8. November 2018

Die heu­ti­ge Bun­des­tags­de­bat­te zum „Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on” hät­te nach dem Wil­len der Regie­rung am bes­ten nie­mals statt­fin­den sol­len, und dem­ge­mäß schrill waren die Töne der kurz vor dem Ziel doch noch mit einer Debat­te Düpier­ten, die auf die ruhi­gen und sach­li­chen Dar­le­gun­gen der bei­den AfD-Schwe­fel­bu­ben Gau­land und Heb­ner in pflicht­ge­mäß aggres­si­vem Kon­for­mis­mus reagier­ten. O‑Ton Gau­land: „Die­ser Pakt ist der ers­te Schritt, Migra­ti­on zu einem Men­schen­recht zu machen, das Staa­ten­recht über­steigt.” Replik des FDP-Man­nes Joa­chim Stamp, Minis­ter „für Kin­der, Fami­lie, Flücht­lin­ge und Inte­gra­ti­on” in NRW und dort­selbst Laschet-Stell­ver­tre­ter: Es sei ein AfD-Lüge, dass in die­sem Pakt etwas von einem Men­schen­recht auf Migra­ti­on stün­de… Ich äußer­te hier zuwei­len die Ansicht, man möge nicht immer gleich Per­fi­die ver­mu­ten, wo Dumm­heit eben­falls als Ursa­che in Fra­ge kom­men könn­te; das gilt natür­lich auch umgekehrt.

Der „Glo­bal Com­pact” (hier in deut­scher Über­set­zung) ist ein absichts­voll dop­pel­deu­tig gehal­te­nes Doku­ment, in dem ein­an­der aus­schlie­ßen­de Aus­sa­gen mun­ter auf­ein­an­der fol­gen, auf dass sei­ne Lan­cie­rer genü­gend Pas­sa­gen fin­den, die sie zur Ent­war­nung zitie­ren kön­nen. Ich gestat­te mir, Dus­han Weg­ners Argu­ment auf­zu­grei­fen: Wenn Ihnen, geneig­ter Leser und all­zeit lie­be­voll mit­ge­mein­te Lese­rin die­ses Dia­ri­ums, für irgend­ei­nen pri­va­ten Geschäfts­ab­schluss ein Ver­trag vor­ge­legt wird, in dem geschrie­ben steht, dass der Gegen­stand A gilt und zugleich sein Gegen­teil B, wer­den sie die­sen Ver­trag dann ver­trau­ens­voll unter­zeich­nen? Wenn in einem Pakt, der Punkt für Punkt gegen die Sou­ve­rä­ni­tät der Natio­nal­staa­ten gerich­tet ist, gleich­wohl ver­si­chert wird, die Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten blei­be von ihm unbe­rührt, hie­ße das über­setzt in ein pri­vat­recht­li­ches Exem­pel unge­fähr: Sie mie­ten eine Woh­nung, dür­fen nicht bestim­men, wer noch dort näch­tigt, aber es bleibt natür­lich ihre ver­trag­lich gemie­te­te Woh­nung. In zehn Jah­ren auch noch? Wen schert die Zukunft? Nur „besorg­te Bür­ger”… – Glau­bens­fest haben alle Nicht-AfD-Red­ner erklärt, die natio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät in Ein­wan­de­rungs­be­la­gen stün­de ü‑ber-haupt-nicht-zur-Dis-po-si-tion; außer­dem sei der Ver­trag sowie­so unver­bind­lich. Direkt im Anschluss stell­ten die Grü­nen übri­gens einen Antrag zur sofor­ti­gen Umset­zung des „Glo­bal Com­pact”. Ganz unver­bind­lich natürlich…

Gera­de­zu drol­lig wird das dop­pel­deu­ti­ge Doku­ment – ist, wird man in zehn Jah­ren rät­seln, die­se Pas­sa­ge nun als mek­ka­nisch oder doch als medi­nen­sisch zu inter­pre­tie­ren? Fra­gen Sie eine NGO Ihres Ver­trau­ens! – bei der Trak­tie­rung der Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit (Ziel 17):

„Wir ver­pflich­ten uns, im Ein­klang mit den inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­nor­men alle For­men der Dis­kri­mi­nie­rung zu besei­ti­gen und Äuße­run­gen, Hand­lun­gen und Aus­prä­gun­gen von Ras­sis­mus, Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung, Gewalt, Frem­den­feind­lich­keit und damit zusam­men­hän­gen­der Into­le­ranz gegen­über allen Migran­ten zu ver­ur­tei­len und zu bekämp­fen.” Alle (!) For­men (!) der Dis­kri­mi­nie­rung; man sieht, die­se Inter­na­tio­nal­so­zia­lis­ten gehen aufs Gan­ze. Öffent­lich­keits­ar­bei­tern, die bei der pro­pa­gan­dis­ti­schen Ölzweig­we­de­lei nicht mit­ma­chen wol­len, wer­den Sank­tio­nen in Aus­sicht gestellt. Und die CDU schickt sich an, das zu unterschreiben… 

Zugleich aber heißt es: „Wir ver­pflich­ten uns außer­dem, im Ein­klang mit dem Völ­ker­recht das Recht der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung zu schüt­zen, in der Erkennt­nis, dass eine offe­ne und freie Debat­te zu einem umfas­sen­den Ver­ständ­nis aller Aspek­te der Migra­ti­on bei­trägt.” Wel­che von bei­den Ver­sio­nen wird sich wohl durch­set­zen im herr­schen­den Kli­ma der Ambiguitätstoleranz?

Die­se Woh­nung gehört ten­den­zi­ell vie­len, aber Ihnen zur Mie­te. Wol­len Sie den Ver­trag unterschreiben?

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Den wirk­li­chen Glanz­punkt der Debat­te setz­te Clau­dia Moll, SPD, die in einer Kurz­in­ter­ven­ti­on offen­bar­te: „Ich schä­me mich fremd, dass wir hier über die­sen Lügen­an­trag spre­chen müs­sen.” Die Grü­ne Filiz Polat, die in ihrer Rede bereits die CDU „beson­ders in Sach­sen” gewarnt hat­te, je mit der AfD zu spie­len, schloss sofort an mit der Behaup­tung, im Peti­ti­ons­aus­schuss lägen Peti­tio­nen gegen den „Glo­bal Com­pact”, die „zutiefst anti­se­mi­tisch” sei­en (eine Begrün­dung blieb aus; das sind bewähr­te Auto­ma­tis­men bzw. Affek­te, die dem­nächst neu jus­tiert wer­den). Der AfD-Abge­ord­ne­te Heb­ner mach­te die beben­de Maid dar­auf auf­merk­sam, dass auch Isra­el den Pakt ableh­ne (hier). Der Sicher­heits­be­ra­ter der israe­li­schen Regie­rung, Prof. Dan Schu­eft­an, erklär­te gegen­über der Kro­nen-Zei­tung, der „Glo­bal Com­pact” sei ein „Pakt der Wöl­fe, wie sie mit den Scha­fen umge­hen wol­len”. Hui! Da er nicht in der AfD ist, darf man Schu­eft­an nicht Nazi oder so nen­nen. Das argu­men­ta­ti­ve Kar­di­nal­pro­blem sämt­li­cher Alt­par­tei­en­ver­tre­ter besteht dar­in, dass nach ihrer Logik nicht nur die Polen, Ungarn, Kroa­ten und das ande­re vor­mo­dern-demo­kra­tie­un­fä­hig-undank­ba­re ost­eu­ro­päi­sche G’schwärl, son­dern auch die Amis, die Aus­tra­li­er, die Japa­ner, die Ösis, die Juden, die Dänen, die Schwei­zer – bzw. der Grenz­si­che­rungs­pro­gro­me befür­wor­ten­de Anteil die­ser Bevöl­ke­run­gen und lei­der Got­tes auch Regie­run­gen – in der ver­han­del­ten Fra­ge prak­tisch auf Sei­ten der AfD stehen. 

Aus die­ser Klit­ze fin­det nur der For­sche wie­der ins Freie. Wenn es ein Deut­scher ist, kann der Weg nur ins Gro­ß­e­gan­ze füh­ren, dar­un­ter machen wir es bekannt­lich nicht: „Es ist das ers­te­mal, dass sich die Welt­ge­sell­schaft auf­macht, das Pro­blem Migra­ti­on zu lösen”, rief Lars Cas­te­luc­ci, SPD, und tat sogleich noch kund, dass es „kei­ne Men­schen ers­ter und zwei­ter Klas­se gibt und dass die Migran­ten nicht Men­schen zwei­ter Klas­se sind”, was zwar ers­tens nie­mand behaup­tet hat­te und zwei­tens von der Fra­ge, ob es sich um Staats­bür­ger han­delt, sanft über­la­gert wird, denn nicht ein­mal das deut­sche Tuka-taka-Land kann dem gesam­ten Glo­bus­per­so­nal die Erst­klas­sig­keit garan­tie­ren. Aber wenn nur deut­sche Staats­bür­ger bzw. Staats­ge­biet­ler Men­schen sind, denen sie zuge­si­chert wer­den kann, dann hoch das Tor und her­ein! Cas­te­luc­ci ist übri­gens „Pro­fes­sor für Nach­hal­ti­ges Manage­ment, ins­be­son­de­re Inte­gra­ti­ons- und Diver­si­ty Manage­ment”, also voll auf dem Kiwif, und er nann­te es stracks „ver­fas­sungs­feind­lich”, dass Gau­land das Wort „Sied­lungs­ge­biet” gebraucht hat­te. Es kön­nen schließ­lich gar nicht genug Wor­te unter Ver­dacht gestellt wer­den! Kon­kret hat­te der AfD-Vor­sit­zen­de gesagt: „Lin­ke Träu­mer und glo­ba­lis­ti­sche Eli­ten wol­len unser Land klamm­heim­lich aus einem Natio­nal­staat in ein Sied­lungs­ge­biet ver­wan­deln.” Auch der Phö­nix-Kom­men­ta­tor, öffent­lich-recht­lich, über­par­tei­lich, steu­er­fi­nan­ziert, sag­te, jetzt wo „Umvol­kung” auf dem Index ste­he, wer­de also „Sied­lungs­ge­biet” dar­aus, was vor dem Hin­ter­grund der mög­li­cher­wei­se im Rau­me (ohne Volk) ste­hen­den Ver­fas­sungschutz­be­ob­ach­tung der AfD bemer­kens­wert sei.

Ein­schub: Im Ber­li­ner Tages­spie­gel schrieb Bar­ba­ra John (ich weiß nicht, ob es sich um die ehe­ma­li­ge Aus­län­der­be­auf­trag­te han­delt oder eine gleich­na­mi­ge Jour­na­lis­tin) Anfang August, dass es nur noch eine Fra­ge der Zeit sei, „bis in grö­ße­ren Städ­ten Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit stel­len. In Frank­furt am Main ist es bereits so weit: Schon 2017 waren 51,2 Pro­zent der Stadt­be­woh­ner nicht in Deutsch­land gebo­ren oder hat­ten nicht­deut­sche Eltern. Augs­burg und Stutt­gart sind die nächs­ten Kan­di­da­ten oder haben den Sta­tus gera­de erreicht.” Die grü­ne Ham­bur­ger Bür­ger­schafts­ab­ge­ord­ne­te Ste­fa­nie von Berg hat in einer viel­be­ach­te­ten Rede erklärt: „Unse­re Gesell­schaft wird sich ändern, unse­re Stadt wird sich radi­kal ver­än­dern. Ich bin der Auf­fas­sung, dass wir in 20, 30 Jah­ren gar kei­ne eth­ni­schen Mehr­hei­ten mehr haben in unse­rer Stadt. Und ich sage Ihnen ganz deut­lich, gera­de hier in Rich­tung rechts: Das ist gut so.” Aber auch, wenn es toll ist, han­delt es sich um kei­ne Umvol­kung, kei­nen Bevöl­ke­rungs­aus­tausch, und ein Sied­lungs­ge­biet soll ja erst noch entstehen.

Ich set­ze der Augen­freund­lich­keit wegen wie­der ein­mal drei Sternchen:

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Es gab der gro­ßen Auf­trit­te heu­te vie­le, und kei­nes­falls darf Chris­toph Mat­schie, eben­falls SPD, also dem­nächst par­tei­los, hier uner­wähnt blei­ben, der dem Audi­to­ri­um und spe­zi­ell der AfD dort­selbst unter die Rotz­na­sen rieb, dass die Hälf­te der Unter­neh­mens­grün­der im Sili­con Val­ley nicht in den USA gebo­ren sei­en; lei­der ver­gaß er den sach­dien­li­chen Hin­weis, wie vie­le aus Afri­ka und dem Ori­ent stam­men; sagt er bestimmt beim nächs­ten Mal. Aber ein­mal in Fak­ten­fin­der­lau­ne, rausch­te dem Sozi das aktu­el­le Datum durch die Rübe: Mor­gen, sang Mat­schie und kam in Stim­mung, mor­gen ist der 9. Novem­ber, der­sel­be 9. Novem­ber, an dem Men­schen „erst aus­ge­grenzt und dann ver­folgt wur­den”, und er mein­te weder das Direk­to­ri­um nach Bona­par­tes Staats­streich 1799 noch die Sta­si oder die SED-Nomen­kla­tu­ra anno 1989. Nein, er mein­te natür­lich die Juden bzw. die Juden von heu­te (deren Zen­tral­rats­vor­sit­zen­der heißt übri­gens Aiman Mazyek), unter denen sich zwar vie­le Anti­se­mi­ten befin­den, „aber irgend­was ist ja immer” (Mike Krü­ger). Also wer gegen den Migra­ti­ons­pakt argu­men­tiert, quatsch: hetzt, will Pogro­me gegen Migran­ten und nichts außer­dem, und wenn die Israe­lis beim „Glo­bal Com­pact” nicht mit­ma­chen, haben sie so wenig aus der Geschich­te gelernt wie die Nazis, und ihnen geschieht ganz recht. – Was die AfD im Ple­num vor­ge­tra­gen habe, sei eine „nie­der­träch­ti­ge Schwei­ne­rei”, ließ sich da auch Frank Stef­fel von der glor­rei­chen Ber­li­ner CDU nicht lum­pen, und eine Lin­ken-Abge­ord­ne­te, deren Name mir ent­fal­len ist, wet­ter­te gegen den „Nütz­lich­keits­ras­sis­mus”, den Ein­wan­de­rungs­län­der wie Kana­da und natür­lich auch die AfD prak­ti­zier­ten, wenn sie Ein­wan­de­rer nach ihren natio­na­len Inter­es­sen und wirt­schaft­li­chen Bedürf­nis­sen aus­wähl­ten bzw. aus­wäh­len woll­ten. Was man der Bun­des­re­gie­rung immer­hin nicht vor­wer­fen kann, Anis Amri ste­he als pars pro toto – wobei der Ter­mi­nus natür­lich sug­ge­riert, man kön­ne Ras­sen nach nütz­lich und weni­ger nütz­lich unter­schei­den. Län­ger, geneig­ter Leser, hielt ich die­ses Ple­num nicht durch, ein star­ker Durst bemäch­tig­te sich mei­ner, und tri­um­phie­rend spül­te der hol­de Ries­ling im Par­la­ments­re­stau­rant allen Gram und Ekel fort.

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Unse­re Welt­ret­tungs­all­par­tei­en­ko­ali­tio­nä­re spre­chen übri­gens uni­so­no von der „Bekämp­fung der Flucht­ur­sa­chen”. Die Haupt­ur­sa­che nann­te kei­ner der Red­ner (also ich mei­ne hier den Druck, nicht den Sog; die Ursa­che des Letz­te­ren saß zwar dies­mal nicht, sitzt aber sonst auf der Regie­rungs­bank): Es ist die Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on in Afri­ka und im Ori­ent. Flucht­ur­sa­chen bekämp­fen hie­ße, Prä­mi­en für Gebur­ten­kon­trol­le und Klein­fa­mi­li­en aus­zu­lo­ben. Nicht Geld für Kin­der, son­dern für weni­ge bzw. kei­ne Kin­der. Ist aber, sofern sich die Auf­for­de­rung nicht an wei­ße Frau­en rich­tet, schlimms­ter Rassismus.

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Wir kom­men zum juris­ti­schen Teil. 

„Schon eine Durch­sicht des durch­weg höchst kom­pli­zier­ten, oft sprach­lich unein­deu­tig for­mu­lier­ten völ­ker­recht­li­chen Instru­ments ergibt aber, daß der her­kömm­li­cher­wei­se wich­tigs­te und zen­trals­te Aspekt des inter­na­tio­na­len Migra­ti­ons­rechts eigent­lich fehlt: näm­lich das Recht eines jeden sou­ve­rä­nen Staa­tes auf Ent­schei­dung über Ob und Wie even­tu­el­ler Zuwan­de­rung und auf je eige­ne Gestal­tung des natio­na­len Zuwan­de­rungs- und Asyl­re­gimes”, schreibt der Staats- und Völ­ker­recht­ler Ulrich Vos­gerau in sei­nem Gut­ach­ten „Zur Ver­bind­lich­keit im Völ­ker­recht am Bei­spiel des ‚Glo­bal Com­pact for Save, Order­ly and Regu­lar Migra­ti­on’ ” (GCM), wel­ches dem Eck­la­den­be­sit­zer vor­liegt. „Unter Umkeh­rung der tra­di­tio­nel­len völ­ker­recht­li­chen Betrach­tungs­wei­se, nach der gleich­be­rech­ti­ge und sou­ve­rä­ne Staa­ten die wesent­li­chen Akteu­re und v.a. auch die Rechts­sub­jek­te des Völ­ker­rechts sind, wer­den die Rech­te der Migran­ten auf welt­wei­te Wan­de­rung und dis­kri­mi­nie­rungs­freie Nie­der­las­sung in den Vor­der­grund gestellt; die­se sol­len die Staa­ten sicher­stel­len, was wie­der­um von Stel­len der Ver­ein­ten Natio­nen lau­fend über­wacht wer­den soll.”

Der Nukle­us des heu­ti­gen Migra­ti­ons­pak­tes sei die New Yor­ker Erklä­rung vom 19. Sep­tem­ber 2016, führt Vos­gerau wei­ter aus. An die­ser fal­le bereits auf, „daß hier mit wesent­li­chen, bis­lang prä­gen­den Grund­sät­zen des Völ­ker­rechts wie auch des natio­na­len Asyl‑, Ein­wan­de­rungs- und Aus­län­der­rechts gebro­chen wird; die UN will im Hin­blick auf das Migra­ti­ons­recht offen­bar ein neu­es Kapi­tel der Völ­ker­rechts­ge­schich­te aufschlagen.” 

Her­kömm­li­cher­wei­se sei­en Staa­ten die Rechts­sub­jek­te und Akteu­re des Völ­ker­rechts; die Indi­vi­du­al­per­son wer­de mit ihren Rech­ten und Inter­es­sen von ihrem Staat ver­tre­ten, sei aber im all­ge­mei­nen nicht selbst Völ­ker­rechts­sub­jekt. „Die­se Betrach­tungs­wei­se unter­liegt aller­dings seit gerau­mer Zeit auch der Kri­tik ‚moder­ner’ Völ­ker­recht­ler, die im Völ­ker­recht per­spek­ti­visch eher eine ‚Welt­ver­fas­sung’ zum Zweck der Gleich­stel­lung aller ‚Welt­bür­ger’ an Rech­ten erbli­cken wol­len, in der die zahl­rei­chen unter­schied­li­chen Natio­nal­staa­ten all­mäh­lich über­flüs­sig werden.”

Die­ser Ansicht kann man legi­ti­mer­wei­se sein, aber eben auch der gegen­tei­li­gen; hier ver­lau­fen die Front­li­ni­en unse­res Epöch­leins, hier wer­den im lau­fen­den Säku­lum die Dar­win Awards aus­ge­tra­gen, was Bio­lo­gis­ten wie Gott und mich nicht wirk­lich frappiert.

„Dem­ge­gen­über dreht bereits die New York Decla­ra­ti­on – und umso mehr dann der GCM – die­se recht­lich-poli­ti­sche Aus­gangs­la­ge um und geht von einer Art Grund­recht aller Men­schen auf welt­wei­te Migra­ti­on mit all­ge­mei­ner Nie­der­las­sungs­frei­heit aus (‚jeder­zeit und ohne Rück­sicht auf ihren Migra­ti­ons­sta­tus [d.h. ihren jewei­li­gen Rechts­sta­tus]’ – ‚ret­ten, auf­neh­men, beher­ber­gen’). Kon­se­quen­ter­wei­se kommt dann das Kon­zept der ‚ille­ga­len Ein­wan­de­rung’ im GCM gar nicht mehr vor.”

Das Wort „Über­be­völ­ke­rung” (over­po­pu­la­ti­on)  – auch dar­auf weist das Vos­gerau-Gut­ach­ten hin – kommt im „Com­pact” eben­falls nicht vor.

Fazit: „Die UN haben offen­bar das Ziel der För­de­rung von Fami­li­en­pla­nung und Gebur­ten­kon­trol­le in den stark über­be­völ­ker­ten Ent­wick­lungs­län­dern auf­ge­ben und ver­su­chen nun, den stän­dig wach­sen­den Bevöl­ke­rungs­druck durch Umsied­lung, Migra­ti­on und die Ver­schie­bung der Über­be­völ­ke­rung in den Bil­lig­lohn­sek­tor bzw. die Sozi­al­sys­te­me der Indus­trie­na­tio­nen zu bewäl­ti­gen. Dies ist aber weder nach­hal­tig noch demo­kra­tisch legi­ti­miert. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist ein demo­kra­ti­scher Natio­nal­staat und kein offe­nes Sied­lungs­ge­biet. Die Auf­nah­me von Ein­wan­de­rern muß sich von Ver­fas­sungs wegen nach den natio­na­len Inter­es­sen rich­ten, die von den Par­la­men­ten zu for­mu­lie­ren sind und deren Defi­ni­ti­on auf frei­en Wah­len beruht.”

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Ein wei­te­res Fund­stück aus Peter Slo­ter­di­jks Schatz­käst­lein „Neue Zei­le und Tage” (Acta vom 5. Novem­ber). Über das Phä­no­men Lan­ce Arm­strong notiert der Phi­lo­soph, wenn man es ver­ste­hen wol­le, wäre zu beden­ken, „wie­so tod­kran­ke Men­schen nach der Gene­sung  in den Sog einer Auf­er­ste­hungs­phan­ta­sie gera­ten kön­nen”. Der sie­ben­ma­li­ge Tour de Fran­ce-Sie­ger, dem nach­träg­lich sämt­li­che Titel aberkannt wur­den, sei „das Haupt einer Sek­te” gewe­sen, „die den Glau­ben an die Unbe­sieg­bar­keit des Lebens­wil­lens zu ihrem Dog­ma erho­ben hat­te, gleich ob es um Krebs­zel­len, Riva­len, Ber­ge oder Doping­fahn­der ging”. Das stärks­te Argu­ment des Ame­ri­ka­ners gegen die sei­ne gesam­te Kar­rie­re beglei­ten­den Doping-Vor­wür­fe war immer der Satz, er habe nicht meh­re­re Che­mo­the­ra­pien, eine Hirn-OP und eine hal­be Kas­tra­ti­on über sich erge­hen las­sen, um nun sei­ne Gesund­heit oder gar sein Leben durch die Ein­nah­me ille­ga­ler leis­tungs­stei­gern­der Sub­stan­zen neu­er­lich aufs Spiel zu set­zen. Das ers­te Leben aber war vor­über, und das zwei­te, aus­er­wähl­te, begann bei Null… 

                                      ***

Die „gemein­sa­me Bin­dung an his­to­risch errun­ge­ne repu­bli­ka­ni­sche Frei­hei­ten” und „eine im his­to­ri­schen Bewußt­sein ver­an­ker­te Loya­li­tät zu einer über­zeu­gen­den poli­ti­schen Ord­nung” sei­en es, die mitt­ler­wei­le „über alle sub­kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen hin­weg das wech­sel­sei­ti­ge Ein­ste­hen der Bür­ger für­ein­an­der moti­vie­ren”. Also sprach Jür­gen Haber­mas in sei­ner Pauls­kir­chen­re­de anno 1995. Des­halb wäh­len wahr­schein­lich auch über­pro­por­tio­nal vie­le Deut­sche mit Migra­ti­ons­ge­schich­te inzwi­schen die AfD.

                                      ***

Mei­nen Sie Chem­nitz zum Bei­spiel
Sei eine seich­te­re Stadt…?

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Erstaun­lich, dass so etwas nun auch im Land of the free mög­lich ist: „Anti­fa mob pro­tests at Tucker Carlson’s house chan­ting ‚we know whe­re you sleep at night’ as extre­mist Twit­ter page relea­ses the addres­ses of the Fox host, his bro­ther Buck­ley Carl­son, and col­leagues Ann Coul­ter and Sean Han­ni­ty”, mel­det Dai­l­y­mail. Der Unter­schied zur zen­tral­eu­ro­päi­schen Folk­lo­re besteht frei­lich dar­in, dass Tucker Carl­son sich Mis­ter 7,62 Mil­li­me­ter zur Ver­tei­di­gung sei­nes Hau­ses her­bei­ho­len kann und dort­zu­lan­de das Recht auf Ver­tei­di­gung der eige­nen vier Wän­de noch unein­ge­schränkt gilt.

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