5. November 2018

Je eit­ler ein Autor von Rang, des­to weni­ger Res­sen­ti­ment ver­gif­tet sei­ne Pro­sa, des­to rei­ner sei­ne Bosheit.

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Die einen haben zu tun. Die ande­ren „set­zen ein Zeichen”.

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Wie Besu­cher mei­nes klei­nen Eck­la­dens wis­sen, befin­den sich öfter Schrif­ten Peter Slo­ter­di­jks in der Aus­la­ge, in denen gemein­hin ein Kli­ma des fröh­li­chen Den­kens und hei­te­ren Über-den-Din­gen-Ste­hens herrscht, das auf mich so erfri­schend wirkt wie eine tro­cke­ne Ries­ling-Spät­le­se aus, sagen wir, dem Rhein­gau. Soeben las ich Slo­ter­di­jks „Neue Zei­len und Tage 2011–13”, den zwei­ten Band sei­ner Tage­bü­cher, die er lie­ber als täg­li­che Noti­zen ver­stan­den wis­sen will – das Mot­to des Buches steht auf Sei­te 264: „Mär­chen­weis­heit: Aus Stroh Gold spin­nen. Ein Freund sagt, dies sei die Arbeit des Dia­ris­ten” –, und als einem in die­ser Tech­nik durch­aus Geüb­ten berei­te­ten mir die Gold­spin­ne­rei­en des Phi­lo­so­phen neu­er­lich gro­ßes Vergnügen.

Einen emi­nen­ten Kopf erkennt man immer dar­an, wie­viel Welt er sich erschließt (die genia­li­schen Maniaks, die sich für eine ein­zi­ge Idee ver­zeh­ren, las­sen wir hier mal außer Acht). Dem Gen­re ent­spre­chend wer­den in täg­li­chen Nota­ten die Gegen­stän­de nur gestreift, aller­dings bie­ten die­se Auf­zeich­nun­gen eine Fül­le von The­men und Per­spek­ti­ven, und über­dies, wie gewohnt, auch eine Fül­le des Wohl­lauts. Das Pro­blem des Peter Slo­ter­di­jk besteht dar­in, dass er zu gut schrei­ben kann. Es ist das Nietz­sche-Pro­blem: Die „Fach­welt” will und kann das nicht als „ech­te” Phi­lo­so­phie akzep­tie­ren – 95 Pro­zent davon aus Res­sen­ti­ment, 5 Pro­zent aus Dis­tink­ti­on –, es soll „bloß” Lite­ra­tur sein. „Er wur­de Phi­lo­soph, weil er das Erzäh­len ver­ach­te­te; er wur­de Erzäh­ler, weil er das Argu­men­tie­ren ver­ach­te­te; er wur­de Essay­ist, weil er sich wei­ger­te, zwi­schen den Ver­ach­tun­gen zu wäh­len”, notiert Slo­ter­di­jk. Die Fra­ge auf­grei­fend, in wel­che lite­ra­ri­sche Kate­go­rie man ihn ein­zu­sor­tie­ren habe, bezeich­ne­te sich der Karls­ru­her ein­mal als „phi­lo­so­phi­scher Schrift­stel­ler”. Tref­fen­der fin­de ich den Titel sei­nes frü­hen Nietz­sche-Buches: „Der Den­ker auf der Büh­ne”. Slo­ter­di­jk ist einer, der öffent­lich denkt. Die mul­ti­me­dia­le Öffent­lich­keit ver­dammt den­je­ni­gen, der sich in ihr expo­niert, zur per­ma­nen­ten Büh­nen­prä­senz. Man könn­te, den in der heu­ti­gen Öffent­lich­keit wal­ten­den Erbit­te­rungs-Modus ein­ge­rech­net, natür­lich auch for­mu­lie­ren: Der Den­ker in der Arena.

Am 30. Mai 2013, also zu einem Zeit­punkt, den das vor­lie­gen­de Buch ein­schließt, schrieb ich in den Acta fol­gen­de Ora­kel­wor­te: „Man mache sich nichts vor als all­ge­mein aner­kann­ter deut­scher ‚Star­-Intel­lek­tu­el­ler’, von Slo­ter­di­jk bis hin­ab zu Precht: ein ein­zi­ger fal­scher Satz, und die Kar­rie­re ist been­det, ein beson­ders fal­scher, und die Ver­la­ge stamp­fen ein, egal, als wie bedeu­tend man vor­her galt. Des­we­gen emp­fiehlt es sich, fal­sche Sät­ze gar nicht erst zu den­ken (min­des­tens im Fal­le Prechts muss man da auch kei­ne Sor­ge haben).” Slo­ter­di­jk sand­te mir sei­ner­zeit bis­wei­len leicht ver­gif­te­te Kom­pli­men­te für mei­ne Bücher, unge­fähr der Art, er begrei­fe, dass ohne eine gewis­se Ein­sei­tig­keit nichts Bedeu­ten­des zustan­de kom­men kön­ne, und er wird mei­ne Pro­gno­se damals wohl für eine jener Über­trei­bun­gen gehal­ten haben, zu denen mich die ein­sei­ti­ge Welt­wahr­neh­mung trei­be. Ein paar Sün­den­jähr­chen spä­ter mach­te der Dia­gnos­ti­ker des „Lüge­n­äthers” ein­schlä­gi­ge Erfah­run­gen mit des­sen Pro­du­zen­ten; „umstrit­ten” war er ja schon vor­her, doch als Kri­ti­ker der Mer­kel­schen Migra­ti­ons­po­li­tik wur­den ihm von den Agen­ten des mora­li­schen Manichäis­mus prak­tisch sämt­li­che Ver­diens­te ex post aberkannt. Lei­der enden die vor­lie­gen­den Noti­zen 2013. Man darf also erwar­tungs­froh und gespannt sein.

Am 6. Janu­ar 2012 auf Lan­za­ro­te schreibt Slo­ter­di­jk die Maxi­me nie­der: „Sich vom patho­lo­gi­schen Miß­fal­len zum Stand­punkt des inter­es­se­lo­sen Miß­fal­lens empor­ar­bei­ten”. Ja, wer das schaff­te! Wer sei­nen Ekel sonst­wo­hin – aber wohin nur? und zu wel­chen Por­to­kos­ten?– ver­sen­den könn­te! Aber gut, von Slo­ter­di­jk ler­nen, heißt Hei­ter­keit lernen.

Die Ver­su­chung die­ses Buches besteht dar­in, sei­ten­lang dar­aus zu zitie­ren. Da der Noti­zen schrei­ben­de Fla­neur bei sei­nem Gang durch die nach ges­tern und mor­gen offe­ne „brei­te Gegen­wart” (Hans Ulrich Gum­brecht) kei­nem zen­tra­len Gedan­ken folgt, son­dern allen­falls da und dort eini­ge Leit­mo­ti­ve wie­der­holt, wäre das der ein­zig ange­mes­se­ne Modus, die erwähn­te Fül­le zu wür­di­gen. Eines die­ser Leit­mo­ti­ve ist der Blick nach Frank­reich. Gehör­te nicht das Feh­len eines Regis­ters als eine Art Was­ser­zei­chen zur „Suhr­kamp-Kul­tur”, fän­de man sie dort alle: Camus, Lyo­tard, Fou­cault, Der­ri­da, Mal­raux, Mau­rras (hui!), Phil­ip­pe Nas­sif, Régis Debray, Tal­ley­rand, Napo­le­on, Saint-Simon, Rous­se­au, Vol­taire, Stendhal, Vale­ry, Sart­re, Paul Vey­ne, Hou­el­le­becq, Lacan, Rim­baud, Féne­lon, Attali… 

Im März 2012 sitzt Slo­ter­di­jk bei einem Podi­ums­ge­spräch in Stras­burg mit Fran­cois Hol­lan­de auf der Büh­ne des Opern­hau­ses, weni­ge Wochen vor des­sen als sicher gel­ten­dem Sieg bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len. Der Poli­ti­ker imi­tie­re in allem Mit­te­rand, notiert der Dia­rist, unter ande­rem, indem er den Gesprächs­part­ner, den Mode­ra­tor und das Publi­kum zwei Stun­den auf sei­ne Epi­pha­nie war­ten las­se. Auf Slo­ter­di­jks Bemer­kung, der Staat von mor­gen, zumal der sem­iso­zia­lis­ti­sche, „müs­se sich mit den Rei­chen neu ver­stän­di­gen, jen­seits von Steu­er­fahn­dung und Abga­ben­er­hö­hung”, habe der desi­gnier­te Prä­si­dent bloß erwi­dert: „Je n’aime pas les riches” („Ich mag die Rei­chen nicht”). „Da sah ich ein Männ­lein neben mir sit­zen, das wäh­rend der kom­men­den Jah­re mit einer Stan­ge im Nebel sto­chern wür­de.” Die Rei­chen und die­je­ni­gen, die dafür gel­ten, spe­zi­ell die Unter­neh­mer, die­se Men­schen haben nir­gends mehr eine Lob­by, bemerkt der Phi­lo­soph an ande­rer Stel­le. Marx und Engels hat­ten „die mehr theo­rie­er­zeug­te als empi­risch plau­si­ble Idee, den Begriff ‚Aus­beu­tung’ von der Klep­to­kra­tie der obe­ren Stän­de abzu­lö­sen, um es auf das Ver­hält­nis zwi­schen Kapi­tal­be­sit­zern und ‚frei­en Arbei­tern’ zu bezie­hen”, was nicht gelin­gen konn­te „ohne die Über­tra­gung des Has­ses” auf die Unter­neh­mer. Er habe mit Hol­lan­de „ein Gespräch über die Kunst des Ver­spre­chens in kon­fu­sen Zei­ten” füh­ren wol­len, „aus­ge­hend von Han­nah Arendts Bon­mot: Es gebe nur eine siche­re Metho­de, die Zukunft zu erken­nen: ein Ver­spre­chen abzu­ge­ben und es zu hal­ten. Ein den­ken­des Gegen­über wur­de in dem Gespräch nicht erkenn­bar. Hol­lan­de zeig­te kei­ne auf den Ein­gangs­im­puls zu bezie­hen­de Reak­ti­on”, reka­pi­tu­liert Slo­ter­di­jk. „Neben mir saß ein Indi­vi­du­um, das weder Spe­zi­es noch Exem­plar dar­stell­te, bis oben voll mit ein­stu­dier­ten For­meln, wie unter einem Schlei­er ent­rückt, hyp­no­ti­siert von der zum Grei­fen nahen Aus­sicht dar­auf, Prä­si­dent eines vor­mals gro­ßen Lan­des zu wer­den.” In einem spä­te­ren Ein­trag will es ihm schei­nen, als sei die fran­zö­si­sche Lin­ke dabei, sich unter Hol­lan­de „als Volks­ge­mein­schaft der Nicht-Rei­chen neu konstituieren”.

Ein ande­res Leit­mo­tiv ist Slo­ter­di­jks Vor­be­halt gegen Glau­be, Reli­gi­on, Got­tes­idee (Got­tes­wunsch) samt sei­ner Aver­si­on gegen pries­ter­li­che Figu­ren, die sich als von höchs­ter Adres­se Beauf­trag­te noto­risch in den Vor­der­grund drän­geln. Reli­gi­on sei „onto­lo­gi­scher Maso­chis­mus”, sta­tu­iert der Den­ker. „Ein Anal­ver­kehr zuviel in Sodom, und schon fällt Feu­er von Him­mel. (…) Es ist für Men­schen offen­bar eher erträg­lich, sich selbst als bestra­fungs­wür­di­ge ‚Män­gel­we­sen’ zu den­ken, als den Gedan­ken zuzu­las­sen, es gebe einen Zufall, der in dum­mer Indif­fe­renz aus­löscht, was ihm über den Weg kommt.” Er zitiert das Bon­mot eines anony­men klu­gen Kop­fes: „Reli­gio­nen, das sind Schuld­ge­füh­le mit ver­schie­de­nen Fei­er­ta­gen.” Das ist wit­zig, doch selbst auf einen Athe­is­ten wie mich wirkt die Reduk­ti­on des Glau­bens auf „Ritu­al­fit­ness” und Auto­hyp­no­se kaum anders als der Hin­weis, dass auch Velàz­quez und Ver­meer mit Ölfar­ben gemalt haben. 

Über den Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik und die Fahn­dung der Medi­en nach ver­ant­wort­lich zu machen­den geis­ti­gen „Hin­ter­män­nern” des nor­we­gi­schen Extre­mis­ten hält er fest: „Der Schüt­ze von Oslo ist ein iso­lier­ter Nach­züg­ler der Ideen-Krie­ger, die 1917 das Feu­er eröff­ne­ten und erst in den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren die Waf­fen nie­der­leg­ten.” So etwas woll­te und will das gegen „rechts” kämp­fen­de ton­an­ge­ben­de Milieu aber nicht hören. „Die törich­te Suche nach den Brand­stif­tern zer­stört das Dis­kus­si­ons­kli­ma, von dem die Demo­kra­tie in ihren bes­se­ren Tagen leb­te. Jetzt ist jeder zu jeder­manns Brand­stif­ter geworden.”

Nun bin ich beim Zitie­ren, also wei­ter: „In der näher­kom­men­den Kri­se wächst der Haß der Unge­si­cher­ten auf die Gesi­cher­ten. Er ent­wi­ckelt sich zu einer psy­cho­po­li­ti­schen Groß­macht. Er ist eng ver­wandt mit dem Zorn der Leu­te, die blei­ben müs­sen, wo sie sind, gegen die, die frei­be­weg­lich her­um­kom­men.” Slo­ter­di­jk, die AfD und Sah­ra Wagen­knechts lin­ke Samm­lungs­be­we­gung vorausahnend.

„Pro­dukt, Pro­po­si­ti­on, Pro­vi­si­on, Pro­gramm, Pro­jekt – Leit­wör­ter einer Zivi­li­sa­ti­on, die auf den Sturz nach vorn aus­geht. Eines fer­ne­ren Tages, man darf dar­auf schwö­ren, wer­den die Pro-Wör­ter ver­pönt sein. Das Gros der Mensch­heit, das nicht ins Welt­all oder in die Off-shore-Zonen aus­weicht, wird vom 22. Jahr­hun­dert an sei­nen Basis­wort­schatz auf Kon­zep­te für Demo­bi­li­sie­rung und Dekrea­ti­vi­tät umstel­len. Eini­ges spricht dafür, daß man die Rechts­ra­di­ka­len von heu­te im 23. Jahr­hun­dert, falls es noch Men­schen geben wird, als Avant­gar­de der Defu­tu­ri­sie­rung fei­ern wird.” Slo­ter­di­jk zur kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on 4.0.

„Seit Jah­ren hört man viel auf­ge­spreiz­ten Unsinn über das not­wen­di­ge Ende der Natio­nal­staa­ten. (…) In Wahr­heit sind die Natio­nal­staa­ten unent­behr­li­cher denn je – als Trä­ger effek­ti­ver ko-immu­ni­tä­rer Struk­tu­ren: Rechts­we­sen, Schul­we­sen, Soli­dar­sys­te­me, Infra­struk­tur-Garan­tien, Markt­auf­sicht, Kri­mi­na­li­täts­ab­wehr, Bestat­tungs­we­sen.” Slo­ter­di­jk zur Glo­ba­li­sie­rung als Ideologie.

„Der Euro: Was so viel Ret­tung nötig hat, gleicht einem Pati­en­ten im Lang­zeit-Koma, bei dem man es aus ethi­schen und ande­ren Grün­den prak­ti­scher Natur nicht wagt, die Gerä­te abzu­schal­ten.” Slo­ter­di­jk zu finanz­po­li­ti­schen Letz­ten Din­gen. (Sogar das Kür­zel „EUdSSR” zeigt sich kurz, näm­lich auf Sei­te 354).

„Es war Andrea Nah­les, die jüngst von ‚seda­ti­ver Trans­fer­lo­gik’ sprach. Sie wis­sen also selbst ganz genau, was sie bei Tag und Nacht betrei­ben, die bes­ten unter den guten Men­schen. Sie betä­ti­gen sich als Anäs­the­sis­ten der Unter­schich­ten. Im Auf­wach­raum las­sen sie sich nicht bli­cken.” Slo­ter­di­jk zur Selbst­ab­schaf­fung der Sozialdemokratie. 

Ob er die „Kitsch­angst” beschreibt, wel­che gan­ze Heer­scha­ren von kom­po­nie­ren­der Modernskis „in die kon­struk­ti­vis­ti­sche Ste­ri­li­tät oder in die auf­trump­fen­de Dis­so­nanz” getrie­ben habe, ob er Hei­deg­gers „Gestell” und Max Webers „stahl­har­tes Gehäu­se” mit der Bemer­kung kon­ter­ka­riert, die­se Den­ker hät­ten nie im Süden gelebt, wo „das Kaput­te irgend­wie funk­tio­niert” und „von einer Kaputt­heit stän­dig in die fol­gen­de über­geht”, ob er den soge­nann­ten Ehren­mord von sei­ner ori­en­ta­lisch-tri­ba­len Her­kunft löst, weil die­ses Ver­bre­chen „nahe­zu regel­mä­ßig von der moder­nen Publi­zis­tik ver­übt” wer­de, „indem man Per­so­nen am Medi­en­pran­ger exis­ten­ti­ell aus­löscht”, ob er „das eigent­li­che Begeh­ren” als kei­nes­wegs ero­ti­scher, son­dern thy­mo­ti­scher Natur klas­si­fi­ziert – „die zustän­di­gen Kate­go­rien sind Stolz, Ehre, Aner­ken­nung, Gel­tung” –, von wo irgend­ein Sei­ten­pfad zu der Sot­ti­se führt: „Nach sie­ben Jah­ren im Venus­berg ist Tann­häu­ser mit sei­nem sexu­el­len Latein am Ende”, immer sind sei­ne Vol­ten amü­sant und sei­ne Blick­win­kel überraschend. 

Das­sel­be gilt für sei­ne Bos­hei­ten. Salz­bur­ger Fest­pie­le, im August: „Wer kann die­ses Défi­lé von wel­kem Zuviel beob­ach­ten, ohne die Wohl­ta­ten der Bur­ka für die euro­päi­schen Damen zu wün­schen?” Oder: „Mit Ulrich Beck beim Früh­stück im Hotel von Gal­len. Das Ange­neh­me an ihm ist, daß er dir sei­ne Pole­mi­ken gegen dich nicht nach­trägt.” Oder: „Wer Judith heißt, fin­det über­all einen Holo­fer­nes“ (über Judith But­ler). Oder: „Kur­zer Schluß­bei­fall. Schon stürzt sich die Men­ge ins Aver­ba­le.” Oder: „Neben­an ein Tisch mit deut­schen Tou­ris­ten der Kate­go­rie ‚sech­zig plus’, von der Art, bei der das Über­ge­wicht die Fal­ten­bil­dung mildert.” 

Wie im Vor­gän­ger­band pro­du­ziert er auch in die­sem rei­hen­wei­se zitie­rens­wer­te Apho­ris­men: „Höhe­re Kul­tur hängt an all­er­gi­schen Reak­tio­nen.” – „Leben ab sech­zig? Das klingt so, wie wenn jemand sagt, er habe noch Rest­ur­laub.”– „Geht das Theo­rem, kommt die Anek­do­te.” – „Man darf Japa­ner nicht xeno­phob nen­nen. Sie sind ein­fach nur frem­den­fremd.” – „Irgend­wann stellt jedes klu­ge Kind die Fra­ge: Siehst, Vater, du den Erl­kö­nig nicht?, und da die Väter in der Regel nichts sehen als einen Nebel­streif, fal­len sie mit der Zeit als Part­ner für ernst­haf­te Gesprä­che bei­sei­te.” – „Der gestirn­te Him­mel über mir und der Schwei­ne­hund in mir.” – „Was ‚Geist’ war, ist dabei, sich in Strand­gut zu ver­wan­deln.” – „Man wehrt sich gegen völ­ker­psy­cho­lo­gi­sche Kli­schees so lan­ge, bis man sieht, daß sie zutref­fen.” – „Groß ist die Macht der Unbe­le­sen­heit.” – „Du hast eine Deka­denz­stu­fe nicht schnell genug mit­voll­zo­gen? Schon giltst du als Mensch von gestern.” 

Als sen­si­ti­ver Beob­ach­ter hat­te Slo­ter­di­jk schon vor fünf, sechs Jah­ren einen Blick für die Spal­tung der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft unter Barack Oba­ma und die Ver­wer­fun­gen durch den „Amok-Krieg in einem Teil der Welt, in dem sie (die Ame­ri­ka­ner – M.K.) wenig zu suchen hat­ten”, für den nicht zuletzt Oba­mas kriegs­lüs­ter­ne Außen­mi­nis­te­rin ver­ant­wort­lich war. „Als Joseph Nye 1990 den Begriff soft power lan­cier­te, um zu begrün­den, war­um die Attrak­ti­vi­tät der US-Kul­tur für die übri­ge Welt auch nach dem abseh­ba­ren Abbau ihrer öko­no­mi­schen und mili­tä­ri­schen Domi­nanz wei­ter­wir­ken wer­de, konn­te er nicht ahnen, daß der schein­ba­re Soft-Poli­ti­ker Barack Oba­ma einen fol­gen­schwe­ren Schritt zur Ent­zau­be­rung des ame­ri­ka­ni­schen Mus­ters in Gang set­zen wür­de. Seit­her steu­ert der Zeit­geist im Sturz­flug auf die Ver­häß­li­chung der USA zu – um für den Augen­blick von der Verzwer­gung Euro­pas nicht zu reden.” Ob der Phi­lo­soph für die Kor­rek­tu­ren, die Oba­mas bei­na­he pazi­fis­ti­scher Nach­fol­ger und unter­neh­mer­freund­li­cher working class hero unter­nom­men hat (um hier wie­der eine mei­ner Über­trei­bun­gen resp. Ein­sei­tig­kei­ten zu lan­cie­ren), eben­falls ein Organ besitzt? Die nächs­ten Bän­de wer­den es zeigen …

                                  ***

Nach­trag 1: Slo­ter­di­jk äußert zwei­mal einen Degout gegen das „dümm­li­che Wort” Anti­se­mi­tis­mus. Wer wis­se schließ­lich heu­te noch, wer Sem war? „Was um alles in der Welt sol­len sei­ne Nach­kom­men, die Semi­ten, ange­stellt haben – außer daß sie semi­ti­sche Spra­chen spre­chen?” Nach der alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Völ­ker­ta­fel (1. Mose 10) ist der ältes­te Sohn Noahs sowohl Stamm­va­ter Abra­hams und des Vol­kes Isra­el als auch Ahn­va­ter aller semi­ti­schen Völ­ker. Die­se Ver­all­ge­mei­ne­rung erfährt in der Torah frei­lich eine ent­schei­den­de Ein­schrän­kung. „Geprie­sen sei Jah­we, der Gott Sems!”, spricht Noah nach einem das Scham­zen­trum berüh­ren­den Trun­ken­heits­zwi­schen­fall (1. Mose 9, 26). Semi­ten im enge­ren Sin­ne sind die­je­ni­gen, deren Gott Jah­we ist, theo­lo­gisch exakt: die von Jah­we – Sein Name ist unaus­sprech­bar, statt­des­sen spricht man „Ha-Schem” (השם „der Name“, wor­in eben­falls Sem vul­go Schem steckt) – erwählt wur­den. Anti-Semi­ten mei­nen also die Juden, nicht alle Völ­ker der semi­ti­schen Sprach­fa­mi­lie. Von „anti­se­mi­ti­schen Vor­ur­tei­len” sprach erst­mals der Ori­en­ta­list Moritz Stein­schnei­der in einer Pole­mik gegen Ernest Ren­an, ver­öf­fent­licht in der „Hebräische(n) Biblio­thek”, Bd. 3, anno 1860. Wil­helm Marr hat den Begriff nicht geprägt, aber besetzt; seit­dem ist er ras­sisch kon­no­tiert, und sei­ne Unheils­ge­schich­te begann.

Nach­trag 2: „Herr Kol­le­ge”, sprach Slo­ter­di­jk zu Ulrich Beck, „die ‚Risi­ko­ge­sell­schaft’, die ‚Erre­gungs­ge­sell­schaft’, die ‚Erleb­nis­ge­sell­schaft’! Wie war es nur mög­lich, daß so vie­le Gesell­schaf­ten aus Bam­berg kamen, und immer aus dem Flur Ihres Insti­tuts!” Ein ver­gif­te­tes Kom­pli­ment? Ach was! Die Risi­ko­ge­sell­schaft hat ihre bes­te Zeit noch vor sich, zumal auch die Erleb­nis­ge­sell­schaft den Zenit allen­falls erst ansteu­ert und bei­de sich zum Pas de deux ver­ei­nen, am aus­ge­las­sens­ten der­zeit wohl im lau­schi­gen Freiburg.

                                   
                                    ***

Mein Ein­trag vom 1. Novem­ber ver­an­lasst Leser ***,  mir zur „Mär von den abschmel­zen­den Pol­kap­pen” fol­gen­des zu schrei­ben: „Ich will Ihnen gern nach­se­hen, dass Sie den mit die­sem Sze­na­rio ver­bun­de­nen phy­si­ka­li­schen Irr­tum offen­bar nicht erken­nen, weil Sie, wie auch ich, Wein­trin­ker sind; wären Sie hin­ge­gen Whis­ky­t­rin­ker, wäre Ihnen evtl schon längst ein Licht auf­ge­gan­gen. Dann wäre Ihnen näm­lich auf­ge­fal­len, dass das Abschmel­zen der Eis­wür­fel im Gla­se das Niveau des Getränks NICHT stei­gen läßt. Und die Pol­kap­pe im Nor­den kann man schlank­weg mit einem Eis­wür­fel ver­glei­chen, weil Sie näm­lich auf kei­ner­lei Land­mas­se (wie etwa ein Glet­scher) auf­liegt. Aber auch am Süd­pol befin­det sich der weit über­wie­gen­de Teil des Eises, der von Abschmel­zung bedroht wäre, als Schelf­eis vor der Land­mas­se des Kon­ti­nents. Und im Ver­gleich mit all die­sen von der Schmel­ze bedroh­ten Eises­mas­sen stel­len die paar ech­ten Glet­scher, wel­che da schmel­zen könn­ten, nur einen ver­schwin­dend gerin­gen Anteil dar; die­sen dür­fen wir bei dem dro­hen­den Hor­ror der Über­flu­tung ohne­hin vernachlässigen.”

Aber ja, aber gern! Nur einen Ein­wand will ich äußern: Wer Eis in sei­nen Whis­ky wirft, trinkt ent­we­der den fal­schen Stoff oder soll­te als Nah­rungs­mit­tel­ver­der­ber auf den Fahn­dungs­lis­ten der Geschmacks­po­li­zei auftauchen…

Leser **** wider­spricht: „Grön­land, das fast bis zur Pol­kap­pe reicht, ist ein ein­zi­ger Glet­scher. Der sechs­te Kon­ti­nent weist bis zum Schei­tel eine Mäch­tig­keit von bis zu 3.000 Metern über Meer mit gebun­de­nem Was­ser auf. In einem Vor­trag eines Schwei­zer Gla­zio­lo­gen – Gla­zio­lo­gen und Geo­lo­gen sind ein Export­pro­dukt der Schweiz – lern­te ich mal, dass das Gewicht die­ses Eises den Fest­landso­ckel bis auf oder sogar unter den Mee­res­spie­gel drückt.
Völ­lig einig mit Ihnen bin aber mit Ihrer Bemer­kung, dass kein Eis in den Whis­ky gehört, nur etwas Wasser.”

Dem sekun­diert Leser *****: „Als diplo­mier­ter Geo­lo­ge muß ich ihrem zwei­ten Leser zustim­men, der beschreibt, daß das Inland­eis auf Ant­ark­ti­ka bis zu 3 Kilo­me­ter dick ist. Immer­hin sind 90 Pro­zent allen Süß­was­sers der Erde dort gebun­den. Und als Hin­weis am Ran­de soll­te nicht uner­wähnt blei­ben, daß Skan­di­na­vi­en sich heu­te, 10.000 Jah­re nach der letz­ten gro­ßen Ver­glet­scherung, immer noch von den Eis­mas­sen erholt und des­halb auf­steigt. Der iso­sta­ti­sche Druck die­ser immensen Eis­mas­sen ist nicht zu ver­ach­ten.
Wor­in ich ihren bei­den Lesern nicht zustim­men kann, ist die Ver­wäs­se­rung von Whis­ky. Man mag zwar das sei­fi­ge ame­ri­ka­ni­sche Zeug, genannt Whis­key, ver­dün­nen, Was­ser hat aber in einem Whis­ky ohne e nichts zu suchen.”

                                 ***

Eine Anmer­kung in eige­ner Sache. Am Abend des 24. Novem­ber wie­der­ho­len wir wahr­schein­lich letzt­mals und in geschlos­se­ner Run­de in dies­mal Düs­sel­dorf unse­re Soi­ree „Lebens­wer­te”. Es sind noch ein paar Kar­ten übrig. Inter­es­sen­ten mel­den sich bit­te unter info@michael-klonovsky.de

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