28. September 2018

„Unter­ge­hen­de Gesell­schaf­ten küm­mern sich erfah­rungs­ge­mäß nicht um die Ursa­chen ihres Ster­bens – des­halb gehen sie ja unter. Aber sie dis­ku­tie­ren, pro­ble­ma­ti­sie­ren – als Ver­drän­gungs- und Abwehr­me­cha­nis­mus – alles Mög­li­che: Anti­ras­sis­mus, Anti­dis­kri­mi­nie­rung, Kampf gegen rechts, Digi­ta­li­sie­rung, Inklu­si­on, Gen­der ohne Ende, Quo­ten, Mobi­li­sie­rungs­of­fen­si­ven für dies und das (mobi­li­siert wird dann nor­ma­ler­wei­se nichts), Kli­ma­ret­tung und so wei­ter. Man kann eine gan­ze Zeit-Aus­ga­be damit fül­len …”
(Ein Leser­brief­schrei­ber in der Zeit)

                                     ***

Was ist der Haupt­un­ter­schied zwi­schen der israe­li­schen und der deut­schen Öffent­lich­keit? Ich habe die Ant­wort ein­mal in die – ein Qua­li­täts­jour­na­list könn­te hier schrei­ben: „augen­zwin­kern­de” – Sen­tenz gefasst: Fünf Juden, zehn Mei­nun­gen, fünf Deut­sche, eine Mei­nung. Wor­an erkennt man also einen wirk­lich ein­ge­deutsch­ten, prak­tisch ger­ma­ni­sier­ten Juden? Nun, dar­an dass er stur­heil die Deut­sche Ein­heits­mei­nung (DEM) ver­tritt, das heißt jene sar­del­len­schwarm­kon­form über die Sei­ten­li­nie oder bereits durch flüch­ti­gen Medi­en­kon­sum ver­läss­lich zu erspü­ren­de Ansicht, die in poli­ti­schen Belan­gen mit depri­mie­ren­der Erwart­bar­keit vom Kanz­ler­amt über den Bun­des­prä­si­den­ten und sämt­li­che Par­tei­en (außer der­zeit einer), in allen Medi­en, Kir­chen, Gewerk­schaf­ten, Uni­ver­si­tä­ten, Schu­len, Thea­tern, Stif­tun­gen, Ver­ei­nen, Sport­clubs, Ämtern und Haupt­äm­tern etc. ad nau­seam pp. als ver­bind­lich gilt, was unap­pe­tit­lich genug ist, aber bei­na­he maka­ber wird, wenn aus­ge­rech­net Ange­hö­ri­ge des eigent­lich undis­zi­pli­nier­tes­ten, gleich­schal­tungs­un­wil­ligs­ten Kol­lek­tivs (sofern die­se con­tra­dic­tio in adiec­to gestat­tet ist) dar­an teil­ha­ben – gott­lob nur im Ein­zugs­ge­biet des deut­schen Grund­ge­set­zes. Anders­wo (und hier­zu­lan­de unter vier Augen) kann man mit Juden nach wie vor ganz nor­mal in ver­teil­ten poli­ti­schen Rol­len reden, strei­ten und sich amü­sie­ren. Aber in den löch­ri­gen Gren­zen von ’schland, davon darf sich jeder der­zeit anhand der uni­for­men Reak­tio­nen auf die Grün­dung eines jüdi­schen Detache­ments inner­halb der AfD über­zeu­gen, mar­schiert zumin­dest die öffent­lich sicht­ba­re Juden­heit im sel­ben Gleich­schritt, wie’s dem Kern- und Knall­deut­schen ansteht resp. kon­ve­niert, mit­ten­mag natür­lich Michel Fried­man, der gemein­sam mit Kon­stan­tin Wecker die Wider­stands­grup­pe „Wei­ße Linie” ins Leben geru­fen hat (und man möch­te, wenn auch nur aus Ennui, an Jacob Tau­bes’ Bemer­kung erin­nern, dass für deut­sche Juden die Ver­su­chung, Nazis zu wer­den, nicht bestand, weil man sie ja gar nicht erst gelas­sen hat).

Merke(l): Jüdi­sche Füh­rer­kri­tik ist voll Nazi! Wir schaf­fen das!

„Die omi­nö­se Grün­dung ist ange­sichts der Unwich­tig­keit der Betei­lig­ten bedeu­tungs­los”, schreibt ein wich­ti­ger jüdi­scher Gast­au­tor, des­sen omi­nö­ser Name mir ent­fal­len ist, in der Welt, und zwar nach­dem er zehn oder elf Absät­ze lang ein kon­for­mis­ti­sches Wut­schäu­men über jene schlim­men Juden abge­lie­fert hat, die sich frech der ein­zi­gen regie­rungs­kri­ti­schen Par­tei anschlie­ßen. Alle ande­ren in Ton­fall und Wort­wahl ermü­dend iden­ti­schen Arti­kel müs­sen Sie, geneig­ter Besu­cher mei­nes klei­nes Eck­la­dens, bit­te sel­ber goo­geln; dies ist schließ­lich, auch wenn es mit­un­ter den Anschein hat, kei­ne Zeitgeistschrottsammelstelle.

„Die Haupt­cha­rak­te­re sind der Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­kannt”, schreibt also Herr Din­gens in der Welt, sich mit dem Wört­lein „weit­ge­hend” aus der Ver­le­gen­heit ret­tend, dass sich jüdi­sche AfD­ler durch­aus aus ihren Neid­höh­len und Wal­des­klüf­ten bis­wei­len ins Offe­ne wag­ten, etwa Wolf­gang Fuhl, Alex­an­der Bere­sow­ski und Dr. Vera Koso­va (hier – über­dies ist Koso­va die im Arti­kel so ver­zwei­felt gesuch­te Frau inmit­ten der schwef­li­gen Män­ner­run­de). In die knuf­fi­ge deut­sche Öffent­lich­keit trau­ten sich auch schon Ema­nu­el Bern­hard Kraus­kopf (hier), oder Artur Abra­mo­vych (hier). Was die „omi­nö­se Grün­dung” betrifft, so wur­de das Fähn­lein gegen sei­nen Wil­len vor­zei­tig ins sog. Ram­pen­licht gezerrt (auf die Details ein­zu­ge­hen, wür­de zu weit und noch­mals ins Unap­pe­tit­li­che führen).

„Es tref­fen sich ein Jude, ein Russ­land­deut­scher und ein AfD-Spre­cher”, hebt der Welt-Arti­kel an, was nicht stimmt: Fuhl ist kein Rus­se, son­dern 1960 in Weil am Rhein zur Welt gekom­men und in Lör­rach wohn­haft; der angeb­li­che „Möch­te­gern­ju­de” ver­steck­te sich mehr als ein Jahr­zehnt im Vor­stand der jüdi­sche Gemein­de Lör­rach und war von 2007 bis 2012 Mit­glied im 35-köp­fi­gen Direk­to­ri­um des Zen­tral­rats. Bei der AfD sitzt er im Vor­stand des KV Lör­rach, ist dort seit 2013 durch­ge­hend Direkt­kan­di­dat sowohl für Land­tags- als auch für Bun­des­tags­wah­len; beruf­lich ist der Mann übri­gens lei­ten­der Ange­stell­ter bei einem Tex­til­un­ter­neh­men und dort zugleich Betriebs­rats­vor­sit­zen­der, eine typi­sche Volks­par­tei- bzw. Täter­volks­par­tei­funk­tio­närs­kar­rie­re eben.

„Zur Grün­dung des Arbeits­krei­ses jüdi­scher Sozialdemokrat/innen war ich 2006 auf der Suche nach Mit­glie­dern jüdi­scher Her­kunft durch vie­le deut­sche Städ­te gereist, wir hat­ten uns in Vor­run­den getrof­fen, die Grün­dung kon­zep­tio­nell und poli­tisch vor­be­rei­tet, wir hat­ten nach poli­ti­schen Ver­bün­de­ten in den jüdi­schen Gemein­den gesucht, nach Anschluss­fä­hig­keit an neue poli­ti­sche Ideen”, fährt der Welt-Gast­au­tor fort, wor­aus wir ers­tens fol­gern dür­fen, dass er Juden in Par­tei­en schon kuhl fin­det, wenn sie nicht die fal­sche erwi­schen, und dass er zwei­tens die Israel­pho­bie von S. Gabri­el und ande­ren nach mus­li­mi­schen Wäh­ler­stim­men gie­ren­den Spit­zen­so­zis für „anschluss­fä­hig” hält – was inso­fern wurst ist (wenn man mir den Begriff in Kon­text von koscher und halal nach­sieht), als sogar jüdi­sche Unter­stüt­zung die SPD bei ihrer Selbst­ab­schaf­fung nicht auf­hal­ten wird. Im Übri­gen und prak­tisch drit­tens wird die Web­sei­te des Arbeits­krei­ses sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Jüdin­nen und Juden im Namen des SPD-Vor­stands betrie­ben; dass dies beim Zir­kel der Jüdin­nen, Juden und jüdi­schen Ange­hö­ri­gen ande­rer Geschlech­ter in der AfD je der Fall sein wird, ist gelin­de gesagt unwahrscheinlich.

„Aller­dings”, schreibt der nun end­lich wie­der zurück ins Omi­nö­se ver­ab­schie­de­te Welt-Gast­au­tor, „gibt es einen Unter­schied zwi­schen Besorg­nis und Dumm­heit.„
Das hät­te ich zwar fili­gra­ner, aber nicht sinn­ge­mäß anders sagen können. 

PS: Der Autor des hier gewür­dig­ten Arti­kels, „Ser­gej Lagodin­sky, ist Mit­glied von Bünd­nis 90/Die Grü­nen und irgend­was bei der Hein­rich-Böll-Stif­tung. Somit ist er weni­ger omi­nös als obso­let”, bemerkt Leser ***. Wenn *** da mal nicht irrt! Dann hat der Mann näm­lich recht­zei­tig Wit­te­rung auf­ge­nom­men und ist von der sin­ken­den roten Par­tei zur auf­stei­gen­den roten Par­tei gewech­selt. Ohne­hin wird es in Bäl­de nur noch zwei Par­tei­en geben, AfD und Grü­ne, weil es die bei­den ein­zi­gen sind, die ein so kon­zi­ses wie kon­trä­res Welt­bild anbie­ten und sich sämt­li­che west­li­che Gesell­schaf­ten der­zeit in die­se bei­den Lager tei­len. Die­se Zuspit­zung ist nicht auf mei­nem Mist gewach­sen, fühlt sich dort aber gewis­ser­ma­ßen „pudel­wohl” (Ch. Knobloch).

                                    ***

Zum vor­ges­tern ver­öf­fent­li­chen Brief eines aus­rei­se­wil­li­gen Unter­neh­mers schreibt Leser *** (der ersicht­lich kein Unter­neh­mer ist): 

„Die­ser ‚Brief’ schmerzt in der Tat, aber nur, weil er so pein­lich, so ein offen­sicht­li­ches Fake ist. Die­ser ‚Unter­neh­mer’ schreibt in einem Deutsch, das unge­mein schlicht ist; soll­te er aber wirk­lich über meh­re­re Unter­neh­mun­gen ver­fü­gen, so kann es sich nur um Döner­bu­den und Video­the­ken han­deln… Er hat so vie­le Unter­neh­mun­gen, eine ’schö­ne’ Frau und drei Kin­der und will ‚trotz­dem’ aus­wan­dern” – wo ist denn da die Logik? Ent­we­der haben Sie das selbst ver­faßt oder Sie sind einem Klein­spin­ner aufgesessen.”

Wo da die Logik ist, davon han­den die Acta diur­na prak­tisch vom ers­ten Tage an. Und es ent­behr­te nicht einer gewis­sen Logik, dass auch die­ser Brief von mir selbst ver­fasst ist…

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