2. September 2018

Die Sonn­ta­ge immer den Küns­ten! – wobei heu­te eine jener Küns­te oder Kul­tur­ta­ten des Men­schen­ge­schlechts in Rede ste­hen möge, deren Wer­ke neu­er­dings „umstrit­ten” oder gar schäd­lich sein sollen. 

Folgt man einer vor kur­zem ver­öf­fent­lich­ten und mit eini­gem media­lem Wider­hall bedach­ten Groß­stu­die, die in der eng­li­schen Medi­zin-Zeit­schrift The Lan­cet ver­öf­fent­licht wur­de, dann sind Win­zer, Brau­er und Schnaps­bren­ner wenn nicht gleich als Fein­de der Mensch­heit, so doch wenigs­tens der Volks­ge­sund­heit ein­zu­stu­fen, qua­si gleich­ran­gig mit Dro­gen­her­stel­lern. Jeder Trop­fen Alko­hol sei schäd­lich, lau­tet das Fazit der Stu­die. „Selbst das eine Bier­chen ist schon unge­sund”, über­schreibt die Zeit ihren Bei­trag und warnt: „Eine Stu­die, die Daten von 28 Mil­lio­nen Men­schen nutzt, zeigt: Alko­hol scha­det ab dem ers­ten Trop­fen. Und ist welt­weit für noch mehr Tote ver­ant­wort­lich als gedacht.” Spie­gel online sekun­diert: „Auch die gerings­te Men­ge Alko­hol ist pro­ble­ma­tisch. Um der Gesund­heit nicht zu scha­den, soll­te man dar­auf verzichten.”

Hier muss eini­ges ent­wirrt wer­den. Zunächst ein­mal ist es ein gewal­ti­ger Unfug, bei­spiels­wei­se den hol­den Reben­saft auf 10 bis 14 Pro­zent sei­ner Bestand­tei­le zu redu­zie­ren, so wich­tig die­se 10 bis 14 Pro­zent als Geschmacks­trä­ger und Daseins­auf­hel­ler auch sein mögen. Sodann stellt sich bei Betrach­tung der Stu­die sofort her­aus, dass es sich um eine soge­nann­te Meta-Stu­die han­delt, also um eine Aus­wer­tung vie­ler ande­rer Stu­di­en, wobei man in sol­chen Fäl­len nie genau weiß, wel­che Stu­di­en eben nicht ein­be­zo­gen wur­den. Schaut man noch näher hin – Spie­gel online immer­hin hat es getan –, wer­den einem fol­gen­de Zah­len präsentiert:

In einem Jahr, in dem 100.000 Men­schen zwi­schen 15 und 95 Jah­ren gar kei­nen Alko­hol trin­ken, erkran­ken 914 von ihnen oder zie­hen sich eine Ver­let­zung zu, die mit Alko­hol in Zusam­men­hang steht. Zu den Krank­hei­ten bezie­hungs­wei­se Ver­let­zun­gen, die hier mit Alko­hol in Zusam­men­hang gebracht wer­den, gehö­ren unter ande­rem Leber­zir­rho­se, Leber­krebs, Dia­be­tes, Epi­lep­sie, Herz­in­farkt, Blut­hoch­druck, Darm­krebs, Tuber­ku­lo­se, Selbst­ver­let­zun­gen sowie Ver­kehrs­un­fäl­le. Da vie­le die­ser Pla­gen und Zwi­schen­fäl­le kei­nes­wegs allein vom Alko­hol­kon­sum abhän­gen – sreng­ge­nom­men sogar kaum –, fällt die Zahl auch bei Absti­nenz­lern nicht auf null.

In der iden­ti­schen Ver­gleichs­grup­pe, deren Ange­hö­ri­ge ein alko­ho­li­sches Getränk pro Tag kon­su­mie­ren, erkran­ken 918 von ihnen oder zie­hen sich eine Ver­let­zung zu. In der Ver­gleichs­grup­pe mit zwei alko­ho­li­schen Geträn­ken pro Tag steigt die Zahl auf 977, bei fünf Glä­sern pro Tag auf 1252.

Die letzt­ge­nann­te Grup­pe ist inzwi­schen die mei­ne (frü­her lag ich viel, viel wei­ter vorn), das heißt, ich gehö­re zu einer Mehr­heit von 98.748 gegen­über 1.252 Per­so­nen. Man beden­ke erschau­ernd: In die­ser fidel-fröh­li­chen hun­dert­tau­send­köp­fi­gen Fünf-Glä­ser-am-Tag-Grup­pe erkran­ken kolos­sa­le 328 Per­so­nen mehr als bei den Absti­nenz­lern. Das sind 0,328 Pro­zent. In der übli­chen Quan­ti­fi­ka­ti­on der Neben­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments auf dem Bei­pack­zet­tel fie­le die­se Zahl unter „gele­gent­lich” bis „sel­ten”. Aus einer der­ma­ßen gering­fü­gi­gen Quo­te eine gene­rel­le Ver­zichts­emp­feh­lung her­zu­lei­ten, ist ziem­lich dreist, wis­sen­schaft­lich unse­ri­ös und wahr­schein­lich nur mit den Mecha­nis­men der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie zu erklären.

Ich weiß nicht, ob sich der Zen­tral­rat der Mus­li­me schon zu der Stu­die geäu­ßert hat. Was mich betrifft – Sie sind ja zu Gast in mei­nem Eck­la­den, und hier sind der Wein sowie das gele­gent­li­che selbst­be­züg­lich-eit­le Gequat­sche des Inha­bers ein fes­ter Bestand­teil des Sor­ti­ments – kann ich Ent­war­nung geben. Ich trin­ke seit mei­nem sech­zehn­ten Lebens­jahr nahe­zu täg­lich „Alko­hol”, die ers­ten Jah­re durch­aus auf leis­tungs­sport­li­chem Niveau, seit dem Fall der Mau­er, mit wel­cher mich die Kom­mu­nis­ten von den preis­wür­di­gen Reben­säf­ten weg­be­to­niert hat­ten, nicht mehr aus dem Bedürf­nis nach Betäu­bung, son­dern nur­mehr noch aus Genuss­grün­den, also durch­aus wäh­le­risch – aber stets beharr­lich. Des­halb – und kei­nes­wegs trotz­dem – kom­me ich mit mei­nen 56 Len­zen auf dem Renn­rad immer noch ver­gleichs­wei­se zügig über jeden Alpen­pass, schrei­be pro Jahr ein Buch (auch wenn jenes, wel­ches ich der­zeit par­al­lel zu dem peri­odi­schen zu Papier brin­ge, sich etwas hin­zieht), bewäl­ti­ge ein gewis­ses Lek­türe­pen­sum und erle­di­ge mei­ne Ernäh­rer- und Vater­pflich­ten leid­lich. Gewiss, es fehlt die Ver­gleichs­stu­die, aber wenn ich in mei­nem Her­zen die Wahr­schein­lich­kei­ten abwä­ge, ob ich als Absti­nenz­ler eher ein Genie oder wahn­sin­nig gewor­den wäre, bin ich mir über die Ant­wort ziem­lich sicher. –

Wäh­rend der Wes­ten dem Trunk immer gewo­gen war und kol­lek­tiv gewal­ti­ge Men­gen konsumiert(e), ist die isla­mi­sche Welt bekannt­lich durch Allahs im Koran fest­ge­hal­te­nes Wort zur Absti­nenz ange­hal­ten. Wahr­schein­lich beruht das Wein­ver­bot dar­auf, dass die frü­hen Gefolgs­leu­te des Pro­phe­ten Muham­mad öfter beschwipst zum Gebet erschie­nen sind, was ihnen nie­mand ver­den­ken kann und auch Goe­the nicht verdachte: 

„Ob der Koran von Ewig­keit sey?
Dar­nach frag’ ich nicht!
Ob der Koran geschaf­fen sey?
Das weiß ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sey,
Glaub’ ich aus Mosleminen-Pflicht.

Daß aber der Wein von Ewig­keit sey,
Dar­an zweifl’ ich nicht;
Oder daß er von den Engeln geschaf­fen sey,
Ist viel­leicht auch kein Gedicht.
Der Trin­ken­de, wie es auch immer sey,
Blickt Gott fri­scher ins Angesicht.”

Na, viel­leicht wird’s ja eines Tages. Noch­mals der „Divan”:

„Horch! Wir andern Musul­ma­nen,
Nüch­tern sol­len wir gebückt seyn,
Er, in sei­nem heil­gen Eifer,
Möch­te gern allein ver­rückt seyn!”

Andert­halb Jahr­tau­sen­de Ent­halt­sam­keits­ge­bot haben die mus­li­mi­sche Welt geis­tig bzw. intel­lek­tu­ell nicht wirk­lich vor­an­ge­bracht, aber wie steht es um die Gesund­heit und die soge­nann­te Lebens­er­war­tung – tat­säch­lich han­delt es sich dabei ja um Todes­er­war­tung – in die­ser Welt­ge­gend im Ver­gleich zu den Gefil­den der Trin­ker? Auch hier fin­den sich weni­ge Argu­men­te für kol­lek­ti­ve Tro­cken­heit inmit­ten der kli­ma­ti­schen. Die Wein­trin­ker­na­tio­nen Ita­li­en (Platz 15), Frank­reich (20) und Spa­ni­en (22) mit 82,2, 81,9 und 81,7 Jah­ren, aber auch die Pro-Kopf-Ver­brauchs-Cham­pions wie Deutsch­land (Platz 33, 80,7 Jah­re) und Däne­mark (Platz 46, 79,4 Jah­re) ste­hen im Ran­king der durch­nitt­li­chen Lebens­er­war­tung deut­lich vor: 

den Emi­ra­ten (Platz 70, 77,5 Jah­re)
Marok­ko (Platz 78, 76,9 Jah­re)
Oman (Platz 101,75,5 Jah­re)
und Sau­di-Ara­bi­en (Platz 106, 75,3 Jahre).

Ich habe extra die rei­che­ren mus­li­mi­schen Län­der aus­ge­sucht. (Die­je­ni­gen, denen es jetzt in den Hän­den juckt, mir zu schrei­ben, dass sich die Lebens­dau­er doch nicht mono­kau­sal erklä­ren lässt: Bezäh­men Sie sich bitte.) 

Ich möch­te weder in einem Land leben, des­sen Kul­tur­land­schaft nicht da und dort vom Wein­bau geprägt ist, noch kann ich mir eine war­me Mahl­zeit ohne Wein vor­stel­len. Der Kum­mer, ach was: der Hor­ror, der mich befie­le, wenn auf einer gedeck­ten Tafel die Wein­glä­ser fehl­ten, wür­de mei­nem Wohl­be­fin­den mit Sicher­heit mehr scha­den, als ein Schluck – in mei­ner Maß­ein­heit: eine Fla­sche – zuviel es je täten. Mit Men­schen bei Tische zu sit­zen, die Was­ser oder Saft trin­ken, depri­miert mich zutiefst, und ich suche sol­che Gesell­schaft mit allen Mit­teln zu mei­den. Das ist auch einer der Grün­de, war­um ich bis­lang mit mus­li­mi­schen Bekann­ten, von einer Aus­nah­me abge­se­hen, nicht wirk­lich warm gewor­den bin, obwohl die Tole­ran­ten unter ihnen immer­hin kein Pro­blem damit hat­ten, wenn ich getrun­ken habe, wäh­rend sie den Wei­sun­gen Allahs gehorch­ten; die wirk­lich Knall­from­men ver­las­sen ja dann den Tisch. (Im Übri­gen gilt das auch für ortho­do­xe Juden, Mor­mo­nen etc.) – –

Kein Dich­ter hat je die Ent­halt­sam­keit besun­gen. Oden auf den Wein indes gibt es in Fül­le. Bemer­kens­wer­ter­wei­se stam­men zwei der lei­den­schaft­lichs­ten Bac­chan­ten aus dem Ori­ent (ich habe bei­de hier desöf­te­ren zitiert). 

„Wenn ihr mich fin­den wollt am Tag des Jüngs­ten Gerichts,
sucht mich im Staub vor der Tür der Schenke.”

Also dich­te­te der unfrom­me per­si­sche Mathe­ma­ti­ker Omar Cha­j­jam (gest. 1131).

„Nur der Wein kann uns bega­ben
mit der Weis­heit Gut.”

Also echo­te sein Lands­mann Hafis mehr als 200 Jah­re später.

Dass der­glei­chen Zeug­nis­se sich im Abend­land ver­brei­te­ten und unte­ren ande­ren den gro­ßen Wein­trin­ker Goe­the erreich­ten, der nach heu­ti­gen Maß­stä­ben mit sei­nen ein bis zwei Fla­schen pro Tag heu­te als ein schwe­rer Alko­ho­li­ker durch­gin­ge (auch wenn es leich­te­re Wei­ne waren als heu­te), ver­dankt sich bekannt­lich Johan­nes Guten­berg. Der Vater des Buch­drucks war selbst ein fröh­li­cher Zecher, sofern er die jähr­li­chen 2000 Liter Wein, die ihm der Erz­bi­schof von Mainz seit sei­ner Erhe­bung zum Hof­edel­mann anno 1465 gewähr­te, nicht im Kel­ler ver­dor­ren ließ. Sei­ne berühm­te Erfin­dung soll er angeb­lich von der Wein­pres­se abge­schaut haben.

Die Ver­mäh­lung von Lite­ra­tur und Rausch­trank war von Anfang an voll­zo­gen; die Ehe wur­de nur zum Teil glück­lich, aber enorm bestän­dig. Unter den berühm­ten Trin­kern der Neu­zeit befan­den sich auf­fal­lend vie­le Künst­ler und spe­zi­ell Schrift­stel­ler. Von den ers­ten sie­ben ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gern etwa waren fünf schwe­re Säu­fer, wenn nicht veri­ta­ble Alko­ho­li­ker: Faulk­ner, O’N­eill, Stein­beck, Sin­c­lair Lewis und Heming­way. Ihr Kol­le­ge Jack Lon­don soff ohne Nobel­preis, dafür schrieb er das auto­bio­gra­fi­sche Stan­dard­werk zum The­ma: „König Alko­hol”. Mit fünf war der klei­ne Jack zum ers­ten Mal blau, als er dem Vater das Bier aufs Feld brin­gen soll­te und selbst davon nasch­te. Der Far­mer fand sei­nen Sohn selig in einer Acker­fur­che schlum­mernd und hät­te ihn um ein Haar unter­ge­pflügt. Spä­ter, als 16jähriger „König der Aus­tern­räu­ber” segel­te er im Voll­rausch auf sei­nem eige­nen Boot und fühl­te sich noch groß­ar­ti­ger als Leo­nar­do di Caprio am Bug der „Tita­nic”, denn der Arme war ja nüchtern.

Kaum einer der gro­ßen trin­ken­den Autoren wur­de alt. Lon­don starb mit 40 Jah­ren wie auch Edgar All­an Poe. Charles Bau­de­lai­re und E. T. A. Hoff­mann gaben mit 46 Jah­ren die Fla­sche ab, Ver­lai­ne wur­de 51. „Um die Last der Zeit nicht zu füh­len, die eure Schul­tern zer­bricht und euch zu Boden drückt, müsst ihr euch ohne Unter­lass berau­schen”, emp­fahl Bau­de­lai­re. Der frü­he Tod scheint die Gesund­heits­kom­mis­sa­re zu betä­ti­gen, doch recht­fer­tigt das Werk nicht auto­ma­tisch das Leben?

Die gro­ße Aus­nah­me war Goe­the. Obwohl auch ein regel­mä­ßi­ger Zecher, der sich den Reb­stoff sogar zur Kur nach­schi­cken ließ, über­schritt er locker die 80. „Alle tran­ken tap­fer, aber der alte Goe­the am tap­fers­ten”, notier­te der Ber­li­ner Archäo­lo­ge Wil­helm Zahn nach einem Besuch im Hau­se des Dich­ters anno 1827. „Ihm allein konn­te der Wein nichts anha­ben. Wie ein sieg­rei­cher Feld­herr über­blick­te er das Schlacht­feld und die nie­der­ge­trun­ke­nen Rei­hen.” Offen­bar besaß der Wei­ma­rer Welt­wei­se die sokra­ti­sche Gabe, sich nüch­tern zu trin­ken. Im sel­ben Jahr brach­te man Lud­wig van Beet­ho­ven eine letz­te Sen­dung von Wei­nen ins Ster­be­zim­mer, wor­auf er mur­mel­te: „Scha­de! Scha­de! – Zu spät!” Der Kom­po­nist starb an „dekom­pen­sier­ter Leber­zir­rho­se und chro­ni­scher Pan­krea­ti­tis durch jahr­zehn­te­lan­gen Alko­hol­ge­nuss”, notier­te vor ein paar Jah­ren das Ärz­te­blatt – nach heu­ti­gen Kri­te­ri­en als Trun­ken­bold, nach dama­li­gen als ein Mann, der eben täg­lich Wein und Bier zu sich nahm. Im fina­len Sta­di­um sei­ner Trin­ker­kar­rie­re schrieb Beet­ho­ven die spä­ten Streich­quar­tet­te, die „Dia­bel­li-Varia­tio­nen” und die Neun­te Sin­fo­nie, deren fina­ler Radau immer­hin dar­auf hin­deu­tet. Nie hat ein Absti­nenz­ler ver­gleich­ba­re Höhen erklom­men. Fai­rer­wei­se muss man hin­zu­fü­gen: auch kein ande­rer Trinker.

Der zweit­be­rühm­tes­te Schluck­specht in der Geschich­te der Ton­kunst war der Rus­se Modest Mus­sorg­ski. Der trieb es frei­lich exzes­si­ver als Beet­ho­ven und been­de­te schon mit 42 Jah­ren sei­ne erra­ti­sche und genia­li­sche Exis­tenz, eine beacht­li­che Rei­he von unvoll­ende­ten Wer­ken hin­ter­las­send. Einem Trin­ker gelang es, dass eine Reb­sor­te nach ihm benannt wur­de: Jus­ti­nus Ker­ner. Der Dich­ter und Arzt ver­zehr­te täg­lich min­des­tens zwei Liter Wein. Berech­nun­gen sei­nes Soh­nes zufol­ge hat er bis zu sei­nem Tod – er wur­de 75 Jah­re alt – etwa 21 000 Liter Wein gepi­chelt. Als Arzt schrieb Ker­ner „über die Wir­kun­gen des Ries­lings auf das Ner­ven­sys­tem” und warn­te vor über­mä­ßi­gem Wein­ge­nuss – also ver­mut­lich ab drei Liter pro Tag. An Otto von Bis­marcks Tafel wie­der­um gal­ten ein hal­ber Trut­hahn und eine hal­be Fla­sche Kognak als nor­mal. Mit die­ser Diät wur­de er 83 Jahre.

Der alte Ernst Jün­ger, der in sei­nem hun­derts­ten Lebens­jahr so elan­voll dem Cham­pa­gner zusprach, dass der eben­falls gro­ße Trin­ker Rudolf Aug­stein ihn glü­hend benei­de­te, zeig­te sich bestürzt dar­über, dass die heu­ti­ge Jugend „den Ansprü­chen des Tran­kes nicht mehr gewach­sen” sei. Dass für jedes gro­ße Ver­gnü­gen, für jede vita­le Lust ein Preis gezahlt wer­den muss, war dem Welt­kriegs­hel­den noch eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Der eben­falls bedeu­ten­de Trin­ker Wil­helm Busch notiert: „Die ers­te Pflicht der Musen­söh­ne ist, daß man sich ans Bier gewöh­ne.” Ich will es damit bewen­den las­sen. Ange­sichts die­ser – höchst unvoll­stän­di­gen – Gale­rie soll­ten den Absti­nenz­lern die Argu­men­te ausgehen.

Ich habe vor kur­zem aus einem klei­nen bio­gra­phi­schen Text von Joa­chim Fest über Johan­nes Gross zitiert, welch­letz­te­rer eben­falls gern und aus­gie­big dem Wein zusprach und sich bis zuletzt nicht davon abbrin­gen ließ: „Er ver­ach­te­te alle Diät­freun­de und Bio­kost­phi­lo­so­phen. Die Ver­zich­te, mein­te er, die da gepre­digt wür­den, folg­ten alle­samt der Regel: ‚Wenn das Leben schon kei­nen Spaß mehr macht, soll es wenigs­tens lan­ge dau­ern.’ Sooft sich einer sei­ner Freun­de über sei­ne ‚Küchen­weis­hei­ten’ lus­tig mach­te, erwi­der­te er mit der iro­ni­schen Gra­vi­tät, die er gern her­vor­kehr­te, er gehe in allen Lebens­din­gen: bei Tisch, in der Lite­ra­tur, im Thea­ter oder sonst­noch­wo seit län­ge­rem nie mehr unter ein gewis­ses Niveau.” Auf Ihr Wohl, Kame­rad Gross!

Der Wein ist inte­gra­ler Bestand­teil einer Lebens­art, wel­che die Lie­be zur Lite­ra­tur, zu den Küns­ten, zur Musik, zu den Frau­en, zur Gelehr­sam­keit, zum schö­nen Gespräch und zu den Freu­den der Gas­tro­no­mie ein­schließt. Men­schen, die kei­nen Wein trin­ken, sind für mich unge­fähr so anzie­hend wie Men­schen, die kei­ne Gedich­te aus­wen­dig wis­sen. Als ein Kind mei­ner Zeit will ich hin­zu­fü­gen: Auch und gera­de ein Trin­ker soll­te sei­nem Kör­per Wert­schät­zung ent­ge­gen­brin­gen, denn ein Gebil­de­ter mit einem unge­bil­de­ten Kör­per sieht unge­fähr genau­so unge­bil­det aus wie ein unge­bil­de­ter Mensch mit einem gebil­de­ten Körper.

Ein siche­rer Lacher, wenn ich in der Soi­ree „Lebens­wer­te” das Wein­ka­pi­tel vor­tra­ge, ist der Pas­sus: „Der mühe­vol­le und anfangs gar nicht bil­li­ge Weg zur kuli­na­ri­schen Selbst­ver­ede­lung hat mich also in eine Risi­ko­grup­pe ver­setzt, deren Ver­tre­ter von unge­fähr der Hälf­te der Medi­zi­ner sor­gen­voll bis streng ange­blickt wer­den; die ande­re Hälf­te gehört sel­ber dazu. Unter Ers­te­ren gibt es Puris­ten, die behaup­ten, jeder Schluck sei schäd­lich. Vom ‚Göt­ter­trank’ der Alten zum ‚Zell­gift’ der Gesund­heits­kom­mis­sa­re – so weit muss man erst mal kom­men. Für mich gel­ten jeden­falls zwei Maxi­men. Ers­tens: Jeden Tag Wein. Zwei­tens: Lie­ber zehn bran­den­bur­gi­sche Skin­heads am Tisch als einen Abstinenzler.”

Sela, Psal­me­nen­de.

PS: Leser *** merkt an, dass Beet­ho­ven „ver­mut­lich weni­ger der Alko­hol, als viel­mehr sein Geiz zum Ver­häng­nis gewor­den ist. Selbst als er es sich leis­ten konn­te (er soll ja sehr reich ver­stor­ben sein), hat er sich immer den bil­ligs­ten Weiß­wein kau­fen las­sen. Der war damals noch mit Blei­zu­cker gesüßt oder ‚geschönt’, wie es im Win­zer­jar­gon euphe­mis­tisch heißt, wenn am Wein her­um­ge­trickt wird. Beet­ho­vens Blei­ver­gif­tung soll auch sei­ne Taub­heit geför­dert, wenn nicht sogar ver­ur­sacht haben. Blei­zu­cker ist heu­te als Wein­zu­satz ver­bo­ten. Den­noch sind in den Sta­tis­ti­ken auch jene ein­be­zo­gen, die an zu bil­li­gem Wein zu früh ver­stor­ben sind. Man soll­te also auch beim Wein nie ein gewis­ses Niveau unter­schrei­ten. Aber wem sag ich das?”

PPS: „Ihre Ode an den Wein erin­nert mich an mei­ne ver­gan­ge­ne Leh­rer­tä­tig­keit”, notiert Leser ****: „Nicht nur den ‚Erl­kö­nig’ muss­ten mei­ne Acht­kläss­ler schlu­cken, son­dern auch (Tei­le von) Mozarts ‚Ent­füh­rung’.  Aus­führ­li­cher behan­del­te ich dabei immer das welt­be­rühm­te Sauf­du­ett ‚Vivat Bac­chus’, in des­sen Ver­lauf sich der Palast­wäch­ter Osmin von Pedril­lo zum Alko­hol ver­füh­ren lässt. Das fas­zi­nier­te damals (70-er u. 80-er Jah­re) vor allem die 2–3 Mos­lem-Buben der Klas­se, die auf­merk­sam zuhör­ten als die Prot­ago­nis­ten ‚Es leben die Mäd­chen, die blon­den, die brau­nen; sie leben, sie leben, sie leben hoch’ schmet­ter­ten und vom Wein als ‚Göt­ter­trank’ jubi­lier­ten.
Danach woll­ten die unbe­dingt wis­sen, wel­chen wei­te­ren Ver­lauf die Geschich­te neh­men wür­de und so brach­te ich den Rest des Sing­spiels locker unter mei­ne Ele­ven. Heu­te wäre ich mir da nicht mehr so ganz sicher.” 

PPPS: „Dass auch beim Alko­hol­ver­bot die gesund­heits­fa­na­ti­schen Grü­nen mit den Moham­me­da­nern mar­schie­ren wer­den, ist abzu­se­hen”, meint wie­der­um Leser *****. Es gibt eben außer dem Kol­lek­ti­vis­mus, dem Anti­ame­ri­ka­nis­mus und dem Anti­zio­nis­mus auch die­se Schnitt­men­ge. Die von Ihnen ange­spro­che­ne Meta-Stu­die kommt da gera­de recht.

Indes: Unter Ärz­ten, von denen ich ja auch einer bin, kreist fol­gen­de Defi­ni­ti­on: Alko­ho­li­ker ist, wer mehr trinkt als der behan­deln­de Arzt.” 

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