20. September 2018

Irgend­wann in den frü­hen 1990ern, ich arbei­te­te damals als Jour­na­list, bekam ich einen Brief, des­sen Absen­der in einer, wenn ich mich recht ent­sin­ne, nie­der­säch­si­schen Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ein­saß und mir sei­ne Geschich­te erzäh­len woll­te. Ich weiß nicht mehr, war­um die Sache damals nicht zustan­de kam, denn die ange­kün­dig­te Geschich­te ver­sprach, bizarr und amü­sant zu wer­den und oben­drein ein, wie man sagt, bezeich­nen­des Licht auf das Ver­hält­nis von Frau­en zu Män­nern zu wer­fen. Ges­tern, als ich Lothar Mat­thä­us bei der TV-Über­tra­gung der Cham­pions-League den Exper­ten geben sah, fiel mir die­ser Brief wie­der ein. Es wäre jam­mer­scha­de, wenn er in Ver­ges­sen­heit geriete.

Also: Der besag­te Sträf­ling schrieb, dass er eine frap­pie­ren­de Ähn­lich­keit mit Lothar Mat­thä­us besit­ze, die ihm zunächst zum Vor­teil und schließ­lich zum Ver­häng­nis gewor­den sei. Wir erin­nern uns, zu die­ser Zeit war der Kapi­tän des FC Bay­ern und der deut­schen Natio­nal­mann­schaft (die hieß damals noch so) ein Welt­star, 1990 und 1991 hat­te man ihn zum „Welt­fuß­bal­ler” gekürt, jeder kann­te ihn, und von sei­nen inzwi­schen bzw. bis­her fünf Ehe­frau­en umspiel­te er sei­ner­zeit erst die zwei­te (Loli­ta). Sein Dop­pel­gän­ger nun, von dem hier eigent­lich die Rede ist, wur­de, wenn er sich in der Öffent­lich­keit beweg­te, stän­dig mit dem Fuß­bal­ler ver­wech­selt, gegrüßt, um Fotos oder Auto­gram­me gebe­ten, vor allem aber: von Frau­en ange­macht. Spe­zi­ell in die­sem Fal­le, schrieb er, habe es ihm sel­ten gehol­fen, wenn er beteu­er­te, er sei gar nicht Mat­thä­us; viel­mehr sei­en die Mädels dann erst rich­tig in Fahrt gekom­men, weil sie ver­mu­te­ten, er ver­stel­le sich nur, um sei­ne Ruhe zu haben. Vie­le hät­ten par­tout nicht auf die Beu­te ver­zich­ten wol­len (Harald Schmidt: „Was wol­len Jun­gen wer­den, wenn sie groß sind? Boris Becker, Oli­ver Kahn, Micha­el Schu­ma­cher. Was wol­len Mäd­chen wer­den, wenn sie groß sind? Frau Becker, Frau Kahn, Frau Schu­ma­cher”). Schließ­lich habe er sich gesagt: Was soll’s, und sei das ers­te Mal mitgegangen. 

Im Namen des ech­ten Lothar mau­sel­te sich der fal­sche fort­an durch die Bet­ten der Repu­blik, ob des­sen Ruhm meh­rend oder beschä­di­gend, ist mir nicht bekannt. Bei allem Ver­gnü­gen muss den armen Sün­der – ich psy­cho­lo­gi­sie­re jetzt mal ein biss­chen und vor allem zuguns­ten des Täters, wie es hier­zu­lan­de ja Brauch und Sit­te ist – ein Knacks am Selbst­wert­ge­fühl und/oder eine gewis­se Ver­ach­tung für sei­ne Bekannt­schaf­ten heim­ge­sucht haben, denn all die wil­li­gen Damen gaben sich ja kei­nes­wegs ihm hin, son­dern dem abwe­sen­den Lod­dar. Da unser Lücken­fül­ler sel­ber unend­lich weni­ger wohl­ha­bend war, als sei­ne Gast­ge­be­rin­nen von ihm ver­mu­te­ten, dreh­te der Felix-Krull-Wie­der­gän­ger gewis­ser­ma­ßen den Spieß um und nahm von ihnen, was die­se sich in weit grö­ße­rem Stil von ihm erhoff­ten: nach der Lust auch den Schmuck, das Bar­geld, was so her­um­lag. Aus der Sicht der Frau­en war dies beson­ders gemein, denn sie muss­ten sich nun dop­pelt betro­gen vor­kom­men, auch wenn sie die­ses Betro­gen­wer­den mit aller Gewalt her­bei­ge­zwun­gen hat­ten. An die Mög­lich­keit, die eine oder ande­re möge auch nach dem Ver­schwin­den des nächt­li­chen Gas­tes samt ihrer Arm­band­uhr und ihres Ver­lo­bungs­rin­ges immer noch geglaubt haben, es sei der ori­gi­na­le Mat­thä­us gewe­sen, wol­len wir gar nicht denken.

Irgend­wann flog die Sache auf, der Poli­zei muss die Fahn­dung ver­gleichs­wei­se leicht gefal­len sein, und der fal­sche Mat­thä­us fuhr ein. Ich weiß nicht, was man ihm auf­ge­brummt hat, neh­me aber an, dass er mit Erin­ne­run­gen für die stil­len Stun­den hin­rei­chend ver­sorgt war…

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