20. Januar 2019, kunstfreier Teil

„In den Zusam­men­hang des Mas­sen­eu­dai­mo­nis­mus gehört die Bemer­kung der Mme. de Sta­el, es gäbe nur zwei wirk­lich dau­er­haf­te Din­ge: die Gewalt und das Wohl­le­ben; dem­nach wohl zwei Fun­da­men­tal-Wis­sen­schaf­ten, die Tak­tik und die Gastronomie.”

Arnold Geh­len

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Er mach­te, was alle mach­ten: mit.

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Ein wesent­li­ches Cha­rak­te­ris­ti­kum des bes­ten Deutsch­lands, das es je gab, besteht dar­in, dass die­ses bes­te Deutsch­land unglaub­lich viel bes­ser ist – und sein wird! – als alle Deutsch­lands zuvor, und es sich theo­re­tisch leis­ten könn­te, von der dümms­ten Poli­ti­ker­ge­nera­ti­on, die unser Land je her­vor­brach­te, regiert zu wer­den, von der dümms­ten Publi­zis­ten­ge­nera­ti­on, die unser Land je her­vor­brach­te, des­in­for­miert, der dümms­ten Pfaf­fen­ge­nera­ti­on, die unser Land je her­vor­brach­te, betro­gen etc. pp., und seit Neu­es­tem wis­sen wir auch, dass dem bes­ten Deutsch­land, das es je gab, auch kein Scha­den dar­aus ent­stün­de, wenn es von der dümms­ten Ver­fas­sungs­schüt­zer­ge­nera­ti­on behü­tet resp. bespit­zelt wür­de, die die­ses bes­te Deutsch­land jemals, also auch als es noch nicht das bes­te Deutsch­land ever, son­dern nur das jeweils bes­te Deutsch­land sei­ner Zeit und ins­ge­samt viel schlech­ter war, in sei­nen Dienst stellte. 

Die­ser Ver­dacht stieg in mir auf, als ich im Tages­spie­gel Zita­te aus einem Gut­ach­ten las, mit wel­chem das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz „Anhalts­punk­te für Bestre­bun­gen gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung” in den mit ruhi­gem, fes­ten Tritt fla­nie­ren­den Rei­hen der AfD nach­zu­wei­sen sich anhei­schig macht. So soll, sofern der Tages­spie­gel kor­rekt zitiert, fol­gen­der Abschnitt aus einer Rede von Alex­an­der Gau­land auf der­glei­chen Bestre­bun­gen hin­deu­ten, nämlich: 

„Wir befin­den uns in einem Kampf gegen Kräf­te, die ihr glo­ba­lis­ti­sches Pro­gramm der Natio­nen­auf­lö­sung, der eth­nisch-kul­tu­rel­len Ver­ein­heit­li­chung und der Tra­di­ti­ons­ver­nich­tung als die Mensch­lich­keit und Güte selbst ver­kau­fen. Wir sol­len uns im Dienst des Mensch­heits­fort­schritts ver­drän­gen las­sen. Wir sol­len uns als Volk und Nati­on in einem gro­ßen Gan­zen auf­lö­sen. Wir haben aber kein Inter­es­se dar­an, Mensch­heit zu wer­den. Wir wol­len Deut­sche bleiben.”

Dem Tages­spie­gel zufol­ge lau­tet die Bewer­tung durch den oder die Ver­fas­sungs­schüt­zer, in dem zitier­ten Pas­sus fän­den sich – genau­ge­nom­men: fän­den sie –  „ers­te tat­säch­li­che Anhalts­punk­te” dafür, dass Gau­land, wie sein Name schon sagt, „ein eth­nisch-bio­lo­gisch bzw. eth­nisch-kul­tu­rell begrün­de­tes Volks­ver­ständ­nis” pro­pa­gie­re, „das gegen die Men­schen­wür­de­ga­ran­tie des Art. 1 Abs. 1 GG ver­stößt” – also, wie der Genos­se Jour­na­list sofort Bescheid weiß, „gegen die ers­te, zen­tra­le Aus­sa­ge des Grund­ge­set­zes: ‚Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar. Sie zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.’ ” Das kon­sta­tiert, wie gesagt, ein Ver­fas­sungschüt­zer, also ein ech­ter, haupt­amt­li­cher, kein taz-Redak­teur – aber wie wir von Gün­ter Masch­ke wis­sen, kann in der BRD jeder zum Ver­fas­sungs­feind des ande­ren wer­den, und gewis­se Grund­ge­setz­for­meln sind dar­an nicht ganz unschul­dig. Damit bringt der Beam­te, theo­re­tisch, die Sicht­wei­se des Staa­tes zum Aus­druck, prak­tisch aber nur sein mut­maß­li­ches taz-Abo (wenn nicht ‑Pedigree!), denn selbst der lin­kes­te Staats­an­walt wür­de zögern, aus jeman­des Wunsch, Deut­scher blei­ben zu wol­len, eine Ver­let­zung der Men­schen­wür­de Nicht­deut­scher herzuleiten. 

Bei­sei­te gespro­chen: Die ande­ren, Tür­ken, Nord­ko­rea­ner, Usbe­ken, Sene­ga­le­sen etwa, haben Glück, sie dür­fen Tür­ken, Nord­ko­rea­ner, Usbe­ken, Sene­ga­le­sen blei­ben und unbe­irrt Nicht­tür­ken, Nicht­nord­ko­rea­nern, Nich­tus­be­ken und Nicht­se­ne­ga­le­sen ihr Nichttürke‑, Nichtnordkoreaner‑, Nich­tus­be­ke- und Nicht­se­ne­ga­le­se­sein unter die nicht­tür­ki­schen, nicht­nord­ko­rea­ni­schen, nich­tus­be­ki­schen und nicht­se­ne­ga­le­si­schen Nasen rei­ben, weil in ihren Ver­fas­sun­gen – der Ein­fach­heit hal­be wäh­le ich die­sen Sam­mel­be­griff – kein so hoch­her­zi­ger ers­ter Satz steht, des­sen teils gött­lich-kip­ping­nes­ke, ja clau­di­a­rot­hi­ge, teils wie­der­um bis­wei­len an die sata­ni­schen Ver­se im Koran erin­nern­de Groß­ar­tig­keit heu­te nicht erör­tert wer­den soll.

Als Sym­ptom ist die­ser über­ge­schnapp­te Befund frei­lich hoch­in­ter­es­sant und wahr­schein­lich typisch, denn was der ver­meint­li­che Ver­fas­sungschüt­zer da vor­trägt, ist nicht nur schwach­sin­nig – wenn ich auf mei­ne Iden­ti­tät bestehe, wenn ich bei­spiels­wei­se gern männ­lich, schwarz, homo­se­xu­ell und deutsch bin, ver­let­ze ich kei­nes­wegs die Wür­de einer wei­ßen bel­gi­schen Hete, ich ver­let­ze damit über­haupt nie­man­des Wür­de, wobei hier noch anzu­mer­ken ist, dass sogar unser in koran­na­her Hei­lig­keit im mora­li­schen Orbit krei­sen­des Grund­ge­setz ein­zig und allein die Wür­de des Men­schen in Deutsch­land schüt­zen kann –, davon abge­se­hen, um den Faden wie­der auf­zu­neh­men, ist die­se Aus­sa­ge ver­fas­sungs­feind­lich, denn sie behaup­tet, es sei ver­fas­sungs­feind­lich, Deut­scher blei­ben, also zum Sou­ve­rän des Grund­ge­set­zes gehö­ren zu wol­len. Es kann aber auch sein, dass der Ver­fas­ser bloß sein Abi in Ber­lin gemacht hat, womit sich der Kreis zu mei­ner ein­gangs geäu­ßer­ten Idee schlös­se, auch deut­sche Ver­fas­sungs­schüt­zer könn­ten die dümms­ten aller Zei­ten sein, ohne dass das Bes­ser­sein des heu­ti­gen Deutsch­lands gegen­über all den frü­he­ren davon tan­giert wür­de, hélas und ahimè!

Für den sen­si­blen Tages­spie­gel-Leser­brief­schrei­ber, der den Hin­weis auf die extre­mis­ti­sche Inschrift über dem Reichs­tag­spor­tal – „Dem deut­schen Vol­ke” steht dort (noch!) – mit der Replik kon­ter­te, mit die­sem Begriff sei damals etwas ande­res gemeint als heu­te, gestat­te ich mir noch den Hin­weis, dass das staats- und völ­ker­recht­lich nicht ganz stimmt, ansons­ten aber zum Teil durch­aus. Dass es kei­ne deutsch-ari­sche Ras­se gibt, muss­ten frei­lich bereits die Natio­nal­so­zia­lis­ten und muss­te spe­zi­ell deren Füh­rungs­per­so­nal zer­knirscht und selbst­kri­tisch aner­ken­nen. Zu allen Zei­ten fan­den euro­päi­sche Bin­nen­wan­de­run­gen statt, es gibt kein eth­nisch homo­ge­nes deut­sches Volk. Deut­scher heißt heu­te: deut­scher Staats­bür­ger. Die Staats­bür­ger­schaft soll­te genau des­halb nicht ver­schenkt, son­dern von Ein­wan­de­rern durch Bil­dung, Edel­mut und gro­ße Taten erwor­ben wer­den. Ist so unge­fähr übri­gens AfD-Position.

Gau­land fährt in der besag­ten Rede nach dem Satz: „Wir wol­len Deut­sche blei­ben, damit sind wir Mensch­heit genug” näm­lich fort mit den Wor­ten: „Unser Kampf ist voll­kom­men defen­siv. Es geht uns ein­zig um die Erhal­tung unse­rer Art zu leben und zu sein. Und wer die­se Art zu leben mit uns teilt, sie animmt und mit uns lebt und arbei­tet, ist uns willkommen.” 

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Wie steht es aber aus Schlapp­hu­t­sicht mit die­ser, im Tages­spie­gel nicht zitier­ten Passage:

„Deutsch­land muss Zuwan­de­rung stär­ker steu­ern und begren­zen als bis­her. Zuwan­derung kann kein Aus­weg aus den demo­gra­fi­schen Ver­än­de­run­gen in Deutsch­land sein. Wir ertei­len einer Aus­wei­tung der Zuwan­de­rung  aus Dritt­staa­ten eine kla­re Absa­ge, denn sie wür­de die Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit unse­rer Gesell­schaft über­for­dern. Ver­stärk­te Zuwan­de­rung wür­den den inne­ren Frie­den gefähr­den und radi­ka­len Kräf­ten Vor­schub leis­ten. Man schafft mit der angeb­li­chen ‚Här­te­fall­re­ge­lung’ und der Auswei­tung der Auf­ent­halts­rech­te über die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on hin­aus mas­si­ve Anrei­ze für Armuts­flücht­lin­ge aus aller Welt. Dies wür­de in kur­zer Zeit zu einer erheb­lich höhe­ren Zuwan­de­rung nach Deutsch­land füh­ren, die nicht im Inter­es­se unse­res Lan­des ist. (…)
Deutsch­land soll sei­ne Iden­ti­tät bewah­ren. Die Umge­stal­tung in eine mul­ti­kul­tu­rel­le Ein­wan­de­rer­ge­sell­schaft leh­nen wir ab.”

Der Text stammt aus dem Regie­rungs­pro­gramm von CDU/CSU 2002–2006 (hier S. 59 ff.)
Das Ober­haupt der iden­ti­tä­ren Zünd­ler­trup­pe hieß damals Ange­la Mer­kel, der Ver­fas­sungs­schutz­chef aller­dings noch lan­ge nicht Maaßen, son­dern Heinz Fromm (SPD). Gau­land befand sich damals noch in der CDU. Womög­lich war der’s.

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„Ein Ver­fas­sungs­schutz, der in ers­ter Linie die Regie­rung schützt, soll­te in Betracht zie­hen, sich in Regie­rungs­schutz umzu­be­nen­nen.”
(Leser ***)

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„unstrit­tig ist, daß der­zeit alles rich­tung ver­bot der afd geht. und das ist auch gut so”, twit­tert der SPD-Bun­des­tagsbge­ord­ne­te Johan­nes Kahrs, der als Steg­ners här­tes­ter Kon­kur­rent im Netz gilt. Dass die NPD nie ver­bo­ten wor­den ist, hat bekannt­lich mit der in höhe­ren Rän­gen wal­ten­den Sor­ge zu tun, dass dann auf­flö­ge, wie sehr der Ver­fas­sungs­schutz mit die­sem Ver­ein ver­ban­delt ist. Soll­te das Amt bei der AfD ver­sagt haben? Lei­der kann man von Kahrs kei­ner­lei Auf­schluss dar­über erhof­fen, der arme Mann weiß auch in die­ser Sache prak­tisch nichts – das Hascherl weiß ja nicht mal, dass „Prüf­fall” bedeu­tet: darf nicht vom Ver­fas­sungs­schutz über­wacht wer­den –, und unser­eins bleibt auf Ver­mu­tun­gen angewiesen.

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Die­se Mel­dung woll­te ich schon lan­ge ver­lin­ken: „Erschre­cken­der Fund: In Spa­ni­en rot­te­ten Inva­so­ren die männ­li­che Bevöl­ke­rung aus.„
Kei­ne Sor­ge, nicht am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de, son­dern ein paar Sün­den­jähr­chen früher.

„Wis­sen­schaft­ler haben bei der gene­ti­schen Unter­su­chung von Grab­fun­den in Spa­ni­en eine erschre­cken­de  Ent­de­ckung gemacht. Dem­nach wur­den vor rund 4.500 Jah­ren auf der Ibe­ri­schen Halb­in­sel prak­tisch über Nacht alle Män­ner getö­tet. Das publi­zier­ten For­scher nun im New Scientist.” 

Das nur als Appen­dix zur inzwi­schen staats­re­li­giö­sen Ansicht, Migra­ti­on sei immer und zu allen Zei­ten eine Berei­che­rung (gewe­sen), also ich mei­ne, für die Auf­nah­me­ge­sell­schaft. Die Ankömm­lin­ge hat­te damals ja plötz­lich Land, Wei­ber und Spaß. 

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Den Geis­tes­zu­stand unse­rer par­la­men­ta­ri­schen Eli­te bezeugt recht ein­drucks­voll das Ver­hal­ten des Audi­to­ri­ums in der Fei­er­stun­de zum Frau­en­wahl­recht in dem Moment, als die Schau­spie­le­rin Susan­ne-Marie Wra­ge eine Rede vor­trug, die die Sozi­al­de­mo­kra­tin Marie Juch­acz am 19. Febru­ar 1919 in der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung gehal­ten hat­te. Frau Juch­acz begann damals ihre Rede mit dem Satz: „Es ist das ers­te Mal, dass eine Frau als Freie und Glei­che im Par­la­ment zum Vol­ke spre­chen darf” – heu­te genie­ßen wir die­ses Glück ja täg­lich –, „und ich möch­te fest­stel­len, dass es die Revo­lu­ti­on gewe­sen ist, die auch in Deutsch­land die alten Vor­ur­tei­le über­wun­den hat.” Und nun pas­siert etwas Selt­sa­mes: Vie­le Abge­ord­ne­te begin­nen zu klat­schen. Also ich mei­ne nicht damals in Wei­mar, son­dern die­se Woche im Bun­des­tag (hier, ab 14.00). Davon abge­se­hen, dass unse­re­re par­la­me­ta­ri­schen Demo­kra­tie­ga­ran­ten eine Revo­lu­ti­on beklat­schen, mit der nach der dama­li­gen Lage der Din­ge ja nur die kom­mu­nis­ti­sche Novem­ber­re­vo­lu­ti­on oder allen­falls auch die rus­si­sche Okto­ber­re­vo­lu­ti­on gemeint gewe­sen sein kann und man gern wüss­te, was es dar­an zu beklat­schen gibt, wirft sich die Fra­ge auf, wie es in Köp­fen von Men­schen aus­sieht, die einer Schau­spie­le­rin Sze­nen­ap­plaus spen­den – es geschieht wäh­rend des Vor­trags mehr­fach –, wäh­rend sie eine 100 Jah­re alte Rede vor­trägt. Wenn dort mor­gen ein Mime eine Cice­ro-Rede vor­liest, sagen wir, aus gege­be­nem Anlass, die ers­te (oder die vier­te? nein, die ers­te) Rede gegen Cati­li­na, klat­schen die dann auch dazwischen?

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