18. November 2018

Auch der raben­schwär­zes­te Pes­si­mist hofft in einem Win­kel sei­nes Her­zens, unrecht zu haben. Aber nie­mals soll­te er sich die Blö­ße geben, Tri­umph zu emp­fin­den, weil er rich­tig lag. 

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Die Über­pro­duk­ti­on lin­ker Aka­de­mi­ker hat eine völ­lig neue Sor­te von Tex­ten in die Welt gebracht, deren ein­zi­ger Zweck dar­in besteht, zu notie­ren, was ande­re geschrie­ben haben. Die dis­kur­si­ven Poli­tes­sen schrei­ben Falsch­mei­ner auf wie ech­te Poli­tes­sen Falschparker.

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Und noch­mals: Man muss kein Phi­lo­soph, kein Wei­ser oder bud­dhis­ti­scher Mönch sein, um zur Neid­frei­heit vor­zu­sto­ßen. Vor Eitel­keit zu plat­zen genügt bereits.

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Das stärks­te Argu­ment gegen Ver­schwö­rungs­theo­rien lau­tet, dass sie die Intel­li­genz der Akteu­re überschätzen.

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Die Hin­rich­tung von Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg war, in Abwand­lung des berühm­ten Tal­ley­rand-Wor­tes, weni­ger ein Ver­bre­chen als viel­mehr ein Feh­ler. Die Frei­korps­kämp­fer wuss­ten noch nicht, dass die bes­te Art, mit umstürz­le­ri­schen Links­ex­tre­mis­ten zu ver­fah­ren, dar­in besteht, sie in ein Land aus­zu­wei­sen, in dem ihre Gesin­nungs­ge­nos­sen bereits herr­schen. Lenin und Sta­lin hät­ten das Pro­blem schon gelöst.

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Die ech­ten Nazis kamen ohne schlech­tes Gewis­sen durch. Ihre leib­li­chen Kin­der fühl­ten sich der Last nicht gewach­sen und leg­ten sie der gesam­ten Nati­on auf. Die Enkel der ande­ren tra­gen schwer daran.

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Die Sonn­ta­ge immer den Küns­ten? Ja, wer das durch­hiel­te! Die kunst­sin­ni­gen Besu­cher mei­nes klei­nen Eck­la­dens wer­den stirn­run­zelnd regis­triert haben, dass ich die schö­ne Regel hier immer sel­te­ner ein­zu­lö­sen ver­mag. Obwohl ich nichts lie­ber täte. Auch der heu­ti­ge Tag des Herrn wird allen­falls pout­pour­ri­haft den Küns­ten gehören…

Zum Bei­spiel könn­te ich hier mit­tei­len, dass ich beim Hören die­ser Auf­nah­me eini­ger Schu­bert-Improm­tus an Hein­rich Hoff­manns „Struwwelpeter”-Geschichten den­ken muss­te, und zwar an den Schnei­der mit der Scher’, der Dau­men abschnei­det, im kon­kre­ten Fall und Stand heu­te genau dreizehn:

„Bauz! Da geht die Türe auf,
Und her­ein in schnel­lem Lauf
Springt der Schnei­der in die Stu­b’
Zu dem Dau­men-Sen­ker-Bub.
Weh! Jetzt geht es klipp und klapp
Mit der Scher’ die Dau­men ab,
Mit der gro­ßen schar­fen Scher’!
Hei! Da schreit der Flach­kopf sehr.”

Oder dass ich, der ich Rudolf Bor­chardt als gro­ßen Sti­lis­ten wie als frei­en Geist ver­eh­re, in der Münch­ner Buch­hand­lung Lehm­kuhl, die gera­de wegen einer illi­te­ra­ten Spie­gel-Kolum­nis­tin ins Gere­de gera­ten ist, ges­tern über­rascht auf einen mir bis dato unbe­kann­ten Roman von Bor­chardt namens „Welt­puff Ber­lin” stieß – da ich kaum mehr Zei­tun­gen lese, war mir ent­gan­gen, dass die­ses aus dem Nach­lass stam­men­de und nun erst­ver­öf­fent­lich­te Opus bereits auf der Buch­mes­se prä­sen­tiert wor­den war. Vor­freu­dig ergriff ich das wun­der­voll volu­mi­nö­se Buch. Tau­send Sei­ten von Bor­chardt über das Ber­lin der Zwi­schen­kriegs­zeit, das ver­hieß eine beglü­cken­de und von aktu­el­len intel­lek­tu­el­len Stam­me­lei­en weg­füh­ren­de Lek­tü­re. Eine ers­te Skep­sis trat ein, als ich las, das Werk, 1938/39 geschrie­ben, sei eine Abfol­ge pikan­ter ero­ti­scher Schil­de­run­gen, wes­halb die Erben es pie­tät­voll zurück­ge­hal­ten hät­ten, was frei­lich nur bis 2015, bis zur Frei­ga­be der Rech­te, mög­lich gewe­sen sei. Auf dem Umschlag wird Mar­tin Wal­ser mit den Wor­ten zitiert: „Das ist die Welt­li­te­ra­tur der prak­ti­zier­ten Lie­be. Wie flach ist dage­gen Casa­no­va. Wie ein­fach Hen­ry Mil­ler!” (Ja und der Mer­kel-Anbal­zer Wal­ser erst!)

Eine drei­ßig­mi­nü­ti­ge kur­so­ri­sche Lek­tü­re bestä­tig­te, dass es sich um einen Por­no-Roman han­delt, in wel­chem alle paar Sei­ten eine neue Maid auf­ge­stielt wird. Von Bor­chardt! Gut, ein Por­no von Hof­manns­thal oder Ril­ke wäre noch schril­ler, aber das ist nicht das Pro­blem. Das Pro­blem aller ero­ti­schen Lite­ra­tur besteht dar­in, dass sie rasend schnell lang­weilt – de Sade ist der größ­te Lang­wei­ler von allen –, dass sie immer ein biss­chen pein­lich ist – wer will das so genau wis­sen? wer erträgt die unver­meid­li­che Prah­le­rei? wem stün­de nicht der Autor selbst dabei vor Augen, was oft eine unap­pe­tit­li­che Vor­stel­lung ergibt? –, und letzt­lich, egal wie kunst­voll sich die Spra­che auch über die Tri­via­li­tät des trieb­haf­ten Gesche­hens empor­schwingt, dass die­ses Gen­re die eigent­li­che Sphä­re der Lite­ra­tur nie erreicht, näm­lich die unver­wech­sel­ba­re Eigen­art des jewei­li­gen Autors. In den Wor­ten von Don Nicolás: „Der por­no­gra­phi­sche Roman wird immer miss­lin­gen, weil der Koitus nicht Akt des Indi­vi­du­ums, son­dern Akti­vi­tät der Gat­tung ist.”

Das soll kein Plä­doy­er gegen Lie­bes­sze­nen in Roma­nen sein; was zum Leben gehört, gehört natur­ge­mäß in die Lite­ra­tur. Aber, Künst­ler, beden­ke das Was, und noch mehr beden­ke das Wie! Und in die­sem Fall über­dies das Wie oft! Der von mir hoch­ge­schätz­te Michel Hou­el­le­becq bei­spiels­wei­se sinkt bei sei­nen sexu­el­len Schil­de­run­gen, die immer depri­mie­rend deskrip­tiv sind, auf ein der­ma­ßen tri­via­les Level, dass ich sie über­sprin­gen muss, aus zwei­fach ästhe­ti­schen Grün­den. Das­sel­be gilt für Phil­ip Roth, sei­nen bes­ten und ver­dor­bens­ten Roman „Sab­baths Thea­ter” viel­leicht aus­ge­nom­men, wobei die­ses „ver­dor­ben” selbst­ver­ständ­lich nie­mals im rein Deskrip­ti­ven besteht bzw. bestehen kann. Nabo­kov hat mit „Loli­ta” eine Lösung demons­triert, aber die­ser Roman ist gera­de kein por­no­gra­phi­scher, der Autor begibt sich nicht in die Nie­de­rung der kol­lek­ti­ven „Feucht­ge­bie­te”, son­dern bringt allen­falls eini­ge Andeu­tun­gen zu Papier. Es ist das­sel­be wie beim Gru­sel-Roman (oder ‑Film): Solan­ge das Mons­ter nicht prä­sent ist, dau­ert der Gru­sel an; ist es zu sehen, endet er. Und wenn ein Mons­ter nach dem ande­ren auf­taucht, wird es abge­schmackt und  langweilig.

So kam es, dass ich erst­mals einen Bor­chardt bei­sei­te legte …

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Die kal­te Jah­res­zeit treibt einen Men­schen, der sich der Dia­lek­tik aus Rausch­fol­gen­be­sei­ti­gung und Durst­ge­burts­hil­fe ver­pflich­tet sieht, regel­mä­ßig aufs Ergo­me­ter, wo sich – das gehört nur noch mit­tel­bar zu den Küns­ten, und Lei­bes­übungs­ver­äch­ter hören jetzt bit­te weg – jedes­mal die Fra­ge stellt, wel­ches Land­schafts­ki­no geschaut oder wel­che Musik gehört wird. (Es fin­den sich inzwi­schen Mit­schnit­te von Alpen­pass-Auf­fahr­ten aus Sel­ber­fah­rer­per­spek­ti­ve zuhauf in der elek­tro­ni­schen Ali-Baba-Höh­le, und es gibt Momen­te, wo einem in ein­zel­nen Ver­tre­tern die gan­ze Gat­tung sym­pa­thisch wird; schau­en Sie hier ab 1:35,50 – und das ist das Stilfser Joch, nicht die Kes­sel­berg­stra­ße zum Walchensee!) 

Der Mensch befin­det sich, wenn der Atem stun­den­lang tief geht und der Puls 160mal oder mehr in der Minu­te schlägt, in einem zugleich geis­tig redu­zier­ten und see­lisch über­emp­fäng­li­chen Zustand – das ist der Grund, wes­halb Schwar­ze beim Got­tes­dienst tan­zen –, und ich hielt in die­sem Zustand zuletzt eine Retro­spek­ti­ve in die Musik mei­ner Jugend, wobei mir ganz wun­der­lich zumu­te ward. Es war nicht alles schlecht damals in der Zone, dach­te ich, wäh­rend der Puls hef­tig schlug und der Atem tief ging, es gab zwar den Okto­ber­klub und die schreck­li­chen Puh­dys, aber bei­spiels­wei­se noch kei­nen Hip-hop. Statt­des­sen brach­ten DDR-Bands Titel wie die­sen oder die­sen (Solo­ge­sang mit Streich­quar­tett; das „Elea­nor Rig­by” der DDR) zum Vor­trag; älte­re Ost­deut­sche ken­nen das noch. Und man beach­te den Text der „Som­mer­nacht”:

„Fällt der Mond in ihren Teich,
wird in ihrem Schat­ten­reich
jede Frau kat­zen­grau,
Köni­gin bis in den Tau.”

„Köni­gin bis in den Tau”, das ist fast so schön wie die poe­tischs­te Zei­le der gesam­ten mir bekann­ten Rock- oder Pop­mu­sik: „Sil­ver hor­ses ran down moon­beams in your dark eyes” (hier).

 
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Nach der Idea­li­sie­rung der Frau als Sex­ob­jekt wen­den wir uns end­lich der beruf­li­chen Gleich­stel­lung zu. Nicht nur unse­re Jus­tiz­mi­nis­te­rin und Hei­ko-Maas-Nach­fol­ge­rin Kata­ri­na Bar­ley for­dert eine Frauen-(und Bunte-Kleider-)Quote für das maus­graue deut­sche Män­ner­par­la­ment, auch ihre Par­tei­freun­din, die ver­dien­te Juris­tin Lore Maria Peschel-Gut­zeit, meint, der Staat habe eine „För­de­rungs­pflicht, dafür zu sor­gen, dass Gleich­stel­lung durch­ge­setzt wird”. Dass es im Bun­des­tag noch kei­ne Pari­tät von Frau­en und Män­nern gibt, „emp­fin­de ich als empö­rend”, sag­te sie. „Wie lan­ge wol­len wir noch warten?”

Die Ant­wort ist sehr ein­fach und auch für Juris­ten leicht ver­ständ­lich: So lan­ge, bis unge­fähr so vie­le Frau­en in den Par­tei­en anwe­sen – bzw. neu­deutsch: sich dort enga­gie­ren – wie Män­ner, und genau­so erfolg­reich agie­ren wie Män­ner. Kei­nen Lid­schlag län­ger, aber auch nicht kürzer! 

Um den Frau­en­an­teil in den Par­tei­en steht es so:

CDU: 25,8 %
CSU: 20,2%
AfD 16 %*
SPD: 32 %
FDP: 22,6 %
Grü­ne: 38,6 % **
Lin­ke: 36,5%

SED: 25 % (Durch­schnitts­wert)

Ich bin gespannt, ob sich in Deutsch­land Ver­fas­sungs­rich­ter fin­den, die einem Kegel­club mit 70 männ­li­chen und 30 weib­li­chen Mit­glie­dern vor­schrei­ben, die Ver­eins­füh­rung geschlech­ter­pa­ri­tä­tisch zu beset­zen, um nicht die Frau­en zu diskriminieren.

* Den nied­ri­gen Frau­en­an­teil bei der AfD illus­triert treff­lich die Sen­tenz von Nicolás Gómez Dávi­la: „Die Frau weicht nicht vor einer Idee zurück, son­dern vor dem sozia­len Druck einer Idee.”
** Die Grü­nen haben sich einem sog. Frau­en­sta­tut ver­pflich­tet, das eine Frau­en­quo­te auf Lis­ten­plät­zen und für Dele­gier­te vor­sieht. „Bei Wah­len in glei­che Ämter und bei der Auf­stel­lung von Wahl­lis­ten ist min­des­tens die Hälf­te der Plät­ze für Frau­en reser­viert. Die­se wer­den zuerst gewählt, danach folgt ein offe­ner Wahl­gang für die rest­li­chen Plät­ze, in dem Män­ner und Frau­en – was aller­dings sel­ten genutzt wird – kan­di­die­ren dür­fen. Bei einem Gre­mi­um mit drei Plät­zen sind also min­des­tens zwei Frau­en zu wäh­len. Fin­det sich kei­ne Kan­di­da­tin für einen Frau­en zuste­hen­den Platz, so kön­nen die anwe­sen­den Frau­en die­sen für eine offe­ne Wahl frei­ge­ben. Wegen der Quo­tie­rung wer­den die meis­ten Spre­cher bzw. Vor­sit­zen­den in den Bun­des- und Lan­des­ver­bän­den, in den Frak­tio­nen und ande­ren Gre­mi­en mit Dop­pel­spit­zen besetzt.”  (Wiki­pe­dia). Kei­ne Par­tei dis­kri­mi­niert das ande­re Geschlecht stär­ker, wes­halb es bei den Grü­nen auch kaum Män­ner im hor­mo­nel­len Sin­ne gibt. Außer den Quo­ten­frau­en zieht nie­mand einen Nut­zen dar­aus, so dass die Ankün­di­gung, die­se Dis­kri­mi­nie­rung bis zur wirk­li­chen Pari­tät bei­zu­be­hal­ten, den Sankt Nim­mer­leins­tag in den Blick nimmt (sofern nicht die Mus­li­me die Sache über­neh­men oder irgend­ei­ne ande­re Wirk­lich­keit kor­ri­gie­rend ein­greift; es gab ja nie eine Kriegs- oder Kri­sen­si­tua­ti­on, in wel­cher eine signi­fi­kant hohe Zahl von Frau­en die Gleich­be­hand­lung ein­ge­klagt hat, und das wird sich wohl nie ändern). 

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