31. Dezember 2018

Das ober­pfäl­zi­sche Amberg ist ein beschau­li­cher, stel­len­wei­se auch male­ri­scher Ort, des­sen Alt­stadt, das wegen sei­ner Form soge­nann­te „Innen­stadt-Ei”, von einer der best­erhal­te­nen mit­tel­al­ter­li­chen Wehr­an­la­gen in Deutsch­land umfrie­det wird, durch die vier his­to­ri­sche Stadt­to­re führen. 

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Die Stadt­sil­hou­et­te wird von der spät­go­ti­schen Basi­li­ka St. Mar­tin beherrscht. Auf dem Markt­platz steht ein goti­sches Rathaus.

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Durch die Stadt fließt die Vils. Vie­le klei­ne Brü­cken und Fuß­we­ge am Ufer im Schat­ten his­to­ri­scher Gebäu­de geben Amberg da und dort eine, wenn man so will, vene­zia­ni­sche Note. In zwei Bögen über­spannt die Stadt­mau­er das Flüss­chen und bil­det die soge­nann­te Stadt­bril­le, qua­si ein fünf­tes Tor über dem Fluss. Zur Lin­ken sieht man einen Teil des kur­füst­li­chen Schlosses:

Amberg Stadtbrille

Hei­le Welt, wie man sagt. In Amberg lebt und lust­wan­delt der bedeu­ten­de deut­sche Schrift­stel­ler Eck­hard Hen­scheid, und dort spie­len sei­ne bei­den epo­cha­len Roma­ne „Geht in Ord­nung – sowie­so – – genau – – –” und „Die Mätres­se des Bischofs”. Das ist auch der Grund, war­um mir das Städ­chen ein biss­chen ver­traut ist, denn wir saßen dort öfter zusam­men, meist am Ufer der Vils, um zu trin­ken, zu plau­dern, den Biber zu beob­ach­ten, den Mond und die nächt­li­chen Pas­san­ten zu studieren… 

Ges­tern wur­de Fol­gen­des gemel­det: „Ein Gewalt­ex­zess erschüt­tert Amberg. Vier Män­ner, die zum Teil vor der Tat schon poli­zei­lich in Erschei­nung getre­ten waren, zogen am Sams­tag­abend prü­gelnd durch das Vier­tel rund um den Bahn­hof. Die 17- bis 19-jäh­ri­gen Asyl­be­wer­ber schlu­gen und stie­fel­ten offen­bar wahl­los jeden, der ihnen über den Weg lief. Zwölf über­wie­gend leicht ver­letz­te Opfer im Alter zwi­schen 16 und 42 Jah­ren zähl­te Poli­zei­haupt­kom­mis­sar Rein­hold Koch am Sonn­tag auf. Meh­re­re Men­schen muss­ten ins Kran­ken­haus, ein 17-Jäh­ri­ger lag am Sonn­tag­abend noch mit Kopf­wun­den in einer Klinik.”

Bei der Poli­zei waren am Sams­tag gegen 18.45 Uhr meh­re­re Anru­fe ein­ge­gan­gen, die vor einer Grup­pe prü­geln­der Män­ner am Bahn­hof warn­ten. Der Schlä­ger­trupp lief zur Bahn­hof­stra­ße und griff wei­te­re Pas­san­ten an. „Es spiel­ten sich erschre­cken­de Sze­nen ab. Men­schen ver­such­ten zu ent­kom­men, wur­den aber ein­ge­holt, teil­wei­se zu Boden geschleu­dert, geprü­gelt und getre­ten, bevor sich das Quar­tett wei­ter Rich­tung Alt­stadt bewegte.”

Mit einem inzwi­schen geflü­gel­ten Wort: In Amberg fand am Sams­tag eine Hetz­jagd statt. Eine ras­sis­tisch moti­vier­te Hetz­jagd auf Frem­de, auf Anders­ar­ti­ge – auf Ein­hei­mi­sche. Ob wir von Frau Mer­kel oder Herrn Sei­bert ein mah­nen­des Wort an die Adres­se der Täter und ihrer Sym­pa­thi­san­ten zu hören bekom­men wer­den? Wohl eher nicht, denn, wie Ambergs Ober­bür­ger­meis­ter Micha­el Cer­ny (CSU) so prompt wie wohl­dres­siert Stöck­chen hol­te, der Fall „darf natür­lich nicht ver­all­ge­mei­nert wer­den”. Sen­si­ble Gemü­ter kön­nen sich zur Neu­jahrs­an­spra­che der Kanz­le­rin ins Abkling­be­cken legen: „Ange­la Mer­kel ruft die Deut­schen zu Tole­ranz auf.” Die Amber­ger soll­ten sich das zu Her­zen neh­men, zumal bei ihnen, anders als in Chem­nitz, nicht mal jemand zu Tode gekom­men ist.

Man kennt sol­che Fäl­le zur Genü­ge, unse­re Schutz­be­foh­le­nen haben hin­rei­chend vie­le Ein­ge­bo­re­ne in die Not­auf­nah­men geprü­gelt und auf Fried­hö­fe gemes­sert, Hei­me zer­legt, Hel­fer und Poli­zei­be­am­te ange­grif­fen, doch die­ser Fall hat etwas Exem­pla­ri­sches. Man muss sich nur aus­ma­len, was geschä­he, wenn vier deut­sche Teen­ager eine ähn­li­che Kir­mes in einer tür­ki­schen, ägyp­ti­schen, marok­ka­ni­schen, soma­li­schen Klein­stadt ver­an­stal­te­ten. Sie wür­den es natür­lich nicht wagen, weil sie sich die Fol­gen aus­rech­nen könn­ten. Aber die­ses Quar­tett hat es gewagt – weil es gar kein Wag­nis war. Die hin­ter einem sol­chen Exzess ste­hen­de Men­ta­li­tät ist das eine, die Fol­gen­lo­sig­keit das ande­re. In ihren Her­kunfts­län­dern unter­lie­gen die­se Buben einem dop­pel­ten Sank­ti­ons­druck, hori­zon­tal und ver­ti­kal; den ers­ten üben die Fami­li­en der ande­ren aus, die Väter, Onkel und Brü­der, den zwei­ten die Poli­zei, die dort­zu­lan­de bekannt­lich nicht zim­per­lich ist. Über­trittst du eine Norm, musst du mit Rache und/oder rus­ti­ka­ler Bestra­fung leben. Nun sind sie auf ein­mal in einem Land, das aus ihrer Per­spek­ti­ve dem sagen­haf­ten Lil­li­put ähneln muss; der hori­zon­ta­le Druck exis­tiert dort nicht, der ver­ti­ka­le ist erschüt­ternd sanft. Sie kön­nen machen, was sie wol­len, am Ende fin­den sich sogar noch ein paar Grü­ne, Lin­ke, Anwäl­te und per­ver­se Frau­en, die sie in Schutz nehmen. 

Ein Motiv für den Exzess sei nicht bekannt, sag­te der Poli­zei­spre­cher noch. Das ist nicht wahr, das Motiv liegt offen zu Tage. Es heißt Ver­ach­tung. Wir ver­ach­ten euch Deut­sche, obwohl – oder weil – ihr uns auf­nehmt und ali­men­tiert, wir ver­ach­ten eure his­to­ri­schen Städt­chen und eure Tra­di­tio­nen, wir ver­ach­ten eure Art zu leben, wir ver­ach­ten eure lächer­li­che Fried­fer­tig­keit, eure Ted­dy­bä­ren, euer Will­kom­mens­ge­tue und Tole­ranz­ge­döns, wir ver­ach­ten eure hyper­tro­phe Ferns­ten­lie­be man­gels Nächs­ter, wir ver­ach­ten eure Weib­män­ner, wir ver­ach­ten eine Stadt, die 20.000 männ­li­che Ein­woh­ner hat, aber ohne nach der Poli­zei zu rufen nicht mit vier Teen­agern fer­tig wird, die auf offe­ner Stra­ße wahl­los Leu­te nie­der­schla­gen und ihnen auf die Köp­fe tre­ten kön­nen, wir ver­ach­ten eure Poli­ti­ker und Medi­en, die sofort los­trö­ten, man dür­fe sol­che täg­li­chen Ein­zel­fäl­le nicht ver­all­ge­mei­nern (und die im Fal­le, ein paar Amber­ger Bur­schen hät­ten sich gewehrt, mit Sicher­heit „Hetz­jag­den auf Aus­län­der” beplärrt hät­ten), wir ver­ach­ten eure Jus­tiz, die uns doch nichts tun wird, wir ver­ach­ten euer gan­zes über­al­ter­tes, weh­lei­di­ges, sturm­rei­fes Land. 

Und die Schlep­pe­rin die­ser Halun­ken, die Per­son, die die­sem Land alles ein­ge­brockt hat, wor­an es der­zeit würgt und in den nächs­ten Jah­ren viel­leicht ersti­cken wird, die „Hetzjagden”-auf-Ausländer-Herbeilügnerin, ruft die Deut­schen zu Tole­ranz auf. Pro­sit Neujahr!

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Das Schluss­wort zur Cau­sa Relo­ti­us, ver­bun­den mit einem Rück­blick auf zahl­rei­che ein­schlä­gi­ge Exem­pel stru­krurell erwünsch­ter und for­cier­ter Pres­se­lü­gen, spricht Alex­an­der Wendt: „In dem Moment, in dem Klaus Brink­bäu­mer, Heri­bert Prantl und Jakob Aug­stein die Repor­ta­gen von Relo­ti­us lasen, glaub­ten sie ihre eige­nen Kommentare.” 

Und mein zwei­ter Favo­rit inmit­ten der bun­ten Viel­falt der online-Medi­en pro­gnos­ti­ziert zum Jah­res­wech­sel: „Eine Stu­die im Auf­trag der Zivil­ge­sell­schaft für Enga­ge­ment unter­such­te, wovor sich die Deut­schen im Nicht-Stamm­tisch-Sek­tor sor­gen. Für 2019 betref­fen die Befürch­tun­gen haupt­säch­lich eine Stär­kung, dicht gefolgt von einem Anwach­sen. Die Gefahr eines Abrut­schens wird eben­falls für groß gehal­ten, wie auch das Risi­ko eines Instru­men­ta­li­siert­wer­dens. Als wei­te­re Besorg­nis­se nann­ten die Befrag­ten das Schü­ren, das Aus­spie­len sowie das noch wei­te­re Klaf­fen. Zurück­ge­gan­gen ist dage­gen die Angst vor sta­tis­ti­schen Zah­len. ‚Wir neh­men die­se Sor­gen sehr ernst, auch die vor einem Wie­der­auf­flam­men, das von vie­len gar nicht genannt wur­de’, sag­te Regie­rungs­spre­cher Claas Relo­ti­us in der Bundespressekonferenz.” 

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