30. September 2018

Ein bra­ver Mann namens Ingo Stütz­le, bei Spie­gel online vor­ge­stellt als „Marx-Exper­te” – sein aktu­el­les Buch erscheint im Dietz-Ver­lag, was bei einem in der DDR Aso­zia­li­sier­ten wie mir einen unüber­wind­li­chen Degout her­vor­ruft –, behaup­tet via Twit­ter, Alex­an­der Gau­land habe in sei­ner Wahl­kampf­re­de zu Frankfurt/Main ver­gan­ge­ne Woche ein Zitat aus Theo­dor Fritschs „Hand­buch der Juden­fra­ge” ver­wen­det, ohne es kennt­lich zu machen. Es han­de­le sich um Gau­lands Worte:

„Wir haben kein Inter­es­se dar­an, Mensch­heit zu wer­den. Wir wol­len Deut­sche bleiben.”

Das ver­meint­li­che Ori­gi­nal sei Fritschs Satz: „Was nicht ‚Mensch’ wer­den, son­dern Deut­scher blei­ben woll­te, ver­folg­te Marx mit ingrim­mi­gem Hass.”

Ein Spie­gel online-Kolum­nist ver­brei­te­te die­se Unter­stel­lung so unge­prüft wie denun­zia­ti­ons­be­flis­sen, was man ihm nach­se­hen muss, denn wo sie­ben, acht, neun Kolum­nis­ten Woche für Woche den immer­glei­chen Kom­men­tar schrei­ben, fällst du ohne for­cier­ten Denun­zia­ti­ons­ei­fer eines Tages ein­fach nicht mehr auf und evtl. sogar durchs Raster.

Als „Marx-Exper­te” hat Herr Stütz­le es mit einem Idol zu tun, das es mit den Quel­len („Hegel bemerkt irgend­wo…”) bis­wei­len auch nicht so genau nahm, und so etwas färbt oft auf den Mess­die­ner ab. Sei­ne Quel­le für das Gau­land-Zitat ist nicht der Ori­gi­nal­text der Rede, son­dern, wie­der­um dem Spie­gel zufol­ge, nur das, was anwe­sen­de Jour­na­lis­ten mit­ge­schrie­ben und spä­ter kol­por­tiert haben. Frei­lich – um Obe­ron Reger aus dem Roman „Land der Wun­der” text­ge­treu zu zitie­ren –: „Durch ein deut­sches Jour­na­lis­ten­ge­hirn gequetscht zu wer­den ist das Schreck­lichs­te, was einer Wirk­lich­keit pas­sie­ren kann.” Und nicht nur einer Wirk­lich­keit, auch einem Satz kann auf die­sem Gol­ga­t­ha­weg eini­ges zusto­ßen. Da Stütz­les Behaup­tung nicht nur rou­ti­niert ehr­ab­schnei­dend ist, son­dern vor allem falsch, hel­fe ich gern nach. Der beka­kel­te Satz steht in einem Sinn­zu­sam­men­hang, der hier in der Hoff­nung, dass Zusam­men­hän­ge noch irgend­ei­ne Rol­le spie­len könn­ten, vor­an­ge­stellt ist. Dem tweet-gewohn­ten Ver­brau­cher wird die Pas­sa­ge even­tu­ell zu umfäng­lich sein, aber ein Marx-Exper­te soll­te sie mühe­los meistern.

Gau­land erklär­te in sei­ner Rede wört­lich (den omi­nö­sen Satz habe ich her­vor­ge­ho­ben): „Der gro­ße Phi­lo­soph Baruch Spi­no­za hat gesagt, sich selbst im Sein zu erhal­ten sei das ers­te und ein­zi­ge Prin­zip der Indi­vi­dua­ti­on. Das gilt für Per­so­nen wie für Völ­ker. Das ele­men­ta­re Bedürf­nis eines Vol­kes besteht dar­in, sich im Dasein zu erhal­ten. Das ist im Grun­de unser Par­tei­pro­gramm in einem Satz. Nach­dem es durch die Aus­sa­gen des deutsch­stäm­mi­gen Har­vard-Poli­tik­wis­sen­schaft­lers Yascha Mounk in den ‚Tages­the­men’ sozu­sa­gen staats­funk­of­fi­zi­ell gewor­den ist, dass das deut­sche Volk unge­fragt und gegen sei­nen Wil­len durch eine mul­ti­eth­ni­sche Gesell­schaft ersetzt wer­den soll, bedarf die­ses Mini­mal­pro­gramm kei­ner wei­te­ren Erklä­rung. Wir stel­len uns gegen die­se kal­te Ent­sor­gung des Grund­ge­set­zes. Wir wol­len nicht ersetzt werden!

Lie­be Freun­de, wir befin­den uns in einem Über­le­bens­kampf gegen Kräf­te, die ihr glo­ba­lis­ti­sches Pro­gramm der Natio­nen­auf­lö­sung, der eth­nisch-kul­tu­rel­len Ver­ein­heit­li­chung und der Tra­di­ti­ons­ver­nich­tung als die Mensch­lich­keit und Güte selbst ver­kau­fen. Wir sol­len uns im Diens­te des Mensch­heits­fort­schritts ver­drän­gen las­sen. Wir sol­len als Volk und als Nati­on all­mäh­lich abster­ben und uns in einem höhe­ren Gro­ßeng­an­zen auf­lö­sen. ‚Wer Mensch­heit sagt, will betrü­gen’, erklär­te der fran­zö­si­sche Öko­nom Pierre-Joseph Proud­hon, ein Lin­ker übri­gens. Wir haben kein Inter­es­se dar­an, ‚Mensch­heit’ zu wer­den, wir wol­len Deut­sche blei­ben, damit sind wir Mensch­heit genug. Unser Kampf ist voll­kom­men defen­siv. Es geht uns ein­zig um die Erhal­tung unse­rer Art zu leben und zu sein.”

Man sieht: Vom ver­meint­li­chen Theo­dor-Fritsch-Zitat bleibt kein Schwe­fel­krü­mel übrig. Die Anfüh­rungs­stri­che bei „Mensch­heit” kann der AfD-Vor­sit­zen­de zwar so wenig mit­le­sen wie wei­land Phil­ipp Jen­nin­ger, aber u.a. durch das Proud­hon-Zitat ist klar, das damit pri­mär eine Qua­li­tät und kei­ne Quan­ti­tät gemeint ist, näm­lich die Ein­heits­mensch­heit in den Träu­men der one-world-Phan­tas­ten. All die twit­tern­den Hoch­be­gab­ten inklu­si­ve des Spie­gel-Kolum­nis­ten, die behaup­ten, Gau­land habe offen­bar ein Pro­blem mit der Men­gen­leh­re, haben sel­ber ein weit erheb­li­che­res Pro­blem mit der Bewer­tung von Quel­len. Allein der unter den jour­na­lis­ti­schen Kat­zen­tisch gefal­le­ne Zusatz „damit sind wir Mensch­heit genug“ lässt ihren fei­len Hohn ins Lee­re laufen. 

Sela, Psal­me­nen­de.

PS: Meh­re­re Leser wei­sen dar­auf hin, dass der Satz „Wer Mensch­heit sagt, will betrü­gen” nicht von Proud­hon, son­dern von Carl Schmitt stam­me bzw. von Schmitt unter fal­scher Flag­ge in die Welt gesetzt wor­den sei. 

Im „Begriff des Poli­ti­schen” (3. Aufl. 1963, S. 55) heißt es: „‚Mensch­heit’ ist ein beson­ders brauch­ba­res ideo­lo­gi­sches Instru­ment impe­ria­lis­ti­scher Expan­si­on und in ihrer ethisch-huma­ni­tä­ren Form ein spe­zi­fi­sches Vehi­kel des öko­no­mi­schen Impe­ria­lis­mus. Hier­für gilt (…) ein von Proud­hon gepräg­tes Wort: Wer Mensch­heit sagt, will betrügen.”

Im Kon­text der Rede ist das aller­dings egal, weil die Tat­sa­che, von wem das Zitat stammt, den beschrie­be­nen Sach­ver­halt nicht im Min­des­ten ändert. 

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