6. Dezember 2018

Neu­es bil­dungs­po­li­ti­sches Staats­ziel in Deutsch­land: Für jeden Rechts­ex­tre­men soll wenigs­tens ein Rechts­ex­tre­mis­mus­ex­per­te zur Ver­fü­gung stehen.

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Ber­lin. Obdach­lo­se auf den Stra­ßen, Bett­ler an jedem Bahn­hof, vor jeder Bank oder Spar­kas­se. In jeder zwei­ten S‑Bahn tau­chen Musi­kan­ten auf, die sich ihren Lebens­un­ter­halt zusam­men­klim­pern. Über­all Schmutz. Sperr­müll auf den Stra­ßen, Hun­de­hau­fen sowie­so, Kot­ze auf den Bahn­hof­s­trep­pen. Tau­ben­dreck. Immer auf­pas­sen, wo man hin­tritt. Nichts anfas­sen. Vie­le ärm­lich Geklei­de­te, vie­le Migran­ten. Sel­ten mal jemand, der Kra­wat­te trägt. Statt­des­sen sieht man öfter Rat­ten auf der Stra­ße, die es nicht beson­ders eilig haben, sich also hei­misch füh­len. (Ich hal­te mich übri­gens fast nur in Mit­te auf.) Ber­lin sei „ein biss­chen wie Afri­ka”, schreibt der Kor­re­spon­det der Neu­en Zür­cher Zei­tung.

(Groß­ar­tig dazu Bernd Zel­ler: „Kli­ma­er­wär­mung – die letz­te Hoff­nung für Ber­lin. Der Anstieg des Mee­res­spie­gels wür­de meh­re­re gro­ße Städ­te unter Was­ser set­zen, für Ber­lin bedeu­tet dies die ein­zi­ge Chan­ce, rich­tig durch­ge­spült zu wer­den. ‚Ber­lin liegt jetzt nicht direkt am Ufer, aber an zwei Flüs­sen’, erklärt der Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter Mül­ler. ‚Die flie­ßen ins Meer, wir haben eine Stu­die ange­for­dert, in wel­ches. Jeden­falls kön­nen die auch über die Ufer tre­ten und Stra­ßen und Plät­ze rei­ni­gen, ohne dass es zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Rei­ni­gungs­kräf­ten und Bewoh­nern käme’, so die Hoff­nung Mül­lers. Da der Auto­ver­kehr gänz­lich zum Erlie­gen käme, wür­den weni­ger Autos ange­zün­det und weni­ger Abga­se ausgestoßen.”)

Aber es ist nicht nur der „Reichs­hauptslum” (Don Alp­hon­so) Ber­lin. Die Fla­schen­samm­ler, die grei­sen Müll­durch­wüh­ler, die Obdach­lo­sen, man trifft sie über­all. (Die Ver­elen­dung der ein­hei­mi­schen Unter­schicht ist das gro­ße Tabu der Will­kom­mens­jun­ta.) Immer öfter fällt mir auf, dass Roll­trep­pen nicht fah­ren, öffent­li­che Lif­te vor Dreck star­ren und nach Urin stin­ken. Zug­ver­spä­tun­gen sind völ­lig nor­mal. Neu­lich wur­de gemel­det, dass nur jeder fünf­te ICE „voll funk­ti­ons­fä­hig” sei, was ich bestä­ti­gen kann. Die Ansa­ge, es stün­de „nur ein redu­zier­tes Spei­sen- und Geträn­ke­an­ge­bot” zur Ver­fü­gung, höre ich regel­mä­ßig (ich bin Viel­fah­rer), gele­gent­lich fällt die Hei­zung aus oder feh­len „Zug­tei­le” (Wag­gons). Reden wir nicht von den Löchern im Inter­net und im Mobil­funk­netz, sogar beim Tele­fo­nat vom Reichs­tag zum Pots­da­mer Platz bricht die Ver­bin­dung zusam­men. Dass die Regie­rungs­ma­schi­ne wegen eines mys­te­riö­sen Defek­tes not­lan­den und die Kanz­le­rin in einen Lini­en­flug umstei­gen muss, um zum G20-Gip­fel zu kom­men, so etwas gab es weder beim Füh­rer noch in der DDR, und die Zustän­de in der Bun­des­wehr oder am Ber­li­ner Groß­flug­ha­fen deu­ten an, dass eine Art Struk­tur dahin­ter ste­cken könn­te. Dazu die Berich­te vom Bil­dungs­ni­veau­ver­fall an den Schu­len, von täg­li­chen Mess­ser­at­ta­cken und Mas­sen­schlä­ge­rei­en in den Städ­ten, von frei her­um­lau­fen­den Kri­mi­nel­len. Viel­leicht han­delt es sich um eine Über­in­ter­pre­ta­ti­on, aber mir kommt es vor, als erle­be ich die schlei­chen­de Bana­nen­re­pu­bli­ka­ni­sie­rung einer eins­ti­gen Hoch­tech­no­lo­gie­na­ti­on. Es wür­de mich nicht wun­dern, wann der­einst das ers­te deut­sche Flug­zeug wegen War­tungs­män­geln vom Him­mel fällt…

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Noch zum Vori­gen. Lese­rin *** möch­te mir „eine klei­ne Epi­so­de aus mei­ner Fami­lie erzäh­len, die genau das wider­spie­gelt, was momen­tan in unse­rer Gesell­schaft los ist. Ich schrieb mei­ner (1 Jahr jün­ge­ren) Schwes­ter auf whats­app, sie soll auf sich auf­pas­sen, vor allem im Zug (sie fährt täg­lich mit der Bahn zur Arbeit).
Dar­auf­hin gab es fol­gen­de Unter­hal­tung auf whats­app:
Sie: Ja klar.
Ich: Habe heu­te mor­gen von dem ermor­de­ten 17jährigen Mäd­chen in St. Augus­tin gele­sen.
Sie: Na die ist ja auch doof sich mit so jeman­dem ein­zu­las­sen, da kann ich nur sagen selbst schuld.
Ich: So kann man das auch sehen. Ändert aber nichts dar­an, dass du gut dar­an tust, auf­zu­pas­sen. Die Zei­ten sind eben nicht mehr so wie vor 30 Jahren.”

Damit wären wir wie­der bei der ein­hei­mi­schen Unter­schicht. Natür­lich sind es oft nicht beson­ders intel­li­gen­te Mädels, Kin­der aus pre­kä­ren Milieus, auch Her­um­trei­be­rin­nen, Dro­gen­ab­hän­gi­ge etc., die den Mord­bu­ben und dem Ver­ge­wal­ti­gungs­ge­lich­ter in die Hän­de fal­len; Rother­ham hat es ja gezeigt. Aber die voll­stän­di­ge Ent­so­li­da­ri­sie­rung der Eli­ten und auch der Lin­ken mit der ein­hei­mi­schen Unter­schicht bleibt immer­hin erwähnenswert. 

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„Was pas­siert, wenn Merz es wird?” Wie oft habe ich die­se Fra­ge in den ver­gan­ge­nen Tagen gehört. Was dann pas­siert? Er wür­de in die­sem Fal­le wohl auch Mer­kel beer­ben. Die Medi­en wer­den sich auf ihn ein­schie­ßen, weil er Mil­lio­när ist und „rechts” von Mer­kel steht. Merz wird ver­su­chen, das zu kom­pen­sie­ren und sich dem Main­stream anzu­die­nen, indem er sich maß­los von der AfD distan­ziert. Nie­mand wird das hono­rie­ren, am wenigs­ten der Wäh­ler, vor allem nicht, wenn er zugleich mit den Grü­nen flir­tet. Da die Pro­ble­me nicht klei­ner wer­den, dürf­ten immer mehr CDU­ler zur AfD über­lau­fen. Noch haben die Christ­de­mo­kra­ten Ämter und Pöst­chen zu ver­tei­len, was den Laden zusam­men­hält, doch die­se Par­tei wird den Weg der SPD gehen. Mit­tel­fris­tig ent­schei­det der Gegen­satz Grü­ne – AfD über die deut­sche Poli­tik. Wenn die CDU eine Zukunft haben will, wird sie die AfD ver­drän­gen und sich radi­kal gegen die Grü­nen stel­len müs­sen (deren Radi­ka­lis­mus hier­zu­lan­de übri­gens viel zu sel­ten the­ma­ti­siert wird; wer die Wirt­schaft dekar­bo­ni­sie­ren, die Fami­lie auf­lö­sen und immer mehr poten­ti­el­le Bür­ger­kriegs­kom­bat­tan­ten ein­wan­dern las­sen will, ist kei­ne Par­tei der bür­ger­li­chen Mitte).

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Die Nazi-Men­ta­li­tät auf Nazi-Suche, x.-te Fol­ge. Über die neu­es­te Akti­on des „Zen­trums für poli­ti­schen Ruf­mord” hat unter ande­ren Vera Lengs­feld das Nöti­ge gesagt, und so sehr mich die­ses Spit­zel- und Denun­zi­an­ten­tum regie­rungs­treu­er auto­ri­tä­rer Meu­ten­feig­lin­ge ennu­iert, das man sich hier­zu­lan­de vom Hal­se geschafft zu haben nicht wirk­lich hof­fen konn­te, so habe ich mich zu die­ser Men­ta­li­tät oft, viel­leicht all­zu oft geäu­ßert, und ich mag es nicht noch ein­mal wie­der­ho­len, denn ich darf mein Publi­kum nicht lang­wei­len. Von Inter­es­se – inter­es­sant ist dar­an ja nichts – sind nicht die Akteu­re, son­dern die Objek­te der Denun­zia­ti­on. Dass es sich um Teil­neh­mer einer Chem­nit­zer Demons­tra­ti­on han­delt, hat zwei exak­te Grün­de. Zum einen will die regie­runsgtreue Lin­ke das Mär­chen, dort hät­ten „Hetz­jag­den auf Aus­län­der” statt­ge­fun­den, mit allen Mit­teln in geglaub­te Wirk­lich­keit ver­wan­deln, also auch mit Steck­brie­fen, die prak­tisch zu Hetz­jag­den im klei­nen Kreis auf­ru­fen, zum ande­ren soll sich künf­tig jeder über­le­gen, ob er sein Grund­recht auf Demons­tra­ti­ons- und Ver­samm­lungs­frei­heit wirk­lich für bare Mün­ze neh­men will. Anpran­gern, beim Arbeit­ge­ber denun­zie­ren, ruf­mor­den, die sozia­le Exis­tenz gefähr­den und alle ande­ren ein­schüch­tern – um nichts sonst geht es den ruch­lo­sen Het­zern umd den sinis­tren Herrn Ruch.

Die Fra­ge ist, ob die­se trost­lo­sen Figu­ren aus eige­nem Antrieb agie­ren oder als Mario­net­ten. Had­mut Danisch hält es „für über­aus auf­klä­rens­wert, ob hin­ter die­ser Web­sei­te nur kri­mi­nel­le Pri­vat­leu­te, oder nicht doch, wie ich sehr stark ver­mu­te, Par­tei­en ste­cken, gar sol­che an der Regie­rung”. Der Pro­test der gel­ben Wes­ten in Frank­reich dürf­te dem Mer­kel-Estab­lish­ment zumin­dest eine War­nung sein, es hier nicht so weit zu kom­men zu las­sen, wo schon genü­gend Unbot­mä­ßi­ge im Inter­net her­um­lär­men und Peti­tio­nen an den Bun­des­tag schi­cken. „Die Angrif­fe gegen die Demons­tra­ti­ons- und Mei­nungs­frei­heit wer­den immer schär­fer und rechts­wid­ri­ger”, notiert Danisch. „So hat das in Deutsch­land schon zwei­mal ange­fan­gen.” Aber dies­mal sind die Denun­zi­an­ten womög­lich zu weit gegan­gen. Ich kann nur alle Abkon­ter­fei­ten ermun­tern, gegen die­sen Pran­ger zu kla­gen. Als deut­scher Staats­bür­ger hat man immer­hin noch ein Recht am eige­nen Bild.

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Auf dem Steck­brief eines Leip­zi­ger Musi­kers haben die­se Hoch­be­gab­ten unter des­sen Namen übri­gens geschrie­ben: „Chel­list”. 

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„Wo Unter­schie­de feh­len, droht Gewalt.„
Rene Girard, „Das Hei­li­ge und die Gewalt”, Frankfurt/M. 1992

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„Prä­si­dent Donald Trump hat­te also wohl recht, als er gegen­über dem schei­den­den kali­for­ni­schen Gou­ver­neur Jer­ry Brown dar­auf hin­wies, nicht der Kli­ma­wan­del sei schuld an der jüngs­ten Brand­ka­ta­stro­phe, son­dern das Ver­sa­gen des Staa­tes, der in Kali­for­ni­en für die Bewirt­schaf­tung von etwa der Hälf­te der Wald­flä­che zustän­dig ist. Eine Ende Juni 2017 im Wis­sen­schafts­ma­ga­zin Sci­ence vor­ge­stell­te Stu­die sieht übri­gens einen welt­wei­ten Trend abneh­men­der Häu­fig­keit von Wald­brän­den. Zwi­schen 1999 und 2017 sei die jähr­lich durch Feu­er zer­stör­te Wald­flä­che im Schnitt um etwa ein Vier­tel zurück­ge­gan­gen. Etwas aus dem Rah­men fällt da Por­tu­gal, wo wäh­rend der Hit­ze­wel­le von 2003 nicht weni­ger als 4.249 Qua­drat­ki­lo­me­ter Wald abbrann­ten. Das sind fast fünf Pro­zent der Gesamt­flä­che des Lan­des. Es brann­ten dort aber kaum natür­li­che medi­ter­ra­ne Wäl­der, son­dern Euka­lyp­tus­plan­ta­gen für die Papier­pro­duk­ti­on. Euka­lyp­tus­bäu­me bren­nen wegen ihres hohen Ölge­halts wie Zun­der. Außer­dem brin­gen die­se schnell wach­sen­den Bäu­me wegen ihres hohen Was­ser­be­darfs den Was­ser­haus­halt groß­räu­mig durch­ein­an­der. Heu­te gibt es in Por­tu­gal kaum jeman­den, der die Ent­schei­dung für Euka­lyp­tus­plan­ta­gen nicht bedau­ert. Aber mit einem Kli­ma­wan­del hat auch das nichts zu tun.” (Mehr Kli­ma­l­eug­nungs­het­ze hier.)

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