21. Dezember 2018

Gewis­se Vor­fäl­le kann man ein­fach nicht kom­men­tie­ren, ohne zynisch zu wer­den; des­halb emp­fiehlt es sich, sie unkom­men­tiert, aber kei­nes­wegs uner­wähnt zu lassen.

Die nor­we­gi­sche Stu­den­tin Maren Ueland ist in Marok­ko ermor­det wor­den, gewis­ser­ma­ßen am Ran­de der Abseg­nung des „Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on”. Sie war als Ruck­sack-Tou­ris­tin mit einer Freun­din unter­wegs, die eben­falls umge­bracht wur­de. Bei den Mör­dern han­delt es sich um die übli­chen Ver­däch­ti­gen in die­sem Welt­teil. Auf einem Video ist zu sehen, wie einer jun­gen Frau mit einem Mes­ser der Kopf abge­schnit­ten wird; die Poli­zei ver­mu­tet, dass es die Hin­rich­tung Uelands zeigt. Drei der vier Tat­ver­däch­ti­gen sind hier abkon­ter­feit (ein biss­chen nach unten scrol­len). Auf ihrer Face­book-Sei­te* hat­te die jun­ge Nor­we­ge­rin die­ses Lehr- und Pro­pa­gan­da-Video geteilt, des­sen vor­ur­teils­ab­wei­sen­de Con­clu­sio lau­tet: „Think for yourself.” R.I.P., armes Mädchen.

(Ich dan­ke Leser *** für den Hinweis.)

* Leser *** macht mich dar­auf auf­merk­sam, dass die Sei­te inzwi­schen nicht mehr zugäng­lich ist: „Man ist auch in Nor­we­gen schnell.”

PS: Ein ande­rer Leser sen­det „ein klei­nes Kom­men­t­archen zu dem von Maren Ueland gelik­ten Video, das einen Sala­fis­ten als rühr­se­li­gen Fami­li­en­va­ter (mit ver­schlei­er­ter Frau und Söh­n­i­matz) zeigt. Wie wäre es, wenn statt des Sala­fis­ten ein glatz­köpf­ger Sprin­ger­stie­fel­trä­ger gezeigt wor­den wäre. Jeder, der dann ‚liken’ wür­de, hät­te am nächs­ten Tag den Staats­schutz im Haus. Wetten!?”

***

Ein letz­tes Wort zu Claas Relo­ti­us – der Fall ist zwar außer­ge­wöhn­lich, aber immer noch typisch (immer noch „Hund beißt Mann”, nicht: „Mann beißt Hund”); es han­delt sich um ein beson­ders auf­fäl­li­ges Sym­ptom einer sys­te­mi­schen Hirn­er­wei­chung, die mit Namen wie Kle­ber, Rest­le, Reschke, Mink­mar, Sto­kow­ski etc. ad nau­seam pp. skiz­zen­haft umris­sen sein soll und auf den Namen Green­wa­shing hört, wobei die genann­ten Herr­schaf­ten im Wesent­li­chen damit beschäf­tigt sind, die Wirk­lich­keit an ihren Schreib­ti­schen und in ihren Sen­de­stu­di­os zu mani­pu­lie­ren und in die gewünsch­te Ten­denz zu ver­dre­hen, wäh­rend der Gevat­ter mit dem Musi­cal-Neben­rol­len­na­men aus­zog, um sie zu fäl­schen. (Der Spie­gel ist, nicht zu ver­ges­sen, jenes Blatt, das eine Best­sel­ler­lis­te fri­siert – i.e. gefälscht – hat, weil ein uner­wünsch­tes Buch dar­auf stand.) Genau das Sys­te­mi­sche muss jetzt von Agen­ten des Sys­tems bestrit­ten wer­den, was sich beim Spie­gel unter der Zei­le: „Ant­wor­ten auf die Fra­gen der Leser” so anhört:

„Kann es sein, dass Claas Relo­ti­us geglaubt wur­de, weil sei­ne Tex­te vie­len ins Welt­bild pass­ten? Weil die Sze­ne­rien, die er beschreibt, so genau und auf den Punkt sind, wie in einem Lehrstück?

Nein. Einem Jour­na­lis­ten wird beim Spie­gel grund­sätz­lich nicht geglaubt, weil er eine bestimm­te Hal­tung ein­nimmt. Claas Relo­ti­us wur­de geglaubt, weil er stets über­zeu­gend dar­le­gen konn­te, wie er an sei­ne Infor­ma­tio­nen gekom­men ist. Auch die­se Dar­le­gun­gen haben sich als Fäl­schun­gen erwie­sen. Dass Relo­ti­us trotz diver­ser Spie­gel-Kon­troll­me­cha­nis­men mit die­ser Metho­de so lan­ge durch­kom­men konn­te, wol­len wir aufarbeiten.”

Noch im Demen­ti erzäh­len sie Mär­chen. Freund­li­cher­wei­se hat Alex­an­der Wendt (wie­der ein­mal) alles Nöti­ge über den lehr­stück­haf­ten Cha­rak­ter der Affä­re geschrie­ben und unter ande­rem die Tat­sa­che ermit­telt, dass der rasen­de Repor­ter bei sei­nem Inter­view mit Trau­te Laf­renz die Ereig­nis­se von Chem­nitz vor­da­tiert hat, um die letz­te Über­le­ben­de der „Wei­ßen Rose” in den staats­re­li­giö­sen „Kampf gegen rechts” ein­zu­bin­den und ihr noch ein spä­tes Erschau­ern über die par­al­lel her­bei­gelo­ge­ne Wie­der­kehr des Natio­nal­so­zia­lis­mus in den Mund zu lügen (die Zeit­ver­schie­bung ist dem Doku­men­tar wahr­schein­lich ent­gan­gen, weil er par­al­lel damit beschäf­tigt war, die Nazi­ver­gan­gen­heit von Björn Höcke zu recher­chie­ren). Jeder mag die bei­den Dar­le­gun­gen ver­glei­chen und sich ein Urteil bil­den. Mei­nes fin­de ich am lako­nischs­ten zusam­men­ge­fasst in der noto­ri­schen Danisch-Fra­ge: Wer glaubt denen noch was?

Also denen, die erst so etwas durchwinken:

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Und dann behaup­ten: „Einem Jour­na­lis­ten wird beim Spie­gel grund­sätz­lich nicht geglaubt, weil er eine bestimm­te Hal­tung einnimmt.”
Las­sen wir ein­fach den Neben­satz weg.

***

Noch mal zu Erin­ne­rung: Der „Fall” Kat­rin Huß.

***

„Relo­ti­us has recei­ved acco­la­des for his dar­ing quest to live among us for several weeks. And yet, he repor­ted on very litt­le actu­al truth about Fer­gus Falls life. In 7,300 words he real­ly only got our town’s popu­la­ti­on and average annu­al tem­pe­ra­tu­re cor­rect, and a few other basic things, like the names of busi­nes­ses and public figu­res, things that a child could figu­re out in a Goog­le search. The rest is unin­hi­bi­ted fic­tion (even as slop­py as citing an incor­rect figu­re of city­wi­de 70.4% elec­to­ral sup­port for Trump, when the actu­al num­ber was 62.6%), which begs the ques­ti­on of why Der Spie­gel even inves­ted in Relo­ti­us’ three week trip to the U.S., whe­ther they should demand their money back from him, and what kind of insti­tu­tio­nal break­down led to the sup­po­sed­ly world-class Der Spie­gel fact-che­cking team omple­te­ly drop­ping the ball on this one.

The­re are so many lies here, that my friend Jake and I had to nar­row them down to top 11 most absurd lies (we couldn’t do just 10) for the pur­po­se of this arti­cle.” (Mehr hier.)

                                    ***

Jour­na­lis­ten sind stets gehal­ten, „Ross und Rei­ter zu nen­nen”. Kom­men wir also zu den Rös­sern. Relo­ti­us wur­de vier­mal von einer „unab­hän­gi­gen Jury” mit dem „Deut­schen Repor­ter­preis” aus­ge­zeich­net. Auf der frag­li­chen Wiki­pe­dia-Sei­te fin­det man ers­te Hin­wei­se auf die Zusam­men­set­zung die­ser Jury, auf der Web­sei­te des „Repor­ter­fo­rums” sind sie alle gelis­tet (hier für 2015, ein „Relo­ti­us-Jahr”; man kann die Jah­re jeweils ankli­cken). Es ist ein Who is who des deut­schen Wahr­heits- und Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, zum Wedeln und (Selbst-)Beweihräuchern ver­sam­mel­ten sich u.a. Fran­zis­ka Aug­stein, Claus Kle­ber, Caren Mios­ga, Anja Reschke, Sascha Lobo, Fried­rich Küp­pers­busch. Und natür­lich Ulrich Ficht­ner, inzwi­schen Spie­gel-Chef­re­dak­teur (zu mei­ner Zeit galt das noch etwas) und also aktu­ell füh­ren­der Zer­knir­schungs­sim­lie­rer an der Eri­cus­spit­ze. Noch irgend­wel­che Fragen?

„Fra­gen? Natür­lich”, repli­ziert Leser *** so prompt, dass von einem Kon­ter gespro­chen wer­den soll­te. „Wie kann ein Sascha Lobo, wie eine Mar­ga­re­te Sto­kow­ski in eine sol­che Posi­ti­on gelan­gen? Wie kön­nen sich der­ar­ti­ge Durch­schnitts­be­ga­bun­gen mit ihrer intel­lek­tu­ell voll­kom­me­nen Unred­lich­keit durch­set­zen? Ich habe da eine kogni­ti­ve Dis­so­nanz, denn bei allem Ver­ständ­nis für deren sinist­re Moti­ve … – wie­so gibt es für die Lüge und die Pro­pa­gan­da nicht ein Min­dest­maß an Qua­li­tät? Bei der Dumm­dreis­tig­keit die heu­er zum Erfolg führt, bleibt mir schlicht die Spu­cke weg.”

Nun, ich sag­te ja: sys­te­misch. Und ich habe die­sem ver­gau­ner­ten Club 25 Jah­re lang von sehr weit innen hos­pi­tiert (man­che behaup­ten sogar: ange­hört, aber das hal­te ich für übertrieben…)

***

Der abge­brüh­te Leser die­ses Tage­buchs weiß, dass hier bis­wei­len eine Pres­se­schau statt­fin­det, zum Zwe­cke der Het­ze mit Fak­ten und einer mög­lichst voll­stän­di­gen Dis­kri­mi­nie­rung derer, die es ver­dient haben. Heu­te über­neh­me ich sie kom­plett, also auch mit den – kur­siv gesetz­ten – Kurz­kom­men­ta­ren, von Leser*** (übri­gens Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Mili­tär­ex­per­te mit lang­jäh­ri­ger Auslandserfahrung):

Eins.

„Am Don­ners­tag­abend gerie­ten im Zen­trum von Erfurt meh­re­re Jugend­li­che anein­an­der. Dabei soll ein unbe­tei­lig­ter, offen­bar behin­der­ter Mann, lebens­ge­fähr­lich ver­letzt wor­den sein” (hier).
Jugend­li­che.

Zwei.

„Poli­zist wird bei AfD-Ver­an­stal­tung ‚erheb­lich’ ver­letzt” (hier).
Wort­wahl und For­mu­lie­rung sind qua­li­ta­tiv­me­di­al vorbildlich.

Drei.

„Mit Mat­tis geht ein Sta­bi­li­sa­tor – und Trumps letz­ter Mili­tär” (hier).
Für die selbst­ge­rech­ten und post­he­roi­schen Euro­pä­er eine sehr schlech­te Nach­richt. Die ver­hass­ten Ame­ri­ka­ner wol­len sie anschei­nend nicht mehr vor den Fol­gen der eige­nen Poli­tik schüt­zen. Das wird hart für die Pose­ners, Prantls und Göring-Eckardts die­ser Welt. Jetzt müs­sen sie mit den Gabri­els, Schar­pings und Maas gegen Geg­ner und sicher­heits­po­li­ti­sche Lagen antre­ten, die sie nicht ver­ste­hen kön­nen und wol­len. Das wird „his­to­risch”.

Vier.

„Syri­en-Abzug: Trump ver­rät alle. Die Israe­lis, die Kur­den, die Euro­pä­er” (hier).
Köst­lich!

Fünf.

„Top-Öko­no­men war­nen vor einer gro­ßen Unwucht im Euro-Sys­tem” (hier).
Mora­li­sche Hybris und ideo­lo­gi­sche Ver­blen­dung haben uns die­se Ent­wick­lun­gen beschert. Ab jetzt wer­den wir eine spür­ba­re Beschleu­ni­gung des euro­päi­schen Nie­der­gangs erleben.

Eigent­lich scha­de, dass Relo­ti­us nicht mehr dar­über schrei­ben wird.

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