5. September 2018

„Der ech­te Begriff des Libe­ra­len ist die anti­zi­pier­te Kol­la­bo­ra­ti­on.„
Johan­nes Gross

„Durch alle Wech­sel der Regime und Ver­fas­sun­gen hin­weg hat sich eines in der deut­schen Poli­tik als unver­rück­bar sta­bil erwie­sen: der Glau­be der Macht­ha­ber, daß ihre pri­va­ten Mei­nun­gen die Richt­schnur staat­li­chen Han­delns dar­stel­len; ein Respekt vor dem Steu­er­zah­ler, dem sie die Gel­der abpres­sen, käme ihnen absurd vor und kommt ihnen nicht in den Sinn.„
Der­sel­be

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Regie­rungs­spre­cher Sei­bert hat gegen­über Publi­co zuge­ge­ben, dass die Kanz­le­rin und er als ihr Bauch­red­ner mit der Unter­stel­lung, in Chem­nitz sei es zu „Men­schen­jag­den” gekom­men, unge­prüft eine Behaup­tung über­nom­men haben, die in den sozia­len und Wahr­heits­me­di­en zir­ku­lier­te. Bei den pau­scha­len Ver­un­glimp­fun­gen von Bür­gern, die ihr ver­fas­sungs­mäi­ges Recht auf Mei­nungs­äu­ße­rung und Ver­samm­lungs­frei­heit in Anspruch nah­men, stütz­ten sich der Regie­rungs­spre­cher und die Kanz­le­rin pikan­ter­wei­se ein­zig auf ein 19 Sekun­den lan­ges Video der „Anti­fa Zecken­biss”, auf wel­chem ein Mann zu sehen ist, der dro­hend auf einen ande­ren zuläuft. Wei­te­re Bele­ge wuss­te der Mer­kel-Spre­cher bis heu­te nicht zu her­bei­zu­wuch­ten. Auf die Idee, ein­fach bei den zustän­di­gen Poli­zei­dienst­stel­len anzu­ru­fen und sich zu erkun­di­gen, was sich zuge­tra­gen hat­te, war Sei­bert nicht gekom­men. Lie­ber denun­zier­te der getreue Stef­fen eine hal­be Stadt. 

Hal­ten wir fest: Nach den bis­her vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen haben in Chem­nitz haben kei­ne Men­schen­jag­den statt­ge­fun­den. Das bestä­tigt nicht nur der säch­si­sche Ober­staats­an­walt Wolf­gang Klein, son­dern inzwi­schen also auch der Regie­rungs­spre­cher. Auch Sach­sens Minis­ter­prä­si­dent Kret­schmer ringt sich zu der Ver­si­on „kein Mob, kei­ne Hetz­jagd” durch. Wenn wir von der Nie­der­mes­se­rung der drei Chem­nit­zer abse­hen, wel­che die Pro­tes­te aus­lös­te, über­steigt die Bilanz der Straf­ta­ten, Schä­den und Ver­let­zen im Rah­men der Chem­nit­zer Bei­na­he-Pogro­me nicht die eines nor­ma­le Bun­des­li­ga­spiels. Nur der Medi­en-GAU ist ein tota­ler. Außer Alex­an­der Wendt (Publi­co) hat es kein Jour­na­list für nötig gehal­ten, sich bei Poli­zei oder Staats­an­walt­schaft nach straf­re­le­van­ten Gescheh­nis­sen zu erkun­di­gen, also das Recher­che­mi­ni­mum zu leis­ten. Die gesam­te Medi­en­öf­fent­lich­keit mit Kanz­le­rin und Bun­des­prä­si­dent vor­ne­weg haben eine Stadt und mit ihr ein Bun­des­land auf der Grund­la­ge von Feknjuhs mit Dreck bewor­fen und denun­ziert. Das ist für die­se Repu­blik bis­lang bei­spiel­los. Das ist Volks­ver­het­zung von oben, wie man sie nur aus Dik­ta­tu­ren kennt. 

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Auf der Web­sei­te Ein­zel­fall­in­fos – mer­ke: Ein­zel­fäl­le addie­ren sich nicht; egal wie vie­le es wer­den, es blei­ben Ein­zel­fäl­le – las­sen sich ein­zel­ne Städ­te aus­wäh­len; hier fin­det man Chem­nitz, und wer sich durch die Poli­zei­be­rich­te und Mel­dun­gen der Regio­nal­pres­se über Schlä­ge­rei­en, Mes­se­rei­en, sexu­el­le Beläs­ti­gun­gen, Raub­über­fäl­le usw. klickt, meist began­gen von „Män­nern” oder „Grup­pen”, die zwar gut und gern, aber noch nicht beson­ders lan­ge hier leben, der fragt sich nicht: War­um Sach­sen? War­um Chem­nitz? … – son­dern: War­um hat es so lan­ge gedau­ert, bis die Men­schen auf die Stra­ße gehen? Wie gemüt­voll müs­sen die Sach­sen sein, dass sie das inmit­ten der ohne­hin­ni­gen Beschei­den­heit ihrer Lebens­ver­hält­nis­se so lan­ge hin­ge­nom­men haben? Welch enor­mer Druck las­tet in Schu­len, Unter­neh­men, Kir­chen, Uni­ver­si­tä­ten und Behör­den auf den Men­schen, dass sie es nicht eher wagten? 

Am Ran­de: Sogar die Schla­ger­nu­del Hele­ne Fischer hat jetzt dem öffent­li­chen Druck nach­ge­ge­ben, der auf sie aus­ge­übt wur­de (und wer weiß, wel­che Erpres­sun­gen hin­ter den Kulis­sen ablie­fen), und sich halb­her­zig, wahr­schein­lich inner­lich ange­ekelt, den #wir sind mehr-Plär­rern angedient.

Apro­pos:

 wirwarenmehr

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Man muss die Genos­sen Medi­en­schaf­fen­den aber auch ver­ste­hen: Sie sind nicht nur Lakai­en des Zeit­geis­tes, son­dern auch Knech­te der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie, das heißt: Jeder Jour­na­list muss sei­nen Vor­red­ner über­tö­nen, um gehört zu wer­den, und da ihnen der Mei­nungs­plu­ra­lis­mus ver­wehrt ist (wenn sie nicht Iso­la­ti­on und Exklu­si­on ris­kie­ren wol­len), über­schrei­en sie sich sozu­sa­gen auf der­sel­ben Ton­spur, mit dem immer­glei­chen, aber des­to schril­ler gekreisch­ten Kom­men­tar, und dabei kommt dann bei­spiels­wei­se so etwas her­aus wie der Über­bie­tungs­wett­be­werb der Spie­gel-Pen­nä­ler Sto­kow­ski, Berg, Lobo, Diez etc. ad nau­seam pp. Gön­nen wir ihnen „die gei­fern­de Lust” (Wotan, „Rhein­gold”, Vier­te Sze­ne); dar­über hin­aus, fürch­te ich, ist ihnen kei­ne beschieden.

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„Die Medi­en wer­den erst anfan­gen zu koope­rie­ren, wenn sich mit Lügen kein Geld mehr ver­die­nen lässt.„
Thor Kun­kel

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