23. Oktober 2018

Beim Lunch erzählt ein Bekann­ter, er habe sich vor kur­zem in der Münch­ner Staats­oper die Cas­torf-Insze­nie­rung von Janá­čeks „Aus einem Toten­haus” ange­se­hen (sei­ne Frau habe, wie immer in sol­chen Fäl­len, die Augen geschlos­sen und sich ledig­lich die Musik ange­hört). Er ste­he zu Cas­torfs Regie­ta­ten in einem ambi­va­len­ten Ver­hält­nis (sei­ne Frau leh­ne sie rund­weg ab), bis­wei­len füh­le er sich durch­aus unter­hal­ten. Ganz unge­teilt amü­sie­re ihn indes die an Brecht erin­nern­de Schnodd­rig­keit, mit wel­cher der Regis­seur in sei­nen Insze­nie­run­gen Ver­ach­tung für die soge­nann­te Hoch­kul­tur und ihr Publi­kum bekun­de, wäh­rend er zugleich üppi­ge Hono­ra­re dafür ein­strei­che. Ich ent­geg­ne ach­sel­zu­ckend, dass mich aus­schließ­lich die Wer­ke inter­es­sie­ren und die Welt­sicht von Regis­seu­ren nicht die Spur, wes­halb ich kaum mehr ein Thea­ter oder Opern­haus besu­che und eine Cas­torf-Insze­nie­rung schon gar nicht.

Wenig spä­ter plau­dern wir über den Bun­des­tag, und ich erklä­re, dass ich ein­mal ein Ple­num über meh­re­re Stun­den ver­folgt habe und nicht bereit sei, das jemals zu wie­der­ho­len, so sehr habe mich die­ses Pro­ze­de­re in sei­ner Vor­her­seh­bar­keit gelang­weilt und über­dies intel­lek­tu­ell ange­ödet, obwohl durch die AfD inzwi­schen ein biss­chen Stim­mung in den Laden gekom­men sei; vor­her müs­se es kom­plett uner­träg­lich gewe­sen sein. Aber man kön­ne von einem Kul­ti­vier­ten unmög­lich erwar­ten, dass er sich eine Rede von Frau Göring-Eckardt oder Frau Nah­les anhö­re. „Dann lie­ber eine Cas­torf-Insze­nie­rung?”, erkun­digt sich der Bekann­te lis­tig. „Dann lie­ber Cas­torf”, ent­geg­ne ich. „Lie­ber Cas­torf als Nah­les.” Aber bit­te bei­de in einem Atemzug!

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Die Deut­sche Wel­le strahlt eine ara­bisch­spra­chi­gen Talk­show namens „Shabab­talk” aus, der Mode­ra­tor heißt Jaa­far Abdul Karim und ist hier­zu­lan­de ein biss­chen bekannt, seit er 2015 auf einer Pegi­da-Demons­tra­ti­on mit Dun­kel­deut­schen ins Gespräch zu kom­men such­te. Bei sei­nem einst­wei­len letz­ten Shaba­talk – die Sen­dung fand im Sudan statt und stand unter dem Mot­to: „Was wol­len suda­ne­si­sche Frau­en?” – hat­te eine 28-jäh­ri­ge Unver­schlei­er­te die Unter­drü­ckung von Frau­en dort­zu­lan­de ver­ur­teilt. „Die Klei­dung, die ich tra­ge, ist Teil mei­ner Mensch­lich­keit und mei­ner Wahl­frei­heit – und nicht der Wahl der Gesell­schaft mit ihren kran­ken und rück­stän­di­gen Tra­di­tio­nen”, sag­te sie in einem Streit­ge­spräch mit dem Lei­ter der suda­ne­si­schen „Scho­l­ars Cor­po­ra­ti­on” namens Moham­med Osman Saleh.

„Seit­dem gehen bei den Fern­seh­leu­ten immer mehr Ver­wün­schun­gen und Mord­dro­hun­gen ein”, schreibt die FAZ. „Jaa­far Abdul-Karim hal­te sich nicht mehr im Sudan auf, teil­te die Deut­sche Wel­le mit, man tue das Bes­te für die Sicher­heit des Mode­ra­tors.” Der Part­ner­sen­der Suda­nia 24, mit dem die Sen­dung pro­du­ziert wur­de, ste­he wegen Anschlags­dro­hun­gen vor­läu­fig unter Poli­zei­schutz. Die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft in Khar­tum war­ne ihre Lands­leu­te davor, sich in der Nähe des Sen­der­ge­bäu­des aufzuhalten.

Die Jun­ge Frei­heit erin­nert süf­fi­sant dar­an, dass Karim bei der erwähn­ten Pegi­da-Demo „einen Schlag im Nacken ver­spürt” habe und eine „Empö­rungs­flut” die Fol­ge gewe­sen sein. „Von der Gefahr, in der er sich heu­te befin­det, erfährt der Medi­en­kon­su­ment dage­gen so gut wie nichts.”

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Der besag­te Herr Karim hat­te unter ande­rem auch als Repor­ter in der jor­da­ni­schen Haupt­stadt Amman jun­ge Män­ner gefragt, was sie tun wür­den, wenn ihre Schwes­tern arbei­ten gin­gen. Meist lau­te­te die Ant­wort: „Ich wür­de sie töten.” Wer ihnen das Recht dazu gebe?, erkun­dig­te sich Karim wei­ter. „Mein Vater, mein Onkel, mei­ne Ver­wand­ten.” Aber sei es nicht falsch, jeman­den zu töten? „Es ist nicht falsch, es ist unse­re Ehre.”

Die­sen Men­schen­schlag mit­samt sei­nen Ehr­vor­stel­lun­gen (und sei­nen gott­ver­trau­end-land­neh­me­ri­schen Ver­meh­rungs­ge­wohn­hei­ten) impor­tiert ’schland bekannt­lich in gro­ßem Stil und mit der erwünsch­ten Illu­si­on, die Neu­an­kömm­lin­ge wür­den sich den hier­zu­lan­de gel­ten­den Gepflo­gen­hei­ten schon zügig anpas­sen. Aber war­um soll­ten sie das tun? Sie wäh­nen sich in Got­tes Hand, ernäh­ren ihre Kin­der mit deut­schen Sozi­al­leis­tun­gen und erhal­ten ihre Eigen­art in einer frem­den Umge­bung, wo sie aber auf­grund ihrer schie­ren Zahl immer grö­ße­re Enkla­ven – aus ihrer Sicht: Exkla­ven – bil­den. Vor allem blei­ben sie etwas, das es der herr­schen­den Ideo­lo­gie zufol­ge nicht geben darf: Frem­de. (Es gibt nur Frem­den­feind­lich­keit, unge­fähr wie es angeb­lich kein Volk gibt, aber Volks­ver­het­zung bestraft wer­den soll.)

Die Leug­nung von Fremd­heit ist mitt­ler­wei­le deut­sche Staats­dok­trin, der herr­schen­de Zeit­geist „kennt kein Außer­halb” mehr. „Man stutzt heu­te das Unver­ständ­li­che auf ein Akzep­tanz­pro­blem zurecht, das es mit auf­ge­setz­ter Tole­ranz zu über­win­den gilt.” „Dres­siert von einer stren­gen Sprach- und Blick­re­ge­lung im Namen der Offen­heit und Tole­ranz, lei­det die Fremd­heits­er­fah­rung unter Aus­drucks­ar­mut und ver­stummt oft­mals ganz.” Das Ziel lau­tet: „Abschaf­fung des Eige­nen mit­tels Ver­leug­nung des Frem­den”. Des­halb soll Deutsch­land als „eigen­schafts­lo­ses Auf­füll­be­cken” für Wan­dern­de und Flie­hen­de aus aller Welt zur Ver­fü­gung ste­hen, die in einem „gren­zen­lo­sen Smart­pho­nien” ihre künf­ti­ge (und dann nicht mehr so genann­te) Hei­mat finden.

Die­se Zita­te stam­men aus dem Vor­wort zur Neu­aus­ga­be von Frank Böckel­manns Buch „Die Gel­ben, die Schwar­zen, die Wei­ßen”, das mir auf der Buch­mes­se in die Hän­de geriet. Die Erst­aus­ga­be ist 1998 in Enzens­ber­gers „Ande­rer Biblio­thek” erschie­nen und war zwi­schen­zeit­lich lan­ge ver­grif­fen. Mit einer gewis­sen Zufrie­den­heit schreibt der Ver­fas­ser, man möge ihn bit­te nicht der Eitel­keit zei­hen, wenn er fest­stel­le, dass sei­ne Dar­stel­lun­gen „in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten an Aktua­li­tät so gut wie nichts ein­ge­büßt haben”. Der Medi­en- und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Böckel­mann, 77, Kern-68er, einer der vie­len Wan­de­rer von weit links nach gemä­ßigt rechts, beschreibt in die­sem Buch anhand his­to­ri­scher Quel­len und per­sön­lich geführ­ter Inter­views, wie die ver­schie­de­nen Eth­ni­en, die man einst Ras­sen nann­te und andern­orts auch noch so nennt, ein­an­der wech­sel­sei­tig wahr­neh­men – näm­lich vor­wie­gend als fremd. Auch wenn wir heu­te kei­nen schwe­ren Schock mehr erlei­den, wenn wir einen Anders­ras­si­gen erbli­cken – wie etwa Papu­as beim ers­ten Anblick eines Wei­ßen in Starr­krämp­fe ver­fie­len oder schrei­end davon­rann­ten oder ein sie­ben­jäh­ri­ges Mäd­chen im ober­bay­ri­schen Land­kreis Mühl­dorf, das 1946 erst­mals einen schwar­zen GI zu Gesicht bekam, der­ma­ßen erschrak, dass eine schwe­re Zucker­krank­heit bei ihm aus­brach, an der es elf Jah­re spä­ter starb –, bleibt Fremd­heit doch eine anthro­po­lo­gi­sche Kate­go­rie sui gene­ris.

Jeder Mensch, der reist oder aus­län­di­sche Bekann­te hat, die ihm nicht nur höf­lich nach dem Mund reden, weiß, dass die fremd­heits­ei­neb­nen­de Welt­sicht west­li­cher Pro­gres­sis­ten anders­wo belä­chelt oder sogar ver­spot­tet wird. Natür­lich hat sich unter den Ande­ren längst her­um­ge­spro­chen, wie sehr die deut­sche Ferns­ten­lie­be nur aus dem Man­gel an Nächs­ten- und sogar Eigen­lie­be rührt und wie ver­lo­gen sie ist (kein Grund für Frem­de, sie nicht aus­gie­big zu stra­pa­zie­ren, gewiss). In der Sti­ckig­keit eines gesell­schaft­li­chen Kli­mas, in dem über Selbst­ver­ständ­li­ches nicht gere­det wer­den soll, weil das angeb­lich dem Ras­sis­mus Nah­rung gibt, ist es hilf­reich, ein Buch wie das von Böckel­mann zur Hand zu neh­men, wel­ches den Ver­hält­nis­sen die Ehre erweist, sie weder zu prei­sen noch zu ver­dam­men, son­dern ein­fach nur als Phä­no­men zu betrachten. 

Allein die Schwie­rig­kei­ten beim Auf­trei­ben der Inter­view­part­ner hät­ten eine rei­zen­de Minia­tur über gra­vie­ren­de eth­nisch-kul­tu­rel­le Eigen­ar­ten und Dif­fe­ren­zen erge­ben, wie sie bereits zwi­schen Chi­ne­sen und Japa­nern herr­schen. Wenn Let­ze­re aus­nahms­los berich­te­ten, „daß die gro­ße Mehr­heit der in Euro­pa resi­die­ren­den Japa­ner zurück­ge­zo­gen unter ihres­glei­chen lebe und die­ses pseu­do­euopäi­sche Dasein nicht gern zum Gesprächs­the­ma mache”, ist das frei­lich halb­wegs gene­ra­li­sier­bar. Das­sel­be mag auch gel­ten, wenn der Autor schil­dert, wie sei­ne japa­ni­schen Gesprächs­part­ner auto­ma­tisch zu den Begrif­fen „Wei­ße” und „wei­ße Ras­se” wech­sel­ten, als er von Deut­schen, Euro­pä­ern oder Ame­ri­ka­ner sprach.

„Der Japa­ner wen­det dem Wei­ßen ein dop­pel­tes Gesicht zu: das der Selbst­ver­leug­nung und das der Gewiß­heit, ein­zig­ar­tig zu sein”, notiert Böckel­mann. Das ent­spricht dem his­to­ri­schen Ken­nen­lern­pro­zess. Zuerst begeg­ne­te Nip­pon den frem­den Euro­pä­ern mit blin­der Emp­fäng­lich­keit, dann mit eben­so wahl­lo­ser Aus­sper­rung, war aber dabei stets bestrebt, alles von ihnen zu über­neh­men, was einen Vor­teil ver­sprach – wakon yosai („Japa­ni­scher Geist, west­li­che Tech­nik”) soll­te spä­ter die Maxi­me lau­ten. Der Staats- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Hon­da Toshia­ki (1744–1821) wur­de ein­mal gefragt, war­um die Hol­län­der imstan­de sei­en, so vor­züg­li­che Han­dels­gü­ter zu pro­du­zie­ren. Hon­da gab die treff­li­che Ant­wort, dass sogar Tie­re erstaun­li­che Fähig­kei­ten besä­ßen. Wie soll­ten die Japa­ner mit der ver­rück­ten Tat­sa­che fer­tig wer­den, dass Wil­de und Unrei­ne ihnen über­le­gen waren? (Heu­te tritt eine ähn­li­che kogni­ti­ve Dis­so­nanz bei vie­len Mus­li­men zuta­ge.) „Die Samu­rai-Schü­ler küm­mer­te es wenig, ob ihr Leh­rer ein Men­schen­we­sen war oder nicht, solan­ge er ihnen wert­vol­les Wis­sen bei­brach­te. Hin­ter der Mas­ke der Höf­lich­keit jedoch stu­dier­ten sie sei­ne Gewohn­hei­ten und gelang­ten gemein­sam zu einem ver­ächt­li­chen Urteil”, kom­men­tiert Böckel­mann. Kein Euro­pä­er soll­te glau­ben, dass frem­de Völ­ker­schaf­ten sei­ne Lebens­wei­se schät­zen, nur weil sie sei­ne Tech­nik übernehmen.

Der Autor zitiert das Bei­spiel des Laf­ca­dio Hearn, eines ame­ri­ka­ni­schen Repor­ters, der das Insel­reich so sehr lieb­te, dass er 1890 zum Japa­ner­tum kon­ver­tier­te, eine Japa­ne­rin hei­ra­te­te und ver­such­te, ein bes­se­rer Japa­ner als alle ande­ren zu sein, aber weder an der Uni­ver­si­tät noch spä­ter im Staats­dienst als Glei­cher akzep­tiert wur­de und als ein iso­lier­ter Fremd­ling ende­te. Der Unter­schied zu heu­te besteht ein­zig dar­in, dass die iso­lier­ten Frem­den so zahl­reich gewor­den sind, dass es inzwi­schen mehr oder weni­ger abge­schot­te­te Com­mu­nities gibt, die anders­ar­ti­gen Arbeits­mi­gran­ten ein gewöhn­li­ches Leben in der Frem­de ermög­li­chen. Zu den Merk­wür­dig­kei­ten der moder­nen Glo­be­trot­te­rei, ob nun tou­ris­tisch oder beruf­lich, gehört ja, dass die meis­ten Mobi­len im Aus­land unter ihres­glei­chen leben, sich abends mit Lands­leu­ten tref­fen, unge­fähr das­sel­be essen wie daheim und ihren Nach­wuchs in Schu­len schi­cken, wo sie auf ähn­lich gear­te­te Kin­der tref­fen. Inte­gra­ti­on fin­det nahe­zu nir­gend­wo statt, Segre­ga­ti­on indes wohin man schaut. Bezeich­nen­der­wei­se hiel­ten Böckel­manns chi­ne­si­sche Inter­view­part­ner eine Ver­west­li­chung ihres Lan­des „über Ober­flä­chen­phä­no­me­ne hin­aus” für aus­ge­schlos­sen. Man will dort das Frem­de nicht „inte­grie­ren” und sich ihm schon gar nicht anpas­sen. Ein des Chi­ne­si­schen kun­di­ger Ame­ri­ka­ner über­lie­fer­te fol­gen­den Dia­log, der sich auf einem Pekin­ger Markt zutrug: „Mama, die­ser Mensch da, ist es eine Frau oder ein Mann?” „Dum­mes Kind, das ist weder ein Mann noch eine Frau. Die­ser Mensch, mein Kind, ist ein Ausländer.”

Inter­es­san­ter­wei­se kamen in Chi­na um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert uto­pi­sche Ras­sen­mi­schungs­vor­stel­lun­gen auf, die an heu­ti­ge pro­gres­sis­ti­sche Phan­ta­sien von einer ein­heit­li­chen glo­ba­len Misch­eth­nie erin­nern. Der Revo­lu­tio­när Kang Yowei woll­te die gel­be und wei­ße Ras­se ver­mi­schen, um eine glo­bal domi­nan­te wei­ße Bevöl­ke­rung zu züch­ten. „Die Stär­ke der Wei­ßen ist ohne Fra­ge gewal­tig und in ihrer Art uner­reicht; auf der ande­ren Sei­te aber sind die Gel­ben zahl­rei­cher und ihnen an Weis­heit über­le­gen”, pos­tu­lier­te er. „Nur die Brau­nen und die Schwar­zen, die von den Wei­ßen him­mel­weit ver­schie­den sind, las­sen sich tat­säch­lich schwer amalgamieren.”

Wäh­rend vie­le Intel­lek­tu­el­le in Deutsch­land und ande­ren west­li­chen Län­dern immer noch an den Mel­ting Pot glau­ben, wur­de der Gedan­ke in Chi­na nie popu­lär. 1990 schrieb der chi­ne­si­sche Lyri­ker Duo Duo im eng­li­schen Exil: „Bevor ich ins Aus­land ging, erzähl­te man mir: Wenn ein chi­ne­si­scher Schrift­stel­ler einen Monat im Aus­land ist, kann er hin­ter­her ein Buch dar­über schrei­ben; fährt er für drei Mona­te, reicht es noch für einen Auf­satz; bleibt er für ein Jahr fort, bringt er kei­ne ein­zi­ge Zei­le aufs Papier.”

Das mao­is­ti­sche Chi­na ent­sand­te in den 1970er und 80er Jah­ren 250.000 Ver­trags­ar­bei­ter nach Tan­sa­nia und Sam­bia, um die schwar­zen Völ­ker im Kampf gegen den wei­ßen Kolo­nia­lis­mus zu unter­stüt­zen, spe­zi­ell beim Bau der Tan-Sam-Eisen­bahn. Die Gast­ar­bei­ter mie­den alle per­sön­li­chen Kon­tak­te zu den Ein­hei­mi­schen, schlos­sen weder Freund- noch Lieb­schaf­ten, und als sie abzo­gen, lie­ßen sie kei­ne Nach­kom­men dort zurück. Als Jour­na­lis­ten eini­ge der Rück­keh­rer in der Hei­mat auf einer Pres­se­kon­fe­renz frag­ten, wel­che Anre­gun­gen sie in Afri­ka emp­fan­gen hät­ten, herrsch­te minu­ten­lan­ges quä­len­des Schwei­gen… – Umge­kehrt ver­lie­ßen fast alle Afri­ka­ner, die Anfang der 1960er Jah­re zum Stu­di­um nach Chi­na gegan­gen waren, das Land schnell wie­der. Chi­ne­sin­nen, die sich mit Afri­ka­nern ange­freun­det hat­ten, wur­de aus­nahms­wei­se erlaubt, mit ihnen zu gehen. „Bin­nen Jah­res­frist kehr­te ein Teil der aus­ge­wan­der­ten Bräu­te nach Chi­na zurück und beklag­te sich öffent­lich dar­über, daß das afri­ka­ni­sche Essen unge­nieß­bar sei. Zudem habe sich in Afri­ka her­aus­ge­stellt, daß die Ehe­gat­ten jeweils schon meh­re­re Frau­en hatten.”

In Japan kam nach 1945 eine sechs­stel­li­ge Zahl von Kin­dern zur Welt, deren Väter ame­ri­ka­ni­sche Besat­zungs­sol­da­ten waren, und vie­le davon hat­ten natur­ge­mäß schwar­ze Väter. Die Müt­ter sol­cher Misch­lin­ge setz­ten die Kin­der ent­we­der ein­fach aus, ver­such­ten, sie irgend­wo abzu­ge­ben – oder sie wur­den aus dem Land getrie­ben; von Letz­te­ren emi­grier­ten vie­le nach Bra­si­li­en. Ein Teil der Misch­lings­kin­der wur­de von ame­ri­ka­ni­schen oder euro­päi­schen Fami­li­en adop­tiert. „Kein ein­zi­ges Kind fand japa­ni­sche Adop­tiv­el­tern.” Ein hal­bes Jahr­hun­det spä­ter bewer­te­ten Böckel­manns Inter­view­part­ner den Ein­tritt eines Schwar­zen in eine japa­ni­sche Fami­lie wahl­wei­se als Kata­stro­phe oder als Schan­de. Sie wür­de „wei­nen bis zum Tod”, wenn ihre Toch­ter mit einem Neger nach Hau­se käme, gab eine der befrag­ten Frau­en zu Pro­to­koll. Böckel­mann zitiert einen japa­ni­schen Anthro­po­lo­gen mit den Wor­ten: „Huma­nis­mus ist eine Sache, der phy­sio­lo­gi­sche Wider­wil­le vor bestimm­ten Men­schen eine andere.”

Ich been­de hier die Bei­spiel­le­se aus dem Buch. Es las­sen sich zahl­lo­se wei­te­re Exem­pel aus der Gegen­wart anfüh­ren, Erzäh­lun­gen von West­lern, die lan­ge im nicht­west­li­chen Aus­land gear­bei­tet haben und dort vor allem ihre Eigen­art erkannt haben, ja auf sie gesto­ßen wur­den. Dass vie­le Misch­ehen über eth­nisch-kul­tu­rel­le Grä­ben hin­weg geschlos­sen wer­den – ich wies hier vor eini­ger Zeit ein­mal auf das Phä­no­men hin, dass fast sämt­li­che mei­ner Bekann­ten, die als „rechts” gel­ten, mit zum Teil durch­aus exo­ti­schen Aus­län­de­rin­nen ver­hei­ra­tet sind –, zeigt nur, wel­che enor­me Bin­dungs­kräf­te akti­viert wer­den müs­sen, um die Grä­ben zu über­brü­cken. Es ist ja kein Zufall, dass nicht nur west­li­che Arbeits­mi­gran­ten in Fern­ost oder dem Ori­ent in sepa­ra­ten Kunst­wel­ten nach west­li­chen Stan­dards leben, son­dern eben auch die Ein­wan­de­rer aus die­sen Welt­ge­gen­den in Euro­pa fast immer unter sich blei­ben. Die The­se, man müs­se den Frem­den nur näher ken­nen­ler­nen und schon löse sich die Fremd­heit in Nichts auf, ist nicht plau­si­bler als die Gegen­the­se, dass gera­de ein nähe­res Ken­nen­ler­nen die Fremd­heit ins Boden­lo­se ver­tie­fe. In Über­see kön­nen wir beob­ach­ten, wie sich die Eth­ni­en immer mehr schei­den, wie wie sich der Mel­ting Pot in einen Trip­le Mel­ting Pot ver­wan­delt – schwarz, weiß, his­pa­nisch –, wobei der Begriff den Vor­gang kaum mehr tref­fend beschreibt. Segre­ga­ti­on, wohin man schaut. „The Dis­u­ni­t­ing of Ame­ri­ca” (Arthur Schle­sin­ger) ist vor allem ein eth­ni­scher Prozess.

„Die Ver­nunft der Wei­ßen dul­det frei­wil­lig kei­ne ande­ren Geis­ter neben sich”, resü­miert Böckel­mann. Nach dem Ver­lust der Kolo­nien und der glo­ba­len Domi­nanz habe sie heu­te einen Weg gefun­den, doch noch allein zu herr­schen: „daß sie an allem schuld ist”. Böckel­mann nennt die­sen welt­his­to­risch sin­gu­lä­ren kol­lek­ti­ven Knall „gestän­di­ger Impe­ria­lis­mus”. Das gro­ße Para­do­xon besteht nun dar­in, dass die ande­ren – also die­je­ni­gen, die wir nicht für fremd hal­ten dür­fen, wäh­rend wir für sie nichts als Frem­de sind – unse­re Gesell­schafts­form anneh­men sol­len. „Frü­her kamen wir als Erobe­rer über die Frem­den, heu­te füh­ren wir sie buß­fer­tig auf uns zurück. Sobald etwas Unbe­kann­tes auf­tritt, beschlag­nah­men wir es als Eige­nes oder als ein ‚ver­säum­tes Eige­nes’.” Wer sich aber wei­ge­re, „das Eige­ne auch gegen Ande­res zu set­zen, wird am Ende bei­des ver­ach­ten”. Sofern man ihn über­haupt noch nach sei­ner Mei­nung fragt.

(Böckel­manns Buch fin­den Sie hier.)

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