14. November 2018

Ges­tern Abend zu Gast bei der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung der „Mos­kau­er Tage in Ber­lin” im Fest­saal des Roten Rat­hau­ses. Bevor sechs Solis­ten der Mos­kau­er „Heli­kon-Oper” zum Pia­no­for­te belieb­te Gas­sen­hau­er aus ehe­mals auch zur Gän­ze popu­lä­ren Opern vor­tru­gen, hiel­ten Ver­tre­ter der bei­den Städ­te kur­ze Anspra­chen. Für Mos­kau sprach der stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­ter und Minis­ter für Außen­wirt­schafts­kon­tak­te, Ser­gej Tscher­jo­min, im Namen der deut­schen Haup­stadt stieg vor ihm Ber­lins Staats­se­kre­tä­rin „für Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment und Inter­na­tio­na­les”, Saw­san Che­bli, in die Bütt. Ich bekam also erst­mals die Gele­gen­heit, Frau Che­bli bei der Aus­übung ihrer hoheit­li­chen Tätig­keit zu hos­pi­tie­ren. Sie hat­te kaum das Podi­um erklom­men, da war der Boden bereits mit Spä­nen aus dem städ­te­part­ner­schaft­li­chen Phra­sen­ho­bel bedeckt, wobei unser Stein­mei­er-Pro­te­gé natür­lich nicht ver­gaß, den Ukrai­ne-Kon­flikt zu erwäh­nen. Ansons­ten fiel kei­nes­wegs nur mir auf, wie keck sie den Anlass nutz­te, um von sich sel­ber zu reden: dass sie eine hal­be Stun­de vor der Ver­an­stal­tung mit dem stell­ver­tre­ten­den Bür­ger­meis­ter gespro­chen habe und frü­her, in ihrer Zeit im Außen­mi­nis­te­ri­um, auch schon da- und dort­hin gereist sei. Nun, dach­te ich mir, viel­leicht schenkt man ihr im Rat­haus ansons­ten nicht genü­gend Auf­merk­sam­keit, und also­gleich ließ ich mei­ne unste­ten Bli­cke von ihr fort auf Anton von Wer­ners Gemäl­de „Der Ber­li­ner Kon­greß von 1878” schwei­fen, auf wel­chem Bis­marck Peter Graf Schu­wa­low die Hand schüt­telt, wäh­rend der rus­si­sche Staats­kanz­ler Alex­an­der Fürst Gort­scha­kow mit Ben­ja­min Dis­rae­li plau­dert und die osma­ni­schen Abge­sand­ten am rech­ten Bild­rand den diplo­ma­ti­schen Kat­zen­tisch umstehen. 

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Nur Män­ner!, dach­te ich indi­gniert, sofort die nächst­hö­he­re Meta-Ebe­ne erklim­mend, doch wie weit sind wir inzwi­schen gekom­men! Immer­hin hät­te Frau Bar­ley damals nicht behaup­ten kön­nen, in ein Meer maus­grau­er Anzü­ge zu schauen…

Der musi­ka­li­sche Teil begann, die Solis­ten wech­sel­ten ein­an­der auf der klei­nen Büh­ne ab, und nach der drit­ten Num­mer, Lau­ret­tas „O mio bab­bi­no caro”, nut­ze Frau Che­bli den Zwi­schen­ap­plaus, um sich halb­wegs dis­kret und mit einer bedau­ern­den Ges­te zu absen­tie­ren, kurz bevor der Tenor das zur Situa­ti­on pas­sen­de „La don­na è mobi­le” anstimm­te. Nun stell­te sich für alle Zurück­blei­ben­den die Fra­ge, war­um die saal­weit ein­zi­ge Trä­ge­rin eines ech­ten Ope­ret­ten­ti­tels die Soi­ree schon ver­las­sen hat­te. Geschah es, weil

1. ihr Köpf­chen nach drei Num­mern bereits rap­pel­voll mit Noten war (Joseph II.: „Zu vie­le Noten, Mozart”)?
2. sie am spä­te­ren Abend noch wich­ti­ge Ter­mi­ne mit hohen Städ­te­ver­tre­tern aus New York und Riad hat­te?
3. man sich, wie mir eine rus­si­sche Beglei­te­rin ins Ohr raun­te, den umge­kehr­ten Fall vor­zu­stel­len habe, also eine Ses­si­on mit paläs­ti­nen­si­scher Musik, wo unser­eins doch auch schnellst­mög­lichst dem „Gejau­le” hät­te ent­flie­hen mögen (was ich demen­tier­te)?
4. eine Anwei­sung von (noch wei­ter) oben vor­lag, dass sie ihre nolens-volens-Anwe­sen­heit auf der Fete des Fein­des kei­nes­falls zu sehr aus­deh­nen und sich osten­ta­tiv zurück­zie­hen solle? 

Wie auch immer, die Rus­sen, nicht nur die auf der Bühne,

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beka­men eine Lek­ti­on erteilt, wer das heu­ti­ge Deutsch­land repräsentiert.

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Wiki­pe­dia-Ein­trag: Erde. Dar­un­ter der Ver­weis „Wird auch oft gesucht: Mars, Mond, Son­ne.„
Die­se Algo­rith­men sind ein­fach unschlagbar.

 

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Nun hat es sich sogar bis zum Tages­spie­gel her­um­ge­spro­chen, dass am „Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on” etwas faul ist. Man könn­te von einer Ver­schwö­rung von Regie­rung, Außen­mi­nis­te­ri­um und lin­ker soge­nann­ter Oppo­si­ti­on zum Nach­teil des deut­schen Vol­kes spre­chen, wenn ein deut­sches Volk über­haupt exis­tier­te, was bekannt­lich nicht der Fall ist, und wenn es Ver­schwö­run­gen tat­säch­lich gäbe (und nicht nur Theo­rien dar­über), was bekannt­lich eben­so unzu­tref­fend ist. 

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Nach der not­wen­di­gen klei­nen Säu­be­rung (Ope­ra­ti­on Maul­wurf bzw. ‑korb) im Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz schreibt Welt.online über den Maaßen-Nach­fol­ger: „Hal­den­wang ist so etwas wie der Gegen­ent­wurf zum vor­he­ri­gen Ver­fas­sungs­schutz­chef. Der ‚Spie­gel’ nann­te ihn gar den ‚Anti-Maaßen’. Und tat­säch­lich: Anders als sein Vor­gän­ger gilt Hal­den­wang als zurück­hal­tend, boden­stän­dig und eini­ger­ma­ßen unei­tel. Maaßen dräng­te zuletzt immer öfter an die Öffent­lich­keit, gab umstrit­te­ne Inter­views und ver­trat sogar offen eine Gegen­po­si­ti­on zur Bundeskanzlerin.”

Ist es zunächst bemer­kens­wert, wie ein ein­zel­nes Inter­view sich plu­ra­li­siert und dabei an Umstrit­ten­heit noch zulegt, so wird es noch bemer­kens­wer­ter, dass die For­mu­lie­rung einer Gegen­po­si­ti­on zu jener der Kanz­le­rin für die Welt als Ent­las­sungs­grund offen­bar hin­reicht. Am bemer­kens­wer­tes­ten frei­lich dürf­te sein, dass Maaßen ja kei­ne Posi­ti­on ver­tre­ten, son­dern ledig­lich den Erkennt­nis­stand sei­ner Behör­de mit­ge­teilt und eine fal­sche Aus­sa­ge aus Mer­kels min­nig­li­chen Mund­werk rich­tig­ge­stellt hat. Eine freie Pres­se stün­de in einem sol­chen Fal­le auf sei­ten der Wahr­heit, aber Pila­tus zum Bei­spiel hat dazu schon alles Nöti­ge gesagt. Ehe der Hahn kräht, wird der Press­strolch, soll­te er jemals etwas ande­res vor­ge­habt haben, die Wahr­heit drei­mal ver­dre­hen, und zwar ohne her­nach bit­ter­lich zu weinen.

„Für Maaßens Nach­fol­ger gibt es in den kom­men­den Jah­ren eini­ges zu tun: Nicht nur gilt es, das Ver­trau­en in den Ver­fas­sungs­schutz, das durch die umstrit­te­nen Aus­sa­gen Maaßens in den ver­gan­ge­nen Mona­ten erneut gelit­ten hat, wie­der­her­zu­stel­len”, fährt die Gazet­te fort. „Auch ganz prak­ti­sche Din­ge ste­hen an: Das Bun­des­amt soll wach­sen. Maaßen hat­te bei den Haus­halts­ver­hand­lun­gen das Maxi­mum für das Amt her­aus­ge­holt. Bis zum Jahr 2021 soll das BfV über rund 6000 Mit­ar­bei­ter verfügen.”

Und die kön­nen sich dann alle in den „Kampf gegen rechts” stür­zen. Hui Buh!

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Ihre Rede zum 100. Jah­res­tag des Welt­kriegs­en­des eröff­ne­te die Bun­des­kanz­le­rin zu Paris mit den Worten:

„Wir haben heu­te Mor­gen – und ich glau­be, ich sage das im Namen aller – in einer bewe­gen­den Zere­mo­nie der Tat­sa­che gedacht, dass am 11. Novem­ber gegen 11 Uhr mor­gens vor genau 100 Jah­ren die Nach­richt von einem Waf­fen­still­stand an der West­front die Run­de mach­te. Mel­de­rei­ter mit Trom­pe­ten haben damals den Waf­fen­still­stand ver­kün­det, Sol­da­ten feierten.”

Zunächst ein­mal: Der Satz, jemand glau­be, „im Namen aller” zu spre­chen, ist immer falsch und bar­ba­risch (Ein­hel­lig­keit ist eine Eigen­schaft von Hor­den). Sodann ste­hen wir vor dem typisch nebu­lö­sen Mer­kel-Sprech: „Sol­da­ten fei­er­ten”; eine Nach­richt „mach­te die Run­de”, ein Waf­fen­still­stand wur­de ver­kün­det. Stimmt alles und auch wie­der nicht. Es war kei­nes­wegs nur ein Waf­fen­still­stand, son­dern eine bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on. Im berühm­ten Salon­wa­gen in Com­piè­g­ne muss­te das Deut­sche Reich ers­tens Elsass-Loth­rin­gen auf­ge­ben (wir spre­chen von jenem Elsass, das die Fran­zo­sen unter Riche­lieu „den” Deut­schen weg­ge­stoh­len hat­ten, bevor Bis­marck es 1871 wie­der dem Reich zuschlug), zwei­tens zulas­sen, dass die Sie­ger­mäch­te die links­rhei­ni­schen deut­schen Gebie­te beset­zen und vier rechts­rhei­ni­sche Brü­cken­köp­fe um Köln, Koblenz, Mainz und Kehl bil­den durf­ten, drit­tens hat­te das Reich sämt­li­che Kriegs­schif­fe, einen Groß­teil sei­ner Flug­zeu­ge sowie tau­sen­de Geschüt­ze und Maschi­nen­ge­weh­re abzu­ge­ben, um bei allem, was in Ver­sailles fol­gen wür­de, hin­rei­chend wehr­los zu sein, vier­tens wur­de der Ver­trag von Brest-Litowsk annul­liert, fünf­tens die bri­ti­sche See­blo­cka­de, wel­cher bei den Mit­tel­mäch­ten nach heu­ti­gen Schät­zun­gen unge­fähr eine Mil­li­on Men­schen zum Opfer fie­len, vor­nehm­lich durch Hun­ger, nicht auf­ge­ho­ben. Gleich­wohl gab es natür­lich Sol­da­ten, die fei­er­ten, dass sie der „Blut­kir­mes” (Tho­mas Mann, „Zau­ber­berg”, Schluss­ka­pi­tel) ent­ron­nen waren. Dar­auf auch heu­te noch einen Dujardin! 

„Für die­sen Krieg muss­te damals ein neu­er Begriff geschaf­fen wer­den”, fuhr Mer­kel fort. „Das war der Begriff des Welt­kriegs. In Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en sagt man: der Gro­ße Krieg. Er spreng­te alles, was sich die Mensch­heit bis dahin ange­tan hatte.”

Nun, das ist nicht ein­mal halb rich­tig, son­dern falsch. Wenn wir von der bri­ti­schen Hun­ger­blo­cka­de abse­hen, war die Zahl nicht unmit­tel­bar an den Kämp­fen betei­lig­ter Opfer im Ers­ten Welt­krieg weit gerin­ger als bei­spiels­wei­se im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, bei der spa­ni­schen Erobe­rung Süd­ame­ri­kas, bei den Mon­go­len­ein­fäl­len, bei Cae­sars Ope­ra­tio­nen in Gal­li­en und Ger­ma­ni­en, um nur ein paar mar­kan­te Exem­pel zu nen­nen. Auch in abso­lu­ten Zah­len schaff­te es La Gran­de Guer­re bereits damals nicht an die Spit­ze. Der Auf­stand der Tai­ping, der genau 50 Jah­re vor dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs ende­te, kos­te­te zwi­schen 20 und 30 Mil­lio­nen Chi­ne­sen das Leben. (Aber die­se Chi­ne­sen ver­der­ben sowie­so noto­risch sämt­li­che mise­ra­bi­lis­ti­schen euro­päi­schen Rekord­ver­su­che; im Lei­chen­berg-Ran­king schlägt Mao Tse-tung alle; des­halb gilt es in Pro­gres­sis­ten­krei­sen als unfein, dar­über zu sprechen.) 

„Wir schau­en heu­te, 100 Jah­re spä­ter, zurück auf die­sen Krieg. Wir geden­ken der Opfer, der Frau­en, Män­ner und Kinder.”

Und zwar exakt in die­ser Reihenfolge!

„Dass ich heu­te hier als Bun­des­kanz­le­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ste­he, ist eine Ehre für mich. (…) Denn das ist heu­te alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich, ins­be­son­de­re nach dem Leid, das die Deut­schen in zwei Welt­krie­gen über ihre Nach­barn, über Euro­pa und die Welt gebracht haben.”

Man darf sich von Mer­kels Stum­mel­deutsch nicht ein­lul­len las­sen, sie setzt jedes Wort mit Bedacht, spe­zi­ell ihre Unschär­fen sind genau kal­ku­liert. „Sol­da­ten fei­er­ten”, aber „die” Deut­schen haben Unheil über die Welt gebracht, nicht „Deut­sche“ oder deren Waf­fen­trä­ger, Funk­ti­ons­eli­ten und Oppor­tu­nis­ten. Und zwar in zwei Welt­krie­gen. Die­se Vol­te hat die Kanz­le­rin schon ein­mal geschla­gen, eben­falls zu Paris, eben­falls im Novem­ber (2011 so weit ich mich ent­sin­ne) und zum glei­chen Anlass; die Inter­pre­ta­ti­on sitzt also. Was Deut­sche in zwei Welt­krie­gen Fran­zo­sen ange­tan haben, das bedeu­tet nach den Usan­cen des öffent­li­chen Spre­chens in höchs­ten Rän­gen: Mer­kel nahm und nimmt auch die Schuld am Ers­ten Welt­krieg auf Deutsch­lands Kerb­holz. Was heu­te so gut wie alle His­to­ri­ker für unge­recht­fer­tigt erklä­ren und woge­gen sich sei­ner­zeit u.a., um ein paar Unver­däch­ti­ge zu nen­nen, Ebert und Schei­de­mann noch vehe­ment ver­wahr­ten, den Kriegs­schuld­pa­ra­gra­phen des Ver­sail­ler Dik­tats, Mer­kel hat ihn rati­fi­ziert. Die Entente hat 1914 ff. umge­kehrt Deut­schen nichts ange­tan. Ist das end­lich ver­stan­den worden?

„Der Frie­de, den wir heu­te haben, den wir zum Teil schon als all­zu selbst­ver­ständ­lich wahr­neh­men, ist alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich, son­dern dafür müs­sen wir arbei­ten”, fuhr die Kanz­le­rin fort. „Des­halb möch­te ich auch von mei­nen Sor­gen spre­chen, die sich für mich in unser heu­ti­ges Geden­ken mischen – die Sor­ge etwa, dass sich wie­der natio­na­les Scheu­klap­pen­den­ken aus­brei­tet, dass wie­der so gehan­delt wer­den könn­te, als kön­ne man unse­re wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten, Bezie­hun­gen und Ver­flech­tun­gen ein­fach igno­rie­ren. Wir sehen doch, dass inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit, fried­li­cher Inter­es­sen­aus­gleich, ja, selbst das euro­päi­sche Frie­dens­pro­jekt wie­der infra­ge gestellt werden.”

Aber von wem? Wer stellt die inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit in Fra­ge? Wer das euro­päi­sche Frie­dens­pro­jekt? Orban? Trump? Bol­so­na­ro? The­re­sa May? Pegi­da? Mari­ne Le Pen? Maaßen? Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let? Natür­lich weiß Mer­kel, dass sie Mär­chen erzählt, dass kei­ner ihrer poli­ti­schen Wider­sa­cher im In- und Aus­land die inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit und den Frie­den auf dem Kon­ti­nent in Fra­ge stellt. Wes­halb sie an die­ser Stel­le zum Rund­flug über die Kri­sen­re­gio­nen außer­halb Euro­pas auf­stieg und verkündete:

„Mehr als eine Mil­li­ar­de Kin­der sind von aktu­el­len Kon­flik­ten betrof­fen. Kin­der machen 52 Pro­zent der Flücht­lin­ge aus.”

Ob sich die Kanz­le­rin bis­wei­len fragt, war­um dann so weni­ge Kin­der und statt­des­sen vor allem vita­le jun­ge Män­ner hier ankom­men? Und war­um jeder ein­zel­ne von die­sen jun­gen Män­nern unge­fähr so viel Geld bekommt, wie man bräuch­te, um in Afri­ka 20 oder 30 Kin­der vor dem Hun­ger­tod zu ret­ten und ihnen oben­drein eine Aus­bil­dung zu ver­schaf­fen? War­um ihr gan­zes huma­ni­tä­res Getue in einem dar­wi­nis­ti­schen Wett­ren­nen an die euro­päi­schen Gren­zen endet, das die Stärks­ten gewin­nen und kei­nes­wegs die Bedürftigen?

Wäre Frau Mer­kel eine Ver­ant­wor­tungs­ethi­ke­rin, wür­de sie in Rech­nung stel­len, dass die Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on in Afri­ka und im Ori­ent unmög­lich von den Euro­pä­ern auf­ge­fan­gen wer­den kann, dass allein in Ägyp­ten pro Jahr so vie­le Men­schen nach­ge­bo­ren wer­den, wie 2015/16 in Deutsch­land anka­men, dass die Euro­pä­er in den nächs­ten zehn Jah­ren sogar hun­dert Mil­lio­nen Afri­ka­ner auf­neh­men könn­ten, ohne dass es in Afri­ka auch nur bemerkt wür­de, wäh­rend die euro­päi­schen Natio­nen irrepa­ra­ble Schä­den davontrü­gen. Sie wür­de, wäre sie eine Ver­ant­wor­tungs­ethi­ke­rin, die Gren­zen schlie­ßen – im Zeit­al­ter von Satel­li­ten und Droh­nen ist das über­haupt kein Pro­blem –, das Schlep­per­ge­schäft aus­trock­nen, indem man ihm sei­ne Ziel­län­der und Ver­hei­ßun­gen näh­me, und damit sowohl den inne­ren Frie­den als auch die Leis­tungs­fä­hig­keit der euro­päi­schen Natio­nen nicht län­ger aufs Spiel set­zen, denn nur die­se durch­aus fra­gi­le Leis­tungs­fä­hig­keit befä­higt die Euro­pä­er, ande­re über­haupt zu unter­stüt­zen. Dann, und erst dann, könn­te sie „gemein­sam mit ihren euro­päi­schen Part­nern” not­lei­den­den Afri­ka­nern Hil­fe leis­ten und den deut­schen Guten auch ein begrün­det gutes Gewis­sen ver­schaf­fen. Hel­fen hie­ße, die so kost­spie­li­ge wie kon­tra­pro­duk­ti­ve soge­nann­te Ent­wick­lungs­hil­fe zu been­den, die nun wirk­lich jedem Dik­ta­tor dort einen nei­d­erre­ge­den Lebens­stil ver­schafft hat, und statt­des­sen kon­kre­te Inves­ti­tio­nen zu täti­gen (die Chi­ne­sen machen das auf eine womög­lich all­zu rus­ti­ka­le Art vor) – also nicht, um ein ewig­gül­ti­ges Gleich­nis zu ver­wen­den, Fische ver­tei­len, son­dern Angeln. Zur Beru­hi­gung des schlech­ten Gewis­sens der deut­schen Guten und auch vie­ler ande­rer Deut­scher könn­te sie mei­net­hal­ben den gesam­ten Soli für Bil­dung und huma­ni­tä­re Hilfs­pro­jek­te gen Afri­ka abfüh­ren oder eine Son­der­steu­er erhe­ben, ein­ge­denk der unstrit­ti­gen Tat­sa­che, dass jeder an Ort und Stel­le aus­ge­ge­be­ne Euro eine dut­zend­fach höhe­re Wir­kung ent­fal­tet und zugleich kei­ne Kol­la­te­ral­schä­den in den Geber­län­dern anrich­tet; die Deut­schen, Gott habe sie selig, hel­fen gern, und sie wür­den es dop­pelt gern tun, wenn man im Gegen­zug auf­hör­te, ihr Land mit viri­len juve­ni­len Tunicht­gu­ten und reli­giö­sen Rein­heits­bol­den zu berei­chern. Aber die Fol­gen ihres irra­tio­na­len Ver­meh­rungs­wil­lens müs­sen die Afri­ka­ner schon sel­ber bewäl­ti­gen; nur Wahn­sin­ni­ge bie­ten ihre Län­der als Auf­fang­be­cken dafür an. Ein­schub beendet.

Zurück zu Mer­kels gezielt schie­fem Geschichts­bild. „Man­geln­de Bereit­schaft und man­geln­de Fähig­keit zum Dia­log”, erklär­te sie, hät­ten den Weg in den Welt­krieg gebahnt, des­halb sei der Völ­ker­bund gegrün­det wor­den, aber „er schei­ter­te. Die Welt erleb­te, wie Deutsch­land den Zwei­ten Welt­krieg ent­fes­sel­te, den Zivi­li­sa­ti­ons­bruch der Shoa ver­üb­te und den Glau­ben an die Mensch­lich­keit erschüt­ter­te. Danach war nichts mehr wie vorher.”

Das ist magi­sches Den­ken mit dem eige­nen Land als Fix­punkt des Unheils. Zuvor hat­te der fran­zö­si­sche Prä­si­dent übri­gens als Gast­ge­ber des Fest­ak­tes meh­re­re For­ma­tio­nen der fran­zö­si­schen Armee abge­schrit­ten, zwei­mal war die Mar­seil­lai­se gespielt wor­den, ein­mal der „Mar­che de la gar­de con­su­lai­re à Maren­go” – seit 1800 siegt das fort­schritt­li­che Frank­reich über das reak­tio­nä­re Öster­reich –, die Champs-Ély­sées, das Revers des Prä­si­den­ten und das Red­ner­pult waren blau-weiß-rot geschmückt. 

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Blau-weiß-rot waren die Mas­sen­hin­rich­tun­gen von Paris und Lyon, blau-weiß-rot war die Aus­mor­dung der Ven­dée, blau-weiß-rot waren Napo­le­ons Kriegs­zü­ge durch ganz Euro­pa von Madrid bis Mos­kau, nur noch rot fort­an die Fah­ne der mör­de­ri­schen Erben der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on in Sowjet­russ­land, Chi­na und andern­orts. Es war nichts mehr wie vor­her. Aber war nicht noch etwas dazwi­schen? Rus­si­sche Revo­lu­ti­on, roter Ter­ror, Holo­do­mor, Kula­ken­mord? Und Ver­sailles? Pol­ni­scher Kor­ri­dor? Beset­zung des Rhein­lan­des? Alles ver­ge­ben und ver­ges­sen! Und vor allem: kei­ne Ursa­che für das, was folg­te! Das Per­so­nal der Höl­le betrat in Deutsch­land die Erde, wer Kau­sa­li­tä­ten ins Spiel bringt, gehört wahr­schein­lich sel­ber dazu. Ein­sam steht am Schand­pfahl der Gat­tung der Deut­sche als Juden­ver­nich­ter. Oh, er steht völ­lig zu Recht dort (also nicht der Deut­sche, son­dern der deut­sche Täter), aber sei­ne Ein­sam­keit am Pfahl macht mir Sor­gen – und die per­ver­se Legi­ti­ma­ti­on, die heu­ti­ge deut­sche Poli­ti­ker wie Frau Mer­kel dar­aus abzu­lei­ten pfle­gen, Ent­schei­dun­gen zum Nach­teil derer zu tref­fen, auf die sie zwar ihren Eid geleis­tet haben, die als „Lands­leu­te” zu betrach­ten ihnen außer­halb des Schuld- und Schul­den­kon­tex­tes aber nie einfiele. 

 
„Die Ant­wort war die Grün­dung der Ver­ein­ten Natio­nen. Die Staa­ten­ge­mein­schaft schuf eine Rechts­ord­nung, einen Rah­men für inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit. Bei­des wur­de unter­mau­ert von der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te, die die UN-Gene­ral­ver­samm­lung vor 70 Jah­ren ver­kün­de­te. Ich fra­ge mich oft: Stel­len Sie sich ein­mal vor, wir müss­ten als heu­ti­ge Staa­ten­ge­mein­schaft wie­der so eine Erklä­rung für die Men­schen­rech­te ver­ab­schie­den; wür­den wir das schaf­fen? – Ich fürch­te, nein.”

Da wür­de ich der Kanz­le­rin sogar zustim­men. Der, wie man sagt, hoch­flie­gen­den All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te sind ja bereits durch die „Kai­ro­er Erklä­rung der Men­schen­rech­te im Islam” anno 1990 die Flü­gel eini­ger­ma­ßen gestutzt worden. 

Der Ers­te Welt­krieg hat uns gezeigt, in wel­ches Ver­der­ben Iso­la­tio­nis­mus füh­ren kann. Und wenn Abschot­tung vor 100 Jah­ren schon kei­ne Lösung war, wie könn­te sie es heu­te sein?”

Der Witz an die­sen her­bei­ge­zwun­ge­nen Ana­lo­gien ist, dass das Euro­pa vor dem Welt­krieg viel weni­ger von „Iso­la­tio­nis­mus” und „Abschot­tung” geprägt war, um Mer­kels Ese­lin­nen­wor­te zu ver­wen­den, als jenes danach; der Hin­weis auf die K. u. k.-Monarchie dürf­te genü­gen. Das soll kein Vor­wurf an die his­to­ri­schen Akteu­re sein, son­dern an die Red­ne­rin, die die Geschich­te sal­bungs­voll zu instru­men­ta­li­sie­ren sucht. Man erkennt den his­to­ri­schen Dumm­kopf dar­an, dass er die Kate­go­rien und Wert­vor­stel­lun­gen sei­ner Gegen­wart auf die Ver­gan­gen­heit anzu­wen­den sucht. In Wahr­heit ist es die Kanz­le­rin, die ihr Land wie­der auf soge­nann­te Son­der­we­ge geführt hat, ener­gie­po­li­tisch, finanz­po­li­tisch, ein­wan­de­rungs­po­li­tisch, iden­ti­täts­po­li­tisch, auf Wege, die nie­mand in Euro­pa gut­heißt (außer Herrn Macron, der deut­sches Geld begehrt, sie aber nicht mit­zu­be­schrei­ten gedenkt). In Wahr­heit ist es Mer­kel, die gemein­sam mit eini­gen glo­ba­lis­ti­schen Träu­mern resp. Hasar­deu­ren einer pla­ne­ta­ri­schen Migra­ti­on die Schleu­sen öff­nen, sie völ­ker­recht­lich fest­zur­ren und die euro­päi­schen Natio­nen in der wich­tigs­ten aller Fra­gen, näm­lich wen sie in ihner Mit­te auf­neh­men, ent­mün­di­gen will, bei laten­ter Straf­an­dro­hung gegen alle, die dar­an Kri­tik üben. In Wahr­heit ist es Mer­kel, die vie­les aufs Spiel setzt, was die­sen Erd­teil lebens­wert macht. Da sie his­to­risch unge­bil­det ist, kann sie nicht ver­ste­hen, wie ein­zig­ar­tig und unwahr­schein­lich die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on ist, auf welch zer­brech­li­chen Fun­da­men­ten sie steht, wel­che enor­men Anstren­gun­gen nötig waren, um die sitt­lich-kul­tu­rel­len und men­ta­len Res­sour­cen zu bil­den, von denen die­se Zivi­li­sa­ti­on lebt und nach deren Ver­zehr sie womög­lich nie­mals wie­der­keh­ren wird. 

                                    ***

„Eine sol­che insti­tu­tio­nell getra­ge­ne Into­le­ranz­maß­nah­me und ‑erklä­rung, ihr Auf­tritt aller­dings mit Ret­tungs-Gold­fo­lie und im Ton der lau­ters­ten Moral und Selbst­ge­rech­tig­keit, hat es seit der Bier­mann-Affä­re nicht mehr gege­ben. Das sind die Zustän­de, das ist das Land.„
Wie Uwe Tell­kamp und Susan­ne Dagen wie­der ein­mal die regie­rungs­treue Oppo­si­ti­on ein­zu­schüch­tern ver­su­chen, lesen Sie hier.

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24. Dezember 2019

  Aus Offen­burg sen­det mir Leser *** einen Bas­tel­bo­gen, den er in der Aus­la­ge des katho­li­schen Kin­der­gar­tens vor­fand,…

2. September 2019

                                 ***   Erkennt­nis­se aus den Landtagswahlen: 1. Es gibt Län­der mit deut­li­chen bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven Mehr­hei­ten wie Sach­sen (oder…