10. November 2018

„Es gab Zei­ten, da man die Skla­ven legal kau­fen musste.”
Sta­nisław Jer­zy Lec

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PS: „So pla­ka­tiv und sym­pto­ma­tisch die von Ihnen geteil­te Welt­kar­te ist, ist sie lei­der nicht kor­rekt”, schreibt Leser *** und sen­det die­sen Link zur eng­li­schen Wiki­pe­dia. Frei­lich steht dort geschrie­ben: „The so-cal­led ‚ban­ning’ of fos­sil fuels vehi­cles has a defi­ned scope and is gene­ral­ly app­lied in the form of a legis­la­ted decisi­on to restrict fur­ther sales or regis­tra­ti­on of new vehi­cles powe­red with spe­ci­fic fuels from a future date. At the date of imple­men­ta­ti­on cur­rent vehi­cles would still be regis­tra­ble. As at 2017, most bans are over 10-years into the future and are not yet legis­la­ted (Her­vor­he­bung von mir – M.K.).” Nen­nen wir die Gra­fik bes­ser: Welt­kar­te der tat­säch­lich dro­hen­den bzw. bereits durch­ge­setz­ten Die­sel­fahr­ver­bo­te. (Über gewis­se Unter­schie­de zwi­schen deut­schen und bei­spiels­wei­se paki­sta­ni­schen Die­sel­ve­hi­keln muss wohl kein Wort ver­lo­ren werden.)

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„Wir müs­sen han­deln, wo auch immer die Wür­de eines ande­ren ver­letzt wird. Wir müs­sen gegen­steu­ern, wenn eine Spra­che des Has­ses um sich greift”, sag­te Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er bei einer Gedenk­stun­de im Bun­des­tag zum 9. Novem­ber. Da sind wir aber gespannt, ob sich das Staats­ober­haupt dem­nächst auch ein paar Moscheen vor­knöpft, die­se etwa.

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Zum Jah­res­tag der „Kris­tall­nacht” warnt die Kanz­le­rin, also jene euro­päi­sche Poli­ti­ke­rin, die sich mit ihrer Poli­tik der stur­heil offen­ge­hal­te­nen Gren­zen und gleich­zei­ti­ger u.a. via Sel­fie aus­ge­sen­de­ter Lock­ru­fe als nicht ganz unbe­deu­ten­de Anti­se­mi­ten­im­port­spe­di­teu­rin her­vor­ge­tan hat, vor dem wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land – und nie­mand lacht sie aus. Direkt unter dem Arti­kel über Mer­kels Auf­tritt mel­det die online-Aus­ga­be der FAZ, dass es in Frank­reich in den ers­ten neun Mona­ten die­ses Jah­res „fast 70 Pro­zent mehr anti­se­mi­ti­sche Über­grif­fe” gege­ben habe, „auch 80 Jah­re nach der Reichs­po­grom­nacht”. (Die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft ist inzwi­schen so eng, dass man sich gemein­sam für die Taten des von Goe­b­bels auf­ge­hetz­ten SA-Pöbels ver­ant­wort­lich fühlt; die Bun­des­re­gie­rung erwägt, im Gegen­zug die Erschie­ßung des Her­zogs von Enghien auf die deut­sche Rech­nung zu set­zen.) „Angrif­fe auf jüdi­sche Kin­der und die Ermor­dung einer 85-jäh­ri­gen Holo­caust-Über­le­ben­den in ihrer Woh­nung in Paris hat­ten zuletzt in Frank­reich für Ent­set­zen gesorgt”, fährt das Qua­li­täts­blatt stil­si­cher fort. „Im ver­gan­ge­nen Jahr gab es nach offi­zi­el­len Anga­ben 311 anti­se­mi­ti­sche Übergriffe.”

Kein Wort dar­über, wer die­se Taten ver­übt haben mag. Also wer? Der alte Le Pen? Unbe­lehr­ba­re Roya­lis­ten? Rechts des Rheins sta­tio­nier­te Pegi­da-Stoß­trupps? Von Éric Zem­mour auf­ge­hetz­te Macron-Geg­ner? Die FAZ recher­chiert weiter!

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In der aktu­el­len Aus­ga­be der Jun­gen Frei­heit schil­dert Nico­laus Fest, wie er sich wäh­rend des Wahl­kampfs für sei­ne Bun­des­tags­kan­di­da­tur im ver­gan­ge­nen Jahr an meh­re­ren Ber­li­ner Gym­na­si­en und andern­orts Dis­kus­sio­nen mit Schü­lern und Stu­den­ten gestellt habe. Über­all sei er durch­aus „scharf und unfreund­lich” ange­spro­chen wor­den, unter ande­rem auch wegen Björn Höckes For­de­rung nach einer „180-Grad-Wen­de in der Erin­ne­rungs­po­li­tik”. Über­all habe er, wenn die Situa­ti­on es erlaub­te, dar­um gebe­ten, Gegen­fra­gen an sei­ne Gesprächs­part­ner rich­ten zu dür­fen. Die­se Fra­gen lau­te­ten bei­spiels­wei­se: Was war die Emser Depe­sche, was die Gol­de­ne Bul­le, was das Mira­kel des Hau­ses Bran­den­burg? Was beinhal­te­ten die Ben­esch-Dekre­te? Wie hie­ßen die Staats­rats­vor­sit­zen­den der DDR? Wann und durch wen wur­de die Wei­ma­rer Repu­blik aus­ge­ru­fen? Mit wel­chem Ver­trags­werk ende­te der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg? Wel­che Ein­heit beschwor die SED in ihrem Namen?

Mit Aus­nah­me einer win­zi­gen Min­der­heit his­to­risch Inter­es­sier­ter sei nie­mand im Audi­to­ri­um in der Lage gewe­sen, sol­che Fra­gen zu beant­wor­ten. „Es herrsch­te his­to­ri­sche Demenz”, resü­miert Fest. Nicht ein­mal zum Drit­ten Reich sei­en unter den jun­gen Leu­ten mehr als nur ein paar Stich­wor­te abruf­bar gewe­sen. Die Kennt­nis der kom­mu­nis­ti­schen Staats­ver­bre­chen ten­dier­te erst recht gegen Null. Des­halb habe er den Scho­laren die beru­hi­gen­de Aus­kunft ertei­len kön­nen, ihre Furcht vor einer „Erin­ne­rungs­wen­de” sei voll­kom­men unbe­grün­det. Eine Wen­de set­ze vor­aus, dass man über­haupt in irgend­ei­ne Rich­tung sege­le. Sie aber lägen „fest ver­täut im Hafen des his­to­ri­schen Analphabetismus”.

Die­ser – also der Analpha­be­tis­mus, nicht der Hafen – ver­schränkt sich bekannt­lich gern mit mora­li­scher Prä­po­tenz. Sogar ein Ber­li­ner Par­ty­bür­ger­meis­ter wuss­te nicht, wann genau ein gewis­ser Welt­krieg begon­nen hat­te, aber wer die Schuld an die­sem Krieg trug war, dar­über befand er sich sehr genau im Bil­de. Die Ant­wor­ten der Schü­ler, so Fest, „gin­gen immer in die­sel­be Rich­tung: Nicht Kennt­nis war wich­tig, son­dern Urteil. Krieg böse, Armut böse, Kolo­nia­li­sie­rung böse, Kapi­ta­lis­mus böse.” Sie wis­sen his­to­risch prak­tisch nichts, kön­nen aber alles kor­rekt bewer­ten. Für all die Ambi­va­len­zen, von denen die His­to­rie voll ist, besit­zen sie kein Organ mehr. Statt Geschich­te haben sie „Moral­kun­de” gelernt. Statt Viel­falt herrscht in den Köp­fen die binä­re Logik der Hypermoral.

Nichts ist für die Abrich­tung folg­sa­mer Unter­ta­nen wich­ti­ger, als ihnen den Blick in die rea­le Geschich­te zu ver­stel­len, die Wur­zeln – und damit den his­to­risch gegrün­de­ten Eigen­sinn – zu beschnei­den und ihnen statt­des­sen ein Geschichts­bild anzu­dres­sie­ren, aus wel­chem sie eine mora­li­sche Legi­ti­ma­ti­on bezie­hen dür­fen, die zufäl­lig jener ihrer Lehr­meis­ter genau ent­spricht. Die Ahnungs­lo­sig­keit als Grund­be­din­gung für jede Art Karriere.

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Apro­pos Schü­ler: „Die bes­ten Schü­ler der Welt leben in Chi­na, Japan, Korea und Viet­nam”, liest man in der Neu­en Zür­cher Zei­tung. Wäh­rend unter 1000 zehn­jäh­ri­gen Ost­asia­ten 320 bis über 500 in die höchs­te mathe­ma­ti­sche Leis­tungs­klas­se gehö­ren, sind es in der Tür­kei, Schwe­den und Deutsch­land rund 50, in Frank­reich 25. Euro­pa stel­le nur noch Mit­tel­maß in den MINT-Fächern, resü­miert der Autor des Arti­kels, Gun­nar Hein­sohn, Prä­ger des Ter­mi­nus „Kom­pe­tenz­fes­tun­gen”, mit der für ihn typi­schen Lako­nie die welt­weit bewun­der­ten Leis­tun­gen der deut­schen „Gen­der-Stu­dies” mann­haft igno­rie­rend. (Alex­an­der Wendt brach­te unlängst beim Wei­ne für tren­di­ge deut­sche Bil­dungs­ein­rich­tun­gen den rei­zen­den Kom­ple­men­tär­be­griff „Inkom­pe­tenz­fes­tun­gen” in Vor­schlag.) „Wenn auf ein­mal ein ganz Star­ker, also Chi­na, ins glo­ba­le Ren­nen ein­tritt und läs­sig weg­kon­kur­ren­ziert, was an acht­ba­ren, aber doch zweit­klas­si­gen Indus­trien da ist, kön­nen einst viel­ver­spre­chen­de Tiger nicht ein­mal mehr Bett­vor­le­ger ver­kau­fen”, fährt Hein­sohn fort. „Als­bald zwei Drit­tel der Mensch­heit blei­ben unten, wo die Exper­ti­se für den Auf­bau von High­tech-Bran­chen fehlt, ohne die es – jen­seits von Roh­stof­fen – kei­nen Zugang zu den Welt­märk­ten gibt.”

Der abge­schla­ge­ne Teil der Mensch­heit begeh­re nun Ein­lass nach Euro­pa. „Mit erho­be­nen Hän­den und ohne Waf­fen” – hier ist Prof. em. Hein­sohn nicht ganz auf dem Lau­fen­den – „kom­men die Wan­de­rungs­wil­li­gen an die Gren­zen. Gera­de ihre bil­dungs­fer­ne Hilf­lo­sig­keit beun­ru­higt, weil sie in moder­nen Staa­ten das Recht auf lebens­lan­ge Sozi­al­hil­fe ver­leiht. Die Kom­men­den haben die Uno auf ihrer Sei­te. Ihr ‚Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on’ will ‚eine siche­re, geord­ne­te und gere­gel­te Migra­ti­on’ und ‚jeder­zeit gegen Frem­den­feind­lich­keit, Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung’ durch inter­na­tio­na­le Gerich­te ein­schrei­ten kön­nen.” Bis das Niveau so weit aus­ge­gli­chen ist, dass wei­te­re Wan­de­run­gen obso­let werden.

„Ange­sichts des deut­schen Bil­dungs­fi­as­kos kann nie­mand die Ost­asia­ten davon über­zeu­gen, dass Niveau­ab­sen­kung ihre Kon­kur­renz­fä­hig­keit ver­bes­sert. Alle zusam­men neh­men jähr­lich nicht ein­mal 100 Asyl­be­wer­ber auf. Weil sie spü­ren, dass ten­den­zi­ell Unbe­schul­ba­re kei­nen brauch­ba­ren Ersatz für ihre Rent­ner lie­fern, set­zen sie auf Robo­ter und ste­hen mit über 60 Pro­zent der instal­lier­ten Kunst­men­schen an der Weltspitze.”

Wäh­rend aus dem Füh­rer­bun­ker die neu­en Nero­be­feh­le kom­men, sack­te die Bun­des­re­pu­blik „bei der digi­ta­len Zukunfts­fä­hig­keit zwi­schen 2013 und 2018 vom ach­ten auf den zwan­zigs­ten Platz. Den ver­blie­be­nen Talen­ten win­ken über­all rote Tep­pi­che. Die aus ihren Steu­ern Ver­sorg­ten dage­gen hal­ten dem Land die Treue.”

Wei­te­re Sie­ges­mel­dun­gen von allen Fron­ten lesen Sie hier. Nach­dem der Füh­rer wei­land die Rus­sen nur des­halb bis nach Polen gelockt hat, um sie auf ver­klei­ner­ter Front des­to ein­fa­cher schla­gen zu kön­nen, senkt sei­ne spä­te Amts­nach­fol­ge­rin im Kanz­ler­amt nur des­halb den Durch­schnitts-IQ in ’schland, um die Dekar­bo­ni­sie­rung der Täter­volks­wirt­schaft des­to nach­hal­ti­ger (und wider­stand­lo­ser) ins Werk set­zen zu kön­nen. Ende der Durchsage.

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Im 21. Jahr­hun­dert trat ein voll­kom­men neu­es Phä­no­men in die Welt­ge­schich­te: Nach­dem jahr­tau­sen­de­lang aggres­si­ve Impe­ri­en um die Vor­herr­schaft gekämpft hat­ten, wuchs im Wes­ten plötz­lich ein auto­ag­gres­si­ves Impe­ri­um heran…

 

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