Später 17. September 2018

Heu­te erreicht mich die Nach­richt, dass Ulrich Schacht gestor­ben ist. Das ist kei­ner der Tode, mit denen zu rech­nen war. Der Schrift­stel­ler zähl­te 67 Jah­re und befand sich, als ich ihn das letz­te Mal sah, bei bes­ter Lau­ne und geseg­ne­tem Appe­tit. Er war ein gro­ßer, kräf­ti­ger, wenn man so will luthe­ri­scher Kerl, von einer gewis­sen Gemüts­ver­schat­tung und zugleich der­bem Humor, der gern lach­te und sei­ne Melan­cho­lie mit Hei­ter­keit und Gott­ver­trau­en umgab.

Im Inter­view in der aktu­el­len Aus­ga­be der Sezes­si­on sagt Jean Ras­pail: „Ich will mit auf­rech­ten Men­schen Umgang pfle­gen.” Das ist eine gute Maxi­me. Schacht war ein Auf­rech­ter. Kein Tak­tie­rer, kein Heuch­ler, kein Ver­rä­ter. Einer der mein­te, was er sag­te. Ein Pro­tes­tant alten Schlags.

Schacht kam am 9. März 1951 in Stoll­berg zur Welt. Sein Geburts­ort legt den Gedan­ken nahe, er sei, wie u.a. ich, ein Erz­ge­birg­ler gewe­sen – aber das stimmt nicht. Er wur­de im Frau­en­gefäng­nis Hohen­eck gebo­ren, wo die SED-Genos­sen sei­ne Mut­ter ein­ge­sperrt hat­ten. Tat­säch­lich war er ein Nord­licht. Er ist in Wis­mar auf­ge­wach­sen. Von 1970 bis 1973 stu­dier­te Schacht Evan­ge­li­sche Theo­lo­gie in Ros­tock und Erfurt. 1973 wur­de er wegen „staats­feind­li­cher Het­ze” zu sie­ben Jah­ren Frei­heits­ent­zug ver­ur­teilt. 1976 kauf­te ihn die BRD frei (wür­de sie heu­te wahr­schein­lich nicht mehr tun). Als Sohn einer Anti­kom­mu­nis­tin im Gefäng­nis gebo­ren und 22 Jah­re spä­ter aus dem­sel­ben Grund wie sei­ne Mut­ter ein­ge­sperrt zu wer­den – das ist ein mei­nes Wis­sens sin­gu­lä­rer Fall. Fort­an war Schacht ein Gezeich­ne­ter. Er besaß eine sehr dezi­dier­te Mei­nung über lin­ke Gesell­schafts­ex­pe­ri­men­te. Dem­entspre­chend ent­setzt war er dar­über, wie beharr­lich west­deut­sche Lin­ke an deren Wie­der­ho­lung arbei­te­ten (wenn die­ser Begriff gestat­tet ist). 

Nach sei­nem Frei­kauf ging Schacht nach Ham­burg, stu­dier­te Poli­tik­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie und ver­ding­te sich als Feuil­le­ton-Redak­teur bei der Welt und der Welt am Sonn­tag. Sofort nach sei­nem deutsch-deut­schen Sei­ten­wech­sel trat er in die SPD ein, von der er damals noch glaub­te, es sei die Par­tei Bebels, Eberts und Kurt Schu­ma­chers. Die Illu­si­on hielt, for­mell, bis 1992. Dann kehr­te Schacht, der glü­hen­de Her­bei­seh­ner der deut­schen Ein­heit in Frei­heit, jener Par­tei den Rücken, die sich längst für ihre patrio­ti­sche Ver­gan­gen­heit schäm­te und mit Frei­heit ohne­hin nie beson­ders viel anfan­gen konnte.

Ich lern­te Schacht 1993 ken­nen, als er gemein­sam mit sei­nem Freund und mehr­fa­chen Co-Autor Hei­mo Schwilk den Sam­mel­band „Die selbst­be­wuss­te Nati­on” publi­zier­te, der im Post-68er Bie­der­mei­er viel Jau­len und Zäh­ne­flet­schen aus­lös­te. Er ver­trau­te mir mehr­fach an, wie sehr die lin­ken Wort­füh­rer der West-Repu­blik ihn ernüch­tert hat­ten, wie er in die­sem Milieu von Anfang an wegen sei­ner anti­so­zia­lis­ti­schen Hal­tung auf Miss­trau­en und Ableh­nung gesto­ßen war. Der DDR-Dis­si­dent wur­de schließ­lich noch schnel­ler zum BRD-Dis­si­den­ten als der Kom­mu­nist Trit­tin Minis­ter. 1998 zog er die Kon­se­quen­zen und sie­del­te nach Schwe­den um. Ohne­hin übte der Nor­den eine magi­sche Anzie­hung auf ihn aus, immer wie­der reis­te er in die Polar­ge­gend, um „Got­tes Schöp­fung am zwei­ten Tag zu betrach­ten”, wie er schwärm­te. Vie­le sei­ner Gedich­te fas­sen die­se eisi­ge Welt in lako­nisch-poe­ti­sche Wor­te, und noch in sei­ner letz­ten Mail an mich erin­ner­te er sich begeis­tert an sei­ne ers­te Fahrt ins Franz-Joseph-Land anno 1991, eine „Wahn­sinns­rei­se, wie zum Mond”, der 1992, 1993 und 1995 drei wei­te­re folg­ten. Im Eis war die­ser Gebrann­te offen­bar glücklich.

Schachts Flucht aus und vor allem vor Deutsch­land ins Mul­ti­kul­ti-Schwe­den – „alter Schwe­de” nann­te ich ihn seit­her – mag in einem gewis­sen Sinn ein gro­tes­ker Wech­sel „vom Regen in die Jau­che” (Wolf Bier­mann) gewe­sen sein, doch er war durch­aus opti­mis­tisch, dass die Schwe­den­de­mo­kra­ten das Land wie­der auf einen christ­lich-frei­heit­li­chen Weg füh­ren könn­ten. „Hier tut sich was, kei­ne Sor­ge”, schrieb er mir, „das Ende der ideo­lo­gi­schen Fah­nen­stan­ge ist auch in Schwe­den erreicht, die Wahl steht dro­hend bevor, die Pro­zen­te für die SD stei­gen und stei­gen, das Lager der eta­blier­ten Wirk­lich­keits­ver­drän­ger und ideo­lo­gi­schen Nut­ten bricht gera­de auseinander!”

Ulrich Schacht, der Vater, Ehe­mann, Poet, Essay­ist, Roman­cier, Publi­zist und Groß­kom­tur des St. Georgs-Ordens, ist nicht mehr unter uns. Er starb, offen­bar an den Nach­fol­gen eines Herz­in­farkts, am Sonn­tag in sei­nem Haus ober­halb von Förs­löv, im Lese­ses­sel sit­zend, mit dem Blick aufs Meer. Fahr wohl, alter Schwe­de, und sei frei!

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Mmmh. Es sind schon Men­schen für klei­ne­re Beträ­ge ver­gif­tet worden.                                  ***