30. Juni 2018

Wir lasen zuletzt in gehäuf­ter Fre­quenz in den Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en, unser gelieb­tes Mer­kel­deutsch­land sei „das bes­te Deutsch­land, das es je gab”. Es gab nie ein Deutsch­land, in dem so vie­le Men­schen, die schon län­ger hier leben, kin­der­los blie­ben. Wer sich nicht fort­pflanzt, stirbt aus. Das bes­te Deutsch­land, das es je gab, ist jenes Deutsch­land, in dem immer mehr Deut­sche sich zum Aus­ster­ben ent­schei­den und Platz machen für neu­es, bes­se­res, hin­ter­grün­di­ge­res Men­schen­tum.
Wir haben verstanden.

                                  ***

Nach­zu­tra­gen ist die Schlag­zei­le des Jah­res, sie steht in der Times: „Fears grow over pro­spect of Trump ‘peace deal’ with Putin”. Angst vor dem Frie­den mit Russ­land. Prak­tisch der Hit­ler-Sta­lin-Pakt der Transatlantiker…

                                  ***

Aber hat Sta­lin, nach­dem er sich mit dem dama­li­gen Donald einig war, nicht sofort das Bal­ti­kum … – Freun­de, ich wie­der­ho­le mich: Russ­land ist das größ­te Land der Welt, hat aber heu­te nur noch wenig mehr Ein­woh­ner als Japan. Der Süd­bauch des Lan­des steht unter dem Druck bevöl­ke­rungs­star­ker mus­li­mi­scher Län­der; auch der chi­ne­si­sche Män­ner­über­schuss könn­te sich dort bemerk­bar machen (nicht im Krieg, auf dem Hei­rats­markt). Die Krim konn­ten sie sich aus geo­stra­te­gi­schen Grün­den nicht weg­neh­men las­sen, schon gar nicht von einem Land, das mit der NATO lieb­äu­gelt, aber ande­re Gebie­te wer­den die Rus­sen nicht mehr annek­tie­ren wol­len, weil sie es gar nicht mehr kön­nen. Pionierehrenwort! 

                                 ***

Das Netz schäumt über Gau­lands Par­tei­tags­er­öff­nungs­re­de, vor allem sei­ne Aus­füh­run­gen über die Unum­kehr­bar­keit eines Bevöl­ke­rungs­aus­tauschs brin­gen unse­re meist kin­der­lo­sen Pro­gres­sis­ten und Will­kom­mens­putsch­be­klat­scher in Rage, denn ein Bevöl­ke­rungs­aus­tausch fin­de ja über­haupt nicht statt. Wenn man ihn befür­wor­tet, schon: hier oder hier etwa. Und anders­wo auch, hier bei­spiels­wei­se oder hier oder hier. Und nun freue dich, Ber­lin! Bzw. Blackburn!

                                 ***

Leser *** nennt es „die zumin­dest mich am hoff­nungs­fro­hes­ten machen­de Poli­zei­mel­dung des ver­gan­ge­nen Monats”, ich wür­de es ledig­lich unter Gleich­ver­tei­lung rubri­zie­ren: „Auf dem Gotha­er Neu­markt kam es zu einer kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen einer Grup­pe jugend­li­cher Asyl­be­wer­ber und einer Grup­pe Jugend­li­cher des lin­ken Spektrums.”

                                 ***

Wit­zig: Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter wünscht, dass das Fuß­ball­ma­ga­zin Kicker dem Natio­nal-Effen­di Özil künf­tig bes­se­re Län­der­spiel­no­ten gibt und die „Natio­nal­elf” – gemeint ist die „Mann­schaft” – sich „von Ras­sis­ten distan­ziert”. Weil sonst näm­lich „ ‚Tür­ken raus’-Rufe auch in der Kreis­klas­se” dro­hen, und zwar nicht nur von Kur­den. Natür­lich wis­sen sie auch beim Beob­ach­ter, wer in den unte­ren Ligen den meis­ten Stress macht und für fast alle Spiel­ab­brü­che ver­ant­wort­lich ist, indes:

„Die letz­ten Men­schen wer­den erstaunt sein, wie vie­le All­tags­kon­flik­te plötz­lich mit unge­wohn­ter Gewalt aus­ge­tra­gen wer­den (…) Sie wer­den die Ver­un­si­che­rung in inne­re Kon­flikt­li­ni­en trans­for­mie­ren, sie wer­den in den eige­nen Rei­hen Fein­de iden­ti­fi­zie­ren, die leicht zu bekämp­fen sind, da sie aus dem glei­chen Holz geschnitzt sind wie sie selbst.” (Rolf Peter Sie­fer­le, „Das Migrationsproblem”) 

Ob die Tür­ken beim Beob­ach­ter als Ras­se gel­ten oder eher die Mus­li­me, muss die nächs­te Schrift­lei­ter­kon­fe­renz noch klä­ren. Was Özil betrifft, gibt es hier ein erhel­len­des Por­trät von ihm in sei­ner hei­mi­schen Klau­se. Man kann aber nicht sagen, dass er ein Ras­sist ist, denn der Islam ist bekannt­lich uni­ver­sell und sucht sei­ne Fein­de, wenn denn über­haupt je, nur unter den Un- resp. Falschgläubigen. 

Was das Fuß­bal­le­ri­sche angeht, zieht Özil ähn­li­che Aver­sio­nen auf sich wie vor zwan­zig Jah­ren Andy Möl­ler, er ist ein hoch­be­gab­tes Weich­ei, er kann am Ball alles, aber er hat kein Herz, er ist das Gegen­teil des Füh­rungs­spie­lers, er kann nie­man­den mit­rei­ßen und kein Spiel dre­hen, in den wich­ti­gen Par­tien taucht er ver­läss­lich ab, sei­ne Kör­per­spra­che ist die eines Depres­si­ven. Die Leu­te sehen den Wider­spruch zwi­schen den Gaben, die sol­chen Spie­lern ver­lie­hen sind, und dem, was sie dar­aus machen; des­we­gen konn­ten vie­le Möl­ler und kön­nen vie­le Özil nicht lei­den. Sein Nicht­mit­sin­gen der Hym­ne wür­den sie ihm nach­se­hen, wenn er ein Ibra­hi­mo­vic wäre. 

Übri­gens: Hamit Alt­in­top, der bei Schal­ke und Bay­ern und für die tür­ki­sche Natio­nal­elf spiel­te, hat vor eini­gen Jah­ren schon erklärt, Özils Ent­schei­dung für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft sei pri­mär peku­niä­ren Grün­den geschul­det, als deut­scher Natio­nal­spie­ler habe Özil ein bes­se­res Image, einen höhe­ren Markt­wert und ver­die­ne mehr Geld. „Hät­te er sich für die Tür­kei ent­schie­den, hät­te er kei­ne WM gespielt und wäre nicht bei Real Madrid. So ein­fach ist das.”

Über sich sel­ber sag­te Alt­in­top: „Ich wür­de immer für die Tür­kei spie­len. Es heißt doch ‚Länder’-Spiel, man hört die Hym­ne, und da spielt man doch für das Land, dem man sich zuge­hö­rig fühlt. Ich bin Deutsch­land sehr, sehr dank­bar, ich habe hier sehr viel gelernt und sehr vie­le Chan­cen bekom­men. Aber mei­ne Mama kommt aus der Tür­kei, mein Vater kommt aus der Tür­kei, ich bin Tür­ke.” Jeder mag sel­ber ent­schei­den, wel­che Ver­si­on ihm sym­pa­thi­scher ist.

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

28. Juni 2018

Nächster Beitrag

1. Juli 2018

Ebenfalls lesenswert

4. Oktober 2020

  In Hof­mannsthals „Buch der Freun­de” stieß ich auf eine Kurz­a­n­ek­do­te des Athen­ai­os: Ein jun­ger Ioni­er tritt in…

12. November 2018

War­um wird Tann­häu­ser bestraft? Weil er vor den Ohren sei­ner aktu­el­len Favo­ri­tin mit frü­he­ren ero­ti­schen Aben­teu­ern geprahlt hat.

14. Juni 2018

„Ges­tern abend sprach ein Mann aus den Städ­tenAn der Gast­haus­türEr sprach auch mit mir.Er rede­te von Gerech­tig­keit und…

27. August 2018

„Grabt in der Ver­gan­gen­heit eines Schrift­stel­lers, vor allem eines Dich­ters, prüft genau die Kom­po­nen­ten sei­ner geis­ti­gen Bio­gra­phie, und…