24. November 2018

Kein Fluss fließt ohne Quel­le, und ist die­se bereits trüb, wird der gan­ze Fluss faulig. 

„Rous­se­au lieb­te sich selbst und hass­te die ande­ren. (…) Mora­lisch war er kei­nes­wegs über jeden Zwei­fel erha­ben, kri­ti­sier­te aber alle bezüg­lich ihrer Moral. Er gab fünf sei­ner Kin­der in staat­li­che Obhut, schrieb aber den 600 Sei­ten star­ken Emil oder über die Erzie­hung, wor­in er ande­ren erklär­te, wie sie ihre Kin­der zu erzie­hen hät­ten. (…) Er mach­te das Thea­ter lächer­lich, schrieb aber Stü­cke. Er kri­ti­sier­te die Tech­nik des Buch­drucks, nutz­te sie jedoch selbst. Er gei­ßel­te die Mäch­ti­gen, bemüh­te sich aber gleich­zei­tig um deren Gunst und leb­te von deren Groß­zü­gig­keit. (…) Er hielt Lob­re­den auf das Land­le­ben, wohn­te aber in der Haupt­stadt, dem Hort allen Übels. Er idea­li­sier­te das bäu­er­li­che Leben, besuch­te jedoch selbst Salons in geho­be­nen Stadt­vier­teln, um über die­se Kon­tak­te bekannt zu wer­den. Er idea­li­sier­te Arbei­ter und Hand­wer­ker, speis­te aber mit Gra­fen, Her­zö­gen und Fürs­ten und war in deren Schlös­sern zu Gast. Er sang das Hohe­lied kör­per­li­cher Arbeit, schlug aber nie auch nur einen Nagel selbst ein. (…) Die Phi­lo­so­phie moch­te er nicht, war jedoch selbst Phi­lo­soph und riet auch den Köni­gen, sich mit Phi­lo­so­phen zu umge­ben. In sei­ner Abhand­lung über die Wis­sen­schaf­ten und Küns­te erklär­te er, es sei nicht ziel­füh­rend, über sich selbst zu spre­chen – und doch schrieb er eine über tau­send­sei­ti­ge Auto­bio­gra­phie, die er als das ernst­haf­tes­te Buch aller Zei­ten ankün­dig­te (…) Rous­se­au war bei­des zugleich: eine bota­ni­sche Heul­su­se und ein Ver­fech­ter der Todes­stra­fe, der jeden zur Frei­heit zwin­gen woll­te, der sich sei­ner Logik wider­setz­te.
(…)
Die ver­blüf­fen­de Metho­de, mit der Rous­se­au vor­ging, fin­det sich bereits am Anfang sei­ner Abhand­lung Über den Ursprung und die Grund­la­gen der Ungleich­heit unter den Men­schen: ‚Begin­nen wir also damit, die Tat­sa­chen bei­sei­te zu las­sen.’
(…)
Der Rous­se­auis­mus ist eine selt­sa­me Ideo­lo­gie. Sie arbei­tet mit Hypo­the­sen statt Fak­ten, unter­stellt die Gleich­heit der Men­schen im Natur­zu­stand, obwohl die Schwa­chen von den Star­ken unter­jocht wur­den, und hält die Men­schen von Natur aus für gut, obwohl sie schon immer ande­re unter­wor­fen haben. Sie pre­digt, die Gesell­schaft mache die Men­schen böse, wes­halb es genüg­te, die Gesell­schaft zu ändern, um die Men­schen wie­der gut zu machen.”
(…)
Rous­se­aus schreck­li­cher Para­lo­gis­mus bestand in dem Glau­ben, der Mensch kön­ne einen gegen die eige­nen Inter­es­sen gerich­te­ten Wil­len aus­bil­den. Die­ser Glau­be negiert alles, was die Anthro­po­lo­gie – und mit ihr die fran­zö­si­sche Mora­lis­tik – uns seit jeher lehrt. Die Unfä­hig­keit der Men­schen zum Gemein­wil­len rui­niert Rous­se­aus Gedan­ken­ge­bäu­de. Die Men­schen sind nur fähig, den Wil­len aller abzu­bil­den, also die Sum­me der Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen, nicht aber einen Gemein­wil­len.”
(Micha­el Onfray, „Nie­der­gang. Auf­stieg und Fall der abend­län­di­schen Kul­tur – von Jesus bis bin Laden”, Paris 2017, S. 439–446)

Hier haben Sie alles bei­sam­men: die Geburt des Links­in­tel­lek­tu­el­len aus dem Geist des Res­sen­ti­ments, die Dop­pel­mo­ral und den Herr­schafts­an­spruch des Lin­ken, der als Nutz­nie­ßer frem­der Wert­schöp­fung zu einer para­si­tä­ren Exis­tenz ver­dammt ist (was sei­nen Hass und Groll auf die Gesell­schaft erst so rich­tig ent­facht), sei­nen theo­rie­ver­lieb­ten Kampf gegen die Con­di­tio huma­na, die Anthro­po­lo­gie als – und die fran­zö­si­schen Mora­lis­ten als ers­te – Gegen­spie­ler des lin­ken Illu­sio­nis­mus, und neben­bei noch die Erklä­rung, war­um die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­lo­gie des Jür­gen Haber­mas zwangs­läu­fig eben­so auf der Theo­rie­müll­hal­de der Gat­tung enden wird wie die gesam­mel­ten Res­sen­ti­ments sei­nes frü­hen Milch­bru­ders aus Genf.

                                    ***

In der denk­bar kür­zes­ten Ver­si­on: „Links zu sein bedarf es wenig.” (Johan­nes Gross)

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