27. August 2018

„Grabt in der Ver­gan­gen­heit eines Schrift­stel­lers, vor allem eines Dich­ters, prüft genau die Kom­po­nen­ten sei­ner geis­ti­gen Bio­gra­phie, und ihr wer­det stets irgend­wel­che reak­tio­nä­ren Prä­mis­sen fin­den… Bedin­gung der Poe­sie ist das Gedächt­nis, das Gewe­se­ne ihre Sub­stanz. Und was behaup­tet die Reak­ti­on ande­res als den über­ra­gen­den Wert des Ver­gan­ge­nen?„
Cior­an, „Über das reak­tio­nä­re Denken”

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Als die Ker­ker­meis­ter des Temp­le Lud­wig XVI. ein Rasier­mes­ser ver­wei­ger­ten, sag­te ihm ein treu­er Die­ner: „Majes­tät, tre­ten Sie mit die­sem lan­gen Bart vor den Natio­nal­kon­vent, damit das Volk sieht, wie sie behan­delt wer­den.” Der König erwi­der­te: „Ich darf nicht ver­su­chen, Teil­nah­me an mei­nem Schick­sal zu erregen.”

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Ein trif­ti­ges Zwi­schen­fa­zit zu den Vor­fäl­len in Chem­nitz (sie­he auch mei­nen ewig­gest­ri­gen Ein­trag von ges­tern) haben die Spo­e­ken­kie­ker gezogen:

„Nach 21 Stun­den beginnt dpa plötz­lich wie­der, Mel­dun­gen aus Chem­nitz zu tickern. Das The­ma wur­de ins Poli­tik-Res­sort ver­legt und dort hat man natür­lich sofort die beru­fe­ne Stim­me zur Inter­pre­ta­ti­on des Gesche­hens zur Hand:

‚Nach dem spon­ta­nen Auf­marsch von Rechts­ex­tre­men in Chem­nitz kri­ti­siert die säch­si­sche Lin­ke-Poli­ti­ke­rin Kers­tin Ködi­tz Ver­säum­nis­se bei der Poli­zei. «War­um hat man so lan­ge gebraucht, um genü­gend Ein­satz­kräf­te her­zu­brin­gen. Wenn Infor­ma­tio­nen durch­si­ckern, dass es am Ran­de eines Stadt­fes­tes einen Toten gab, dann hät­te die Poli­zei eigent­lich Gewehr bei Fuß ste­hen müs­sen – bei all dem Alko­hol, der bei sol­chen Gele­gen­hei­ten kon­su­miert wird», sag­te Ködi­tz am Mon­tag der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. Sie kön­ne nur hof­fen, dass die Poli­zei die für Mon­tag ange­kün­dig­ten Demons­tra­tio­nen «auf dem Schirm hat». Ködi­tz ist Rechts­ex­tre­mis­mus­ex­per­tin ihrer Partei.’

Damit hat die ‚Spre­che­rin für anti­fa­schis­ti­sche Poli­tik’ der Lin­ken den Rah­men des Den­kens und Redens, gesetzt: Chem­nitz, Sach­sen, Nazis, Poli­zei. Und nun – end­lich – kön­nen alle Medi­en sich auch um Chem­nitz küm­mern. Natür­lich nicht um den Toten und die Schwer­ver­letz­ten – die spie­len nur noch am Ran­de eine Rol­le. Jetzt geht es allein um ‚Fla­schen­wür­fe’, ‚Paro­len’ und ‚Angrif­fe’ von ein­zel­nen ‚rech­ten’ Typen, die zur Ver­un­glimp­fung hun­der­ter fried­lich Trau­ern­der her­hal­ten müs­sen. Komi­scher­wei­se gibt es kei­ner­lei Zah­len über Sach­be­schä­di­gun­gen, über Ver­letz­te oder Festgenommene.”

In mei­ner empi­risch ver­läss­li­chen Phan­ta­sie ist die Sache so ver­lau­fen: Zwei rol­li­ge Gold­stü­cke gra­ben am Ran­de des Stadt­fes­tes auf ihre natur­haft char­man­te Art irgend­wel­che Sach­sen­schlam­pen an; die wol­len natür­lich nichts ande­res, als sich umge­hend den Will­kom­mens­dank abstat­ten zu las­sen, aber drei sexu­ell und auch lebens­welt­lich frus­trier­te kurz­schwän­zi­ge Ein­ge­bo­re­ne, die noch nicht ganz besof­fen und auf der Suche nach dem fina­len Ret­tungs­schluck vor­bei­wan­ken, miss­gön­nen den viri­len attrak­ti­ven Frem­den den ero­ti­schen Erfolg, bedro­hen sie in ihrem gräss­li­chen, einem an die Fül­le des sprach­li­chen Wohl­lauts gewohn­ten Ara­ber wie Fer­kel­grun­zen im Ohr klin­gen­den Idi­om, wecken in den eben noch bese­ligt an Säch­sin­nen naschen­den stol­zen Mor­gen­län­dern die Heiß­spor­ne, und schon flut­schen, heia, Mes­ser in Sach­sen­wäns­te! Das spricht sich bei ande­ren Nazis her­um, gemäß ihrer gene­ti­schen Dis­po­si­ti­on bil­den sie einen Lynch­mob, zie­hen durch die Stadt, ver­let­zen zahl­rei­che Poli­zis­ten mit Fla­schen- und Stein­wür­fen, fackeln Autos ab, sin­gen Nazi­lie­der und wol­len spon­tan am Ran­de der Stadt ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger für Kana­ken, Kom­mu­nis­ten und den Kle­ber­c­laus errich­ten. Aber dpa, Spie­gel, FAZ und Regie­rungs­spre­cher Sei­bert haben recht­zei­tig davon Wind bekom­men und ver­hin­dern gera­de noch das Schlimms­te… Der Rest ist bekannt.

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Ich bin ein Chemnitzer.

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Ham­burg sei „bereit für eine mus­li­mi­sche Bür­ger­meis­te­rin”, ver­kün­det Ole von Beust, der eins­ti­ge Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt. Des­halb unter­stüt­ze er die Ent­schei­dung der Ham­bur­ger CDU-Füh­rung, Aygül Özkan als Spit­zen­kan­di­da­tin für die Bür­ger­schafts­wahl 2020 zu nomi­nie­ren. Sei­ne Begrün­dung lässt an Kom­pe­tenz­fi­xie­rung wenig zu wün­schen übrig: „Mein Gott, ich bin schwul, und die Men­schen haben mich gewählt. Und eine Frau, die es geschafft hat, ist doch ein gutes Symbol.”

Wäre die CDU noch eine kon­ser­va­ti­ve Par­tei, müss­te man jetzt kon­sta­tie­ren, dass da einer in die Fal­le der lin­ken Iden­ti­ty poli­tics getappt ist. Denn was könn­te neben­säch­li­cher sein als die Tat­sa­che, dass ein Poli­ti­ker männ­lich, weib­lich, mus­li­misch, hin­du­is­tisch, athe­is­tisch, schwul oder stock­schwul ist? Sind das nicht samt und son­ders Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten wenn nicht gar Kon­struk­te, die nie­man­den etwas ange­hen? – zumin­dest bis die Bun­te zur Home-Sto­ry bei den­je­ni­gen anreist, die sich einen Image­zu­wachs davon ver­spre­chen, dass die Leser des Blö­den­blat­tes Pri­va­tes von ihnen erfah­ren? War­um soll­te Ham­burg für eine Mus­li­min „bereit” sein und nicht eher z.B. für eine Expertin?

Nun, ein Blick auf die Bun­des­re­gie­rung ver­rät, dass die Ver­bin­dung von Amt und Exper­ti­se im eins­ti­gen Land der Den­ker und Inge­nieu­re kein zen­tra­les Kri­te­ri­um mehr dar­stellt. Auch der Herr Wowe­reit war ein zweit­klas­si­ger Bür­ger­meis­ter, aber nicht, weil er schwul ist. Er ist öffent­lich auf die­sem Ticket gefah­ren, weil er ahn­te, dass er damit bei den Medi­en bes­ser ankom­men und sei­ne Kri­ti­sier­bar­keit ein­schrän­ken wer­de. Das ist aber nicht unser The­ma, son­dern Frau Özkan. Die CDU-Poli­ti­ke­rin ist die Toch­ter eines Gast­ar­bei­ters, in Deutsch­land gebo­ren, nahm mit 18 die deut­sche Staats­bür­ger­schaft an, stu­dier­te Jura bis zum zwei­ten Staats­examen, ist zuge­las­se­ne Rechts­an­wäl­tin, arbei­te­te bei T‑Mobile und Post­con, trat 2004 in die CDU ein, wur­de 2010 als ers­te Mus­li­min Minis­te­rin, näm­lich für Frau­en und „Gedöns” (Ger­hard Schrö­der) in Nie­der­sach­sen etc. pp. Soweit alles nor­mal. Es gibt weder einen Grund, beson­ders her­vor­zu­he­ben noch sich dar­über zu echauf­fie­ren, dass sie als Mus­li­min Bür­ger­meis­te­rin wer­den soll. Sie erfüllt alle for­mel­len Kri­te­ri­en. Und dass sie daheim zwei­spra­chig und „bikul­tu­rell” lebt, ist ers­tens ihre Sache und sieht zwei­tens z.B. bei mir daheim nicht anders aus.

Dass gleich­wohl vie­le der­je­ni­gen, die schon län­ger als die Fami­lie Özkan hier leben, eine mus­li­mi­sche Kan­di­da­tin pro­ble­ma­tisch fin­den, hat damit zu tun, dass sie einem Mos­lem einen Loya­li­täts­kon­flikt unter­stel­len oder andich­ten oder jeden­falls für mög­lich hal­ten, und sol­che Gedan­ken sind ja kei­nes­wegs aus der Luft gegrif­fen, wie zuletzt und sehr popu­lär der Fall Özil/Gündogan vor­ge­führt hat, aber auch das Wahl­ver­hal­ten der hier leben­den Tür­ken nahe­legt. Recep der Präch­ti­ge betrach­tet „sei­ne Lands­leu­te” in Deutsch­land als poli­ti­sche Ver­fü­gungs­mas­se, er ermun­tert sie, mehr Kin­der zu zeu­gen und sich als tür­ki­sche pres­su­re group und Staat im Staa­te zu eta­blie­ren. Frau Özkans Beru­fung wur­de in der Tür­kei auf­merk­sam regis­triert und posi­tiv bewer­tet. Der tür­ki­sche Außen­po­li­ti­ker Yaşar Yakış erklär­te, sie zei­ge den in Deutsch­land leben­den Tür­ken, dass sie es bis in höchs­te Posi­tio­nen schaf­fen könn­ten. Zu wel­chen Zwe­cken? Vie­le Bio­deut­sche fürch­ten so etwas wie eine schlei­chen­de feind­li­che Über­nah­me. Wie das Sze­na­rio dafür aus­schau­en könn­te, hat Michel Hou­el­le­becq in sei­nem Roman „Unter­wer­fung” beschrie­ben. Dass man eine plu­ra­le, freie, demo­kra­tisch ver­fass­te Gesell­schaft über Wah­len erobern und abschaf­fen kann, haben die Nazis exem­pla­risch vor­ge­führt. Wie der Blick in Län­der mit mus­li­mi­scher Bevöl­ke­rungs­mehr­heit zeigt, sind sie für Nicht­mus­li­me, also für Anders- oder gar Ungläu­bi­ge, nicht beson­ders attrak­tiv, die Letz­te­ren müss­ten also ver­rückt sein, sol­che Zustän­de her­zu­stel­len. (Klar, man könn­te kon­ver­tie­ren, doch wer will schon in einen Ver­ein wech­seln, wo er befürch­ten muss, eines Tages auf Maas, Aug­stein, Hof­rei­ter und Göring-Eckardt zu treffen?)

Was aber hat das mit Frau Özkan zu tun? Fai­rer­wei­se muss man sagen: nichts. Wahr­schein­lich nichts. Wir Deut­schen sind in his­to­ri­cis Kau­sa­li­täts-Mys­te­ri­ker bzw. ‑Nar­ren, wir müs­sen uns abge­wöh­nen, über­all Vor­läu­fer und Weg­be­rei­ter zu ver­mu­ten, sowohl retro­spek­tiv als auch pro­spek­tiv. Oder?

Wenn Frau Özkan der Isla­mi­sie­rung den Weg berei­ten woll­te, müss­te man Spu­ren davon in ihrer poli­ti­schen Tätig­keit fin­den. Als nie­der­säch­si­sche Minis­te­rin riet sie den Eltern von Migran­ten­kin­dern, ihre Spröss­lin­ge früh­zei­tig in die Kita schi­cken, damit sie dort die Spra­che und die Regeln des Auf­nah­me­lan­des ler­nen. Das passt schon mal nicht. In einem Inter­view ver­lang­te sie mehr Rich­ter mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, „damit die Betrof­fe­nen auch sehen, hier ent­schei­det nicht eine frem­de Auto­ri­tät, son­dern wir gehö­ren da auch zu”. Gute Idee, ich bin dafür, dass hier mehr Rich­ter mit unga­ri­schem, viet­na­me­si­schem oder israe­li­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund Urtei­le fäl­len, aber dazu müs­sen sie die ent­spre­chen­den Vor­aus­set­zun­gen vor­wei­sen, sonst läuft das alles auf der Ebe­ne jener sym­pa­thi­schen Frie­dens­rich­ter, die in Neu­kölln und andern­orts auf für uns eher unkon­ven­tio­nel­lem Wege Fremd­heits­ge­füh­le abbau­en. Aber das wird Frau Özkan wahr­schein­lich nicht anders sehen.

Aus­ge­wo­gen säku­lar mutet es an, dass die nun­meh­ri­ge Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­tin vor ein paar Jah­ren erklärt hat, Unter­richts­räu­me an staat­li­chen Pflicht­schu­len soll­ten frei von reli­giö­sen Sym­bo­len sein, weder Kreu­ze noch Kopf­tü­cher hät­ten in Klas­sen­zim­mern etwas zu suchen. Nach Kri­tik aus den eige­nen Rei­hen (ich mei­ne die CDU) erklär­te sie, sie habe sol­che Vor­stel­lun­gen vor­ei­lig und in einer gewis­sen Unkennt­nis der Ver­hält­nis­se in Nie­der­sach­sen arti­ku­liert. (Wenn sie wirk­lich „vor­ei­lig” gesagt haben soll­te – der Link auf Wiki­pe­dia zu ihrer dama­li­gen Erklä­rung ist lei­der tot –, wäre das komisch, aber immer­hin: kei­ne Kopf­tü­cher. Wobei die­se Äqui­di­stanz in einem mus­li­mi­schen Land schwer vor­stell­bar wäre und auch hier­zu­lan­de immer noch ein G’schmäckle hat.)

Ins wirk­li­che Sün­den­re­gis­ter der Kan­di­da­tin gehört, dass sie vor acht Jah­ren – wie­der vor­ei­lig! – eine „Medi­en­char­ta für Nie­der­sach­sen” zu eta­blie­ren ver­such­te, die Jour­na­lis­ten zu einer „kul­tur­sen­si­blen” Spra­che sowie zur Unter­stüt­zung soge­nann­ter Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men ver­pflich­ten soll­te. Sogar der Deut­sche Jour­na­lis­ten­ver­band und die SPD-Frak­ti­on wit­ter­ten damals Zen­sur – inzwi­schen wach­sen sol­che Sprach­re­ge­lun­gen, auf den Sta­tus von „Emp­feh­lun­gen” gedimmt, wie Flie­gen­pil­ze aus dem Boden. Auch in die­sem Fall zog Frau Özkan es vor, wie­der zurückzurudern.

Die Fra­ge ist nicht, ob Ham­burg „bereit” für eine mus­li­mi­sche Bür­ger­meis­te­rin, son­dern ob Frau Özkan für die­ses Amt geeig­net ist, was ich ange­sichts der zahl­rei­chen Unge­eig­ne­ten, die hier­zu­lan­de poli­ti­sche Ämter aus­üben, nicht als latent mos­lem­feind­li­che Über­dif­fe­ren­zie­rung ver­stan­den wis­sen will. Ihr Glau­be soll­te dabei unwich­tig sein. Es gibt ja auch Mus­li­me in der AfD und mus­li­mi­sche AfD-Wäh­ler; ande­rer­seits sind die Kanz­le­rin oder Frau von der Ley­en oder Frau Nah­les gera­de kei­ne Mus­li­min­nen. Allah woll­te es so! Und soll­te es sich her­aus­stel­len, dass die CDU-Kan­di­da­tin es nicht packt, kön­nen die Ham­bur­ger die Dame ja wie­der abwählen.

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Sein Name fiel eben: Unser Genos­se Hei­ko Maas – er leben hoch! Hoch! Hoch! – hat sich nach dem durch­schla­gen­den Erfolg sei­nes poli­ti­schen Opus magnum

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sogleich in die Autoren­gil­de eines ande­ren wich­ti­gen Wer­kes ein­ge­reiht, in wel­chem er, nach­dem er im Vor­gän­ger­band sou­ve­rän den innen­po­li­ti­schen Raum durch­maß, sich nun­mehr der Außen­po­li­tik annimmt, jenes Gebie­tes, auf wel­chem er heu­te glo­bal exzel­liert, nach­dem er zuvor als obers­ter Rechts­pfle­ger in ’schland den Links­frie­den bei­na­he wie­der­her­ge­stellt hätte.

„Der Außen­mi­nis­ter kri­ti­siert, Deutsch­land habe in der Amts­zeit von Frau Mer­kel außen- und sicher­heits­po­li­ti­sche Pro­ble­me nicht offen dis­ku­tiert”, schreibt die Welt. Die Gesell­schaft sei auf die­sem Poli­tik­feld „in einem dis­kur­si­ven Wach­ko­ma” gefan­gen gewe­sen. Ange­sichts neu­er Her­aus­for­de­run­gen müs­se die Bun­des­re­gie­rung nun aber „den Men­schen ver­deut­li­chen, dass wir für unse­re Inter­es­sen ein­tre­ten müs­sen”. Und das bedeu­tet für Maas vor allem, „eine deut­li­che­re Distanz” zu Wla­di­mir Putin und zur rus­si­schen Poli­tik zu wah­ren, bis Donald Trump end­lich abge­löst ist und irgend­ein Neo­con-gesteu­er­ter kriegs­lüs­ter­ner Demo­krat wie­der zur Pra­xis des Demo­kra­tie­ex­ports zurück­keh­ren kann. 

Wie „der Wes­ten” sich auf einen mög­li­chen Krieg mit Russ­land vor­be­rei­ten muss, beschrieb der Gene­ral­stabs­chef der bri­ti­schen Armee, Gene­ral Sir Nicho­las Car­ter, in einer Rede am Roy­al United Ser­vices Insti­tu­te (man hat dort offen­bar sehr alt­mo­di­sche Vor­stel­lun­gen davon, wer der Feind ist).

Dona nobis pacem. Anders gesagt: Gott schüt­ze Donald Trump!

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„Der Bei­trag Bis­marcks und des Rei­ches zur Welt­po­li­tik bestand dar­in, zu ver­si­chern, dass sämt­li­che Kon­flikt­zo­nen, in denen unru­hi­ge Natio­nen Kampf­sport trie­ben, für Deutsch­land unin­ter­es­sant sei­en. Bis­marck kam nie auf den Gedan­ken, Deutsch­land wür­de am Hin­du­kusch, in Bul­ga­ri­en, im Vor­de­ren Ori­ent oder im Pazi­fik verteidigt. (…)

Die bei­den West­mäch­te hoff­ten zwi­schen 1853 und 1856 – erst­mals auch ideo­lo­gisch als ‚der Wes­ten’ auf­tre­tend –, das ‚Reich der Fins­ter­nis’, also Ruß­land, zu ‚bal­ka­ni­sie­ren’, also in Mit­tel­staa­ten aufzulösen. (…)

Wer­te­ge­mein­schaf­ten sind stets die aggres­sivs­ten Ver­ei­ni­gun­gen, weil sie sich ver­pflich­tet füh­len, gegen Wert­lo­se und deren Unwer­te zu kämp­fen. … Zu den gro­ßen Ver­diens­ten Bis­marcks gehört es, nach den Erfah­run­gen des Krim­krie­ges und jener ‚wert­vol­len’ Poli­tik, die Euro­pa in ziem­li­che Ver­wir­run­gen gestürzt hat­te, eine auf­ge­reg­te Welt wie­der zur Ord­nung geru­fen und ihr Deutsch­land als Ord­nungs­macht emp­foh­len zu haben, deren Exis­tenz von der Ruhe in Euro­pa abhing.”

Eber­hard Straub, Kai­ser Wil­helm II. in der Poli­tik sei­ner Zeit, S. 248 ff.

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Leser *** „fällt immer wie­der auf, dass sich im Dunst­kreis libe­ral-kon­ser­va­ti­ver Men­schen, bspw. AfD-Wäh­lern oder Lesern von Tichys Ein­blick, höchst merk­wür­di­ge Nar­ra­ti­ve, um es vor­sichtg aus­zu­drü­cken, in punc­to Ruß­land und Putin ver­fes­ti­gen. Selbst aus dem Bereich der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on errei­chen den geneig­ten Beob­ach­ter Bot­schaf­ten, die ihn zwei­feln las­sen (z.B. Herr Lucas­sen über aggres­si­ve NATO-Poli­tik). Und nun lese ich bei Ihnen was von ’neo­con-gesteu­ert’ und ‚Demo­kra­tie­ex­port’.

Und ein Link auf die Rede eines bri­ti­schen Gene­rals. Ver­mut­lich ist es nor­mal, das mili­tä­ri­sches Füh­rungs­per­so­nal über Plä­ne berich­tet, die in der Schub­la­de lie­gen und nicht sofort zur Anwen­dung kom­men. Bekla­gen wir uns nicht alle laut­hals über eben jene feh­len­den Plä­ne der Bun­des­re­gie­rung zur Bewäl­ti­gung von Pro­ble­men knapp jen­seits des mas­si­ven Polit­bret­tes vor ihren Köp­fen. Über die boden­lo­se Rich­tungs­lo­sig­keit, seit Frau Mer­kel meint, dass Plä­ne durch Gefühls­aus­brü­che ersetzt wer­den kön­nen. Ich bin ganz zufrie­den mit Plä­nen, die zumin­dest ein gewis­ses Inter­es­se dar­an erken­nen las­sen, dass für Putin nach der völ­ker­rechts­wid­ri­gen Erobe­rung der Krim und der mit nicht gekenn­zeich­ne­ten Kom­bat­tan­ten durch­ge­führ­ten Desta­bi­li­sie­rung (ich nei­ge anschei­nend zu Euphe­mis­men) der Ost­ukrai­ne nicht der Rest Euro­pas bis Lis­sa­bon zur Ver­fü­gungs­mas­se wird. Gemäß des infa­men Theo­rems ‚wo Rus­sen leben, ist Rußland’.

Haben Sie sich die Mühe gemacht, die Kom­men­ta­re zu dem Pam­phlet über die Rede des bri­ti­schen Gene­rals auf RT zu lesen? Der unfaß­ba­re Unsinn, der dort aus den Leu­ten quillt, ist mit nor­ma­len Begrif­fen nicht aus­rei­chend zu beschrei­ben. Nun nei­gen die Kom­men­ta­to­ren auf RT sicher nicht zu Selbst­zwei­feln, aber sie suh­len sich hem­mungs­los im Sich-Benach­tei­ligt­füh­len. Ich sehe es schon ganz ande­ren selbst­er­nann­ten Min­der­hei­ten nicht nach, sich in die Opfer­rol­le zu mani­pu­lie­ren. Bei Rus­sen oder ihren deut­schen Apo­lo­ge­ten, vor allem aber jenen aus auch mei­ner neu­en poli­ti­schen Hei­mat, habe ich abso­lut kein Ver­ständ­nis für alter­na­ti­ve Wahr­hei­ten (ansons­ten bin ich ein gro­ßer Anhän­ger von Alter­na­ti­ven). Der ehe­ma­li­ge KGB-Chef in der DDR regiert einen wirt­schaft­lich rück­stän­di­gen, auf Roh­stoff­ver­käu­fe ange­wie­se­nen Staat mit Thea­ter­de­mo­kra­tie, so eine Art The­re­si­en­stadt mit Kol­la­te­ral­schä­den bei der Oppo­si­ti­on. Wie um Him­mels Wil­len soll das als Argu­ment für den Kampf gegen die Mer­kela­tur nütz­lich sein? Den Rechts­staat beschwö­ren und dann den mit allen Was­sern gewa­sche­nen Blen­der und Schän­der des­sel­ben mehr oder weni­ger, ich for­mu­lie­re das Gan­ze wie eine Fra­ge, als Verbündeten/Unterstützer/Vorbild/Wasauchimmer darzustellen.

Ich bin sehr zufrie­den damit, nicht in Lug­ansk zu woh­nen, und eine grö­ße­re Anzahl ame­ri­ka­ni­scher Atom­waf­fen zwi­schen mir und rus­si­schen Inter­es­sen zu wis­sen. Ich habe in der Zeit vor Gor­bat­schow in einem deut­schen Pan­zer gedient, und ich geden­ke nicht, nur weil unse­re der­zei­ti­ge Regie­rung untrag­bar ist, die dama­li­ge Ein­stel­lung zu hin­ter­fra­gen und mit Anti­ame­ri­ka­nis­mus und Ver­schwö­rungs­theo­rien zu beant­wor­ten. Nun unter­stel­le ich Ihnen die­se Beweg­grün­de natür­lich nicht ein­fach, aber die Distanz ‚ein Klick weit’ zu RT und dem abar­ti­gen Sumpf dort in der Kom­men­tar­sek­ti­on ist so gering, dass ich mir erlau­be, dazu eine Dis­kus­si­on anzustoßen.

Ich muß kurz zurück zum ‚Demo­kra­tie­ex­port’. Natür­lich kann Putin man­gels Vor­han­den­sein kei­ne Demo­kra­tie expor­tie­ren, aber wie­so darf er Gros­ny mit Artil­le­rie umgra­ben und Alep­po in die Stein­zeit bom­bar­die­ren, aber die USA sind der Grund für den Inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus, den IS und überhaupt…böse? Natür­lich braucht der sen­dungs­be­wuß­te Ori­en­ta­le ledig­lich die Exis­tenz von Kuf­f­ar als Ent­schul­di­gung für jede unfaß­ba­re Untat. Soll­te nicht trotz­dem der Nich­t­ori­en­ta­le, ob Rus­se, Deut­scher oder Ame­ri­ka­ner sich, und wenn nur zur Abgren­zung gegen­über dem Halb­mond­fa­na­ti­ker dient, der voll­stän­di­gen Wahr­heit befleißigen???”

Geehr­ter Herr ***, ich habe in die­sem Dia­ri­um mehr­fach dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ich Russ­land aus demo­gra­fi­schen Grün­den für außer­stan­de hal­te, noch irgend­wo­hin zu expan­die­ren; das größ­te Land der Erde hat kaum mehr Ein­woh­ner als Japan, mit jedem toten Sol­da­ten stirbt prak­tisch eine Fami­lie aus, und mit den heu­te mus­li­mi­schen ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­bli­ken am Süd­bauch haben sie genug Pro­ble­me und Rei­be­rei­en. Auch zur Krim habe ich mich mehr­fach geäu­ßert; Sie kön­nen nicht von einer Groß­macht erwar­ten, dass sie die­se seit zwei­ein­halb Jahr­hun­der­ten rus­si­sche, über­wie­gend von Rus­sen bewohn­te, mit rus­si­schen Blut als Tor und Tor­wäch­ter zu den auch im Win­ter eis­frei­en Welt­mee­ren erkämpf­te Halb­in­sel, die ein Dik­ta­tor, der nur des­we­gen klein wirkt, weil sein Vor­gän­ger eines der größ­ten Mons­ter über­haupt war, in einer Wod­ka­lau­ne, jeden­falls als Bruch der rus­si­schen Ver­fas­sung, an die Ukrai­ne ver­schenkt hat, jetzt gewis­ser­ma­ßen der Nato zur Ver­fü­gung stellt. 

Ansons­ten ist es mir ziem­lich gleich­gül­tig, ob Russ­land eine Demo­kra­tie ist oder nicht, solan­ge offen­bar eine gro­ße Mehr­heit der Rus­sen gut und ger­ne dort lebt und sie mich in Ruhe las­sen. Mit Ihrer The­re­si­en­stadt-Meta­pher über­trei­ben Sie der­art maß­los, wie ich all­zu Maß­lo­ser es nie tun wür­de, und maß­los ist auch Ihre Bewer­tung des rus­si­schen Syri­en­ein­sat­zes. Mir ist Assad lie­ber als die mus­li­mi­schen Radi­ka­len, und wer den Krieg am schnells­ten been­det (und unse­rer Will­kom­mens­jun­ta kei­ne Schäf­chen bzw. Wöl­fe mehr zutreibt), hat Recht. Der „Demo­kra­tie­ex­port” der Amis indes hat nur ein ein­zi­ges Mal funk­tio­niert, beim aner­kann­ter­ma­ßen erstaun­lichs­ten und zugleich när­rischs­ten Volk der Erde, doch wenn man die­sem Volk bei der Selbst­ab­schaf­fung zuschaut, fragt zumin­dest unser­ei­ner sich, ob das nun wirk­lich so gut war. Ansons­ten die­nen die Men­schen­rech­te den USA gemein­hin als Mit­tel zu umfas­sen­der Ein­mi­schung in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten der ande­ren. Kann man mögen, muss man nicht mögen (es gibt ja auch glück­li­che Maso­chis­ten). Trump hat damit nicht Schluss gemacht, aber er möch­te es gern tun. Sehen wir, wie weit er kommt. 

Wie sich Deutsch­land nach mei­ner Ansicht außen­po­li­tisch ver­hal­ten soll­te, habe ich mit den Zita­ten zu Bis­marck zu illus­trie­ren ver­sucht. Mehr ist mei­ner­seits nicht zu erklä­ren. Ich dan­ke für Ihre Aufmerksamkeit.

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Der Leser habe das Wort!  „Lie­ber Herr Klo­n­ovs­ky, in Bezug auf die Beför­de­rung von Frau von der Ley­en (‚Ver­we­sungs­per­so­na­lie’)…

3. März 2019

„Für eine Spit­zen­po­si­ti­on muss­te man frü­her als Frau die Vagi­na noch benut­zen. Heu­te genügt es, eine zu haben.…