10. Juli 2018

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Sehr geehr­ter Herr „jan­hb”, Ihre Mail funk­tio­niert nicht.

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Bedeu­ten­de Ver­tre­ter der kom­men­tie­ren­den Klas­se haben mit ankla­gen­dem Unter­ton die Fra­ge auf­ge­wor­fen, war­um die aus einer Höh­le gebor­ge­nen thai­län­di­schen Jugend­li­chen ungleich mehr Beach­tung und Mit­ge­fühl weck­ten als aus dem Mit­tel­meer gefisch­te Migran­ten. Alex­an­der Wendt spe­ku­liert so keck wie erfah­rungs­ge­sät­tigt: Es wird wohl mit dem mut­maß­li­chen Ver­hal­ten vie­ler „Geflüch­te­ter” (Clau­dia Kip­ping-Eckardt) nach der Ret­tung zu tun haben.

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Nach­trag zum Vori­gen. Leser *** schreibt: „Offen­bar befand sich unter den in Thai­land aus einer Höh­le geret­te­ten Jugend­li­chen ein staa­ten­lo­ser Flücht­ling aus Bir­ma. Thai­land hat die UN-Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on zum Schutz von Flücht­lin­gen nie unter­zeich­net; in Thai­land leben­den Flücht­lin­ge haben kaum Rech­te. Der Jun­ge ist aller­dings der bes­te Schü­ler sei­ner Klas­se, ist des­we­gen – auch als Staa­ten­lo­ser, allein auf­grund sei­ner Leis­tun­gen – von Schul­ge­büh­ren befreit und erhält kos­ten­lo­ses Mit­tag­essen. Er spricht meh­re­re Spra­chen und war als ein­zi­ger der Grup­pe in der Lage, mit dem bri­ti­schen Tau­cher, der die Ein­ge­schlos­se­nen ent­deck­te, in eng­li­scher Spra­che zu kom­mu­ni­zie­ren. Noch vor sei­ner Ret­tung aus der Höh­le schärf­ten ihm sei­ne noch in Bir­ma leben­den Eltern in einer an ihn über­mit­tel­ten Notiz ein, sich bei jedem ein­zel­nen an der Ret­tungs­ak­ti­on betei­lig­ten Offi­zier per­sön­lich zu bedanken.

Ist es Zufall, daß der Jun­ge in der Obhut eines Bap­tis­ten­pas­tors – und nicht etwa eines Imams – lebt?”

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Ein freund­li­cher Mensch mach­te mich auf die Rede auf­merk­sam, die der BND-Prä­si­dent Bru­no Kahl am 13. Novem­ber 2017 bei der Hanns-Sei­del-Stif­tung über die Zukunft der inter­na­tio­na­len Ord­nung hielt. Die Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se kapri­zier­te sich bei der Wie­der­ga­be vor allem auf die Bedro­hung der fried­li­chen Ent­wick­lung der Mensch­heit durch Russ­land. Ich will des­halb – etwas ver­spä­tet, aber „immer noch aktu­ell” (Leit­mo­tiv des Regie­thea­ters und der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­ger) – zwei Zita­te nachreichen:

„Die Flücht­lings- und Migra­ti­ons­kri­se von 2015/2016 hat vie­le Ursa­chen, aber sie wäre ver­mut­lich ohne die sozia­len Medi­en so nicht zustan­de gekom­men. Sehr vie­le Men­schen in Afri­ka, auf dem Bal­kan, im Nahen Osten und in Zen­tral­asi­en haben Zugang zum Internet.”

„Die Bevöl­ke­rung Afri­kas wächst der­zeit um jähr­lich über 30 Mil­lio­nen Men­schen. Es ist sehr frag­lich, ob die west­li­chen Bemü­hun­gen, Flucht­ur­sa­chen zu bekämp­fen, mit die­ser Dyna­mik über­haupt Schritt hal­ten kön­nen. Zumal ein Zusam­men­hang ger­ne über­se­hen wird: Selbst wenn es gelin­gen soll­te, die wirt­schaft­li­che Lage ein­zel­ner afri­ka­ni­scher Staa­ten zu ver­bes­sern, wird dies ver­mut­lich zunächst zu noch mehr Migra­ti­on füh­ren. Denn dann wer­den vie­le Per­so­nen selbst bei einem sehr begrenz­ten Wirt­schafts­wachs­tum zum ers­ten Mal über­haupt die Mög­lich­keit haben, die Rei­se nach Euro­pa zu finan­zie­ren. Weit über eine Mil­li­ar­de Men­schen wer­den künf­tig einen ratio­na­len Migra­ti­ons­grund haben (Her­vor­he­bung von mir – M.K.).”

Womög­lich wird man ein­mal sagen: Lie­ber von den Rus­sen okku­piert als den Zög­lin­gen der Diver­si­fi­zie­rer ausgeliefert.

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„Indem sich Ber­lin und Paris nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges auf unter­schied­li­che For­men insti­tu­tio­nel­ler Ver­net­zung ein­ge­las­sen haben, ist der Umfang der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen ihnen gestie­gen. Gera­de dadurch wur­den Feind­bil­der abge­baut, Ver­trau­en konn­te wach­sen. Dies ist der eigent­li­che Sinn der EU und ihr wesent­li­cher Ver­dienst”, sag­te der BND-Chef außerdem.

Der His­to­ri­ker Jörg Fried­rich hat wie­der­holt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die soge­nann­te deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft kei­nes­wegs ein Werk der Deut­schen und der Fran­zo­sen, son­dern viel­mehr der Ame­ri­ka­ner war, die nach dem Ende des Welt­kriegs ihren Teil Euro­pas zu einem Boll­werk gegen die Sowjet­uni­on zusam­men­schwei­ßen woll­ten, nach­dem sie schon in Asi­en gegen die Kom­mu­nis­ten ver­lo­ren hat­ten. Mit einem Wort: Die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft ent­stand auf­grund eines gemein­sa­men Feind(bild)es unter dem Druck des Hege­mons. Nie­mand woll­te sich nach dem zwei­ten Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg freund­schaft­lich in die Arme schlie­ßen. Nichts ver­bin­det Staa­ten und Völ­ker mehr als ein gemein­sa­mer Feind – wie ja auch am Russ­land-Bild in der Rede des BND-Chefs zu erken­nen ist. Wobei es nament­lich in Frank­reich, aber auch in der BRD eine Rie­sen­schar von Mos­kau-Kol­la­bo­ra­teu­ren gab, die sich dem Feind andie­nen wollten.

Der wun­der­ba­re Frie­de zwi­schen Fran­zo­sen und Deut­schen ändert frei­lich nichts dar­an, dass bei­de Natio­nen ihre Höhe­punk­te hin­ter sich und vor allem ihre welt­kul­tur­prä­gen­de Kraft ver­lo­ren haben. Bei­der Völ­ker soge­nann­te Eli­ten haben sich in ihre schlei­chen­de Ver­drän­gung durch vita­le, reli­gi­ös moti­vier­te Fel­la­chen geschickt, wobei vor allem die deut­schen Funk­tio­nä­re die Ein­wan­de­rung von Wis­sen­schaft­lern, Spe­zia­lis­ten und Sel­ber­zah­lern nach Kräf­ten behin­dern. Bei­de Völ­ker sind demo­gra­fisch erschöpft. War­um soll­ten ster­ben­de Kul­tu­ren noch Krie­ge gegen­ein­an­der füh­ren? Schon heu­te sind Tei­le die­ser Län­der – in Frank­reich nach mehr als in Deutsch­land – ara­bi­sche, schwarz­afri­ka­ni­sche oder tür­ki­sche Regio­nen gewor­den, nicht mehr Staats­ge­bie­te im euro­päi­schen Sinn, son­dern von die­sem oder jenem Clan beherrsch­te Revie­re, und es wer­den immer mehr. Aus gro­ßer zeit­li­cher Fer­ne wird man die Fried­fer­tig­keit der Euro­pä­er womög­lich nur als jene Erschlaf­fung betrach­ten, die der feind­li­chen Über­nah­me ihrer Län­der und der Ver­wand­lung des Staa­tes in ein Gewirr aus Ein­fluss­zo­nen, Stam­mes­ge­bie­ten und Ban­lieues vorausging. 

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Bei Gesprä­chen stel­le ich immer wie­der fest, dass die­je­ni­gen, die sich am hef­tigs­ten gegen Ver­glei­che des spä­ten bes­ten Deutsch­land, das es ja gab, mit Hon­eckers „kom­mo­der Dik­ta­tur” (G. Grass) sträu­ben, meist zwei Kri­te­ri­en erfül­len: Sie haben nicht in der Zone gelebt, und sie fan­den die DDR nicht beson­ders schlimm.

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Im Ber­li­ner „Kul­tur­kauf­haus” Duss­mann frag­te ich nach der CD mit Schu­manns Eichen­dorff-Lie­dern, gesun­gen von Chris­ti­an Ger­ha­her, die ich einem Freund schen­ken woll­te. Die­se CD füh­re man nicht, erklär­te der Ver­käu­fer, sie sei nicht mehr bestell­bar (wie ich spä­ter festell­te, ist sie bei ama­zon immer noch erhält­lich), und seit­dem er dort arbei­te, habe sie auch nie­mand kau­fen wollen.

Wie soll ich mich mit einer Zeit anfreun­den, in der Mil­lio­nen Men­schen Rap hören und nie­mand mehr Schu­manns Eichendorff-Lieder?

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Nied­lich: Da kämpft einer um den Inte­gra­ti­ons-Bam­bi. Ich habe, als ich Herrn Zai­mo­glou sah, sofort gedacht: Bei Gott, was für ein red­li­cher Mensch, welch Aus­bund an Red­lich­keit, nicht nur als Dif­fen­zie­rungs­ar­tist – er hät­te ja den Feh­ler machen kön­nen zu sagen: „Es gibt kei­ne intel­li­gen­ten lin­ken Schrift­stel­ler” –, son­dern auch als hei­ßer Kan­di­dat auf den ers­ten Preis beim Heri­bert-Prantl-Ähn­lich­keits­wett­be­werb, außen wie innen. Tusch!

Bei­sei­te und ganz ohne Ernst: Die­se „Tret­ja­kov-Leu­te”, wie Benn sie in Anleh­nung an einem bol­sche­wis­ti­schen Kul­tur­funk­tio­när nann­te, bewer­ten lite­ra­ri­sche Qua­li­tät anhand der Gesin­nung des Autors, und etwa Illi­te­ra­te­res gibt es nicht. War­um soll­te ein Schrift­stel­ler nicht die Armen has­sen? Grün­de gäbe es ohne Ende. Die Rei­chen darf er doch auch ganz unge­niert ver­ab­scheu­en, obwohl ihnen die Welt oft mehr ver­dankt als den Armen. Den Aus­schlag gibt ein­zig und allein, wie ein Text geschrie­ben ist, aber davon ver­steht der bes­tens inte­grier­te stol­ze Tür­ken­spross – er wur­de 2009 und 2017 sogar als Zustim­mer für die soge­nann­te Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten benannt, ein­mal von den Grü­nen, ein­mal von den Sozis – kar­rie­re­för­der­li­cher­wei­se nicht so viel. 

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Das Bei­spiel ist zuge­ge­ben belie­big, das Syn­drom, wel­ches es bezeugt, steht fest wie ein Buckel: Unse­re Genos­sen Medi­en­schaf­fen­den fin­den auch in Zei­ten eines gera­de­zu betö­ren­den Auf­la­gen­schwunds kei­nen Weg aus dem Modus des Beleh­rens und Erzie­hens, egal bei wel­chem Thema.

„Die Lage ist zu kom­plex, um sie an den Stamm­ti­schen aus­führ­lich zu erör­tern. Und die Stamm­ti­sche, die längst ins Inter­net abge­wan­dert sind und sich heu­te Face­book oder Twit­ter nen­nen”, schreibt der Süd­deut­sche Beob­ach­ter, „sind nun mal die Peer­group des Fußballs.”

Wahr­schein­lich sogar des und Völ­ker- und Opern­balls! Aber das ist zu kom­plex für die Simp­len. Wobei die Kom­ple­xi­tät im vor­lie­gen­den Fal­le dar­in besteht, dass der Fuß­bal­ler Mesut Özil nicht nur kei­nes­wegs die Allein­schuld am Aus­schei­den der Natio‑, quatsch, der Mann­schaft bei der WM trägt, son­dern auch sein Halb­tür­ke­sein und sein Besuch bei Recep dem Präch­ti­gen nichts damit zu tun haben. So dumpf­dumm denkt man näm­lich an sämt­li­chen vom Süd­deut­schen Beob­ach­ter aus beob­acht­ba­ren Stamm­ti­schen! Wäre die Mann­schaft rein­ras­sig (denkt man am Stamm­tisch), schwöm­me das per­fi­de Albi­on gera­de in Trä­nen und den Kroa­ten gin­ge die Muf­fe. Doch kom­ple­xi­täts­er­klä­rungs­kom­pe­tent stellt der Beob­ach­ter, zu sei­nem eigent­li­chen The­ma kom­mend, klar (und hier enden wir auch schon aus Grün­den des Ennui):

„Fatal ist, dass sich an die Stamm­ti­sche jeder set­zen kann, auch wenn der da gar nicht erwünscht ist. Es herrscht Mei­nungs­frei­heit in die­sem Land, und am bru­tals­ten rei­zen die­je­ni­gen die Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit aus, die stän­dig jam­mern, dass sie ihnen genom­men wer­den soll.”

Das ist der kaum min­der fata­le Unter­schied zur Redak­ti­on des süd­deut­schen Beschei­der­tei­lers: Dort­hin darf sich kei­ner set­zen, der nicht erwünscht ist, und folg­lich rei­zen die Redak­teu­re die Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit ohne zu jam­mern nicht aus. Wor­auf ich hin­aus will, ist aber Fol­gen­des (und des­halb ist der Gegen­stand der Beleh­rung auch belie­big): An unge­fähr jeweils vier bis fünf Stamm­ti­schen die­ses Lan­des zusam­men­ge­nom­men sitzt mehr Erfah­rung, mehr Kennt­nis des All­tags­le­bens, des Wirt­schafts­le­bens, des Ehe­le­bens, der Tech­nik, des Fuß­balls, der Stammes‑, aber auch der Hoch­kul­tur und wahr­schein­lich sogar der deut­schen Spra­che bei­ein­an­der als in einer Redak­ti­ons­kon­fe­renz des ambi­tio­nier­ten baye­ri­schen Regio­nal­blat­tes. Wes­halb ich dem Stamm­tisch für sein Über­ste­hen der nächs­ten Kom­ple­xi­täts­de­ka­den trotz ver­schärf­ter Ein­wan­de­rung von Absti­nenz­lern eine weit güns­ti­ge­re Pro­gno­se aus­stel­len wür­de als kei­nes­wegs nur dem süd­lichs­ten Detache­ment der in ihren Vor­ur­tei­len umher­ir­ren­den deut­schen Wahr­heits- und Qualitätspresse.

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Netz­fund: „Die Ver­teu­fe­lung der Tech­nik und ihre Pro­ble­ma­ti­sie­rung waren immer ein Hob­by der in der war­men Stu­be schaf­fen­den Leh­rer, Redak­teu­re und Pas­to­ren. Auf dem Bau, in der Land­wirt­schaft und in der Indus­trie wur­de Tech­nik als Segen betrach­tet.
Die deut­schen Pseu­do­eli­ten kön­nen ohne Kam­pa­gnen nicht leben. Immer muß irgend­was von zen­tra­ler Stel­le aus bekämpft, ein­ge­führt oder ver­nich­tet wer­den. Mal die Koh­le, mal die Kapi­ta­lis­ten, mal die Juden, mal die Kern­kraft, mal die Gold­be­sit­zer und mal der Die­sel. ‚Wir müs­sen noch ein biß­chen an den Stell­schrau­ben dre­hen’, ist so eine Lieb­lings­pa­ro­le von ahnungs­lo­sen Welt­ver­bes­se­rern, die nur ein abge­bro­che­nes Poli­tik­stu­di­um vor­wei­sen kön­nen. Ein­wän­den von Fach­leu­ten wird von vorn­her­ein aus dem Weg gegan­gen. Die Befeh­le lau­fen lan­ge Befehls­ket­ten ent­lang, nie bekommt ein grü­ner Poli­ti­ker einen Inge­nieur zu Gesicht oder ein Inge­nieur einen EU-Kom­mis­sar.” (Mehr hier.)

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Heu­te ist das Spen­den­kon­to für die Hin­ter­blie­be­nen von Tho­mas K. aus Ber­gisch Glad­bach ein­ge­rich­tet wor­den. Die Bank­ver­bin­dung ging per Mail an alle, die sich bis­her als Spen­den­wil­li­ge gemel­det haben. Soll­te ich jeman­den ver­ges­sen haben oder soll­te sich noch jemand an der Akti­on betei­li­gen wol­len, geben Sie mir bit­te Bescheid unter: info@michael-klonovsky.de

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