ten Genie­ßern, absur­der­wei­se unzu­frie­den mit ihrem Los, das Schick­sal von Tro­ja haben wird, weil die Göt­ter eifer­süch­tig sind”.

Cior­an, Noti­zen, 24. Sep­tem­ber 1970

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