19. Dezember 2018

„Wer lobt, stellt sich gleich”, rüg­te bekannt­lich Johann Wolf­gang lobe­sam, wes­halb ich heu­te mit einem Selbst- bzw. Eigen­lob anhe­ben will: Ich kann­te bis­lang kei­nen Spie­gel-Repor­ter oder gar „Star-Repor­ter” namens Claas Relo­ti­us – und einen sol­chen Kar­ne­vals­na­men hät­te ich mir doch gemerkt! –, und ich ken­ne folg­lich auch kei­nen Text von ihm, nicht einen Satz. Ich habe mei­nen sog. Medi­en­kon­sum, ganz im Gegen­satz bei­spiels­wei­se zu mei­nem Wein- und Foie-gras-Kon­sum, also offen­kun­dig unter Kon­trol­le. (Damit wir uns nicht miss­ver­ste­hen: Namen wie Marie-Lui­se Sche­rer, Fritz Rum­ler, Erich Wie­de­mann, Peter Stol­le, Hen­ry Glass, Mat­thi­as Matu­s­sek oder sogar Klaus Umbach sind mir heu­te noch geläu­fig.) Nun lese ich, dass der besag­te Repor­ter (oder Star-Repor­ter) dem Spie­gel einen Rein­fall beschert hat, der in den Anna­len die­ser win­di­gen Bran­che irgend­wo zwi­schen den Hit­ler-Tage­bü­chern des stern und dem Bor­der­line-Jour­na­lis­mus eines Tom Kum­mer sein Plätz­chen fin­den wird. Der viel­fach preis­ge­krön­te Relo­ti­us ist ein Fäl­scher und Betrü­ger, er hat Gesprä­che, Gesprächs­part­ner, Gesprächs­or­te, gan­ze Geschich­ten erfun­den. Dass es ihm gelin­gen konn­te, „jah­re­lang durch die Maschen der Qua­li­täts­si­che­rung zu schlüp­fen, die der Spie­gel in Jahr­zehn­ten geknüpft hat, tut beson­ders weh, und es stellt Fra­gen an die inter­ne Orga­ni­sa­ti­on”, simu­liert das Maga­zin die in sol­chen Fäl­len gebo­te­ne Zerknirschung. 

Nun, es stel­len sich wohl eher Fra­gen zur Situa­ti­on des deut­schen Rest­jour­na­lis­mus über­haupt. Denn obwohl ich, wie gesagt, kei­nen Schim­mer habe, über wel­che kon­kre­ten The­men der Bub Repor­ta­gen abge­lie­fert hat, bin ich mir doch sicher über deren poli­ti­sche Ten­denz. Sei­ne Mär­chen waren mit Sicher­heit trend­kon­form und also erwünscht, ver­meint­lich recher­chier­te Sto­ries, die wie der Podex auf den Eimer zu den recher­chefrei­en Kom­men­ta­ren der Spie­gel-Kolum­nis­ten von Diez bis Sto­kow­ski pass­ten, sonst wären sie nicht so leicht durch „die Maschen der Qua­li­täts­si­che­rung” geflutscht. Was mag noch alles durch die­se Maschen geschlüpft sein? 

Der Ter­mi­nus „Lügen­pres­se” ist zu undif­fe­ren­ziert; im kon­kre­ten Fall muss es hei­ßen: Erwünsch­te-Lügen-Pres­se (sen­si­ble Gemü­ter lesen bit­te: Erwünschte-Illusionen-Presse).

                                    ***

Sag­te ich „Rest­jour­na­lis­mus”*? Aber ja! Ich habe hier schon viel­fach die The­se geäu­ßert, dass der regie­rungs­hö­ri­ge Kon­for­mis­mus der meis­ten Jour­na­lis­ten sehr robust damit zu erklä­ren ist, dass sie zwei und zwei zusam­men­zäh­len kön­nen: Fast alle Zei­tun­gen befin­den sich mit ihrer Auf­la­ge im Sink- oder Sturz­flug, der Anzei­gen­markt für Print­me­di­en ist so gut wie zusam­men­ge­bro­chen, fast alle wer­den bin­nen weni­ger Jah­re plei­te sein, und dann ruhen sämt­li­che redak­tio­nel­len Hoff­nun­gen nur noch auf einem: dem Staat näm­lich, der es sich nicht leis­ten kann, auf jenen potem­kin­schen Fas­sa­den­plu­ra­lis­mus zu ver­zich­ten, den meh­re­re unter­schied­li­che resp. unter­schied­lich hei­ßen­de Gazet­ten fin­gie­ren. Deren Ange­stell­te wol­len alle öffent­lich-recht­li­che Jour­na­lis­ten wer­den, und sie schrei­ben heu­te schon ihre Bewer­bungs­tex­te. Das ist tri­vi­al, erklärt aber das Niveau.

Die Blog­ger haben die qua­li­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der eta­blier­ten Pres­se schon gewon­nen. Allein der heu­ti­ge Tag beschert uns drei Exem­pel von Arti­keln, wie sie kein Lohn- und Brot­jour­na­list mehr hin­be­kommt, sei es, weil er nicht kann, oder weil er nicht darf – oder bei­des: Auf Publi­co erklärt Alex­an­der Wendt, war­um das „rech­te” Öster­reich viel sozia­ler ist als Macrons Frank­reich; auf ach­gut schreibt Roger Letsch alles Nöti­ge zu jenem bedau­erns­wer­ten schwe­di­schen Mäd­chen, das auf der Kli­ma­kon­fe­renz zu Kat­to­witz die Zuhö­rer wis­sen ließ, dass es bis zur Dekar­bo­ni­sie­rung der west­li­chen Wirt­schaft frei­tags die Schu­le boy­kot­tie­ren will (auch wenn Herr Letsch offen­bar wenig über die Tech­nik­be­geis­te­rung unse­res einst­wei­len letz­ten Kai­sers zu wis­sen scheint); und Had­mut Danisch steu­ert die Sati­re min­des­tens des Monats bei, ich gestat­te mir, dar­aus zu zitieren: 

„Gab es bis­her an der Tank­stel­le nur zwei Sor­ten an der Säu­le, Ben­zin und Die­sel, baut man gera­de die Tank­stel­len für alle die, die sich kei­nem der bei­den Motor­ge­schlech­ter zuge­hö­rig füh­len, die Elek­tro­la­de­sta­ti­on. Neu­es­te geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se bele­gen, dass die Ein­tei­lung in Die­sel-Ben­zin-Elek­tro nur ein sozia­les Kon­strukt ist, das drin­gend dekon­stru­iert wer­den muss. Schon die Ein­tei­lung ist zutiefst tech­nis­tisch, und wir müs­sen zuerst die Spra­che ändern. Nie­mand darf mehr ein Fahr­zeug Die­sel nen­nen. Und so steht es in den Lehr­plä­nen der Grund­schu­len und den Erzie­hungs­kon­zep­ten der Kin­der­gär­ten, dass jedes Auto tan­ken und laden kann, was es will.”

Wäre ich sen­ti­men­tal und glaub­te an ein bereits von Pon­ti­us Pila­tus ange­zwei­fel­tes Kon­strukt namens Wahr­heit, wür­de ich schrei­ben: Was wahr­haf­ti­ger ist, ist eben auch anspruchs­vol­ler. Aber damit fie­le ich ja mei­nem eige­nen Lügen- und Hetz­dia­ri­um buch­stäb­lich in den Rücken. 

(* „Müss­te es”, fragt Leser ***, „nicht Rest­le­jour­na­lis­mus heißen?”)

                                       *** 

Apro­pos: Das erwähn­te hilfs­be­dürf­ti­ge Schwe­den-Mädel, das auf dem Kli­ma­gip­fel in Kat­to­witz „im Namen ihrer Genera­ti­on” zur Pla­ne­ten­ret­tung mahn­te (und übri­gens exakt so aus­schaut, wie man sich bei der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung ein Kind „rech­ter” Eltern aus­malt) – wobei ich ja spe­zi­ell in Schwe­den, also prak­tisch vor ihrer Haus­tür, eini­ge nahe­lie­gen­de­re Din­ge zu ret­ten wüss­te, etwa die Unbe­fleckt­heit jun­ger Schwe­din­nen mit sicht­ba­ren Zöp­fen –, die­se Uren­ke­lin der Dru­din­nen, Scha­ma­nin­nen und ger­ma­ni­schen Ora­kell­al­le­rin­nen namens Gre­ta Thun­berg ist natür­lich nicht der ers­te sol­cher­art miss­brauch­te Teen­ager. Schon 1992 brach­te ein Mäd­chen, das nicht nur im Namen sei­ner, son­dern aller fol­gen­den Genera­ti­on zu spre­chen vor­gab, „die Welt zum Schwei­gen” (hier). Trägt die Schwe­din vor, was ande­re ihr ein­blie­sen, scheint ihre Vor­gän­ge­rin, eine Kana­die­rin übri­gens, ein fer­ti­ges Manu­skript in die Hän­de gedrückt bekom­men zu haben: „Ihr müsst euch ändern”, ruft sie ins Audi­to­ri­um, sie habe zwar kei­ne „hid­den agen­da”, aber sie habe „Angst, in der Son­ne zu sein, wegen der Löcher in der Ozon­schicht. Ich habe Angst, die Luft zu atmen, weil ich nicht weiß, wel­che Che­mi­ka­li­en dar­in sind”. Ob sie sich bis heu­te Luft zu bekom­men getraut hat? 

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Das beson­ders Unan­ge­neh­me ist die anti­markt­wirt­schaft­li­che Atti­tü­de die­ser Teen­ager, das Bil­lig-Pathos des „Wären die Rei­chen ärmer, wären die Armen rei­cher”, wo doch tat­säch­lich die Pro­duk­ti­on von Reich­tum der ein­zi­ge Weg aus der Armut ist, wes­halb auch alle arme Welt um Inves­ti­tio­nen bet­telt (sofern sie nicht ein­ge­la­den wer­den, sich Ali­men­te zu erpres­sen). Die alte Fra­ge: „Sozia­lis­mus oder Kapi­ta­lis­mus?” lau­tet heu­te: „Sozia­lis­ti­sche Welt­re­gie­rung oder freie Weltmarktwirtschaft?”.

Mer­ke Don Nicolás: Die (phi­lo­so­phi­schen) Ansich­ten eines jun­gen Men­schen kön­nen allen­falls sei­ne Groß­mutter interessieren.

Mer­ke Don Nicolás, zum zwei­ten: Die Gesell­schaft ist geret­tet, wenn ihre Ret­ter verzweifeln.

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