26. Oktober 2018

Bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on bemüh­te der Medi­en­wis­sen­schaft­ler und phi­lo­so­phi­sche Kopf Nor­bert Bolz als Gleich­nis für den Zustand unse­res Lan­des ein Bild aus der Bota­nik – näher­hin: aus sei­nem Gar­ten. Dort stün­den zwei stark mit Efeu über­wach­se­ne Bäu­me, die dem alle Lebens­geis­ter abschnü­ren­den Bewuchs mit bemer­kens­wer­ter Fes­tig­keit trotz­ten. So unge­fähr kom­me ihm das heu­ti­ge Deutsch­land vor, in dem eine erstaun­lich klei­ne Zahl tat­säch­lich pro­duk­ti­ver Men­schen unglaub­li­che Belas­tun­gen schul­te­re, vom auf­ge­bläh­ten büro­kra­ti­schen Appa­rat über irr­wit­zi­ge Euro­ret­tungs­pa­ke­te und die Ener­gie­wen­de bis hin zu den enor­men Kos­ten der Mas­sen­mi­gra­ti­on. Er habe schon vor vie­len Jah­ren geglaubt, das kön­ne nicht län­ger gut­ge­hen, aber es funk­tio­nie­re bis heu­te irgend­wie, und er kön­ne nur vom Kopf­schüt­teln ins Stau­nen und schließ­lich zur Bewun­de­rung wech­seln, wenn er das beob­ach­te. Die­ses Land sei eben von einer anschei­nend unzer­stör­ba­ren Leistungsfähigkeit.

1941 habe man von Deutsch­lands Kraft ähn­lich gedacht, raun­te ich ihm in der Pau­se zu.

Ges­tern bei Tische unter­hal­te ich mich mit einer Bekann­ten über das von Bolz gewähl­te Gleich­nis. Oh, das ken­ne sie, erwi­dert die Gute, auf ihrem Grund­stück habe auch ein sol­cher Baum gestan­den, vor lau­ter Efeu kaum noch zu sehen, aber stark und fest die unge­be­te­ne Pla­ge schul­ternd, bis, ja bis er eines Tages ohne jedes Vor­zei­chen auf einen Schlag umge­fal­len sei.

Es fragt sich, sage ich, ob nun der Baum, der den Schma­rot­zer nähr­te, oder der Efeu, der sei­nen Wirt und damit sich selbst töte­te, der Düm­me­re sei.
Ach, ver­setzt sie, der Efeu sei nach dem Zusam­men­bruch sei­nes Wirts gar nicht gestor­ben, son­dern er wuche­re am Boden mun­ter weiter.

PS: „Wir lie­ßen vor zwei Jah­ren eine sehr kor­pu­len­te und hoch­ge­wach­se­ne Kie­fer von meh­re­ren Efeuran­ken befrei­en, die an ihren unte­ren Enden jeweils Unter­arm­di­cke erreicht hat­ten und den Baum schier zu ersti­cken droh­ten”, holt Leser *** die Fata­lis­ten auf den Tep­pich der Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten zurück. „Seit­her zeigt das Nadel­kleid eine über­ra­schen­de Resurrektion.”

PPS: Eini­ge begab­te Her­me­neu­ti­ker zur Lin­ken inter­pre­tie­ren die­ses Gleich­nis so, dass dar­in die deut­sche Eiche vom migran­ti­schen Efeu über­wu­chert und erdros­selt wer­de. Das pas­siert, wenn man die Welt mit der Ras­sen­bril­le betrach­tet! Nichts liegt mir fer­ner, als die Deut­schen und spe­zi­ell jenes Milieu, aus wel­chem die­se küh­ne Inter­pre­ta­ti­on stammt, umstands­los dem Bau­me zuzu­schla­gen, im Gegen­teil! Der Baum – von einer Eiche war nir­gends die Rede – steht für jene 15 Mil­lio­nen tat­säch­lich Pro­duk­ti­ven, die das gesam­te Gesell­schafts­ge­bäu­de tra­gen. Deutsch­land hat 83 Mil­lio­nen Ein­woh­ner, 44 Mil­lio­nen davon, die reich­li­che Hälf­te, sind berufs­tä­tig im wei­tes­ten Sin­ne, 27 Mil­lio­nen zah­len mehr Steu­ern an den Staat, als sie staat­li­che Ver­güns­ti­gun­gen bekom­men; alle ande­ren leben von die­sen Steu­ern. Zieht man jetzt noch die­je­ni­gen ab, die zwar Steu­ern zah­len, aber auch aus Steu­er­mit­teln bezahlt wer­den, Beam­te, Sol­da­ten, Poli­ti­ker, Leh­rer usw., blei­ben 15 Mil­lio­nen wirk­li­che Steu­er­zah­ler übrig. Das ist der Stamm. Das heißt nicht, dass alle ande­ren – Mehr­fach­müt­ter, Schwes­tern in der Pfle­ge­stu­fe III etc. – Efeu sind, schla­gen wir sie viel­leicht den Ästen und Zwei­gen zu. Aber der meis­te para­si­tä­re Bewuchs ist immer noch biodeutsch …

PPPS: Ande­re, offen­bar auch kun­di­ge­re Leser wei­sen wie­der­um dar­auf hin, dem Efeu wer­de in die­sem Bil­de Unrecht getan, er sei gar kein Wür­ger, dafür gebe es ganz ande­re Kan­di­da­ten. Ich neh­me das jetzt mal so hin und zugleich auf mich. Möge Hede­ra helix die­se womög­li­che Ver­leum­dung mit jener Gleich­mut, ja Gleich­gül­tig­keit hin­neh­men, die seit eini­gen Jah­ren prak­tisch wie Efeu an mir emporwächst.

                                    ***

Dem gest­ri­gen Podi­ums­ge­spräch mit den Jour­na­lis­ten Peter Frey und Kai Gniff­ke, wel­ches sich zutrug und eräug­ne­te im schö­nen Dres­den, ent­neh­me ich als ent­schei­den­de Infor­ma­ti­on, dass sowohl der Chef­re­dak­teur des ZDF als auch der Chef­re­dak­teur von Tages­schau und Tages­the­men den „Glo­bal Com­pact for Safe, Order­ly and Regu­lar Migra­ti­on” nicht ken­nen, der am 11. Dezem­ber in Mar­ra­kesch unter­zeich­net wer­den soll. Sofern die bei­den nicht geflun­kert haben, ist das erstaun­lich. Die­ser UNO-Welt­mi­gra­ti­ons­pakt könn­te einer der ein­schnei­dends­ten poli­ti­schen Beschlüs­se in der Geschich­te der Mensch­heit oder zumin­dest in der Geschich­te Euro­pas wer­den. Etwas weni­ger vage for­mu­liert: Wenn die dar­in for­mu­lier­ten Prä­mis­sen – ein glo­bus­weit gel­ten­des Men­schen­recht auf Migra­ti­on, das alle natio­na­len Abwehr­rech­te über­steigt, mehr oder weni­ger sofor­ti­ge Teil­ha­be an den Sozi­al­sys­te­men der Auf­nah­me­ge­sell­schaf­ten sowie die Stig­ma­ti­sie­rung bzw. Bestra­fung jeder Kri­tik an Migra­ti­on und Migran­ten ein­schließt –, wenn die­se Prä­mis­sen durch­ge­setzt wür­den, han­del­te es sich um den ein­schnei­dends­ten Beschluss in der Geschich­te der Mensch­heit. Wenn Migra­ti­on ein Men­schen­recht ist, das sich ein­kla­gen und sei­tens der Auf­nah­me­län­der nicht abweh­ren lässt, dann wird die Nie­der­las­sungs­frei­heit für jeder­mann an jedem Ort die logi­sche Fol­ge sein. Alles Wei­te­re ist dann bio­lo­gi­sche Phy­sik. Wohin die über­zäh­li­gen Mas­sen aus Afri­ka und dem Ori­ent drän­gen wer­den, ist klar, inso­fern wird der Pakt nur Tei­le der Welt ver­än­dern. Der gesam­te Wes­ten ist durch die­se Plä­ne in sei­ner Exis­tenz­form bedroht. Es gibt Bedroh­te, sie sich ratio­nal, und sol­che, die sich irra­tio­nal ver­hal­ten; nun wäh­le. Der Efeu wächst, weh dem, der Efeu birgt – –

Aber es sei ja kein Beschluss, höre ich Wohl­ge­sinn­te sofort ein­wen­den, es hand­le sich nur um unver­bind­li­che Emp­feh­lun­gen, poli­ti­sche Wünsch­bar­kei­ten, um ein illu­sio­nä­res Ziel. Nun, wir wis­sen ja längst, wie die Sache in Zei­ten der smar­ten Demo­kra­tie­aus­höh­lung läuft: An den natio­na­len Sou­ve­rä­nen vor­bei wer­den inter­na­tio­na­le Zie­le gesteckt, zunächst als harm­lo­se Emp­feh­lun­gen ver­klei­det, die sich lang­sam, aber beharr­lich – Lost in Trans­la­ti­on inclu­si­ve – in ver­bind­li­che Ver­pflich­tun­gen und schließ­lich in gel­ten­des Recht ver­wan­deln, im Namen des Guten, des Wah­ren und der hei­li­gen Alter­na­tiv­lo­sig­keit selbst­re­dend. Wie die Schul­den­über­nah­me inner­halb der EU-Staa­ten, wie die Aus­he­be­lung des deut­schen Asyl­rechts durch angeb­lich höher­ran­gi­ge inter­na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten, gegen wel­che nur Men­schen­fein­de, Ras­sis­ten und Sach­sen Ein­wän­de vor­brin­gen können. 

Eine „von oben” orga­ni­sier­te kul­tu­rel­le Nivel­lie­rung und eth­ni­sche Durch­mi­schung der Völ­ker zur One World wäre das größ­te, den Kom­mu­nis­mus noch weit über­tref­fen­de ega­li­tä­re Men­schen­ex­pe­ri­ment. Eine wirk­li­che One World, eine Bra­ve New World ohne ret­ten­de Exi­le, wür­de der größ­te Alp­traum auf Erden wer­den, sie wür­de Strö­me von Blut kos­ten und im Ter­ror gegen ihre Kri­ti­ker enden. Aber gott­lob wer­den die meis­ten Län­der am Ende doch nicht mit­spie­len. Die USA und die stör­ri­schen Ungarn haben die­se Hybris der Sozi­al­inge­nieu­re sofort abge­lehnt, Donald Trump mit den immer wie­der zita­blen Wor­ten: „Wir sind eine Nati­on, kein Sied­lungs­ge­biet.” Die Dänen, Polen und Öster­rei­cher zögern. In der Schweiz rumort es. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass Chi­na, Russ­land, Aus­tra­li­en, Japan und Isra­el sich zum mäh­li­chen Eth­no­sui­zid beque­men. Nur die von Über­ge­schnapp­ten regier­te Tei­le West- und Nord­eu­ro­pas wer­den sich wohl auf das Pro­jekt ein­las­sen. So oder so, es wird in der tota­len Nie­der­la­ge der Uni­ver­sa­lis­ten und in lau­ter neu­en Par­ti­ku­la­ris­men enden, für deren Zusam­men­set­zung und Funk­ti­ons­wei­se wir noch gar kei­ne Begrif­fe haben. In den geflü­gel­ten Wor­ten Rolf Peter Sie­fer­les: „Wenn der Leib des Levia­than ver­zehrt ist, gehen die Maden sich gegen­sei­tig an den Kragen.”

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Den Satz des Abends sag­te Tages­schau-Chef Gniff­ke: „Wir sind kom­plett einig, dass Mei­nung und Bericht getrennt gehört, und wer das bei uns nicht beherrscht, fliegt raus.” (hier 1:09,27) Arbeits­äm­ter aufgemerkt!

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Ganz ohne Denun­zia­ti­on in der nach­träg­li­chen Bericht­erstat­tung geht so ein Podi­ums­ge­spräch aber auch nicht ab. ZDF-Chef Frey warf mir vor, ich hät­te das Staats­ober­haupt der Deut­schen, den Bun­des­prä­si­den­ten Stein­mei­er, eine „Mario­net­te” genannt; des­halb wer­de er mich nie­mals ins ZDF vor­la­den (sagt ein Mann, der von mei­nen Gebüh­ren bezahlt wird, aber sich offen­bar für Ted Tur­ner hält). Auf dem Podi­um hat­te ich die Mög­lich­keit zu ent­geg­nen, dass die gerüg­te For­mu­lie­rung einer Ascher­mitt­wochs­re­de ent­stam­me (hier ab 17.00; ich hät­te noch hin­zu­fü­gen kön­nen, dass es sich über­dies um Rol­len­pro­sa han­del­te; in einem Traum­ge­spräch ist es ein rus­si­scher Freund, der das Wort ver­wen­det). Tags dar­auf ist in der FAZ der immer­hin drol­lig anhe­ben­de Satz zu lesen:

„Dabei knöpf­te er (Frey) sich Klo­n­ovs­ky direkt vor, der unter ande­rem den Bun­des­prä­si­den­ten als ‚Mario­net­te des Sys­tems’ ver­ächt­lich gemacht und damit gezeigt hat­te, wie wenig er von der Demo­kra­tie hier­zu­lan­de hält.”

Es gibt gute Grün­de, so man­chen Press­ben­gel nicht son­der­lich zu mögen, aber da es inzwi­schen unmög­lich ist, mich bei mei­nem Arbeit­ge­ber zu denun­zie­ren, und ich die ande­re Hälf­te mei­ner Koh­le frei­be­ruf­lich ver­die­ne, soll es mir gleich­gül­tig sein. (Außer­dem: Viel­leicht ist er ja wirk­lich eine.)

                                  ***

Übri­gens: Ich pfle­ge ja in mei­nem klei­nen Eck­la­den eine peni­ble Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen nor­ma­ler Pres­se, Ten­denz­pres­se, Lügen­pres­se, Lücken­pres­se und Lum­pen­pres­se. Wenn Sie wis­sen möch­ten, was ich mit Letz­te­rer mei­ne, soll­ten Sie das lesen, davon aus­ge­hend, dass dies der ers­te Arti­kel zum The­ma dort ist.

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