14. September 2018

Der Reak­tio­när „ist ein Flücht­ling der Geschich­te. (…) Die Mili­tanz sei­ner Nost­al­gie macht den Reak­tio­när zur ent­schie­den moder­nen Gestalt, nicht zu einem Anhän­ger der Tra­di­ti­on. (…) Der Geist des moder­nen Revo­lu­tio­närs ist längst zum Gegen­stand gros­ser Lite­ra­tur gewor­den. Der Rak­tio­när dage­gen muss sei­nen Dos­to­jew­ski oder Con­rad noch fin­den. Der rück­wärts­ge­wand­te, sexu­ell ver­klemm­te Pries­ter, der sadis­ti­sche rech­te Schlä­ger­typ, der auto­ri­tä­re Vater oder Ehe­mann sind ver­trau­te Zerr­bil­der unse­rer lite­ra­ri­schen und visu­el­len Kul­tur. Ihre All­ge­gen­wart ist Zei­chen einer bild­schöp­fe­ri­schen Faul­heit vom B‑Mo­vie-Typ, die dem She­riff immer einen weis­sen Hut ver­passt und dem Ban­di­ten immer einen schwar­zen. Doch der enga­gier­te poli­ti­sche Reak­tio­när wird von Lei­den­schaf­ten und The­sen getrie­ben, die nicht weni­ger nach­voll­zieh­bar sind als die des enga­gier­ten Revo­lu­tio­närs.„
Mark Lil­la, „Der Glanz der Ver­gan­gen­heit. Über den Geist der Reak­ti­on”, deut­sche Aus­ga­be: Zürich 2018

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Als die Par­ze mich vor die Wahl stell­te, ob ich die Welt lie­ber aus­ge­wo­gen, nüch­tern, abge­klärt und aus ange­mes­se­ner Distanz betrach­ten wol­le oder ein­sei­tig, bos­haft, schwarz­gal­lig und ange­wi­dert in ihr Trei­ben ver­strickt, zöger­te ich lan­ge, ent­schied mich falsch und bereue es kei­nen Augenblick.

 

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Die Bilanz von Chem­nitz: Wie­vie­le Berich­te, Kom­men­ta­re und Poli­ti­ker­re­den gab es über eine Men­schen­jagd, die nie statt­ge­fun­den hat?

Und wie­vie­le über einen Mord und zwei schwe­re Kör­per­ver­let­zun­gen, die sich tat­säch­lich ereig­net haben?

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Glück auf Frau ***, Erz­ge­birg­le­rin, ich dan­ke für die Über­sen­dung des Apho­ris­men­bänd­chens „Cac­tus tem­po­ra­lis” von Wolf­gang Busch­mann, das ich ver­gnügt durch­blät­tert habe. Ich mei­ne, es ist in Ihrem Sin­ne, wenn ich ein paar Sen­ten­zen dar­aus ins Schau­fens­ter mei­nes klei­nen Eck­la­dens stelle:

„Der Don Qui­cho­te von heu­te kämpft nicht gegen Wind­rä­der, er stellt sie auf.”

„Eine Frau, die schweigt, sagt alles.”

„Ich lache drei­mal im Monat. Das liegt leicht über dem Durch­schnitt in Sachsen.”

„Ich kann nicht vor dir ster­ben, sag­te mei­ne Frau. Wer soll dir Essen kochen? Und wenn doch, dann ste­hen sie­ben Por­tio­nen Gulasch im Kühl­schrank bereit.”

„Wel­che Erleich­te­rung, wenn der aus­län­di­sche Ver­bre­cher ein Deut­scher ist.”

„Der Islam hat nichts mit Ter­ro­ris­mus zu tun. Er ist eine Reli­gi­on wie jede ande­re. Wenn dem so ist, war­um wie­der­holt ihr es dann so oft?”

„Wir Men­schen könn­ten viel­leicht auf Wochen, Mona­te, selbst auf Jah­re im Leben ver­zich­ten, nicht aber auf Augen­bli­cke.” (Das ist übri­gens die Kurz­fas­sung des fina­len inne­ren Mono­logs des Fürs­ten im „Gat­to­par­do”)

 

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Nach­zu­rei­chen – die Acta sind eine Chro­nik – habe ich hier einen Skan­dal, der umso mons­trö­ser ist, als er in den hie­si­gen Medi­en kaum einen Wider­hall fand. Die Söh­ne der Phi­lo­so­phin Caro­li­ne Som­mer­feld-Lethen sind von ihrer Wal­dorf­schu­le in Wien exkom­mu­ni­ziert wor­den. Den Eltern wur­de mit­ge­teilt, dass die bei­den nicht län­ger blei­ben dürf­ten, weil ihre Mut­ter zur „Neu­en Rech­ten” zäh­le; der Vater Hel­mut Lethen übri­gens zur damals „Neu­en” und inzwi­schen „Alten Lin­ken”, aber das wiegt ein­an­der nicht auf. In der FAZ zitiert, spricht er mit allem Recht der Welt von Sip­pen­haft, denn nicht die Welt­an­schau­ung der Söh­ne war der Grund für den Raus­schmiss, son­dern jene der Mutter. 

„Wich­ti­ger erscheint aber, daß, abge­se­hen von offe­nem Hit­le­ris­mus, kaum eine ande­re welt­an­schau­li­che Ori­en­tie­rung vom Schul­trä­ger zum Anlaß für einen sol­chen Ver­weis genom­men wür­de”, schreibt Karl­heinz Weiß­mann in der JF. „Jeden­falls ist nicht vor­stell­bar, daß eine Mut­ter oder ein Vater mit, sagen wir: kom­mu­nis­ti­scher, anti­fa­schis­ti­scher, öko-anar­chis­ti­scher, isla­mis­ti­scher Ten­denz, oder ein Befür­wor­ter irgend­wel­cher sexu­el­ler Per­ver­sio­nen, mit einer ähn­li­chen Maß­nah­me rech­nen müßte.”

Soviel zum „Rechts­ruck”. Jeder kann wis­sen, auf wel­cher Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums die Nazi-Men­ta­li­tät ihre Opfer­fes­te feiert.

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Leser *** fragt, wie ich es fer­tig­brin­ge, „zunächst den Begriff ‚Nazi’(-Mentalität) gegen die ‚Lin­ken’ in Stel­lung zu brin­gen, um direkt im fol­gen­den Satz dar­auf hin­zu­wei­sen, daß jeder, der so mit dem Geg­ner ver­fah­re, ein Lump, Ver­harm­lo­ser und eine Null sei. Woll­ten Sie damit Ihre Leser auf geis­ti­ge Zurech­nungs­fä­hig­keit tes­ten? Ist das viel­leicht ein spon­ta­ner Anfall von Ehr­lich­keit? Oder ist da ein­fach nur Ihr Tem­pe­ra­ment mit Ihnen durchgegangen?”

Sehr geehr­ter Herr ***, ein „Nazi” ist ein Mensch, der die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Welt­an­schau­ung ver­tritt. Sol­che Figu­ren gibt es kaum bis über­haupt nicht mehr, wes­halb ich die Ver­wen­dung die­ses übels­ten aller Denun­zia­ti­ons­be­grif­fe, bei aller Sym­pa­thie für die Ver­su­che von Min­der­be­mit­tel­ten, auch ein­mal ein biss­chen Auf­merk­sam­keit und Lebens­freu­de zu erha­schen, nicht gut­hei­ßen mag. Ich habe geschrie­ben – und wer­de nicht müde, es zu wie­der­ho­len –, dass die Nazi-Men­ta­li­tät bei unse­ren Lin­ken über­lebt hat. Mit die­ser Men­ta­li­tät kön­nen, wie wir täg­lich beob­ach­ten, auch rote, grü­ne, schwar­ze und sogar blaue Posi­tio­nen ein­ge­nom­men wer­den. Die Nazi-Men­ta­li­tät hat sich in die­sem tris­ten Volk gewis­ser­ma­ßen vom ori­gi­nä­ren Nazi­tum ent­kop­pelt. Heil Viel­falt, Ihr MK

 

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Leser *** legt – ganz unnö­ti­ger­wei­se – „Wider­spruch gegen Ihre Anmer­kun­gen zur Beob­ach­tung der AfD durch den Ver­fas­sungs­schutz” ein (Acta vom 12. Sep­tem­ber): „Es han­delt sich mit­nich­ten um Oppor­tu­nis­mus und Duck­mäu­ser­tum, was sich im Wes­ten aus­prägt, wenn es um die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit geht. Mei­ne Land­tags­kan­di­da­tur hat mich die Ehren­äm­ter in mei­ner Kir­chen­ge­mein­de und im Lan­des­vor­stand der Deut­schen ***gesell­schaft gekos­tet, das sozia­le Umfeld zudem. Das ging ratz­fatz. Beruf­li­che Nach­tei­le lie­ßen sich nur, wenn auch immer­hin durch eine Anstel­lung bei der Land­tags­frak­ti­on auf­fan­gen. Ich habe eine Fami­lie, die Anspruch erhe­ben darf, ernährt zu wer­den. Bei ande­ren Par­tei­freun­den ist es ähn­lich! Da dürf­te der Vor­wurf des Oppor­tu­nis­mus fehl­ge­hen. Den von Ihnen ange­spro­che­nen Effekt aller­dings, den wür­de es geben.

Denn: Gera­de hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das letz­te Wort über die Ent­fer­nung eines Poli­zei­be­am­ten aus dem Staats­dienst gespro­chen, der einen Vor­stands­pos­ten bei der nach Auf­fas­sung der Behör­den extre­mis­ti­schen Par­tei ‚Pro NRW’ hielt. Obwohl sel­ber im Ver­hal­ten unta­de­lig, reicht das nach stän­di­ger Recht­spre­chung. (…) Das Gan­ze ist eine Blau­pau­se für das Vor­ge­hen gegen die AfD. (…) Bei den Kom­mu­nal­wah­len im über­nächs­tes Jahr kann mein Kreis­ver­band gar nicht so vie­le Kan­di­da­ten auf­stel­len, wie wir Man­da­te errin­gen wer­den. Die Mit­glie­der­zahl ist gering und es kön­nen sich wegen siche­rer beruf­li­cher Nach­tei­le nicht alle beken­nen. Und auch hier: der Vor­wurf des Oppor­tu­nis­mus geht fehl!”

Aber ja, sehr geehr­ter Herr ***, nur, ich habe mit kei­ner Sil­be den Vor­wurf des Oppor­tu­nis­mus gegen die AfD-Mit­glie­der erho­ben, son­dern das im Wes­ten ver­brei­te­te, auf Besitz­stands­wah­rung gegrün­de­te Duck­mäu­ser­tum dafür ver­ant­wort­lich gemacht, dass die­ser vom Estab­lish­ment ange­setz­te letz­te Hebel dort bes­ser greift als im Osten. 

„Ich ver­mu­te im Übri­gen”, fährt *** fort, „daß man 1989 mit den Hän­den grei­fen konn­te, daß das Sys­tem am Ende war – da wer­den man­che muti­ger, als sie vor­her waren. Es könn­te außer­dem sein, daß Sie nicht ganz über­bli­cken, was es für einen natio­nal den­ken­den Men­schen an Nach­tei­len sozia­ler Art bedeu­tet hat, in der alten BRD zur Schu­le zu gehen und sich auch danach treu zu bleiben.”

                                   ***

„#WirSind­Maaßen – weil wir nicht akzep­tie­ren, dass nach der Tötung eines jun­gen Fami­li­en­va­ters die Pro­tes­te pau­schal denun­ziert wurden

#WirSind­Maaßen – weil nicht die Anti­fa Zecken­biss oder der Regie­rungs­spre­cher bestim­men, wie ein Zwi­schen­fall zwi­schen zwei Asyl­be­wer­bern und Demons­tran­ten recht­lich zu wer­ten sind, son­dern Poli­zei und Gerichte

#WirSind­Maaßen – weil es einen rie­si­gen Unter­schied macht, ob zuge­reis­te Demons­tran­ten Trau­er­mär­sche ver­ein­zelt zu Het­ze miss­brau­chen oder ob es ‚Hetz­jag­den‘ auf Men­schen gab”

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