12. Januar 2019

„Sieh da! Sieh da, Relo­ti­us,
Die Kra­ni­che des Ibykus!” –

PS: „Sieh da! Sieh da, Timo­teus, 
Die Enten des Relo­ti­us!”
(Leser ***)

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Apro­pos: Der all­zeit lesens­wer­te Wolf­gang Röhl erklärt auf so luzi­de wie def­ti­ge Wei­se, war­um die Affä­re um den Ver­brei­ter erwünsch­ter Mär­chen bzw. Lügen fol­gen­los blei­ben wird: „Kurz bevor der Skan­dal durch eine ame­ri­ka­ni­sche Inter­net­sei­te ins Rol­len gebracht zu wer­den droh­te, schal­te­te Klus­mann (Spie­gel-Chef­re­dak­teur – M.K.) in den Modus Vor­ne­ver­tei­di­gung. Gab vor, man sei dem haus­ei­ge­nen Fäl­scher sozu­sa­gen haus­ei­gen auf die Schli­che gekom­men. Dies unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass es ein miss­traui­scher Kol­le­ge war, der Relo­ti­us ent­larvt hat­te. Und zwar gegen den Wider­stand sei­ner Vor­ge­setz­ten, die zu Relo­ti­us hiel­ten und den Foto­gra­fen wegen sei­nes Ver­dachts mona­te­lang gemobbt und impli­zit mit Kün­di­gung bedroht hatten. 

Der Dreis­tig­keit, die erzwun­ge­ne Ent­tar­nung eines jah­re­lang vom Spie­gel hofier­ten Gau­ners so zu ver­kau­fen, als zei­ge sich gera­de dar­in die Grö­ße und Ehren­haf­tig­keit des Ham­bur­ger Maga­zins, die­ser abge­koch­ten Rotz­frech­heit gebührt aller­höchs­te Aner­ken­nung. Die Num­mer soll­te rhe­to­ri­scher Bau­stein künf­ti­ger Semi­na­re über die Kunst der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on werden.”

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Wenn die Welt drau­ßen vorm Bal­kon­fens­ter so weiß aus­sieht wie der Park um die Ecke:

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dann war frü­her Win­ter. Heu­te ist Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Die Bewer­tung der Aus­wir­kun­gen muss sich frei­lich erst noch ein­pen­deln. „Schon jetzt gibt es mess­bar weni­ger Schnee. Wer­den unse­re Win­ter grün? Und was bedeu­tet das für die Ski­ge­bie­te?”, frag­te vor zehn Tagen der Bay­ri­sche Rund­funk (BR). Mer­ke: Egal ob viel Schnee oder kei­ner, Schuld trägt der Mensch, also prak­tisch Sie, und wer Zwei­fel anmel­det, denkt im güns­tigs­ten Fal­le unter­kom­plex, ansons­ten schlicht bös­ar­tig. Ich war im soge­nann­ten Extrem­win­ter 1978/79 in einem meck­len­bur­gi­schen Kaff ein­ge­schneit (die Armee such­te damals mit Stan­gen nach kom­plett vom Schnee zuge­deck­ten Eisen­bahn­zü­gen), in mei­ne Amts­zeit bei Focus fiel die Lawi­nen­ka­ta­stro­phe von Gal­tür, und im soge­nann­ten Jahr­hun­dert­som­mer 2003 war sogar Lan­ce Arm­strong dehy­driert, aber damals wuss­ten wir noch nicht, dass die Natur zurück­schlägt. Heu­te kann kei­ner mehr sagen, Clau­dia Kip­ping-Eckardt hät­te ihn nicht gewarnt. Aber eini­ge wol­len ja nicht hören…

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„Woher kommt es, dass ein Hin­ken­der uns nicht erzürnt und ein hin­ken­der Geist uns erzürnt? Das kommt, weil ein Hin­ken­der erkennt, dass wir gera­de gehen, und ein hin­ken­der Geist sagt, wir sei­en die Hin­ken­den”, notier­te Pas­cal (dem die Affir­ma­ti­ve Action noch nicht geläu­fig sein konn­te).
                                   

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Und noch­mals Pas­cal: Das „gan­ze Unglück der Men­schen”, so schrieb er bekannt­lich, rüh­re daher, „dass sie nicht ruhig in einem Zim­mer blei­ben kön­nen”. „Doch da ich es genau­er bedach­te und nach­dem ich den Grund für all unser Unglück gefun­den hat­te, woll­te ich des­sen Ursache(n) ent­de­cken, und ich habe gefun­den, dass es eine ganz siche­re gibt, die im natür­li­chen Unglück unse­rer schwa­chen und sterb­li­chen Beschaf­fen­heit besteht, die so elend ist, dass uns nichts trös­ten kann, wenn wir sie recht bedenken.” 

Also, schließt Pas­cal, bestehe das wirk­li­che Glück – er sagt wört­lich „das ein­zi­ge Gut” – der Men­schen dar­in, „dass sie von den Gedan­ken an ihre Lage abge­lenkt wer­den”. Der Fran­zo­se stellt sich prak­tisch gegen die gesam­te Zunft der Phi­lo­so­phen, indem er nicht Samm­lung, Kon­tem­pla­ti­on und ein maß­vol­les Leben preist, son­dern die Zer­streu­ung, weil aus­schließ­lich Zer­streu­un­gen – nicht Ruhm und Besitz, nicht König­tum, ja nicht ein­mal die Won­nen der Tran­szen­denz – den Men­schen sein Elend kom­plett ver­ges­sen las­sen, wenn auch nur für kur­ze Zeit. Stimmt, notier­te ich mir an den Rand des Buches, nie­mand denkt wäh­rend eines gro­ßen Fuß­ball­spiels an den Tod. Außer­halb von Kriegs- und Kri­sen­zei­ten ver­mag nichts die Zeit­span­ne von andert­halb Stun­den voll­stän­di­ger und fes­seln­der zu fül­len, nicht ein­mal ein Alpen­pass oder eine ero­ti­sche Fei­er. Vor die Wahl gestellt zwi­schen ent­we­der Bay­ern gegen Dort­mund oder, sagen wir: Megan Fox, wäre mei­ne Ent­schei­dung klar. (Und das hat nichts mit mei­nem rela­ti­ven Ange­gam­meltsein zu tun; vor vie­len Jah­ren, damals befand ich mich noch in jenem Alter, wo sich im Grun­de alles um die Balz dreht, saß ich in Erwar­tung eines wich­ti­gen Fuß­ball­spiels, das gleich ange­pfif­fen wer­den wür­de, mit zwei Freun­den in mei­ner Schwa­bin­ger Woh­nung vor dem Fern­se­her, als es klin­gel­te. Nicht auf­ma­chen, lau­tet der spon­ta­ne Ent­schluss. – „Und wenn es eine Frau ist?” – „Dann erst recht nicht.” – „Und wenn Pame­la Ander­son vor der Tür stün­de?” – „Dann wür­de ich ihr sagen: Sind Sie wahn­sin­nig, jetzt hier zu klingeln?!”)

Nun lese ich in Michel Hou­el­le­becqs soeben erschie­ne­nem Roman „Sero­to­nin” den Satz: „Das Ver­lan­gen nach einem Sozi­al­le­ben lässt mit zuneh­men­der Rei­fe nach, irgend­wann sagt man sich, dass man sich aus­rei­chend mit der Sache beschäf­tigt hat, und außer­dem hat­te ich in mei­nem Zim­mer einen SFR-Deco­der instal­liert, ich hat­te Zugang zu meh­re­ren Sport­ka­nä­len und ver­folg­te die fran­zö­si­schen, deut­schen, spa­ni­schen und ita­lie­ni­schen Fuß­ball­meis­ter­schaf­ten, das waren eini­ge Stun­den erkleck­li­cher Unter­hal­tung, hät­te Blai­se Pas­cal einen SFR-Deco­der gehabt, dann hät­te er viel­leicht ein ande­res Lied­chen ange­stimmt.” Nein, im Gegen­teil, es hät­te ihn beim Absin­gen sei­nes Lied­chens bestärkt, aber ansons­ten d’ac­cord, Mon­sieur H. (Die Pas­cal-Zita­te ent­nahm ich einer vor­züg­li­chen Kom­pi­la­ti­on der – im wei­tes­ten Sin­ne – poli­ti­schen Aus­sa­gen des Den­kers, die unter dem Titel „Poli­ti­ca” bei Karo­lin­ger erschie­nen ist und deren Lek­tü­re ich sehr emp­feh­len kann.)

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Das führt zu der Fra­ge, ob ich auch Hou­el­le­becqs neu­en Roman emp­feh­len kann. Im Grun­de schreibt der Fran­zo­se ja immer wie­der den­sel­ben Roman in immer neu­en Varia­tio­nen fort (ich habe das hier aus­führ­li­cher dar­ge­legt), aber ich muss­te jedes die­ser Bücher sofort lesen; inso­fern ist die Emp­feh­lung aus­ge­spro­chen. Als Brenn­punkt sämt­li­cher Zeit­strö­mun­gen, als Sym­ptom­be­schrei­ber (und ‑ver­kör­pe­rer!), als unab­hän­gi­ger, frei­er und zuwei­len pro­phe­ti­scher Kopf – dies­mal scheint er mit den blu­ti­gen Bau­ern­pro­tes­ten, die der Roman the­ma­ti­siert, die „Gelb­wes­ten” vor­weg­ge­nom­men zu haben – ist Hou­el­le­becq der bedeu­tends­te Lite­rat unse­rer Zeit, also einer der weni­gen, die blei­ben wer­den. Als Sti­list, Per­so­nen­schil­de­rer, Hand­lungs­kon­struk­teur, im engs­ten Sin­ne Roman­cier ist er obe­re Mit­tel­klas­se. Mit die­sem Zwie­spalt muss der Leser leben. Sei­ne Frau­en­fi­gu­ren unter­schei­den sich kaum von­ein­an­der – es gilt der alte Spruch: Woman is a life sup­port sys­tem for a cunt –, und der Ich-Erzäh­ler ist stets der­sel­be. Sei­ne noto­ri­schen Sex-Sze­nen über­flie­ge ich, in „Sero­to­nin” erspart er uns nicht ein­mal eine Ver­si­on mit drei ver­schie­de­nen Hun­den, und doch schafft die­ser Kerl es immer wie­der, in weni­gen Sät­zen eine Trost­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung zu erzeu­gen, wie es eben nur gro­ße Lite­ra­tur ver­mag. Außer­dem ist Hou­el­le­becq auf ver­läss­lich scham­lo­se Wei­se zynisch, er erteilt dem intel­lek­tu­el­len Gesell­schafts­kli­ma­schäd­ling das Wort, der heut­zu­ta­ge oft ein situ­ier­tes Dasein auf Kos­ten ande­rer mit links­grü­nen Anschau­un­gen und der unnach­sich­ti­gen Ver­fol­gung von Falsch­mei­nern ver­knüpft (und meis­tens kin­der­los ist): 

„Wenn ich als jun­ger Mann jeden Sonn­tag­abend Sen­lis ver­las­sen hat­te, wo ich eine sehr behü­te­te Kind­heit ver­lebt hat­te, um in der Pari­ser Innen­stadt mein Stu­di­um wei­ter­zu­ver­fol­gen, wenn ich durch Vil­liers-le-Bel, dann durch Sar­cel­les, dann durch Pier­re­fit­te-sur-Sei­ne, dann durch Saint-Denis gefah­ren war, wenn ich gese­hen und gehört hat­te, wie um mich her­um die Bevöl­ke­rungs­dich­te und die Plat­ten­bau­ten Stück für Stück anstie­gen, wie die Gesprä­che im Bus aggres­si­ver wur­den und das Maß der Gefähr­lich­keit zunahm, hat­te ich jedes Mal das Gefühl gehabt, in die Höl­le zurück­zu­keh­ren, und zwar in eine von den Men­schen nach ihren Wün­schen gebau­te Höl­le. Jetzt war es anders, ein nicht beson­ders bra­vou­rö­ser, aber annehm­ba­rer sozia­ler Auf­stieg hat­te mir erlaubt, dem phy­si­schen und sogar visu­el­len Kon­takt mit den gefähr­li­chen Schich­ten hof­fent­lich end­gül­tig zu entkommen.”

                                 ***

Und das wie­der­um ver­schafft mir Gele­gen­heit, ein gro­ßes deut­sches Maga­zin zu rüh­men, wo der Autor von „Sero­to­nin” so prä­sen­tiert wird:

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Rot­wein und Ziga­ret­te, in der Tat, das macht einen in der fran­zö­si­schen Lite­ra­tur schnell und ver­läss­lich zum out­law. „Meint der Mann, was er da schreibt?”, fragt es aus dem Arti­kel, der übri­gens im Focus von ver­gan­ge­ner Woche steht, „Heißt er es gut? Oder will er war­nen vor gefähr­li­chen Strö­mun­gen in einer Art Rol­len­pro­sa?” So wie Mel­vil­le vor dem Wal­fang oder Tol­stoi vor dem Ehe­bruch resp. Ein­marsch in Russ­land? „Wie in jedem sei­ner Roma­ne treibt Hou­el­le­becq ein aus­ge­buff­tes Versteckspiel.” 

Aber der Redak­teur arbei­te­te nicht für ein renom­mier­tes Maga­zin mit inzwi­schen Kiosk-Spit­zen­ver­käu­fen von 35.658 Exem­pla­ren pro Woche (hier), wenn er den „pro­vo­kan­ten Pro­phe­ten” nicht doch durch­schaut hät­te, denn wie der „Anti­held des Buches” hat Hou­el­le­becq „eben­falls Agrar­wis­sen­schaf­ten stu­diert und pflegt eine radi­ka­le Welt­an­schau­ung”. Was das ist? Auch hier hat Focus Fähr­te und Wit­te­rung. Kurz vor dem Erschei­nen des Romans hat der „Skan­dal­au­tor” schließ­lich einen Arti­kel im ame­ri­ka­ni­schen Harper’s Maga­zi­ne ver­öf­fent­licht, in dem er die EU für geschei­tert und Donald Trump für einen guten, ja den bes­ten US-Prä­si­den­ten erklär­te, an den er sich erin­nern kön­ne. Das ist ers­tens radi­kal und zwei­tens effek­ti­ve PR („Pro­vo­ka­ti­on”). „Die Leser des Pam­phlets waren wie so oft bei Hou­el­le­becq min­des­tens irri­tiert, vie­le aber auch ent­setzt.” Wenn man in Rech­nung stellt, dass es den Text online zu lesen gab und er in der angel­säch­si­schen sowie der rest­li­chen des Eng­li­schen mäch­ti­gen Welt wahr­schein­lich mil­lio­nen­fach abge­ru­fen wur­de, und, am Ran­de, dass ihn zumin­dest alle Leu­te, die ich ken­ne, eher amü­sant fan­den, dann ist das eine kecke Ein­schät­zung, die viel­leicht damit zu tun hat, dass man sich bei Focus so etwas wie Mil­lio­nen Leser nicht mehr rich­tig vor­stel­len kann, wäh­rend die Ver­all­ge­mei­ne­rung der eige­nen Ansicht – die in die­ser Bran­che, wie hier bereits nahe­zu spei­oft dar­ge­legt habe, unge­fähr so eigen­stän­dig ist wie die Schwimm­rich­tung einer Sar­di­ne – unter Jorna­lis­ten Brauch und Sit­te ist, wes­halb am Kiosk auch 35.658 Leser enthu­si­as­miert zugreifen. 

Viel­leicht, schließt der Arti­kel, geben ja die Hoch­zeits­bil­der des „Pro­vo­ka­teurs” (bzw. „Skan­dal­au­tors”) Auf­schluss über des­sen wah­re Gesin­nung und gesell­schaft­li­che Stel­lung – und nicht die „Atti­tü­de” sei­nes „gebiss­lo­sen Mun­des” –: „Der Dich­ter-Under­dog in grau­em Frack mit Melo­ne und einem Orden am Revers, unter den Gäs­ten der fran­zö­si­sche Kul­tur­hoch­adel” (wer oder was das immer auch sein mag), „das scheint die wah­re Lebens­welt des viel­fa­chen Auf­la­gen­mil­lio­nä­res zu sein”, und dort ist man man­gel­haf­ten Gebis­sen gegen­über auch tole­ran­ter, sofern es sich nicht um absto­ßen­de Elends­fol­gen, son­dern um eine aus­ge­fal­le­ne und schi­cke Atti­tü­de han­delt. „Viel­leicht geht es ihm gar nicht so sehr um die War­nung vor dem Unter­gang des Abend­lan­des. Viel­leicht hat er bloß mal wie­der ein beson­ders umstrit­te­nes The­ma auf­ge­grif­fen, das sich gewinn­brin­gend aus­schlach­ten lässt in der Öko­no­mie der Aufmerksamkeit.”

Und von der ver­steht man beim inzwi­schen in Ber­lin resi­die­ren­den und umstrit­te­ne The­men aus­schlach­ten­den Kioskbus­ter Focus am Ende sogar noch mehr als von Literatur.

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